Ein Blogbeitrag von PD Dr. Philipp Thomas

Liebe, Schmerz, Politik

Weshalb der Schmerz unglücklicher Liebe politisch ist. Sechs Thesen

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Liebe ist von Schmerz nicht zu trennen. Ein Teil dieser Schmerzen ist kulturell bedingt. Um diese Seite von Liebe und Schmerz geht es mir in den folgenden sechs Thesen.

 

1. Die ängstlichen Phantasien unglücklich Verliebter folgen kulturellen Klischees

Angenommen, wir haben uns einseitig verliebt, gestehen unsere Liebe – und werden abgelehnt. Mehr noch, die geliebte Person bricht den Kontakt ab. Dies wäre grausam, weil wir dann mit unseren Phantasien und Selbstzweifeln allein bleiben. Und Phantasien sind schlimmer als die Wirklichkeit. Haben sie etwas mit Kultur zu tun? Ja, denn sie bilden sich entlang kultureller Klischees. Dass wir stets zu wenig attraktiv sind. Dass unser Begehren in vieler Hinsicht unerlaubt ist, tendenziell vielleicht schuldhaft. Dass wir einen Fehler gemacht haben in unserem Fühlen und Handeln.

 

2. Lieben dürfen wir nur unsere Familie

Die Transaktionsanalyse lehrt uns, dass eine Kultur darüber entscheidet, welche Gefühle in ihr erlaubt und welche verboten sind. Trauer, Angst, Wut und Freude seien in unserer Kultur tendenziell verdrängt. