Ein Blogbeitrag von Elke Elisabeth Schmidt, M.A.

Liebe & Einheit

"Die Menschen, jeder ursprünglich Teil eines Kugelmenschen, sehnten sich aber danach, sich wieder mit ihrer anderen Hälfte zu vereinigen."

Die Philosophie kennt seit der Antike die sogenannte Einheitstheorie der romantischen Liebe. Sie geht zurück auf Platons Symposion, in dem beschrieben wird, wie die Teilnehmer eines Gastmahls darum wetteifern, die schönste Lobrede auf den Gott Eros zu halten. Die wirkmächtigste dieser Reden ist die des Komödiendichters Aristophanes: In früherer Zeit, so erzählt er, hatten die Menschen eine kugelförmige Gestalt mit je vier Beinen, vier Armen und zwei Gesichtern. Wegen ihrer Hochmütigkeit bestraften die Götter die Menschen, indem sie ihre Körper in zwei Hälften teilten und so die zweibeinige Menschengestalt erschufen. Die Menschen, jeder ursprünglich Teil eines Kugelmenschen, sehnten sich aber danach, sich wieder mit ihrer anderen Hälfte zu vereinigen. Um dieses Bestreben nach Vereinigung zu stillen, ermöglichten die Götter ihnen die geschlechtliche Vereinigung; das Liebes- und Sexualverhalten der Menschen wird somit als Verlangen verstanden, wieder zur Einheit zu gelangen.

 

Nun kann man diesen Mythos als absurd-romantisch und aller tiefen Einsicht entbehrend verstehen ‒ oder man kann nach einer philosophischen Essenz suchen. Und tatsächlich gibt es PhilosophInnen, die eine Einheitstheorie der Liebe vertreten, gleichwohl ihre Theorien mit Aristophanes‘ Mythos nicht mehr viel gemein haben. Sie verstehen romantische Liebe als eine psychische, geistige oder auch physische Einheit (mindestens) zweier Menschen – und um diese Theorie zu denken muss man keineswegs die irrige Annahme vertreten, es gäbe auf der ganzen Welt nur den einen und einzigen Menschen, den man lieben könnte.

 

Es bieten sich drei Modelle an: Ein starkes Modell disqualifiziert sich von vornerhein, da es davon ausgeht, die singulären Existenzen der Liebenden gingen gänzlich in einer Einheit auf und verschmelzten gewissermaßen, ohne noch unabhängig existieren zu können. Die Einwände liegen auf der Hand.

 

Ein zweites Modell scheint vielversprechender, da es Liebe als Streben nach Einheit versteht, wobei diese Einheit aber prinzipiell nicht erreicht werden könne. Hiergegen aber ließe sich einwenden, dass es unvernünftig ist, nach etwas zu streben, das, erstens, prinzipiell unerreichbar ist (völlige Einheit), und das, zweitens, letztlich nichts weniger als das eigene Selbst gefährdet.

 

Es bleibt ein letztes, sagen wir: gemäßigtes Modell. Danach bestehen die Liebenden als Individuen (natürlich) fort, bilden aber gleichzeitig durch ihre enge Verbindung eine zusätzliche, reale Entität, die Einheit. – Was aber soll eine solche neue Entität sein? Geht damit nicht eine überflüssige, grundlos postulierte Erweiterung der Welt und der Dinge in ihr einher, die spätestens seit Ockhams heuristischem Prinzip der Sparsamkeit vermieden werden sollte? Doch man kann sich leicht vor Augen führen, dass der Begriff der Einheit in vielen Kontexten unverzichtbar und die Annahme zusätzlicher Einheits-Entitäten keineswegs überflüssig oder absurd ist: So bestehen die allermeisten Objekte aus kleineren Teilen und sind erst in der Verbindung das, was sie sind (wie Moleküle, Bäume und Gesellschaften); auch ein Orchester existiert nur als Einheit der beteiligten Musiker und jedenfalls als neue Entität, in der ‒ und durch die ‒ Individuen gemeinsam handeln und die von Anderen auch wahrgenommen wird. Die Einheit der Liebenden zeichnet sich nun, im besten Fall und vermittelt über gemeinsame intentionale Einstellungen, durch allerhand Geteiltes aus, etwa geteilte Bedürfnisse, Interessen, Aktivitäten, Entscheidungen und Ziele. Und insofern das Selbst auch in Wechselwirkung mit (und nicht nur durch Abgrenzung von) Anderen geformt wird, überrascht es nicht, dass Liebende ihre Identität auch in Wechselwirkung mit ihrem Gegenüber ausbilden. So könnte man sagen, dass sich die Identitäten der Liebenden ineinander „verschränken“,i und jedenfalls wäre es denkbar, auch die Liebenden als Einheit und somit entitätsstiftend zu verstehen.

