Gemeinschaft

Wie lässt sich eine Gemeinschaft charakterisieren? Was sind „soziale Normen“ und was haben diese mit Integrität, Anerkennung, Solidarität und begründeten Handlungen zu tun? Weshalb ist das Verhältnis von individueller Freiheit und Öffentlichkeit eine Sache der Philosophie?

 

 

 

„Gemeinschaft“ steht in der Philosophie nicht nur im Zusammenhang mit ethischen Überlegungen, sondern auch mit Fragen nach der Natur von sozialen Handlungen und dem charakteristischen Wesen von Kollektiven. Gibt es Bedingungen, die erfüllt sein müssen, damit man von einer Gemeinschaft – in Abgrenzung zu „Gesellschaft“ – sprechen kann?

 

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Gemeinschaft

David Hume schrieb einst in der Untersuchung über den menschlichen Verstand: „Die gegenseitige Abhängigkeit der Menschen in allen Gemeinschaften derselben ist so gross, dass kaum irgendeine menschliche Handlung in sich selbst so abgeschlossen und ohne Beziehung auf die Handlungen anderer ist, dass ohne diese die Absicht des Handelnden erreichbar wäre.“ (1)
Folgt man dem Gedanken von Hume, ist es für den Menschen eine unausweichliche Angelegenheit, nicht nur mit anderen Menschen in Austausch zu treten, sondern auch mit ganzen Gruppen. Was aber ist eine Gemeinschaft überhaupt?

Das vorliegende Themendossier erörtert die philosophischen Auseinandersetzungen rund um den Begriff „Gemeinschaft“. Dass diese Begriffsanalyse nicht eindimensional abgehakt werden kann, liegt an der Komplexität der Sachlage: Nicht nur Aspekte, die das Handeln von einzelnen Akteuren betreffen, welche sich sodann in Gruppen formieren, sind relevant. Auch Fragen nach der Art und Weise der Entstehung, nach dem Zerfall von Gemeinschaften und deren Auswirkung auf die Identität der Gruppe spielen eine Rolle. Die Philosophie fragt nach den Kriterien, welche gegeben sein müssen, damit man von einer Gemeinschaft sprechen kann. Ist es schlichtweg ein Gefühl der Zusammengehörigkeit oder braucht es mehr?
Braucht der Mensch beispielsweise auch Anerkennung, um sich als soziales Wesen auszeichnen zu können? Oder braucht es gar Liebe, um Gemeinschaften über die Zeit hinweg zusammenzuhalten? Im Umkreis dieser Fragen findet in der philosophischen Debatte eine lebendige Diskussion statt, welche sich immer wieder darum dreht, was wir als „Wir“ verstehen.
Eine der Herangehensweisen widerspiegelt sich in John Searles Theorie, gemäss dieser der Mensch seine soziale Welt mittels Konventionen selbst herstellt. So wäre Geld beispielsweise nur ein wertloses Stück Papier, würde das Konzept „Geld“ nicht von genügend Personen als sinnvoll akzeptiert werden. Gibt es also einen Unterschied zwischen natürlichen Fakten, wie der Höhe eines Berges, und sozialen Fakten, wie beispielsweise die Zuweisung gewisser Funktionen an die Schweizer Nationalbank?

Da eine Gemeinschaft viel mehr ausmacht, als schlichtweg die Abgrenzung von „den Anderen“, lohnt es sich, den Begriff einer genaueren Untersuchung zu unterziehen. Auch wenn die ersten Intuitionen, was darunter zu verstehen ist, meist keineswegs falsch sind, lassen sie doch viele der relevanten Aspekte ausser Acht.
„Gemeinschaft“ versteht sich auch als politisch brisantes Konzept, welches leicht missbraucht werden kann und das es entsprechend vorsichtig zu verwenden gilt.

 

 

 


Quelle:

1. David Hume, Untersuchung über den menschlichen Verstand, Meiner Verlag Hamburg 1748/1984, Abs. VII, Teil 1