Fluchtgeschichten

Das Projekt „Fluchtgeschichten“ sammelt und publiziert Reflexionen geflüchteter Menschen in der Schweiz

Philosophische Gedanken entstehen nicht nur in den Seminarräumen der Universität. Verschiedenste Bereiche der sogenannten alltäglichen Welt sind von Reflexionen philosophischer Art durchdrungen. Diese werden allerdings nur selten aufgezeichnet oder gar publiziert. Im Besonderen trifft dies auch auf die Überlegungen von Menschen zu, die aus ihrem Heimatland in die Schweiz flüchten mussten. Das Projekt „Fluchtgeschichten“ versucht dem entgegenzuwirken, indem Reflexionen geflüchteter Menschen zu diversen Themen – beispielsweise Freiheit, Heimat, Gleichstellung, ihrer Situation in der Schweiz – gesammelt und publiziert werden.

Das Projekt verfolgt dabei zwei Hauptziele: Zum Einen möchte es Personen, die sonst wenig Gehör in den öffentlichen und philosophischen Diskussionen der Schweiz erhalten, eine Plattform bieten. Zum Anderen soll mit einer Form des Philosophierens experimentiert werden, welche Probleme der praktischen und politischen Philosophie kooperativ und unter Berücksichtigung ausserakademischer Standpunkte behandelt.

Die hier aufgeschaltete Projektseite folgt chronologisch den verschiedenen Teilabschnitten des Projekts und übernimmt dabei sowohl die Funktion eines Überblicks über das gesamte Projekt als auch einer Ordnung des Textmaterials.

 


Erste Gedanken und Konzeptionen

Als ich das Projekt in seinem Anfangsstadium übernahm, hatte ich nur eine sehr vage Idee, wie ich mir eine philosophische Auseinandersetzung mit dem Thema „Flucht“ vorstellen konnte. Vom amerikanischen Philosophen John Dewey hatte ich die Idee übernommen, dass Philosophie, wie sie in demokratischen Gesellschaften praktiziert werden sollte, etwas mit dem Einbezug möglichst vieler verschiedener Erfahrungen zu tun hat. Die Philosophie, so Dewey, kann sich nicht einfach auf ihrer abstrakten Arbeit ausruhen. Sie muss sich immer fragen, wie ihre Überlegungen zur Verbesserung der alltäglichen Lebenswelt der Menschen beitragen können. Dadurch muss sie aber zuerst einmal verstehen, was denn die wirklichen Probleme der Welt sind. Dazu muss sie hinaus in die Welt und sich mit den tatsächlichen Gegebenheiten in der Gesellschaft auseinandersetzen. Dabei ist sie auf Informationen und Erfahrungen von Menschen angewiesen, die einen anderen, vielleicht deutlicheren Blick auf die gesellschaftliche Realität haben als akademische Philosoph:innen. Gerade geflüchtete Menschen erleben die schweizerische Gesellschaft in einer radikal anderen Weise als etwa ich selbst. Eine politische Philosophie nach Deweys Vorbild, die sich irgendwie mit der Schweiz auseinandersetzen möchte, sollte deshalb unbedingt auch die Erfahrungen und Überlegungen Geflüchteter berücksichtigen. Etwas in dieser Richtung wollte ich in dem Projekt versuchen.

Ohne die Unterstützung von Personen, die sich bereits vertieft mit dieser Thematik auseinandergesetzt haben, wäre allerdings die Umsetzung dieser abstrakten philosophischen Ideen niemals möglich gewesen. Ich bin unendlich dankbar für all die Unterstützung, die ich erhalten habe, beispielsweise bei der Gestaltung dieser Übersichtsseite. Im Speziellen möchte ich dem Verein Alle Menschen in Biel danken, der abgewiesenen Asylsuchenden Hilfestellung bietet und dessen Mitglieder mich in der Anfangs- und Planungsphase des Projekts unterstützt haben.

 

Zusammenarbeit mit der AG Nothilfe Bern

Mit philosophischen Konzeptionen und praktischen Plänen alleine war das Projekt erst an seinem Startpunkt angelangt. Es fehlten noch die ersten Beiträge. Durch eine Zusammenarbeit mit der Aktionsgruppe Nothilfe Bern, die mich ebenfalls in der Planungsphase unterstützt hatte, wurde es möglich, erste Beiträge zu sammeln. Diese Beträge wurden zuerst auf der Website der Gruppe veröffentlicht und ich durfte Sie hier erneut publizieren.

