Blogbeitrag von Lea Dora Illmer

Was Heimat ist

Heimat, was für ein schönes Wort. Und wie lange es schon existiert!

Was Heimat ist, fragst du mich. Heimat, was für ein schönes Wort. Und wie lange es schon existiert! Seit dem 15. Jahrhundert können wir es nachweisen. Früher sagte frau dazu sowas wie heimuoti, später dann heimout und die indogermanische Wurzel verweist auf die Bedeutung eines Ortes, an dem sich der Mensch niederlässt. Vielleicht ist Heimat sowas wie die Beziehung zwischen Mensch und Raum, sage ich. Nein, widersprichst du mir. Nicht die Wortherkunft ist es, wonach ich frage. Was Heimat für dich ist, möchte ich wissen. Also gut. Heimat, das ist ein sehr kurzes Zeitfenster zwischen sieben Uhr abends und sieben Uhr morgens, in dem es erlaubt ist, die Bebbysäcke rauszustellen. Fondue im Gaquelon ist für mich Heimat. Und die Tatsache, dass dazu nur Weisswein und Tee gereicht werden darf. Rivella und Höflichkeit. Das „jä“-Sagen. Schoggi und Bärge und Schnee und Skilager. Und überhaupt, dass wir alle Skifahren können. Noch lange bevor wir wissen, was eine direkte Demokratie ist. Die ist auch Heimat, übrigens. Ein spätes Frauenstimmrecht, Fahrradparkplätze, Verkehrsschilder - in Form von einem Rechteck oder einem Rundummeli. Trämmli und Fähri-Fahre. In das Beizli gehen und eine Stange Bier bestellen. Und sowieso, immer dieses „li“ überall. Das ist Heimat. Sprache, Gesten, Mimik. Sitten, Bräuche, Tradition. Heimat ist so viel mehr, als ein Ort, sage ich zu dir.

 

Was Heimat ist, frage ich mich. Ein Gefühl? Eine Stimmung? Längst überflüssig? Überlebenswichtig? Ein Gefühl ist stets auf etwas oder jemanden gerichtet, hat eine Intention. Ein Gefühl, in seiner akuten Form, ist von kurzer Dauer, intensiv, wertend. Eine Reaktion auf Ereignisse, die für uns von Bedeutung sind. Ein Gefühl ist ein komplexes Konstrukt, bestehend aus Einstellungen, Urteilen, körperlichen Empfindungen. Das umfasst auch Kapazitäten und Handlungen. Gefühle sind Signale, sie zeigen an, wenn wir Veränderung erleben. Und die Stimmung? Diese ist grundlegender, hintergründiger, weniger auf ein Objekt gerichtet, sondern auf die ganze Welt. Auf unsere jeweilige Welt. Das bedeutet keinesfalls, dass eine Stimmung gegenüber dem Gefühl an Wichtigkeit einbüssen muss. Sie ist subtiler als ein akuter Gefühlsausbruch, vermag es aber umso mehr, uns zu lähmen, ist sie eine negative und uns zu stärken, handelt es sich um eine positive. Eine Stimmung ist – wie Heidegger recht schön formuliert – „mein so oder so getöntes In-der-Welt-Sein“. Und in der Welt sein, bedeutet das nicht Heimat? Bedeutet das nicht, sich zuhause fühlen, im weitesten Sinn? Heimat meint im volkssprachlichen Gebrauch einen gefühlsbetonten Ausdruck einer engen Vertrautheit und Verbundenheit gegenüber einer Gegend, kurz: Heimat ist eine Stimmung, denke ich mir.

