Blogbeitrag von Manfred Seifert

Subjektives Heimatempfinden als sozialer Prozess

Bleibt noch die Frage, wie „Heimat“ so prominent mit konkreten Orten bzw. Regionen verbunden wird, wenn sie doch vor allem auf sozialen Tatsachen fußt?

Heimat präsentiert sich unter den heutigen gesellschaftlich-kulturellen Bedingungen im Kontext von moderner Mobilität, Globalisierung und Beschleunigung als Produkt eines Wechselverhältnisses zwischen einer subjektiven Bedürfnislage einerseits und einem gesellschaftlich normierten Angebot andererseits. Die subjektive Bedürfnislage lenkt den Blick auf den Einzelmenschen und sein individuell aktiv gewonnenes, selbstbewusstes Heimatbewusstsein. Dieses jedoch ist aus der Sicht aktueller ethnologisch orientierter Kulturforschung weder angeboren noch natürlich gegeben, vielmehr kann es sich aus befriedigend und geglückt erlebten Kontakten mit der sozialen und örtlichen Umwelt entfalten. Wie erklärt sich dieser dynamische Prozess?

Entwicklungspsychologisch betrachtet lebt das Individuum als kleines Kind rundum erlebnisfähig in einer ganzheitlichen seelischen Wirklichkeit, in der sich anfangs alles um Aneignung und Befriedigung des eigenen Wollens dreht. Es trennt noch nicht zwischen Innen und Außen, zwischen ,Ichʻ und Umwelt. Von daher rührt das kindliche Gefühl, eins mit der Welt zu sein. In diesem frühen biografischen Identitätsempfinden fallen diese Vorstellung der ganzen Welt und die partikulare Praxis zusammen. Für deren gleichermaßen synästhetische wie eidetische sinnliche Erfahrung bildet der Wahrnehmungshorizont der unmittelbaren familiären wie auch der geografischen, sozialen und kulturellen Umgebung die biografische Basis. Zugleich entscheidet hier die Qualität der sozialen Kontakte über das Gelingen eines zum späteren Heimatbewusstsein führenden Weges. Denn Heimat kann jedem wachsen, muss aber nicht.

Die soziale Dimension und die prozesshafte Dynamik sind zentrale Faktoren für den Entwicklungsfortgang zum erwachsenen Heimatverständnis, also für die weitere identitäre Beheimatungsaktivität, die das Forschungsinteresse der Europäischen Ethnologie mit ihrem akteurszenrtierten und handlungsorientierten Zugang fokussiert.

Denn im Verlauf des Erwachsenwerdens erfolgt eine Distanzierung von diesen unmittelbaren und ganzheitlichen Wahrnehmungsweisen und Empfindungen. Die Phase der naiven Beheimatung beenden gerade die Emanzipation von dem bisher gewohnten Lebenskreis und ein Heraustreten aus der vertrauten Umgebung. Der Auszug in bisher unbekannte geografische, soziale und kulturelle Räume vollzieht sich unter Bedingungen der Fremdheit, die neue Maßstäbe des Verstehens und kognitiver wie auch emotionaler Impulse mit sich bringt. In Konsequenz daraus werden auch die anthropologischen Grundbedürfnisse nach Vertrautheit und Sicherheit sowie nach Raumorientierung neu konfektioniert.

In diesem biografischen Entwicklungsstand kann nun das gesellschaftlich virulente Modell von Heimat mit seinem ökonomischen Kalkül und seinen gesellschaftlichen Implikationen in einem sekundären Prozess des soziokulturellen Labelings auf das Bewusstsein des Einzelnen einwirken. Gleichzeitig kann man sich individuell freilich zum erinnerten identitären Erleben der Kindheit zurückwenden. In jedem Fall jedoch gilt für die subjektive Auseinandersetzung mit Heimat die spezifische Ausgangslage der Distanzierung aus individuellen Geborgenheitsuniversen im Verlauf der Adoleszenz, wie der Soziologe Lothar Bossle eingängig formuliert: „Der atmosphärische Verlust des Ursprungs macht hellsichtiger gegenüber dem alten und einem neuen Umfeld zugleich. Der Wert heimatlicher Vertrautheit erhöht sich in der Fremdheit.“ Was in diesem Zitat mit Blick auf eine positiv gestimmte Hinwendung zu Heimat formuliert ist, gilt freilich mit anderen Vorzeichen auch für negativ gestimmte Distanzierung und Problematisierungen von Heimat.

Heimatappetenz wie Heimatdistanz sind somit individuelle, identitär-biografisch angeeignete Grundhaltungen, die sich in differenten Einstellungen und Intensitäten zu „Heimat“ im Konsumangebot von Tourismus, Medien, Nahrungskultur, Lifestyleprodukten und ja: auch Politik äußern. Denn wenn „Heimat“ so selbstverständlich und angeboren wäre, wie gerne behauptet wird, warum bedarf das Thema dann in der Gegenwart derart strapazierter Werbung?

Bleibt noch die Frage, wie „Heimat“ so prominent mit konkreten Orten bzw. Regionen verbunden wird, wenn sie doch vor allem auf sozialen Tatsachen fußt? Biografisch ergeben sich erst im Anschluss an soziale Erfahrungen örtliche Bindungen, sozusagen als Begleiterscheinung gelingender und satisfaktionierender sozialer Kontakte an je spezifischen Orten. Dies kann in jedem Lebensalter geschehen. Und: Jeder Ort – ob das abgewohnte Plattenbauviertel am Stadtrand oder der Wiesenplatz im idyllischen Bachtal - kann sozusagen zur „Heimat“ werden, wenn dort tragfähige Sozialkontakte aktiv hergestellt und sensibel entwickelt werden können.

Das gesellschaftliche Konsumangebot „Heimat“ blendet freilich diese lebensweltlich verankerten Sozialisationsprozesse als Bedingungsfaktoren ihrer grassierenden Ortsbezügen vorwiegend aus, da diese kaum kommodifizierbar sind. Und die im Zuge der Globalisierung forcierten Kontexte plurilokaler Ortsbezüge des spätmodernen Lebens ermöglichen den Individuen vielfach lediglich auf die örtlichen bzw. regionalen Komponenten verkürzt gehandhabte Heimatbezüge. Doch die Sehnsucht nach persönlicher sozialräumlicher Verortung spielt auch weiterhin eine erstrangige Rolle. Deshalb fungiert das gesellschaftliche Konzept „Heimat“ weithin als emotionaler Puffer gegenüber den als problematisch empfundenen Herausforderungen des modernen Lebens und Arbeitens, notfalls auch als Kompensation nicht gelingender aktiv-dynamischer Beheimatung.


Literatur

Lothar Bossle: Heimat als Daseinsmacht. In: Heimat. Analysen, Themen, Perspektiven, hrsg. v. Bundeszentrale für politische Bildung. Band 1 Bonn (Selbstverlag) 1990. S. 122-133.

Konrad Köstlin: Heimat denken. Zeitschichten und Perspektiven. In: Manfred Seifert (Hg.): Zwischen Emotion und Kalkül. „Heimat“ als Argument im Prozess der Moderne. Leipzig: Leipziger Universitätsverlag 2010, S. 23-38.