Blogbeitrag von Stephan Grätzel

Nachdenken über Heimat

Heimat wird zunächst einmal intim und unbewusst gelebt. Ein Nachdenken über Heimat beginnt erst dann, wenn die gelebte Heimat nicht mehr da ist, wenn sie verlassen wurde oder verloren gegangen ist.

Heimat wird zunächst einmal intim und unbewusst gelebt. Ein Nachdenken über Heimat beginnt erst dann, wenn die gelebte Heimat nicht mehr da ist, wenn sie verlassen wurde oder verloren gegangen ist. Das kann durch einen Ortswechsel oder aber auch am Ort selbst geschehen. Auch hierfür gibt es unterschiedliche Gründe: einerseits in der äußerlichen Zerstörung dessen, was die Intimität des Heimatbezugs ausmacht, die Veränderung oder Zerstörung der Umgebung, andererseits in der innerlichen Distanzierung und Entfremdung und damit die Zerstörung des intimen Bezugs selbst. Letzteres kennzeichnet den Verlust von Heimat aufgrund einer Veränderung des Subjekts und seiner Beziehung zur Welt und Natur. Der Philosoph und Politiker Georg Lukács hat diesen Verlust als „transzendentale Obdachlosigkeit“ beschrieben und terminologisch gemacht. Dieser Begriff kennzeichnet die Zwiespältigkeit des modernen Subjekts und seines Weltbezugs seit der Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Entdeckung des Subjekts durch die Transzendentalphilosophie führte nicht nur zu einem Erkenntnisfortschritt, sie gab auch praktische und ethische Impulse, die nicht nur positiv waren, da sie im Menschen neben seinem autonomen und schöpferischen Potential zugleich seine Einsamkeit im Kosmos herausstellten. Dem transzendentalen Subjekt treten Natur und Welt nur als Objekte gegenüber, sie werden zu Gegenständen der Erkenntnis und der Technik, die ohne Gefühle wahrgenommen und behandelt werden. Die Wissenschaften nehmen die Natur sogar ins Verhör, aber die Natur „verstummt auf der Folter“, wie Goethe schon feststellte. Die Folge ist ein sprachloser Kosmos, der zu einem feindlichen Gehäuse wird, das keine Geborgenheit mehr spendet. Die Welt als technisches Gehäuse oder „Gestell“, wie Martin Heidegger es ausdrückte, bietet damit auch keine Heimat mehr.

 

Der Verlust von Heimat kann also innerlich und äußerlich stattfinden. Beides hat geistige Gründe, sie sind Ausdruck eines Beziehungsproblems, das den Verlust einer Grundbeziehung, der Beziehung zur Welt, anzeigt. Die Beziehung zur Welt als Beziehung zur Heimat steht dabei in enger Verbindung zu anderen Grundbeziehungen, der Beziehung zum Mitmenschen und der Beziehung zu sich selbst, zur eigenen Geschichte und zum eigenen Schicksal. Sie gehören zusammen. Nachdenken über Heimat ist also auch Nachdenken über eine Grundbeziehung, die mit anderen Grundbeziehungen verbunden ist. Der Verlust von Heimat ist immer der Verlust eines Stückchens Welt, aber auch der Verlust von Anderen und nicht zuletzt der Verlust eines Stückes von sich selbst. Wie die Gesundheit, so fällt die Heimat nicht auf, solange sie da ist. In ihrer Unauffälligkeit bildet sie aber eine wesentliche Stütze des alltäglichen Lebens. Sie sollte deshalb auch wie die Gesundheit gepflegt und kultiviert werden.