Blogbeitrag von Prof. Dr. Katrien Schaubroeck

Gibt es eine Liebespflicht?

"In welchem Sinn ist Nächstenliebe denn ein Ideal? Ist es ein moralisches Ideal?"

In der Weihnachtszeit und zum Anfang eines neues Jahres ist es angemessen, über die Liebe nachzudenken – insbesondere über die Nächstenliebe. “Ein schönes Ideal, aber schwierig zu erreichen”, denken viele Leute. Aber vielleicht ist das Ideal nicht nur schwierig , sondern unmöglich zu erreichen. Und in welchem Sinn ist Nächstenliebe denn ein Ideal? Ist es ein moralisches Ideal? Darf man von einer moralischen Pflicht sprechen, alle Menschen lieb zu haben? Darf man überhaupt von einer Liebespflicht sprechen?

 

Der amerikanische Ethiker Matthew Liao (link: https://global.oup.com/academic/product/the-right-to-be-loved-9780190234836?cc=be&lang=en& ) glaubt, dass Kinder das Recht haben, lieb gehabt zu werden, weil das Empfangen von Liebe eine Voraussetzung für ein gutes Leben ist. Das Recht kommt zusammen mit einer Pflicht, Kinder lieb zu haben. Aber macht es Sinn, eine Pflicht zu Liebe zu unterstellen? Es gibt wichtige Gegenargumente.

 

Zum ersten scheint Liebe ein Gefühl zu sein, und wie alle Gefühle, ist Liebe nicht kommandierbar. So schreibt Immanuel Kant in der Tugendlehre von Die Metaphysik der Sitten (1797): “Liebe ist eine Sache der Empfindung, nicht des Wollens, und ich kann nicht lieben weil ich will, noch weniger aber weil ich soll (zur Liebe genötigt werden); mithin ist eine Pflicht zu lieben ein Unding.” Matthew Liao argumentiert, dass Gefühle trotzdem manipulierbar sind. Es gibt Strategien, um ein Gefühl hervorzurufen, wenn man die Abwesenheit eines Gefühls bedauert. Zum Beispiel, Lachen macht fröhlich, auch wenn es anfänglich kein echtes Lachen war.

 

Vielleicht hat Liao Recht, dass Fröhlichkeit, Wut oder Traurigkeit manipulierbar sind, aber Liebe scheint nicht so einfach hervorrufbar zu sein. Selbst wenn Liebe kommandierbar wäre, ändert die Kommandierung die Bedeutung. Kinder wollen doch, dass ihre Eltern sie mögen und freiwillig lieben!

 

Auch wenn man glaubt, dass Eltern verpflichtet sind, ihre Kinder zu lieben, gibt es zum zweiten noch die Frage, ob die Pflicht verallgemeinerbar ist zur Nächstenliebe. Stephen Asma argumentiert dagegen in dieser Kolumne (link: https://opinionator.blogs.nytimes.com/2013/01/05/the-myth-of-universal-love/ ). Nicht alle Menschen dürfen mir um Zeit, Sorge, Geld in gleichem Masse fragen, sagt er. Sonst verschwinden Werte wie Loyalität, Dankbarkeit und Freundschaft. Persönlich finde ich, dass Nächstenliebe ein zu abstraktes Ideal ist, um uns wirklich zu motivieren. Vielleicht ist es wertvoller, unser Vermögen, jemanden liebzuhaben nicht zu verbreiten, aber zu vertiefen. Auf jeden Fall will ich mich in 2018 mehr um meine Freunde, Familie und Kinder kümmern, nicht weil ich das ihnen verpflichtet bin, sondern weil ich Ideale, wie Loyalität, Dankbarkeit und Freundschaft, schwierige, aber doch klare Ideale finde.