Blogbeitrag von Dr. Marius Christen

Die immerwährende Zukunft

Aussagen, die Zukünftiges zum Inhalt haben, haben also die Form von Wahrscheinlichkeitsaussagen. Das heisst, wir können heute nicht beurteilen, ob eine Aussage über Zukünftiges wahr oder falsch ist.

Unsere Zukunft ist ungewiss – soviel ist gewiss. Walther Ch. Zimmerli weist in seinem Blogbeitrag vom 20. Oktober 2016 treffend darauf hin, dass sich die Rede von Zukunft immer als Rede über Möglichkeiten gestaltet und wir „tatsächlich immer über verschiedene Zukünfte“ sprechen, wenn wir über die Zukunft sprechen. Aussagen, die Zukünftiges zum Inhalt haben, haben also die Form von Wahrscheinlichkeitsaussagen. Das heisst, wir können heute nicht beurteilen, ob eine Aussage über Zukünftiges wahr oder falsch ist. Es handelt sich vielmehr um Aussagen, die sich, solange sie Aussagen über Zukünftiges bleiben, einer Wahrheitsüberprüfung entziehen. Dieses Charakteristikum macht die Rede über Zukünftiges zu einem heiklen Geschäft.

Noch herausfordernder wird dieses, wenn nicht nur Beschreibungen von möglichen Zukünften zur Beurteilung vorliegen, sondern wenn zusätzlich Fragen nach der Bewertung von Zukunft in den Blick kommen. Solch evaluative Beurteilung ist insbesondere bei Entscheidungen, die heute gefällt werden, aber zukünftig lebende Menschen betreffen, von zentraler Bedeutung – beispielsweise bei Entscheidungen bezüglich des Umgangs mit dem Klimawandel. Unsere Entscheidungsgrundlage bilden hierbei einerseits Szenarien – mögliche Zukünfte – und andererseits Bewertungen dieser Szenarien. Die Krux liegt darin, dass wir weder wissen, welche Aussagen über Zukunft aus dem Pool der Möglichkeiten sich bewahrheiten werden – welches Szenario also eintreffen wird –, noch wie wir die Möglichkeiten unter Berücksichtigung der in Zukunft betroffenen Menschen bewerten sollen. Denn wir wissen schlicht nicht, wie zukünftig lebende Menschen selbst ihre Lebenswelt bewerten werden. Werden also Aussagen über Zukünftiges als Grundlage für heute anstehende Entscheidungen zu Rate gezogen – und darum kommen wir in so vielen Angelegenheiten nicht herum –, stehen wir auf doppelt dünnem Eis.

Bleibt uns also reines Kaffeesatzlesen? Die Wissenschaft hat bekannterweise Strategien zur Stabilisierung von Zukunftsaussagen entwickelt, etwa anhand von Modellen und Szenarien. Aber wie gehen wir mit der Schwierigkeit bezüglich der Bewertung künftiger Zustände um? Es lohnt sich, hierfür die Grundlagen bezüglich Bewertungen zu reflektieren – und verschiedene theoretische Möglichkeiten abzuwägen.

Der skizzierten Situation des doppelt dünnen Eises liegt die Annahme zugrunde, dass Bewertung ein rein subjektiver Vorgang ist. Und dass damit im Wesentlichen alles über Werte gesagt ist, was man über diesen Gegenstand sagen kann. Bewertung wird damit als hinreichende Bedingung für Werte erachtet. Gemäss dieser subjektivistischen Position können Werte – wie in der Psychologie und Ökonomie üblich – als Präferenzen, d.h. als Bevorzugung eines Gegenstands vor einem anderen, konzipiert und untersucht werden. Dahinter liegt eine starke philosophische Tradition, deren Wurzeln bis zu David Hume zurückreichen. Gemäss Hume lassen sich Werte auf „perceptions in the mind“ reduzieren, also auf mentale Einstellungen.[1] Die logischen Positivisten (z.B. Rudolf Carnap), die Emotivisten (z.B. Alfred Jules Ayer) und die Präskriptivisten (z.B. Richard Mervyn Hare) sind dieser Argumentation gefolgt und haben dem Wertesubjektivismus im 20. Jahrhundert zu Prominenz verholfen. Folgt man ihm, kommt Aussagen über Werte kein Wahrheitswert zu. Was einzig auf ihre Wahrheit untersucht werden kann, sind Aussagen darüber, ob ein Gegenstand wertgeschätzt bzw. präferiert wird oder nicht.

Werden Aussagen zu Zukunftsszenarien auf Grundlage einer solch subjektivistischen Werttheorie beurteilt, fällt neben ihrer faktischen auch ihre evaluative Beurteilung äusserst vage aus. Das ist die Situation des doppelt dünnen Eises. Die neuere philosophische Debatte über Bewertung und Werte macht jedoch auf eine Unterscheidung aufmerksam, die einen entscheidenden Unterschied macht – und auch die evaluative Beurteilung von Zukunftsaussagen bedeutend zu stabilisieren vermag.

Bewertung – darin geht die alternative mit der subjektivistischen Position einig – ist zwar wesentlich für Werte. Doch eine Bewertung ‚generiert’ nur einen Wert, insofern sie auf etwas Bezug nimmt, das wertzuschätzen wir einen Grund haben. Damit etwas tatsächlich als wertvoll bezeichnet werden kann, genügt es demnach nicht, dass dieses wertgeschätzt wird. Vielmehr muss die Wertschätzung eben auch mit guten Gründen vollzogen werden.[2]

Auf einer solch nicht-reduktionistischen werttheoretischen Grundlage lassen sich universelle Werte begründen, nämlich als Gegenstände, die alle wertzuschätzen gute Gründe haben. Was hiermit ins Spiel kommt, ist der normative Charakter von Werten. Wenn es unabhängig von tatsächlicher Wertschätzung gute Gründe gibt, etwas Bestimmtes wertzuschätzen, bedeutet dies, dass dieses Bestimmte wertgeschätzt werden sollte. Ein Beispiel hierfür ist menschliches oder gutes menschliches Leben – sowie die Bedingungen, die gutes menschliches Leben ermöglichen. Aussagen über universell von allen Menschen wertzuschätzende Gegenstände reklamieren einen Wahrheitswert – und zwar aufgrund der Universalität ihrer Forderung unabhängig des Tempus der Aussage: Unabhängig der zeitlichen (und örtlichen) Verortung haben Menschen guten Grund, menschliches Leben wertzuschätzen.[3]

Für die Rede über mögliche Zukünfte bildet die Annahme universeller Werte somit ein stabilisierendes Gerüst. Auch wenn unsere faktische Zukunft ungewiss ist, unsere evaluative Zukunft bleibt demgemäss stabil. Im Unterschied zu subjektivistischen scheinen nicht-reduktionistische Werttheorien für die Beurteilung von Zukunftsaussagen deshalb attraktiv. Auf ihrer Basis kommt selbst der Zukunft etwas Immerwährendes zu.

 




[1] Hume, D. (1978 [1739]): A Treatise of Human Nature, Oxford: Clarendon Press. III.I.I.
[2] Diese Position wird in der philosophischen Debatte fitting Attitudes-Analyse von Werten genannt (siehe z.B. Rabinowicz, W., Rønnow-Rasmussen, T. (2004): The Strike of the Demon: On Fitting Pro-attitudes and Value, in: Ethics 114, S. 391-423).
[3] Ausführlicher beschrieben sind die werttheoretischen Optionen in Christen, M. (2013) Die Idee der Nachhaltigkeit. Eine werttheoretische Fundierung, Marburg: Metropolis Verlag.