Meine Erfahrungen an der Kantonsschule Sargans

Ein kurzer Bericht

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Die Zeit als Jugendliche war für mich – wie wohl für viele – keine einfache Zeit. Es muss zwischen hunderten Berufen und Weiterbildungsmöglichkeiten ausgewählt werden, obwohl man mitten in der Zeit steckt, in der die eigene Identität noch nicht gefestigt ist. Emotionen werden intensiver wahrgenommen, ohne dass man weiss, wie man damit umzugehen hat. Obwohl viele Jugendliche selbstsicher erscheinen, gibt es doch viele Selbstzweifel. Inmitten dieses innerlichen Tumults, gekoppelt mit schulischem Leistungsdruck, müssen sie dann noch die entscheidende Frage beantworten: Wer möchte ich einmal sein?   

Diese Frage hat mich während des Besuchs der Kantonsschule Sargans stets begleitet. Als Kind wollte ich zuerst Wissenschaftlerin, dann Autorin werden. Da mir bald bewusst wurde, dass man vom Bücherschreiben kaum leben konnte, musste ich meinen Traum ändern. Deswegen begann ich die Kantonsschule mit der Idee, Recht zu studieren und Anwältin zu werden. Trotz eines sehr engagierten Wirtschaft- und Rechtlehrers wurde mir bewusst, dass mich Rechtsfragen hauptsächlich auf einem abstrakten Niveau interessierten und ich mir nicht vorstellen konnte, tagelang über Gesetzesartikeln zu brüten.

Da an der Kanti Sargans zahlreiche bilinguale (deutsch-englisch) Schwerpunkte angeboten werden, wurde ich früh mit Klassikern der englischen Literatur vertraut. Ohne dieses Bildungsangebot hätte ich niemals so früh ein vergleichbares Englischniveau erreichen oder meine beste Freundin während des obligatorischen Sprachaufenthaltes kennenlernen können. Zusätzlich hatte ich einen grossartigen Lehrer, der mich nachhaltig prägte und mir Bücher auslieh. Vielleicht sollte ich Englisch studieren und Lehrerin werden, wenn mich die Sprache doch interessierte? Auch Geschichte, was heute mein Nebenfach ist, war eines meiner liebsten Fächer. Aber ich konnte mir nicht vorstellen, je in einem Archiv zu arbeiten. Dank der Möglichkeit bei der Schülerzeitung mitzuarbeiten, wurde ich erstmals mit dem Schreiben von Artikeln in Kontakt gebracht. Vielleicht gab es ja noch weitere Berufe, bei denen man Schreiben konnte?

Ab dem dritten Jahr wird die Wahl zwischen den Fächern Religion und Philosophie getroffen. Obwohl ich diese Kategorisierung bemängele, bin ich doch froh, dass ich dadurch mit der Philosophie in Kontakt geraten bin. So liebte ich es zu diskutieren und hinterfragte Theorien und Argumente von Philosophen und dem Lehrer gleichermassen. Rückblickend ist meine Studienwahl keineswegs überraschend, da mich philosophische Fragen schon früh beschäftigten. So hatte ich mit meinen Eltern über sinnvolle Regeln und Strafen diskutiert und wurde mit dreizehn aus ethischen Gründen Vegetarierin. Die Frage, wieso ich ein privilegiertes Leben geschenkt bekommen hatte, während andere Kinder in grausamen Verhältnissen aufwachsen mussten, beschäftigte mich früh.  War aber die Philosophie nicht die gleiche brotlose Kunst wie das Autorendasein? Ich änderte meine Studienwahl im letzten Moment zu Philosophie, da ich wusste, dass ich es sonst mein ganzes Leben lang bereuen würde. Um einen möglichst breiten Einblick in die Philosophie zu bekommen und um mein Französisch zu verbessern, wählte ich die bilinguale Universität Fribourg aus. Heute bin ich mit der Studienwahl sehr zufrieden und fühle mich in Fribourg zuhause. In einer gewissen Weise ist auch mein Kindheitstraum in Erfüllung gegangen; schliesslich schreibe ich bei meiner Arbeit viel.

Ohne das Gymnasium hätte ich nie meinen heutigen Weg gewählt und dafür bin ich dankbar. Trotz all diesem Lob muss aber auch Kritik geäussert werden. Das heutige Schulsystem ist nicht darauf ausgerichtet, Jugendliche bei der Berufswahl zu unterstützen und ihnen möglichst viele Fähigkeiten mitzugeben. Denn es ist nicht auf Verbesserung ausgelegt, sondern fördert Bulimie-Lernen und bewertet Kinder und Jugendliche aufgrund ihrer schulischen Leistungen. Nicht umsonst haben viele Menschen ein Mathe-Trauma. Auch anhand meiner persönlichen Erfahrung kann gezeigt werden, wie prägend die Jugendjahre in der Berufs- und Studienwahl sind, da ich ohne den Philosophieunterricht nicht mit der Materie in Kontakt geraten wäre. Dieser Erstkontakt sollte positiv sein und Schüler:innen motivieren, sich weiter mit der Materie zu beschäftigen. Heute bin ich interessiert an Wissenschaftsphilosophie, aber habe ein grosses Defizit in Naturwissenschaften, das ich aufzuarbeiten habe. Würde man Jugendliche nicht aufgrund ihrer Noten als Person bewerten und ihnen die Möglichkeit geben, ihren Notenschnitt durch Nachprüfungen aufzubessern, hätte ich heute sicherlich weniger aufzuarbeiten. Dazu müsste aber das gesamte System neu gedacht werden, da es nicht darauf ausgelegt ist, dass alle Schüler:innen einen guten Schnitt im gleichen Fach oder Prüfung aufweisen. Unsere Klasse schrieb einmal in einer Englischprüfung den Durchschnitt einer 5 und unser Englischlehrer musste rechtfertigen, wieso er die Skala nicht gegen unten verschieben wollte.

Obwohl all diese Kritikpunkte natürlich nur oberflächlich angesprochen werden können in so einem kurzen Bericht, wollte ich sie dennoch erwähnen. Es sind Punkte, die auf das Schulsystem an sich zutreffen und nicht spezifisch auf die Kantonsschule Sargans. Deswegen möchte ich abschliessend sagen, dass ich für all die engagierten Lehrpersonen, welche mich während meines Schulaufenthalts begleitet haben, sehr dankbar bin. Aber ich wäre wohl im falschen Studiengang, wenn ich nicht das System an sich hinterfragen würde.