Blogbeitrag von Prof. Dr. Christoph Jamme

Liebe zwischen Natur und Kultur

In der Liebe kreuzen sich Natur und Kultur, und sie ist die wohl größte Bewegung im Leben des Menschen.

Ein großer Theoretiker der Liebe, der aber oft übersehen wird, ist Stendhal, der 1822 ein Buch veröffentlicht über die Liebe (das, im Gegensatz zu heutigen Büchern über die Liebe, in den ersten zehn Jahren nur 17 Käufer gefunden hat). Erst nach zwei Generationen ist es rezipiert worden, nämlich am Ende der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Zusammenhang mit dem Impressionismus und mit dem Psychologismus. Das Gefühlsleben der Romantiker war ihm fremd. Stendhals Buch ist vielmehr der erste moderne Versuch, eine eingehende Naturbeschreibung der Liebe zu liefern, ja sogar ihre Naturgeschichte zu entwerfen. Was er will, ist die beim kultivierten Menschen so komplizierte Verflochtenheit von Fleisch und Geist zu enthüllen. Wie gehören die geistige und die sinnliche Seite der Liebe zusammen?

In der Liebe kreuzen sich Natur und Kultur, und sie ist die wohl größte Bewegung im Leben des Menschen. Aber in dieser These ist natürlich schon der Begriff „Natur“ sehr problematisch. Die Liebe ist ja nicht nur Gegenstand der Evolutionsbiologie, sondern auch der Hirnforschung, der Psychologie und der Soziologie. Viele dieser Ergebnisse sind sehr populär geworden.

Vor allem über die biologischen Bedingungen der Liebe ist in den letzten Jahren viel geforscht worden. Es gibt zum Beispiel die Grundthese, dass die durchschnittliche Beziehungsdauer weltweit (über alle Kulturen) 5 Jahre beträgt. Eine Begründung liefert die Anthropologin Helen Fisher: die Natur hat die Liebe ins Leben gerufen, um zwei Menschen aneinander zu binden – allerdings nicht für immer, sondern nur solange, bis der gemeinsame Nachwuchs aus dem Gröbsten raus ist.

Ein anderes Forschungsfeld sind die Pheromone, bekannt als Lockstoffe der Liebe. Wenn der Geruch nämlich stimmt, dann kann man davon ausgehen, dass der gemeinsame Nachwuchs eine vernünftige genetische Ausstattung hat.

In der Psychologie der Liebe hat sich auch sehr viel getan. So erstellen Paarforscher Partnerschaftsdiagnosen, d.h. sie suchen nach Zeichen, die erkennen lassen, ob ein Paar zusammenbleiben wird oder nicht. Die Liebe, so wie wir sie verstehen, ist heute auch zum Gegenstand von ganz behavioristischen Untersuchungen geworden. Amerikanische Psychologen haben z.B. unterschiedliche Liebesstile identifiziert. Frühe Erfahrungen mit den Eltern prägen den späteren Liebesstil. Das ist in der Psychoanalyse schon sehr früh aufgewiesen worden. Die Bindungsforschung zeigt, dass jeder von uns seine eigene z.T. sehr komplizierte Vergangenheit mit in eine neue Beziehung trägt. Und das sind ja nicht nur die Eltern, sondern das sind natürlich auch die Erfahrungen der letzten Beziehungen, die wir mitbringen.

Hinzu kommt die Geschlechterdifferenz. Frauen sprechen Probleme der Partnerschaft an, Männer drücken sich notorisch davor. Frauen haben in der Regel ein besseres Einfühlungsvermögen.

Ein weiteres Problem, mit dem die Psychologie der Liebe sich heute beschäftigt, ist das Flirten. In den ersten Sekunden ist im Grunde alles entschieden, wenn man jemanden sieht. Der erste übrigens, bei dem man das nachlesen kann, ist Ovid. In seiner Ars Amatoria wird schon darauf reflektiert: bekomme ich überhaupt die Aufmerksamkeit eines anderen?  

Liebe, so hatte ich gesagt, ist ein Kreuzungspunkt von Natur und Kultur, und deshalb jetzt noch ein paar Worte zu ihrer kulturellen Seite. Unsere Liebe ist eine Erfindung des 19. Jahrhunderts, genauer der Romantik. Die romantische Liebesbeziehung und damit einhergehend die „Liebesehe“ entstand als Gefühlsgemeinschaft um 1800 und begründete die bürgerliche Kleinfamilie; die Ehe als vor allem ökonomisch motivierte Zweckgemeinschaft verschwand mehr und mehr. Dieses bürgerliche Eheideal nahm im Verlauf des 19. Jahrhundert immer klarer Gestalt an. Damit ging übrigens auch eine ganz bestimmte Geschlechterideologie einher, nämlich die der polaren Geschlechtercharaktere: der Mann ist aktiv, die Frau ist passiv. Die Frau soll dienen, sich unterwerfen, der Mann soll herrschen. Und idealerweise sollen die beiden sich ergänzen. Diese biologischen Codierungen lösen die bis dahin vorherrschenden christlich-moralischen Codierungen ab. Damit entsteht auch der Gegensatz zwischen Intimisierung (häusliche Sphäre) und Versachlichung (Außenwelt). Der Preis war, dass der Mann mit dem Versorgungszwang belegt wurde und mit dem Härteklischee, das erst um die Mitte des 20. Jahrhunderts aufgebrochen wurde.

