Blogbeitrag von Birgit Becker

„Was soll ich tun? – Habe Mut nachhaltig zu handeln!“

Aber sind denn alle freie Entscheidungen unabdingbar nachhaltige Entscheidungen? Nein, aber alle verantwortungsvollen Entscheidungen sind nachhaltig.

Müssen alle Handlungen nachhaltig sein? - nachhaltige Entwicklung in der Bildungsarbeit!

Die Grundprinzipien der Bildung zur nachhaltigen Entwicklung (BNE) kommen aus der Waldwirtschaft. 1713 prägte Carl von Carlowitz den Begriff der "Nachhaltigkeit". Es dürfe nur so viel Holz genommen, wie durch planmäßige Aufforstung gewonnen werden könne. 1987 in der Brundlandtkommission wurde das Konzept der BNE mit einer offiziellen Definition versehen: „(BNE ist) eine Entwicklung, welche die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können.“ Bildung sollte nach dieser Definition das eigene Handeln in einen größeren Zusammenhang stellen, damit zukünftige Generationen dieselben Chancen auf ein erfülltes Leben haben. Um jedoch bewusst handeln zu können, müssen wir die Zusammenhänge unserer Handlung durchschauen. Genau da setzt das Philosophieren an.

Was zeichnet Philosophierende aus?

Die Philosophierenden sind generell offen. Sie stärken ihre eigene Haltung, sie entwickeln eigene Werte, über die sie sich auch bewusst werden. Sie können Dilemmata ansprechen und auszuhalten, weil sie sie beleuchten können. Sie eignen sich die Fähigkeit zur Selbstreflektion an, können argumentieren und hinterfragen auch das anscheinend Richtige. Philosophierenden geht es um ein Verständnis, um wahre Erkenntnisse, nicht um ein Ansammeln von Wissen. Ihre neuen Erkenntnisse führen von der Haltung zur Handlung. Philosophierende setzen ihr eigenes Handeln in größere Zusammenhänge. Dieses Ziel verfolgt BNE und daher ist das Philosophieren der einzige Weg dahin.

Wie erreichen wir Selbstwirksamkeit?

In der Bildungsdebatte zur nachhaltigen Entwicklung wird von einer Selbstwirksamkeit gesprochen, die ein Kind erreichen soll. Meistens fühlen wir uns aber als Erwachsene in keinster Weise "selbstwirksam". Wir sind verschiedenen zivilisatorischen Zwängen, Nöten und Ansprüchen ausgeliefert. Bevor wir zu einer handelnden Selbstwirksamkeit kommen können, müssen wir uns von diesen Zwängen, Nöten und Ansprüchen in Distanz setzen. Nur wenn wir das tun, und den Alltag von uns schieben, erfahren wir uns als geistig selbstwirksam. Beim Philosophieren hinterfragen wir Grundannahmen und Voraussetzungen unseres Handelns. Beim Philosophieren fühlen wir uns frei im Denken und können uns zum handeln frei entscheiden, weil wir den Einfluss anderer aufdecken. Oder wie Janique es mit 9 Jahre formuliert: "Wenn man nachdenkt, kann man sich mit Worten wehren, dann muss man nicht immer alles machen, was die anderen wollen."

Von der Verantwortung zur Nachhaltigkeit

Aber sind denn alle freie Entscheidungen unabdingbar nachhaltige Entscheidungen? Nein, aber alle verantwortungsvollen Entscheidungen sind nachhaltig. Das Konzept der BNE spricht von Gestaltungskompetenzen und von der Verantwortung die eigene Handlung in größere Zusammenhänge zu setzen. Nichts ist schwieriger zu durchschauen als die Auswirkungen unseres Handelns.

BNE sensibilisiert uns vorausschauend zu denken und zu handeln und Veränderungen im Zusammenspiel von Ökonomie, Ökologie, Soziales und Kultur aktiv zu gestalten und Mitverantwortung zu übernehmen. Wir übernehmen Verantwortung für uns als Person in einer Welt, die uns geschenkt wurde und auf die wir Einfluss haben. Einen so großen Anspruch haben alle Philosophierenden. Eine verantwortungsvolle Beziehung aufzubauen kann man aber nur, wenn man eine Idee von nachhaltigen Handlungen hat. Verantwortung und Nachhaltigkeit sind eng miteinander verknüpft.

Zusammengefasst bedeutet das: Philosophieren ist dann widerspruchsfreie nachhaltige Bildung, wenn sie beständige Beziehungsarbeit zu mir, meinen Fragen und meinen Antworten ist. Bevor eine handelnde Selbstwirksamkeit bei Kindern, Jugendlichen oder Erwachsenen erreicht werden kann, muss es zu einer geistigen Selbstwirksamkeit kommen und diese offenbart sich in der Idee von nachhaltigen Handlungen.

Was soll ich tun, Herr Kant? - aktuell wie nie!

Bei der Frage nach geistiger Selbstwirksamkeit ist die Lehre von Immanuel Kant ein gutes Beispiel. Kants Ethik koppelt die Moralität einer Handlung kompromisslos von ihren Folgen ab. Diese liegt laut Kant nicht in ihren Folgen, sondern in ihrem Motiv, d.h. im Gewissen des Handelnden und ist eben deshalb dem Tribunal der Gesellschaft entzogen. Von außen prüfbar ist jedoch nur die Legalität, nicht die Moralität einer Handlung.

