von Patrik Engisch & Florian Wüstholz

Wie können wir wissen, ob wir in einer Welt tatsächlich existierender Dinge leben - oder einer simulierten Scheinrealität? (Patrick Engisch und Florian Wüstholz. Erstellt am 18.11.2013)

Unsere Erfahrung erzählt uns von einer Welt, welche aus materiellen Dingen besteht. Sie lässt uns glauben, dass diese Dinge unabhängig von uns existieren.

Unsere Erfahrung erzählt uns von einer Welt, welche aus materiellen Dingen besteht. Sie lässt uns glauben, dass diese Dinge unabhängig von uns existieren. Und sie will uns weismachen, dass wir dies auch wissen können. Nichts desto trotz haben Philosophinnen und Philosophen über Jahrhunderte hinweg sogenannte “skeptische Szenarien” entworfen. Dies mit dem Ziel, mindestens eine der obigen drei Vermutungen in Zweifel zu ziehen. So gibt es also mindestens drei verschiedene Möglichkeiten, wie wir uns bezüglich der Welt irren können.

Erstens könnten wir uns darüber irren, dass die Welt tatsächlich aus materiellen Dingen besteht. Zum Beispiel argumentierte Bischof George Berkeley, dass die Welt aus Vorstellungen im Bewusstsein Gottes besteht. Vorstellungen sind jedoch nunmal keine materiellen Gegenstände. Trotzdem glaubte er, dass diese rein mentale Welt von uns unabhängig ist, denn wir haben Teil an einer objektiven von Gott geschaffenen Welt aus Vorstellungen.

Zweitens gibt es die Möglichkeit, dass die von uns erlebte nicht-materielle Welt völlig von uns abhängig ist. Obwohl die Welt scheinbar von einer Myriade von Menschen belebt ist, sind wir tatsächlich alleine. Die ganze Welt würde sich als blosse Erdichtung unseres Geistes herausstellen. Dies ist das radikalste, skeptische und sogenannte solipsistische Szenario.

Schlussendlich gibt es die Pyrrhonische Skepsis. Zwar ist die Welt tatsächlich materiell und unabhängig. Aber woher können wir etwas über diese Welt wissen? Die reale Welt befindet sich auf der anderen Seite einer unüberbrückbaren Kluft. Wir bleiben gefangen der “Scheinrealität” der Erfahrung.

Bertrand Russell behauptet, dass wir das radikalste dieser Szenarien, den Solipsismus, relativ einfach beseitigen können. Wenn Sie nach einem langen Arbeitstag nach Hause kommen, wird Ihre Katze (sofern Sie eine haben) sie mehr oder weniger fröhlich begrüssen. Sie wird Ihnen lebendig erscheinen, aber wahrscheinlich ziemlich hungrig sein. Und dies, obwohl Sie sie am Morgen gefüttert haben, bevor Sie das Haus verliessen. Wäre die Katze ein blosses Produkt Ihrer Vorstellungskraft, dann sollte sie sich nicht verändern, wenn Sie keinen Gedanken daran verlieren. Aber warum wurde Ihre Katze dann hungrig, während Sie im Büro sassen und an andere Dinge dachten? Die beste Erklärung dafür ist, so argumentiert Russell, dass Ihre Katze ihr eigenes Leben führt, unabhängig davon, ob Sie an sie denken oder nicht.

Gemäss der Pyrrhonischen Skepsis mag die Welt zwar materiell sein und unabhängig von uns existieren. Aber wir können doch daran zweifeln, ob sie tatsächlich so ist, wie wir sie erleben. Mit anderen Worten, die Kluft zwischen unseren Erfahrungen und der Welt ist zu breit um von uns überbrückt zu werden. Es könnte sich herausstellen, dass alles anders ist, als wir es erleben, und wir in einer blossen “Scheinrealität” leben. Es gibt eine Möglichkeit, wie wir auf diese Schwierigkeit reagieren können. Selbst wenn wir nichts über die Natur der Dinge selbst wissen können, können wir doch alleine auf der Basis unserer Erfahrung wissen, wie diese uns unbekannten Dinge räumlich und zeitlich angeordnet sind. So wissen wir, wie drei Himmelskörper angeordnet sein müssen, damit wir eine Sonnenfinsternis erleben. Und dies wissen wir, ohne über die Natur dieser Himmelskörper genaueres zu wissen.

Damit hätten wir den Solipismus und die Pyrrhonische Skepsis erledigt. Leider könnten wir nach wie vor in der Matrix leben. So hat zum Beispiel der zeitgenössische Philosoph Hilary Putnam das folgende berühmte skeptische Szenario entwickelt: Wie können Sie anhand all Ihrer Erlebnisse wissen, dass Sie nicht ein Gehirn in einem Tank sind, künstlich von einem Team böser Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler am Leben erhalten, und elektrisch so stimuliert, dass Sie glauben, die Welt tatsächlich so zu erleben, wie sie meinen, die Welt zu erleben? Wenn Sie dieses Szenario für plausibel halten, dann akzeptieren Sie, dass es überhaupt keine Übereinstimmung zwischen Ihren Erlebnissen und Ihrer Umgebung geben kann. Im Szenario besteht Ihre Umgebung aus nichts als einem Tank, etwas Nährflüssigkeit, ziemlich vielen Drähten und sonstigem Elektrozeugs. Aber dennoch erleben Sie gerade, dass Sie diesen Artikel lesen. Viele Philosophinnen und Philosophen akzeptieren diese Schlussfolgerung nicht. Auch Putnam argumentierte, dass unsere Erlebnisse von der Natur unserer Umgebung und den entsprechenden Kausalrelationen abhängig sind. Und wenn dies stimmt, dann würden Sie im Tank nichts anderes als den Tank, die Nährflüssigkeit, die Drähte und das Elektrozeugs erleben. Aber das tun Sie ja nicht, weshalb es unplausibel ist, dass wir in der Matrix leben könnten.

Diese Antwort ist leider ziemlich unbefriedigend, da sie das Matrix-Szenario nicht vollkommen ausschliessen kann. Das einzige, was wir sagen können, ist das es unplausibel (aber nicht ausgeschlossen) ist, dass wir in einer Welt leben, wo es keine Bäume, keine Tiere und keine Tomaten gibt, obwohl wir doch ständig Erlebnisse von Bäumen, Tieren und Tomaten haben.