Blogbeitrag von Beate Binder

Heimat flexibilisieren – Beheimatung ermöglichen

Gerade weil Heimat so kompliziert und komplex ist und gerade weil sich mit Heimat spezifische Gefühlslagen und Imaginationen verbinden, scheint mir das Konzept auch weiterhin geeignet, Fragen des Zusammenlebens zu diskutieren.

Gegenwärtig wird vielerorts über Heimat diskutiert: So unterschiedlich Anlässe und Rahmungen sein mögen, die Frage „Wie viel Heimat braucht der Mensch?“ scheint immer noch und immer wieder genug Gesprächs- und Diskussionsstoff für Tagungen, Symposien, Filmfestivals, Publikationen und wissenschaftliche Auseinandersetzung zu bieten – und nun auch für Blogs. [Anmerkung der Redaktion: Die Frage "Wieviel Heimat braucht der Mensch?" wird ebenfalls im Blogbeitrag Heimatfragen behandelt.]

Heimat zeigt sich in diesen Debatten als ebenso umstrittener wie ambivalenter Begriff, er ist zudem mit einer langen und überaus widersprüchlichen Geschichte verbunden[2], die im Reden und Schreiben über Heimat stets mitschwingt – als Argument gegen die weitere Nutzung wie als Begründung für die Notwendigkeit, Heimat(-gefühle) zu verteidigen. Beruhigend ist, dass es nur in extremen Randlagen der Diskussion möglich ist, so zu tun, als sei Heimat etwas Selbstverständliches – eine ungebrochene Vorstellung, derer man sich einfach bedienen kann. Mehrheitlich ist die Auseinandersetzung mit Heimat hochgradig reflexiv: Die Beteiligten wissen um Ambivalenzen und Widersprüche, die mit dem Begriff verbunden sind. So gehören Verweise auf Exil und Vertreibung, ideologische Überfrachtung, politische Vereinnahmung, folkloristische Inszenierung und kommerzialisierte Ausbeutung ebenso zum Bestandteil des Nachdenkens über Heimat wie das Beharren auf Sicherheiten, Gefühlen der Geborgenheit und Vertrautheit, die mit Heimat verbunden werden. Der deutsche Filmemacher Edgar Reitz hat das einmal so zusammengefasst: „Es gibt in unserer deutschen Kultur kaum ein anderes ambivalenteres Gefühl, kaum eine schlimmere Mischung aus Glück und Brutalität als die Erfahrung, die hinter dem Wort ‚Heimat’ steht.“ [3]

Trotz dieser Reflexivität ist die Rede über Heimat niemals harmlos. Mit Heimat werden nicht nur normative Vorstellungen davon transportiert, was sein soll und sein darf, sondern vor allem auch Grenzen gezogen. Es geht meist nicht einfach um das Lokale, um die Besonderheiten einer Region oder das Spezifische einer Stadt, sondern darum, wer und was dazu gehört und wer und was nicht. In diesem Sinn ist Heimat ein Schlüsselbegriff gesellschaftlicher Selbstverständigung: Mit seiner Hilfe werden Vorstellungen von Gemeinschaft und Zugehörigkeit bzw. der Grenzen zwischen fremd und eigen verhandelt. Eine der zentralen Diskurslinien verläuft entlang der Frage, wer Heimat und Heimatgefühle für sich in Anspruch nehmen (kann) und wem diese abgesprochen werden (müssen).

Die Macht des Heimat-Diskurses beruht auf der eingelagerten binären Ordnung von Eigenem und Fremdem, von lokaler Gebundenheit und enträumlichter Flüchtigkeit, von Verwurzelung und Zerrissenheit. Wer von Heimat redet, spricht auch von dem- und denjenigen, das bzw. die nicht dazugehören. Kurz: immer dort, wo von Heimat die Rede ist, stehen (zumindest) auch Fragen der Zugehörigkeit zur Verhandlung und werden Grenzen gezogen.

Wer sich auf Heimat bezieht, sollte deshalb die Effekte dieser Grenzpolitiken im Blick behalten. Nur so kann verhindert werden, dass der in der Rede von Heimat eingelagerte Wunsch nach Abgrenzung nicht zur Ausgrenzung gerät. Heimat im 21. Jahrhundert zu verteidigen, sollte mit der Anerkennung dessen verbunden sein, dass die vielfältigen Formen der Mobilität und Flexibilität auch mit neuen Formen der Beheimatung einhergehen und neue Formen eines kosmopolitischen Nebeneinanders im lokalen Raum der „Heimat“ im Entstehen begriffen sind. Nicht zuletzt die Migrationsforschung hat darauf aufmerksam gemacht, dass Heimatgefühle nicht notwendig an einen Ort gebunden sein müssen. Ein allein auf Dauer und Herkunft, auf Kindheit und Vertrautes gerichteter Blick macht blind für all diejenigen Formen, in denen sich Menschen in der in Bewegung geratenen Welt einrichten, translokale Räume besetzen, Freundschaftsnetzwerke und politische Loyalitäten weit über den lokalen Raum hinaus unterhalten – und sich dabei dennoch ganz im Sinne des Heimatgedankens unterschiedlichen Orten und Menschen verbunden fühlen.

Die Ergebnisse der Migrations-, der Postkolonialen und Diaspora-Forschung zeigen, dass Gefühle des Zuhause-Seins wie der Zugehörigkeit heterogener sind, als es die Debatte um Heimat vermuten lässt. Menschen können Verbindungen und Verbindlichkeiten aufbauen und über mehrere Orte hinweg unterhalten, ohne deshalb entwurzelt oder heimatlos zu sein. Heimat stellt sich aus einer solchen Perspektive als ein steter Prozess der Aushandlung und Verständigung um ein Miteinander dar. Sichtbar wird auch, dass das Lokale auch aus der Perspektive der Sesshaftigkeit in ganz unterschiedliche, auch räumlich unterschiedliche Zusammenhänge eingebunden sein kann.

Gerade weil Heimat so kompliziert und komplex ist und gerade weil sich mit Heimat spezifische Gefühlslagen und Imaginationen verbinden, scheint mir das Konzept auch weiterhin geeignet, Fragen des Zusammenlebens zu diskutieren. Klar sein muss dabei allerdings: Auch für diejenigen, die „schon immer“ an einem Ort waren, ändern sich die Bedingungen der Beheimatung dadurch, dass die Welt in Bewegung geraten ist.


Anmerkungen

[1] Die Thesen des Beitrags gehen auf einen Vortrag von mir zurück: Beate Binder (2009): Heimat heute. Beheimatet-sein in einer globalisierten Welt. Vortrag auf der Tagung: „Bürgerschaftliches Engagement und Heimat - 13. StädteTreffen, Reutlingen, 18. März 2009.

[2] Vgl. Hermann Bausinger (2001): Heimat und Globalisierung, in: Österreichische Zeitschrift für Volkskunde, LV/104, 121-135; Ina-Maria Greverus (1979): Auf der Suche nach Heimat. München: Beck.

[3] Edgar Reitz zitiert nach Florentine Strzelczyk: Un-Heimliche Heimat. Reibungsflächen zwischen Kultur und Nation. München 1999, S. 21