Meine Erfahrungen am Kollegium Spiritus Sanctus Brig

Ein kurzer Bericht

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Meine Zeit am Gymnasium liegt schon einige Jahre zurück. Sieben, um präzise zu sein. Ich kann mich längst nicht mehr an alles erinnern. Einige Dinge sind mir aber doch sehr geblieben. Und nicht wenige davon haben mit der Philosophie zu tun.

Um Kontext zu schaffen: Ich hatte eigentlich nie vor, irgendwas zu studieren, wo man schreiben muss. Aufsätze und Diktate waren eine Qual für mich. Rechtschreibung ist es heute noch. Auch interessierten mich in erster Linie die „harten“ Naturwissenschaften: Mein Schwerpunktfach war Mathematik und mein Ergänzungsfach Chemie. Bis kurz vor Schluss war ich felsenfest davon überzeugt, dass ich Chemie studieren werde. Was hat sich verändert?

In meinem vierten Jahr – im Wallis hat man regulär fünf Jahre Gymnasium nach zwei Jahren Sekundarschule – lernte ich die Philosophie kennen. Nicht als Wahlfach, sondern durch den regulären Unterricht. Im dritten Jahr schliesst man mit einigen Fächern ab, darunter Religion, Kunst und Geografie. Dafür wird Platz geschaffen für regulären Philosophieunterricht. Wenn ich mich recht erinnere, 3 Stunden pro Woche.

Diese wenigen Stunden haben mich nachhaltig geprägt. Ich erinnere mich noch heute lebhaft an eine angeregte Diskussion mit einem Klassenkameraden, ob nun ein Baum, der umfällt, ohne dass ihn jemand hört, wirklich ein Geräusch von sich gegeben hat. Wir wurden uns schlicht nicht einig. Ich glaube, dass ich damals behauptete, dass er kein Geräusch gemacht hat. Heute würde ich wohl sagen, dass das Gedankenexperiment mit dem Baum in erster Linie einen meditativen Zweck erfüllen soll und durch reines Nachdenken keine eindeutige Erkenntnis gewonnen werden kann. Damals eröffnete mir dieses Nachdenken allerdings eine völlig neue Welt, die ich so in den anderen Fächern nicht erfahren hatte.

Viel von dem, was ich an der Philosophie zu schätzen lernte, hatte mit Freiheit zu tun. Die Freiheit, sich seine eigenen Gedanken zu machen und Probleme selbständig anzugehen. Naturwissenschaftlicher Unterricht am Gymnasium erlebte ich als eine eher dogmatische Angelegenheit: es wurden einem die einzig richtigen Instrumente an die Hand gegeben, um zu den einzig richtigen Lösungen zu kommen. Dass Naturwissenschaften nicht nur so vermittelt werden müssen, ist mir inzwischen klar. Auch, dass Forschung in diesen Gebieten genauso frei sein kann wie in der Philosophie. Der Unterricht aber war anders. Und Philosophie konnte mich gerade deshalb so gut abholen.

Die Geschichte einer dogmatischen Naturwissenschaft und einer freien Philosophie ist dann aber doch zu einfach. Wie bei vielen Menschen, die zur Philosophie gefunden haben, spielte auch ein fähiger Lehrer – oder in anderen Fällen eine Lehrerin – eine wichtige Rolle. Sein Name: Stefan Furrer. Er konnte Themen vermitteln, ohne belehrend zu erscheinen. Und er vermochte durch gezielte Fragen, festgefahrene Ansichten zu erschüttern. Das wollte ich auch. Und ich war überzeugt, dass ich dafür Philosophie studieren muss.

Gefestigt wurde diese Haltung durch eine Maturaarbeit in der Philosophie. Während mir durch das Ergänzungsfach Chemie nach und nach bewusster wurde, dass die Laborarbeit nichts für mich ist, lernte ich in dieser Maturaarbeit die Arbeit am Text kennen. Dass es Liebe auf den ersten Blick gewesen ist, wäre eindeutig eine Übertreibung. Noch heute tun mir diejenigen Leid, die meine Texte auf orthografische Fehler durchstöbern müssen. Aber Schreiben eröffnete eine Art, meine eigenen Gedanken zu ordnen, die für mich neu und aufregend war. Im Text erhalten Ideen eine Lebendigkeit, die sie sonst nicht aufzuweisen scheinen. Nicht, dass mir das als Schüler völlig bewusst war. Aber, wenn ich heute daran zurückdenke, nehme ich an, dass dies einen Teil meiner Faszination für Philosophie ausmachte.

Um mit diesem kurzen Bericht zu schliessen: Was hatte dies alles mit meiner Schule zu tun? Schwer zu sagen. Natürlich, wäre ich an einem Ort gross geworden, wo keine obligatorische Philosophie unterrichtet wird, wäre ich wohl nie in den Genuss dieses Fachs gekommen. Oder vielleicht auch erst viel später. Ich verdanke demnach viel dem Aufbau des Unterrichts am Kollegium in Brig. Darüber hinaus hatte ich Glück, dass ich den Unterricht bei einem hervorragenden Lehrer geniessen konnte. Dieser hat, mehr noch als die Schule, zu meinen Studienentscheiden beigetragen.