 

Was Heimat ist, frage ich dich. Du schüttelst energisch den Kopf, bevor du überhaupt anfängst, zu antworten. Als wolltest du mir signalisieren, dass ich die falsche Frage stelle. Dann sagst du Heimat, das ist eine leere Hülle, eine Wort-Hülse, gefüllt mit nichts ausser konservativem, traditionellem oder nostalgischem Gedankengut. Heimat ist eine blosse Vorstellung, dazu erst noch romantisiert, etwas, was es eigentlich nicht gibt. Dann zeigst du mir ein Lied, das Heimat heisst. Es ist schweizerdeutsch und schön. Sowas kann vielleicht Heimat sein, sagst du dann und lauschst dem Refrain: „Und du seisch Heimat, isch e grosses Wort. Isch Heimat e Gfühl? Oder isch es ächt e Ort? Viel Lüt säged: Am schönste ischs immerno dehei und viel Lüt säged: Näi“. Du bist einer von denen, die nein sagen, sagst du zu mir.

 

Was Heimat ist, frage ich einen Heimatlosen. Jean Améry, den österreichischen Schriftsteller und Widerstandskämpfer. Für ihn gehören neben dem abgegrenzten, erfahrbaren Raum auch Uniformen, Verkehrsschilder, Häuser und Speisekarten zum Heimatbegriff. Heimat eröffnet uns darüber hinaus einen Zugang zu einer Realität, die aus Sinneswahrnehmungen besteht. Heimat ist sehen, hören, tasten und „in Dingen zu leben, die uns Geschichten erzählen“. Aber wahrscheinlich – wäre Améry am Leben – würde er mir genauso wie du erklären, dass meine die falsche Frage sei. Für jemanden, der seine Heimat nach der Flucht für immer verloren hat, stellt sich nämlich stattdessen eine ganz andere, dringlichere: Wieviel Heimat braucht der Mensch? Und was, wenn sie fehlt? Sein 1966 erstmals erschienener Essay, welcher genau danach fragt, bietet trotz Amérys sehr spezifischem Standpunkt eine allgemeingültige Analyse der Heimat und der damit verbundenen Stimmung des sich zu Hause Fühlens. Nach den ersten paar Seiten liefert Améry bereits eine erste Antwort: Ein Mensch brauche „umso mehr Heimat, je weniger davon er mit sich tragen kann“. Was man jedoch mit sich tragen kann, ist Heimatersatz, also eine Religion, Geld oder Ansehen. Das bietet zeitweise Ersatz, genügt jedoch auf Dauer nicht, denn: „Heimat ist, reduziert auf den positivpsychologischen Grundgehalt des Begriffs, Sicherheit“. Sich zu Hause fühlen bedeutet, Zeichen deuten, Gesichter entziffern und Worte verstehen. In der Heimat können wir trauen und vertrauen, kennen und erkennen. Heimat heisst Gewohnheit mit minimen Abweichungen. Sich zu Hause fühlen heisst, sich sicher fühlen. Keine Heimat zu haben macht Menschen verloren, verstört, zerfahren und ordnungslos. Wer seine Heimat verliert, leidet an Heimweh. Améry unterscheidet zwei Arten von Heimweh: Das traditionelle Heimweh, welches nichts anderes ist als tröstendes Selbstmitleid, und das „echte“ Heimweh, welches er als Selbstzerstörung beschreibt. Denn Heimat stiftet auch Identität, verlorene Heimat raubt sie. Allein der Sprache wegen. Weshalb eine neue Heimat zu finden so unmöglich ist, umschreibt Améry metaphorisch: „La table wird niemals der Tisch, bestenfalls kann man sich daran sattessen.“. Seinen Essay schliesst er mit einer sowohl nüchternen als auch treffenden Antwort auf die ausgangs formulierte Frage ab: „Es ist nicht gut, keine Heimat zu haben.“.

Was Heimat ist, denke ich mir, hängt in erster Linie davon ab, wen wir danach fragen.

 

Literaturverzeichnis:

Martin Heidegger, Die Grundbegriffe der Metaphysik, 1983.

Jean Améry,Wieviel Heimat braucht der Mensch?, in:Jenseits von Schuld und Sühne. Bewältigungsversuche eines Überwältigten, Neuausgabe 1977, Klett-Cotta Verlag, 9. Auflage 2015.

Das gesamte Lied Heimat von Stahlberger findet sich unter https://www.youtube.com/watch?v=DelVPuIGaBA