Blogbeitrag von PD Dr. Winfried Rohr

Existentielle Wirklichkeit – Konvergenzpunkt von Liebe und Gemeinschaft

"So erfasst die Liebe beim Eindringen in die Existenz des Anderen ihn mit dem Bestreben ihn als Ganzen zu verstehen. In diesem Sinn geht die Liebe aufs Ganze."

Nur ein Mensch in Not – psychischer oder physischer Art – kann ermessen, ob eine Hilfe wirklich eine Hilfe ist oder nicht. Geht es darum, ihm Nahrung oder Kleidung zu geben, ist die Haltung des Gebers, die ja auch durch das Bedürfnis nach der Ruhe vor den aufdringlichen Hilferufen sein könnte, leichter auszublenden als bei einer seelischen Not, in der die helfende Zuwendung die gesamte Existenz dieses Menschen betrifft. Wie leicht sieht man sich nicht verstanden und hat den Eindruck, dass die Hilfe nur äußerlich die Probleme berührt, aber ihnen nicht gerecht wird. Wird das Problem doch erfasst, ist die Frage, ob es bei einem rationalen Einordnen bleibt, oder ob die Not dieses Menschen zu einer Bereitschaft führt, ihm konkret und seiner Situation angemessen beizustehen. Diese Schwelle zu überschreiten heißt, sich der Wirklichkeit dieses Menschen nicht mehr nur um des Erkennens seiner Not oder um der Befriedigung des eigenen Helfenwollens willen, sondern ganz um seinetwillen anzunehmen. Die Dimension der Wirklichkeit dieses Menschen, die in einer solchen Zuwendung erreicht wird, begreift die eigenen Möglichkeiten bzw. Fähigkeiten des Notleidenden ein, sofern sie förderlich für ihn geweckt können. An diesem Punkt ist schon eine große Zugewandtheit und Nähe erreicht, die die Wirklichkeit der Freiheit des Anderen, in der er sich möglicherweise bevormundet fühlen könnte, zu beachten hat. Ein solches Vordringen in die Wirklichkeit des Notleidenden wird von diesem erlebend, nicht beobachtend, sehr genau wahrgenommen und er erfasst, ob die Hilfe aus Liebe kommt.

 

Die Perspektivierung aus der Sicht des Empfangenden ermöglicht, die Dimension des Wirklichen in den Blick zu nehmen, die vom Handelnden erreicht wird oder nicht. Die Kraft, mit der sie erreicht werden kann, ist die Liebe. Ohne sie geht es nicht, denn sie ist nicht in den erforderlichen Einzelleistungen ersetzbar. Darum kann sie in der Persönlichkeit des Liebenden nur so Gestalt gewinnen, dass sie diese differenzierte Nähe zum Anderen um seinetwillen in unmittelbarer Rückbindung zu ihm aufbaut. So sehr allerdings, wie dargestellt, die Wirklichkeit des Geliebtseins des Notleidenden ein besonderer Indikator ist, muss auch die Möglichkeit gesehen werden, dass der Liebende jene besondere personale Wirklichkeit des Anderen zwar tatsächlich erfasst, aber seine Liebe von ihm nicht angenommen wird. Eine solche unverstandene Liebe ist das Gegenstück zur unverstandenen Not. Ihnen gemeinsam ist jene Wirklichkeit, auf die sich die Liebe richtet und in deren Erfassung Gemeinschaft erst zustande kommen kann.

 

Der philosophisch versierte Begründer der Logotherapie, Viktor E. Frankl, hat diesen Berührungshorizont der Wirklichkeit des Anderen zu seinem Hauptthema erklärt, indem er von der Liebe sagt: „Liebe, könnte man sagen, lässt uns des Wertbildes eines Menschen ansichtig werden. Insofern vollbringt sie eine geradezu metaphysische Leistung. Denn das Wertbild, dessen wir im Vollzug des geistigen Liebesaktes jeweils ansichtig werden, ist wesensgemäß das ,Bild’ von etwas Unsichtbarem, Unwirklichem – Unverwirklichtem.“1 Frankl bezeichnet die Wirklichkeit, die die Liebe freilegt als das „Wertbild eines Menschen“. Die Liebe schaut damit auf den unveräußerlichen Kern der Person – dies ist die „metaphysische Leistung“ –, durch den die ganze Vergangenheit, die sie geprägt hat, einzigartig an sie gebunden ist. Sie vermag aber auch von hier aus auf ihre Zukunft zu blicken, in der sie Gestaltungsmöglichkeiten mitvollziehen kann. Insofern ist die Wirklichkeit, auf die die Liebe sich ausrichtet, eine Entdeckung, nämlich die des „Unverwirklichten“. Von Wirklichkeit ist hier nur zu sprechen, wie z.B. ein Pädagoge in seinem ihm Anvertrauten Entfaltungsmöglichkeiten entdeckt, die in diesem schlummern und möglicherweise drohen ungenutzt zu bleiben. Mit dem „Unverwirklichte“ meint Frankl jene Möglichkeiten, die konkret verwirklicht werden können; und sofern diese zukünftige Verwirklichung schon in der Person als angelegt erkannt wird, schaut die Liebe auf das Verwirklichenswerte, in dem Person und ihre Verwirklichung schon eine Einheit bilden. So erfasst die Liebe beim Eindringen in die Existenz des Anderen ihn mit dem Bestreben ihn als Ganzen zu verstehen. In diesem Sinn geht die Liebe aufs Ganze.