Dass die Ehe überhaupt zur Liebesehe werden konnte, hat eine längere Entwicklung, und deshalb sei hier abschließend noch etwas zum ganz komplizierten Verhältnis von Ehe und Liebe gesagt. Ursprünglich wurden Ehen geschlossen aus ganz anderen Gründen als aus Liebe. Nämlich aus materiellen Gründen, aus standespolitischen Gründen oder auch aus gesellschaftlichen Gründen. Und erst ab 1800 aus gegenseitiger Zuneigung und aus individueller Partnerwahl. Das ist eine historisch völlig neue Entwicklung. In der Antike zum Beispiel liebte der Grieche seine Ehefrau nicht. Erotik spielte in der Ehe auch überhaupt keine Rolle, es ging nur um die Zeugung von Nachkommen, aber auch die gefühlsmäßige Bindung spielte keine Rolle. Die Ehe war eine Wirtschafts- und Solidargemeinschaft. Der wesentliche Bereich des antiken Sexuallebens hat sich außerhalb der Ehe abgespielt, nämlich in der Prostitution (die Hetären waren die einzigen im öffentlichen Leben zugelassenen Frauen). Die wirklich wahre Liebe gab es, in der Päderastie, also in der Knabenliebe, d.h. in der Mentorschaft eines erwachsenen Mannes für einen heranwachsenden halbwüchsigen Knaben. Dieses Liebesbegehren war einseitig, denn es war ein Erziehungskonzept. Der Knabe wurde in die Gesellschaft, in die Philosophie, in die Wissenschaft eingeführt.

Im Mittelalter des 11. Jahrhunderts beobachten wir auch eine große Differenz zwischen der ritterlichen bzw. höfischen Liebe und der ehelichen Liebe, wobei die höfische Liebe übrigens ganz entfernte Ähnlichkeit mit der griechischen Knabenliebe hat. Die amour courteois war zwar ehebrecherisch, aber asketisch. Es ist der Ritter, der sein Leben aufs Spiel setzt, um der angebeteten Herrin zu gefallen.

Die heutige Zeit bietet ein völlig anderes Bild, wir haben eine neue Erfindung von Ehe und Familie, die sich, wie gesagt, im 19. Jahrhundert überhaupt erst herausgebildet hat. Auch das Zuhause ist ebenfalls eine recht neue Erfindung. Über viele Jahrhunderte hinweg lebten Familien in Haushalten, die auch Knechte, Mägde und Gäste umfassten. Haushalte waren komplexe ökonomische, soziale und kulturelle Institutionen, die, von einem Hausvater geführt, das gemeinschaftliche Leben organisierten (Oikos). Bevor Nationen und Fabriken die europäischen Gesellschaften umstrukturierten, bildete der gottesfürchtige Haushalt die Grundlage des christlichen Abendlandes. Das Bevölkerungswachstum und die politischen und industriellen Revolutionen haben diese Familienstruktur im 19. Jahrhundert verändert. Die Bevölkerungszunahme, um nur ein Beispiel zu nennen, hatte auf das Heiratsalter wie auch auf die Kinderzahl unmittelbaren Einfluss. Die Säkularisierung veränderte die Sexualität, die Trennung von Haus und Arbeit machte aus dem Pater Familias nicht nur den Fabrikarbeiter, sondern auch den Ehemann. Zum Reich der Frau wurde nun das Heim erkoren, während dem Mann die Rolle des Ernährers zufiel. Die Liebeskonzeptionen unterliegen also auch sozialgeschichtlich begründeten Veränderungen.

Wie sieht es heute aus? Die Soziologie hat aufgewiesen, dass die Ehe noch nie so unmateriell begründet war wie heute. Erwerbstätige Männer und Frauen sind ökonomisch familienunabhängig, die selbstverständliche Bindung durch Herkunft ist also genauso gelockert worden wie die Gemeinsamkeit eines Arbeitszusammenhanges. Kurz: alles Feste und Vorgegebene verflüchtigt sich. Stattdessen soll nun vieles in der Ehe, in der großen Herzenseinheit mit der geliebten Person, gesucht und gefunden werden.

Wir haben aber einen ganz paradoxen Befund, von dem die Soziologen heute ausgehen: wir konstatieren auf der einen Seite den Zerfall der Familie, auf der anderen Seite beobachten wir aber auch eine geradezu Vergötzung der Liebe und Ehe. Eine Allensbach-Umfrage aus dem Juli 2015 zeigt, dass die Wertschätzung der Ehe in Deutschland ungebrochen ist. Auch für junge Menschen ist sie das Leitbild ihres Zusammenlebens. Daran haben weder steigende Scheidungsraten (mehr als jede dritte Ehe in Deutschland wird geschieden) etwas geändert noch die deutlich gewachsene Toleranz gegenüber homosexuellen Paaren. Gleichzeitig beobachten wir, dass einerseits die Zahl der Single-Haushalte steigt und andererseits Internet-Datingbörsen immer populärer werden. Die große Liebe, so eine Erklärung, gilt heute als überhöht, inszeniert, unerreichbar.

Das wusste schon die Weltliteratur: die wahre Liebe ist tatsächlich in diesem Leben unerreichbar.

 

Über den Autor

Beitrag von Prof. Dr. Christoph Jamme, er ist seit 1997 Professor für Philosophie an der Leuphana Universität Lüneburg. Nach dem Studium der Germanistik, Philosophie und Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft Promotion und Habilitation an der Ruhr-Universität Bochum. Von 1994-1997 war Jamme Professor für Geschichte der Philosophie mit besonderer Berücksichtigung des Deutschen Idealismus an der Friedrich-Schiller-Universität Jena.