Blogbeitrag von Dr. Magdalena Hoffmann

Persönliche Beziehungen und ihr Platz in der Moral

Erklärt man persönliche Beziehungen zu einem moralischen Phänomen, dann versucht man herauszuschälen, wie uns persönliche Beziehungen zu Einstellungen und Handlungen motivieren, die als moralisch gut gelten.

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„Denn niemand würde wählen, ohne Freunde zu leben, auch wenn er alle übrigen Güter hätte.“ (Nikomachische Ethik VIII 1)

Diese Aussage von Aristoteles, die er zu Beginn der sog. Freundschaftsbücher im Hinblick auf die Bedeutung der Freundschaft für ein glückliches Leben trifft, ist zeitlos gültig. Auch heute noch messen wir guten persönlichen Beziehungen (zu denen neben Freundschaften auch Partnerschaft und Familienbeziehungen gehören) einen zentralen Wert bei – nicht nur für unser eigenes Glück, sondern auch an sich. Oder würden Sie auf Ihre Freunde, auf einen Partner oder eine Partnerin, auf Eltern und ggf. Geschwister freiwillig verzichten wollen? Sich mit anderen Menschen innig verbunden fühlen, sie zu lieben und von ihnen geliebt zu werden, gemeinsam Herausforderungen bewältigen, gehört wohl zu den wichtigsten und schönsten Erfahrungen, die ein menschliches Leben bereithält.

Angesichts dessen mag es verwundern, dass persönliche Beziehungen lange Zeit in der Moralphilosophie kritisch gesehen wurden. Dies hat folgenden Hintergrund: Die in persönlichen Beziehungen praktizierte Bevorzugung unserer Liebsten gegenüber anderen Menschen ist schlecht mit einem Standpunkt der Moral vereinbar, der sich durch Unparteilichkeit auszeichnet. Ob es sich dabei um einen deontologischen Ansatz à la Kant, eine kontraktualistische Konzeption oder um den Utilitarismus handelt – diesen moralphilosophischen Theorien ist gemeinsam, dass sie (zumindest auf den ersten Blick) konzeptionell keinen Raum für die moralische Berücksichtigung partikularer Interessen und persönlicher Beziehungen lassen.

Erst mit der ‚Renaissance’ der Tugendethik sowie dem Aufkommen der sog. Care Ethics (dt. Fürsorgeethik) seitens feministischer Philosophinnen wurde persönlichen Beziehungen mehr Bedeutung beigemessen. Persönliche Beziehungen wurden im Zuge dessen auf verschiedenste Weisen in die Moral integriert, z.B. indem man 1) Beziehungen selbst zu moralischen Phänomenen erklärte oder indem man 2) den Begriff der Moral um Beziehungen zu erweitern suchte. (Weitere Versuche der Integration sowie fundamentale Kritik an diesem Anspruch bleiben im Folgenden aus Platzgründen unerörtert).

Erklärt man persönliche Beziehungen zu einem moralischen Phänomen, dann versucht man herauszuschälen, wie uns persönliche Beziehungen zu Einstellungen und Handlungen motivieren, die als moralisch gut gelten. So sind wir gegenüber unseren Freunden meist empathisch, rücksichtsvoll und wohlwollend, z.B. wenn wir ihnen bei schmerzhaften Verlusten beistehen, ihnen bei Herausforderungen Mut zusprechen oder sie in Notlagen unterstützen. Auch wenn uns diese Handlungen gegenüber Freunden aufgrund der Tatsache, dass wir sie kennen und mögen, leichter fallen als gegenüber Fremden, kann man doch argumentieren – wie es etwa Lawrence Blum tut –, dass wir damit moralisches Handeln einüben, das in einem nächsten Schritt auch anderen Menschen zugute kommt. Wer persönlich erlebt hat, wie verunsichernd sich Arbeitslosigkeit auf einen Freund auswirken kann, wird sich weniger respektlos über andere Arbeitslose äussern.

Eine weitere Option zur Einbindung persönlicher Beziehungen in die Moral besteht in einer Revision dessen, was man unter Moral versteht. Interessant hierbei ist, dass die meisten von uns Beziehungen nicht als einen ‚moralfreien’ Raum betrachten, in dem wir uns moralisch komplett ‚gehen’ lassen können, sondern meist sogar höhere Ansprüche an unsere Liebsten und uns selbst stellen. Während wir von Unbekannten nicht erwarten, dass sie uns im Krankheitsfall im Spital besuchen, tun wir dies bei Freunden und Familie. Diese Pflichten, die wir gegenüber denen haben, mit denen wir in einer besonderen Beziehung stehen, werden (sofern man ihre Existenz vertritt) ‚spezielle Pflichten’ genannt. Einige Philosophen, z.B. Samuel Scheffler, sind nun der Ansicht, dass die Moral neben den allgemeinen Pflichten, die wir allen Menschen gleichermassen schulden, auch Platz für spezielle Pflichten machen müsse. Moral wäre demnach nicht nur unparteiisch, sondern würde auch Parteilichkeit umfassen.

Doch was heisst das nun konkret? Ist jede persönliche Beziehung als moralisches Phänomen zu verstehen bzw. als Quelle spezieller Pflichten? Intuitiv denken wir an gute Beziehungen wie Freundschaften, Liebesbeziehungen oder auch an Familienbeziehungen. Doch wir alle wissen leider auch (sei es durch Erzählungen oder eigene Erfahrung), dass Freunde ausnutzen, Partner betrügen, Eltern demütigen können und dies nicht nur einmal, sondern kontinuierlich. Dies bedeutet, dass nicht alle Freundschaften, Liebesbeziehungen und Familienbeziehungen tatsächlich gut und wertvoll sind. Hier hilft es zwischen Beziehungsformen und einer konkreten Beziehungsinstanz zu unterscheiden: Während wir z.B. Freundschaft generell als eine gute Beziehungsform einordnen können, müssen wir im Einzelnen genau hinschauen, ob diese eine konkrete Freundschaft zwischen Anna und Lisa tatsächlich (moralisch) gut ist und entsprechend spezielle Pflichten begründet. Sobald eine Partei in einer Beziehung die andere schädigt, respektlos behandelt und sich anderweitig ihr gegenüber schlecht verhält, stossen wir an Grenzen dessen, was durch den Wert einer Beziehung moralisch legitimiert werden kann.

Diese Grenze ist allerdings manchmal schwer zu erkennen – schliesslich kennen wir wohl alle den Zustand der Ambivalenz in einer Beziehung, der uns bisweilen fragen lässt: Was bedeutet mir noch diese Freundschaft, diese Liebesbeziehung? Kann ich dieses Fehlverhalten noch verzeihen? Hier hat die Philosophie noch einiges aufzuholen. Es hat einige Zeit gebraucht, bis man den Wert persönlicher Beziehungen verstanden und ihnen einen Platz in der Moral eingeräumt hat; nun geht es darum, ihre internen moralischen Grenzen besser auszuloten, indem man die Mechanismen von Schädigung, Unterdrückung und Manipulation innerhalb persönlicher Beziehungen kritisch analysiert. Denn die in guten Zeiten so wertvolle Intimität zeigt sich in schlechten Zeiten als enorme Verletzlichkeit.

 


 

Referenzen:

Einen guten Einblick in das Themenfeld persönlicher Beziehungen bietet folgender Sammelband: Axel Honneth / Beate Rössler (Hrsg.): Von Person zu Person. Zur Moralität persönlicher Beziehungen, Frankfurt a. Main 2008 (suhrkamp).

 

Über die Autorin

Beitrag von Dr. Magdalena Hoffmann, Universität Luzern