Der Moralitätsgedanke Kants geht von einem allgemeinen Gedanken der Aufklärung aus:

„'philosophisch' das hieß schlechterdings 'vernünftig' (...) Die Aufklärung glaubte an Einheit und Identität der Vernunft. Sie, die Vernunft, galt als ein und dieselbe für die denkenden Subjekte, für alle Nationen, Rassen, Epochen und Kulturen. Hinter der Fülle, der Vielfalt und dem Wechsel von Glauben und Sitten, Lebensüberzeugungen, theoretischen Positionen und Urteilen musste es einen festen Bestand geben, in dessen geschichts- und kulturübergreifender Beharrlichkeit die Vernunft sich selber zur Sprache bringt.“ (Blankertz, Herwig (1982). Die Geschichte der Pädagogik. Von der Aufklärung bis zur Gegenwart. Büchse der Pandora: Wetzlar. Seite 27)

Diese einheitsstiftende Vernunft ist das Fundament, ohne dass das selbstgesetzte moralische Gesetz (unter anderem das Sittengesetz von Kant) nicht angenommen werden kann. Nachhaltige Handlungen müssen also im Sinne Kants Vernunftsentscheidungen sein, die dem eigenen moralischem Gesetz entspringen.

Freiheit als Illusion

Der Mensch ist "Bürger zweier Welten". Einerseits gehört er selbst einer übersinnlichen Ordnung an und andererseits ist er in seiner eigenen Endlichkeit verhaftet. In der übersinnlichen Ordnung strebt er zu einem nachhaltigen Wesen. Verhaftet in seiner Endlichkeit arbeitet er dagegen, weil er um seine zeitliche Beschränkung weiß. Was bringt es, zeitlich beschränkt nachhaltig zu handeln, wenn Nachhaltigkeit selbst und unser nachhaltiges Handeln ein epochales Phänomen ist? Was wann und wie für uns nachhaltig ist, entscheiden wir aufgrund der vorherrschenden Kenntnisse, die sich schon im Laufe einer Generation überholen. Wir können uns keinen Begriff von einer absoluten nachhaltigen Lebensweise erarbeiten. Vielleicht könnte es unsere ausgereifte Vernunft, doch unsere begrenzte Wahrnehmungsfähigkeit vereitelt es uns. Wir sind nicht frei. Was unsere nachhaltigen Handlungen angeht, sind wir dem generativen Wissen und Zwängen ausgeliefert.

Eine menschliche Freiheit, in der allein nachhaltige Handlungen möglich sind, findet man nur in diesem menschlich gesetzten Gebot der praktischen Vernunft: Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne. Bekannt ist dieses Gebot als der kategorische Imperativ von Kant.

Wie geht das in eins? - Hindernisse nicht groß reden!

Die Paradoxie, Teil einer übersinnlichen Ordnung zu sein und als Einzelwesen im Hier und Jetzt beschränkt zu sein, lässt uns taub zurück. Unser Wissen von dem großen Nichtwissen lässt uns zunächst mutlos werden. Unser Nichtwissen von der absoluten nachhaltigen Lebensweise lässt uns verzweifeln. Diese Hindernisse scheinen übergroß und lassen Handlungen verebben, wo jetzt die Handlungen so wichtig wären.

Doch unsere Vernunft sensibilisiert sich zusehends und unsere Idee von nachhaltigen Handlungen knüpft immer tiefergehende Beziehungen zu mir, meiner Lebensweise und meiner Welt. Wir schöpfen Mut aus einem "als-ob-Leben" obwohl wir in einem "so-ist-Leben" stehen. Wir wirken "als-ob" wir eine absolute nachhaltige Lebensweise gefunden haben, selbst wenn wir sie stetig revidieren. Daraus schöpfen wir Mut und Vertrauen in die Zukunft.

Mut weitergeben

Erwachsene geben Kindern und Jugendlichen Mut und Vertrauen, eigene und damit echte Begriffe zu Nachhaltigkeit zu bilden und diese in Zusammenhang mit anderen Begriffen wie Ökonomie, Kultur und Ökologie zu bringen. Es gehört Mut dazu, anderen Mut zu geben, aber genau daraus entwickelt sich bei den Gebenden wie dem Nehmenden eine notwendige Haltung als Grundlage für unsere nachhaltigen Handlungen.

Wir können die Welt nicht in einem Schub ändern. Aber wir können mithilfe dem Philosophieren Bildungsarbeit leisten, um langfristig auch zukünftigen Generationen Chancen auf ein zufriedenes Leben zu geben.


Erwachsene geben Kindern und Jugendlichen Mut und Vertrauen, eigene und damit echte Begriffe zu bilden und diese in Zusammenhang mit anderen Begriffen zu bringen. Es gehört Mut dazu, anderen Mut zu geben, aber genau daraus entwickelt sich bei den Gebenden wie dem Nehmenden eine notwendige Haltung als Grundlage für unsere nachhaltigen Handlungen. Um reflektiert, und damit nachhaltig, handeln zu können, müssen wir die Zusammenhänge unserer Handlung durchschauen. Wir müssen während des Tuns Abstand finden von unserem eigenen Wirken und uns wie ein Dritter bei unserem Wirken beobachten. Wie kommen wir dazu, das so zu machen? Genau da setzt das Philosophieren an. Philosophierende werden aufmerksam, sie sprechen Dilemmata an und halten diese auch aus. Philosophierende eignen sich die Fähigkeit zur Selbstreflektion an, sie argumentieren und hinterfragen das anscheinend Richtige. Sie hinterfragen Grundannahmen und Voraussetzungen des Handelns und bewerten aufschlussreiche Beobachtungen. Durch das Philosophieren ebnen wir uns den Weg zu einer geistigen Selbstwirksamkeit, die der handelnden Selbstwirksamkeit vorausgeht. von Birgit Becker, Paidosophos