 

Frankl geht in der Bedeutung der von der Liebe erfassten Wirklichkeit noch weiter: Er bezeichnet dieses Verständnis von existentieller Wirklichkeit einer Person als Sinnhorizont, der nicht erfunden, sondern nur gefunden werden kann2, und zwar in der liebenden Begegnung mit den Bedingungen jener Situationen, in denen Personen sich begegnen. Im Finden jener verwirklichungswerten Handlungs- bzw. Einstellungsmöglichkeiten, die die konkreten Situationen dem zur Liebe bereiten Menschen als das Beste gewissermaßen anbieten, hilft der Liebende nicht nur Anderen zu ihrer Sinnfindung, indem er z. B. die Liebe des ihm Anvertrauten zu dem für ihn Verwirklichungswerten weckt, sondern auch er selbst handelt angemessen, wenn er in diesem Tun den Sinn für sich selbst findet. Liebe ist allerdings erst dann im Vollsinn Liebe, wenn sie dies selbstvergessen tut – in „Selbsttranszendenz“3, wie Frankl sagt. Liebende Sinnfindung ist auf diese Weise Grundlage für Gemeinschaft in Liebe.

 

Die Liebe hat also im Erreichen der Wirklichkeit zwei verschiedene Arbeitsrichtungen: eine, die auf den Anderen in der Situation zugeht, also gewissermaßen nach außen sich richtet, und eine, die aus dem Gelingen des Erfassens der Wirklichkeit heraus sich im Finden des existentiellen Sinnes im Liebenden in ihr Ziel kommt, also gewissermaßen nach innen weist. In dieser Doppelrichtung manifestiert sich Liebe prinzipiell und bestimmt jegliche existentiell sinnorientierte Bewegung der Person. Zentraler kann Frankl die Liebe in seinem Denken nicht verorten, denn ohne sie kann die Person sich nicht gemäß ihrer naturgemäßen Anlage entfalten.

 

Der logotherapeutische Kontext, in dem er dieses Denken entfaltet, öffnet sich auf dieser prinzipiellen Ebene zu einem philosophiegeschichtlich entscheidenden Status der Liebe, wie er von Aristoteles in der Freundschaftsliebe4 und von Thomas von Aquin in der caritas5, der heiligen Liebe bzw. der Gottes- und Nächstenliebe gedacht wird. Besonders bei Thomas ist die Liebe Zentrum seines gesamten ethischen Denkens; er nennt sie „Wurzel aller Tugenden“6. Tugenden sind Haltungen, die man sich auf der Grundlage der Erkenntnis über eine gute Handlung erwirbt und diese guten Haltungen in unterschiedlicher Weise konkrete Gestalten der Liebe sind. So braucht der Liebende für seine Hilfe am Notleidenden, die Erkenntnis, dass er das Recht auf angemessene Hilfe hat (Gerechtigkeit), und in der Folge den Mut, die Not - möglicherweise entgegen dem Handeln Anderer – ernst zu nehmen und sich darauf einzulassen (Tapferkeit). In der beschriebenen sensiblen Begegnung mit ihm muss er seinem Helfen das rechte Maß für die Person in der Situation verleihen (Maßhalten) und diese Haltungen beim Handeln klug in der Harmonie halten. In allen weiteren Ausdifferenzierungen dieser Kardinaltugenden manifestiert sich immer die eine Liebe, ohne die Gemeinschaft - welcher Art auch immer - nicht gelingen kann.

 

Literatur:

Viktor E. Frankl, Ärztliche Seelsorge, Grundlagen der Logotherapie und Existenzanalyse, Wien 101982.

Winfried Rohr (Hg.), Liebe – eine Tugend?, Das Dilemma der modernen Ethik und der verdrängte Status der Liebe, Wiesbaden: Springer VS 2017.

Ders., Viktor E. Frankls Begriff des Logos, Die Sonderstellung des Sinnes in Substanz- und Relationsontologie, Freiburg i. Br.: Alber 2009.

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1 Frankl, Ärztliche Seelsorge, 146.

2 Vgl. ebd., 57.

3 Z. B. ebd., 160.

4 Vgl. EN VIII 1, 1155 a 26-28.

5 Vgl. Sum theol. II-II qq. 23-46; De virt. q. 2.

6 “[R]adix omnium virtutum [est].” z.B. De virt. q. 1, a. 4 ad 3.