Die Aktionsgruppe setzt sich in erster Linie für die Verbesserung der Situation von Menschen in Nothilfe ein. Nothilfe betrifft Asylsuchende, deren Antrag abgelehnt wurde, die aber aus verschiedenen Gründen von der Schweiz nicht gezwungen werden können, in ihr Heimatland zurückzukehren. Sie leben in engen Rückkehrzentren von gerade mal acht Franken am Tag, ohne dass es ihnen erlaubt ist, zu arbeiten. Ihre Bewegungsfreiheit wird massiv eingeschränkt durch ständige Kontrollen. Verschiedene Helfer:innen sprechen von einem Regime seitens der Migrationsbehörden, das den Menschen ihren Aufenthalt so unangenehm machen möchte, dass sie freiwillig dorthin zurückkehren, wohin sie die Schweiz nicht abschieben darf. Welche kafkaesken Zustände dies annehmen kann, berichtet eine Unterstützerin in einem Beitrag.

Für die Menschen, die unter diesen Umständen leben müssen, ist dies äussert schwer. Dolma, die bereits seit sieben Jahren in der Schweiz lebt, berichtet von den Schwierigkeiten, den Alltag in einer völlig neuen Umgebung zu bestreiten; den Problemen in ihrem Heimatland und ihrer prekären Situation in der Schweiz:

“Wir dürfen nicht arbeiten.

Wir dürfen keine Schule besuchen.

Wir dürfen nicht reisen.

Wir sind Menschen ohne Zukunft.”

In einem anderen Beitrag schildert Tingle Gyltsen, wie er sich in der Schweiz an den Rand der Gesellschaft gedrängt fühlt; wie die Behandlung durch die Behörden kaum mehr menschlich ist; und wie der Nachweis der eigenen Identität enorm schwierig sein kann. Neben den persönlichen Geschichten und Erfahrungen, die in diesen Beiträgen auch immer eine zentrale Rolle spielen, zeigt sich vor allem auch, dass diese Menschen klar artikulierte politische Positionen bezüglich ihrer Situation in der Schweiz beziehen. Ein Brief von Bewohner:innen des Rückkehrzentrums Biel-Bözingen zeigt dies auf eindrückliche Weise. In all diesen Beträgen findet eine Reflexion menschlicher Grundbedürfnisse und deren konkrete politische Konsequenzen im schweizerischen Migrationssystem statt, die gehört werden sollte.

 

Schreibwerkstatt Sentitreff

 

Im Sentitreff einem Quertiertreffpunkt an der Baslerstrasse in Luzern fand am 28.01.2022 eine Schreibwerkstatt statt, in welcher die Teilnehmenden selbständige Texte darüber schrieben konnten, wie sie die Schweiz wahrnehmen, was für Erfahrungen sie hier gesammelt haben und welche Vorstellungen zu möglichen Veränderung und Verbesserungen sie sehen. Die Schreibwerkstatt war die erste dieser Art, die ich gleitet habe, und sie wäre ohne die Mithilfe des Sentitreffs nie zu Stande gekommen, wofür ich sehr dankbar bin.

Die Schreibwerkstatt gestaltete sich so, das wir einen Morgen lang zusammen Texte schrieben, wobei ich versucht habe, nur am Rande gewisse Ideen vorzuschlagen. Den Teilnehmenden war es frei gestellt in ihrer Muttersprache oder auf Deutsch die Texte zu fassen. Ungefähr die Hälfte der Texte entstanden auf Deutsch, die anderen wurden in verschiedensten Sprachen – Amharisch, Türkisch, Farsi – geschrieben und ich habe sie dann mit der Hilfe Freiwilliger versucht zu übersetzen. Einer dieser Texte konnte leider bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht vollständig übersetzt werden. Er wird sobald er fertig ist hier auch hochgeladen.

Die Texte befassen sich mit unterschiedlichen Dingen. Als Vorschläge wurden Fragen vorgegeben, welche die Teilnehmenden beantworten konnte. „Was möchte ich der Schweiz sagen?“, „Was bedeutet Freiheit für mich?“, „Was bedeutet für mich Integration“ und „Was ist meine Geschichte?“. Manche der Teilnehmenden haben sich dazu entschieden alle Fragen zu beantworten, mache nur einen Teil. Wieder andere haben einen der angesprochenen Aspekte weiterentwickelt und ihn kritisch beleuchte. So auch der Text, welcher im Moment noch fehlt, der sich kritisch mit der Integration in der Schweiz auseinander Gesetz hat.

Die Texte konnten auch anonym oder nur unter dem Vornamen publiziert werden. Die Titel der Texte wurden mehrheitlich von mir im Nachhinein hinzugefügt und sind sehr allgemein gehalten, um nicht eine bestimmte Lesart vorzugeben.

Ich möchte mich an diese Stelle noch einmal herzlich bei allen Autor:innen und Helfer:innen bedanken, die dieser Schreibwerkstatt möglich gemacht haben. Die Texte und Gespräche haben sicherlich meine Sicht auf die Schweiz verändert und ich hoffe, dass die hier versammelten Texte dies auch bei anderen bewirken können.

 

 

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