 

Nun mag das gemäßigte Modell noch immer als problematisch eingestuft werden, da es die Abschaffung des eigenen Selbst zu befördern scheint; die Autonomie der Beteiligten scheint durch die Einheit bedroht – was es freilich auch aus feministischer Perspektive im Hinblick auf patriarchale Strukturen angreifbar macht. Insofern aber gemäß diesem Modell die Liebenden als Individuen weiterhin bestehen und die entstehende Einheit eine dritte Entität ist, sind diese Bedenken haltlos. Da die Einheit dynamisch verstanden werden kann und somit keineswegs zum „Stillstand“ii verdammt ist, lässt dieses Modell zudem Raum sowohl für den viel beschriebenen Wandel der Liebenden durch die Liebe und ihre vielfältigen Interaktionen als auch für die je individuelle Entwicklung der Liebenden.

 

Ein Einwand bleibt aber: Auch zwei Freunde (z. B.) gehen eine Verbindung und somit eine Einheit ein; bei einer Vielzahl zwischenmenschlicher Beziehungen entstehen neue Einheiten, deren Bildung somit kein Alleinstellungsmerkmal romantischer Liebe sein kann. Also wäre wenig damit gewonnen, Liebe als Einheit zu bezeichnen.

 

Der Einheitstheoretiker könnte nun den Begriff der Einheit spezifizieren: Er könnte sie nur dort verorten, wo die Verbindung zweier Menschen von besonderer Tiefe und Intensität geprägt ist. Will man aber nicht ad hoc bestreiten, dass etwa im Falle früher Eltern-Kind-Liebe oder intensiver Freundschaft ebenfalls tiefe Bindungen im Sinne einer Einheit vorliegen, muss man die Einheit entweder als alle Liebestypen einendes Moment verstehen; oder man sucht nach einem Merkmal, das die Einheit romantischer Liebe von anderen Liebesarten unterscheidet. Die Zuschreibung spezifisch romantischer Merkmale wie etwa Sexualität erweist sich allerdings als problematisch: Denn eine Theorie der Liebe sollte nicht nur idealtypische Konstellationen beschreiben und etwa Liebe ohne Sex vom Begriff romantischer Liebe ausschließen.iii

 

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i Vgl. Horn, Ch. 2014, Liebe als soziales Phänomen: Intersubjektivitätstheorien. In: Mertens/Müller (Hg.), Die Dimension des Sozialen. Neue philosophische Zugänge zu Fühlen, Wollen und Handeln, Berlin/New York, 81‒102.

 

ii Krebs, A. 2015, Zwischen Ich und Du. Eine dialogische Philosophie der Liebe, Berlin, 50. Krebs‘ Buch liefert nicht nur eine eigenständige (dialogische) Theorie der Liebe, sondern auch einen umfassenden Überblick über Liebestheorien.

 

iii Für Einheitstheorien der Liebe vgl. u. a.: Fisher, M. 1990, Personal Love, London; Friedman, M. 1998, Romantic Love and Personal Autonomy. Midwest Studies in Philosophy XXII, 162–181; Nozick, R. 1989, Love's Bond. In: Nozick, The Examined Life. Philosophical Meditations, New York, 68–86; Scruton, R. 2006, Sexual Desire. A Philosophical Investigation, London/New York; Solomon, R. C. 1988, About Love: Reinventing Romance for Our Times, Indianapolis/Cambridge.