Blogbeitrag von Sahra Styger

Heimatfragen

So schreibt Améry: „So wie man die Muttersprache erlernt, ohne ihre Grammatik zu kennen, so erfährt man die heimische Umwelt. Muttersprache und Heimatwelt wachsen mit uns, wachsen in uns hinein und werden so zur Vertrautheit, die uns Sicherheit verbürgt."

Ist Heimat ein Ort? Ein Raum? Eine Landschaft?

Oder handelt es sich bei „Heimat“ vielmehr um ein Gefühl? Und falls ja, wie entsteht es? Durch und mit anderen Menschen?

Kann mir meine Heimat weggenommen werden? Und wieso kann ich zugleich Heim- und Fernweh haben?

Kann ich mir die Heimat selbst auswählen? Oder gilt die, in die ich geboren wurde?

Und gibt es eigentlich auch „Heimat“ im Plural?

Die Zahl der „Heimatfragen“ ist schier unbegrenzt, „Heimat“ als Thema ist populär und wird heiß diskutiert. Sei es nun als politisches Streitgespräch zwischen Parteipräsidenten oder im Rahmen einer Archivperle der Filmwochenschau des SRF vom Jahr 1949. Heimat ist stets in aller Munde und im Grunde geht es immer darum, was Heimat bedeutet. Doch was sagen Denker und Philosophen dazu? Zwei berühmte Heimatfragen sollen hier beispielhaft vorgestellt werden.

 

Die Schweiz als Heimat?

Die erste Heimatfrage entspringt aus der Feder des Schweizer Schriftstellers Max Frisch im Jahr 1974: In seiner Dankesrede mit dem Titel „Die Schweiz als Heimat?“[1] zur Verleihung des Großen Schillerpreises setzt sich Frisch gewohnt heimatkritisch und dennoch mit einem Hauch nie vergehender Heimatliebe facettenreich mit der Schweiz als Heimat auseinander.

In Frisch weckt die Ehrung aus der Heimat vor allem die Frage, was unter Heimat zu verstehen ist und schaut in guter alter Manier zuerst im Duden nach. Er zitiert: „Heimat, die (Plural ungebräuchlich): wo jemand zu Hause ist; Land, Landesteil oder Ort, in dem man (geboren und) aufgewachsen ist oder ständigen Wohnsitz gehabt hat und sich geborgen fühlt oder fühlte.“ Speziell der Satz im Duden „Wird oft angewandt, um eine besonders gefühlsbetonte Stimmung auszudrücken oder zu erwecken“ gelte insbesondere auch für die Mundart.
Gehört also auch das Quartier, in dem wir aufgewachsen und zur Schule gegangen sind, zur Heimat? Frisch fährt fort: „Was weiter gehört zur Heimat?“ und denkt darüber nach, dass das, was der Duden unter Heimat versteht, nicht ohne weiteres in andere Sprachen übersetzt werden kann. Als Beispiel nennt er drei englische Begriffe: My country limitiere Heimat auf ein Staatsgebiet, homeland setze Kolonialismus voraus und motherland klinge zärtlicher als Vaterland. Beim französischen Ausdruck la patrie denke er sofort an eine Schweizer Flagge, ohne dass es ihm dabei jedoch heimatlich zumute werde. Sogar eher das Gegenteil sei der Fall, noch nie habe Frisch so unter Heimweh gelitten, wie damals, als er als Wehrmann in der Schweizer Armee gedient hatte.
Wie ist es mit dem Pfannenstiel?“ fragt Frisch weiter, und zielt dabei auf Landschaft als Heimat ab. Sind der Pfannenstiel, das Matterhorn und der Jurasüdfuss allein schon Heimat?
Schnell kommt Max Frisch jedoch auf unseren Dialekt zu sprechen: „Unsere Mundart gehört zu meiner Heimat.“ Dazu gehören viele Wörter, für die uns kein hochdeutsches Synonym einfällt – unsere dingliche Umwelt erscheint uns vertrauter, sofern wir sie mundartlich benennen können. Wenn man im Ausland jemanden antrifft und mit ihm oder ihr Mundart sprechen kann, so schaffe das Zugehörigkeit. Was heißt aber Zugehörigkeit? Und was ist mit denjenigen Menschen in unserem Leben, die unsere Mundart nicht beherrschen und trotzdem zu unserer Heimat gehören, zu denen wir uns also zugehörig fühlen?
Quartier, Landschaft, Mundart und andere Menschen – Was bringt sonst noch das Gefühl und das Bewusstsein der Zugehörigkeit hervor? Findet man Heimatlichkeit auch am Arbeitsplatz? Genügen dazu Freunde? Oder reichen ganz schlicht und einfach die heimatlichen Speisen aus?
Oder ist es aber der Anblick des Bahnhofes desjenigen Ortes, an dem man aufwuchs, der gemäß Frisch so ganz anders sei als alle anderen Bahnhöfe der Welt. Denn: „Hier kam man nicht zum ersten Mal an, hier fuhr man zum ersten Mal weg.“

