Demokratie und Wahrheit

Ein Themenschwerpunkt

Der Krieg in der Ukraine und die ihn begleitende Propaganda haben noch einmal mit Nachdruck, im Anschluss an die im Kontext der Covid-19 Pandemie und des Klimawandels zirkulierenden Falschmeldungen, das komplexe Verhältnis von Wahrheit und demokratischer Praxis ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt: Der Angriff auf demokratische Institutionen scheint auch von einem Angriff auf „Wahrheit“ und „Fakten“ begleitet zu werden.

Aus empirischer Sicht lassen sich unterschiedlichste Beispiele ausmachen, welche demonstrieren, wie politische oder wirtschaftliche Akteur:innen versucht haben, den öffentlichen Diskurs zu manipulieren. Im Zeitalter von Massenmedien und digitalen Plattformen haben solche Manipulationsversuche ein erschreckendes Ausmass und eine neue Nachhaltigkeit erlangt. Die Frage, wie der öffentliche Diskurs gegen solche Interventionen verteidigt werden kann, rückt vermehrt in den Fokus politischer und akademischer Debatten. „Epistemic security“ wird zu einem zentralen Begriff und beschreibt den Aufbau einer institutionellen Infrastruktur, die faktentreue Informationsübermittlung garantieren soll.

Die philosophischen Probleme, welche mit diesem Themenkomplex zusammenhängen, verlaufen allerdings weit tiefer und sind um einiges älter als einige dieser Reaktionen auf die gegenwärtigen Problemstellungen vermuten lassen. Bereits in der klassischen, aufklärerischen Tradition scheint eine Verbindung zwischen (richtiger) Erkenntnis und selbstbestimmter Befreiung aus Zwängen formuliert worden zu sein. Solche Vorstellungen legen eine intime Beziehung zwischen demokratischer Praxis und dem Streben nach Wahrheit nahe: nur aufgeklärte und informierte Bürger:innen können ein vernünftiges politisches Urteil fällen.

So weit so gut. Doch wie kann mit Menschen umgegangen werden, die eine radikal abweichende Meinung vertreten? Sind sie äussere Bedrohungen, gegen die wir eine „epistemic security“ in Anschlag bringen müssen? Oder sind sie schlicht unvernünftig und müssen erzogen oder gar therapiert werden?

Die Beanspruchung von Wahrheit als Massstab für vernünftiges Handeln läuft unter gewissen Bedingungen durchaus Gefahr, Herrschaftsverhältnisse zu etablieren und zu stabilisieren. Nicht ohne Grund finden sich in der poststrukturalistischen Philosophietradition extensive und kritische Auseinandersetzungen mit den Machtkonstellationen, welche Begriffe wie „Wahrheit“ oder „Vernunft“ umgeben. Die Kritik an epistemischen Autoritäten, die bereits in der Aufklärung eine wichtige Rolle spielte, wendet sich in solchen Untersuchungen gegen den Anspruch der Aufklärung selbst und entlarvt dessen problematische Verbindungen zu undemokratischen Praktiken.

Dieser entlarvende Gestus ist unter aktuellen Bedingungen allerdings selbst auch wieder problematisch geworden: Wie kann man etwa die epistemische Autorität der Naturwissenschaften öffentlich in Zweifel ziehen und gleichzeitig der Realität des Klimawandels gerecht werden? Wie kann die notwendige Kritik an staatlichen Institutionen aufrecht erhalten und gleichzeitig ihre zentrale Rolle in der Bekämpfung der (realen) Pandemie anerkannt werden? Oder ihr Beitrag zum Schutz vor globaler, kapitalistischer Ausbeutung?

Reicht es, eine epistemische Arbeitsteilung einzufordern, in welcher die Wissenschaftlerin den gleichen Status wie eine Handwerkerin inne hat und nur zu bestimmten konkreten Problemen befragt wird? Kann sich, dieser Idee folgend, die Politik rein auf die Aushandlung von Werten und Normen beschränken und die epistemischen Fragen dem Fachpersonal überlassen? Oder sind Phänomene wie Wissenschaftsskepsis und autoritäre Propaganda Ausdruck eines tieferliegenden Problems liberaler Demokratien, die nur durch radikale Änderungen der gesellschaftlichen Strukturen behoben werden können?

Diesen Fragen muss sich die Philosophie in der aktuellen Lage stellen. Philosophie.ch lädt deshalb zur Diskussion ein und hofft, eine konstruktive Debatte anstossen zu können. Senden Sie ihre Beiträge an info@philosophie.ch. Abonnieren Sie unseren Newsletter, um über die Entwicklungen in der Debatte auf dem Laufenden zu bleiben.

 

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