Frisch wirft in seiner Rede viele Heimatfragen auf, doch etwas steht dabei außer Zweifel: das Bedürfnis nach Heimat. Und er meint ohne Zögern sagen zu dürfen, dass er eine Heimat habe, er sei nicht heimatlos und sei froh darüber – aber könne er sagen, dass es die Schweiz als Territorium ist? Und: „Muss man sich in der Heimat wohl fühlen?"
Heimat prägt uns und unsere Identität. Aber wie heimatlich wir „unserem“ Staat gegenüberstehen, hänge immer davon ab, wie weit wir uns mit den staatlichen Einrichtungen und den politischen Handhabungen identifizieren können. Dennoch gibt Frisch seinem „naiven Bedürfnis“ nach Heimat nach und verbindet dieses mit seiner Staatsbürgerschaft, in dem er sagt: „Ich bin Schweizer“. Nicht aufgrund des Besitzes seines Schweizer Reisepasses, oder aufgrund seiner Geburt auf Schweizer Territorium. Sondern er sei Schweizer aus Bekenntnis.

 

Wieviel Heimat braucht der Mensch?

Wie denkt aber eine Person über Heimat nach, die diese Verlassen musste um im Exil zu (über-)leben? So stellt Jean Améry in seiner erstmalig 1966 erschienenen Essaysammlung „Jenseits von Schuld und Sühne“ die Frage „Wieviel Heimat braucht der Mensch?“[2]. In diesem Essay erinnert er sich an seine Ankunft in Antwerpen im Jahr 1939 und an sein Leben in Belgien, da er seine Heimat aufgrund seiner jüdischen Abstammung verlassen musste. Wie er selbst schreibt, habe der, der das Exil kennt, manche Lebensantworten gelernt, aber noch mehr Lebensfragen. Eine davon sei „Wieviel Heimat braucht der Mensch?“, die er aus der sehr spezifischen Situation des aus dem Dritten Reich Exilierten stellt und zu verstehen versucht. Eine vorläufige Antwort gibt Améry, indem er meint: „[Der Mensch brauche] um so mehr, je weniger davon er mit sich tragen kann. Denn es gibt ja so etwas wie mobile Heimat oder zumindest Heimatersatz.“ Doch was bedeutet die so unerlässliche Heimat für ihn überhaupt?

Wenn wir über Heimat nachdenken, so Améry, müssen wir uns dringendst von althergebrachten und romantisch klischierten Vorstellungen von Heimat lösen. Denn Heimat sei auf den Grundgehalt des Begriffs reduziert einfach Sicherheit. In der Heimat beherrschen wir uneingeschränkt die Dialektik von „Kennen-Erkennen“ und von „Trauen-Vertrauen“. Was heißt das? Da wir die Heimat kennen und erkennen, getrauen wir uns in ihr zu sprechen und zu handeln. Wir fühlen uns sicher und haben Vertrauen, es ist also ein Ort, in dem wir nichts Ungefähres zu erwarten haben. „In der Heimat leben heißt, das sich vor uns das schon Bekannte in geringfügigen Varianten wieder und wieder ereignet.“

Améry gesteht jedoch einen Einwand ein. Das Exil sei vielleicht keine unheilbare Krankheit, da man die Fremde durch ein langes Leben in und mit ihr zur neuen Heimat machen kann. Das nenne man „eine neue Heimat finden“. Selbstverständlich kann man sich nach einer langen Zeit auch in einem fremden Land „zu Hause fühlen“ und sich eingewöhnen. Jedoch prägt die „ursprüngliche“ Heimat unsere Persönlichkeit auf einer viel tieferliegenden Ebene. So schreibt Améry: „So wie man die Muttersprache erlernt, ohne ihre Grammatik zu kennen, so erfährt man die heimische Umwelt. Muttersprache und Heimatwelt wachsen mit uns, wachsen in uns hinein und werden so zur Vertrautheit, die uns Sicherheit verbürgt.

 

Heimat wird uns in einem gewissen Sinne zunächst durch einen Ort gegeben, jedoch bedeutet Heimat bei Améry ein Gefühl von Sicherheit und bei Frisch steht das Bedürfnis nach Heimat als Zugehörigkeit außer Zweifel. Da Heimat jedoch so bedeutungsoffen ist, hat auch unsere Sprache, unser Staat, unser Quartier und unsere Freunde und Familie mit ihr zu tun.
So bleibt also die letzte Heimatfrage: Was bedeutet Heimat für dich?


[1] Die schwarzweiss Videoaufnahme der gesamten Rede findet sich unter https://www.youtube.com/watch?v=LnPLKQWbdFI,
oder zum Nachlesen: Max Frisch, Die Schweiz als Heimat?, in: Gesammelte Werke in zeitlicher Folge, Band VI, 1968-1975, Suhrkamp Verlag.


[2] Jean Améry, Wieviel Heimat braucht der Mensch?, in: Jenseits von Schuld und Sühne. Bewältigungsversuche eines Überwältigten, Neuausgabe 1977, Klett-Cotta Verlag, 9. Auflage 2015.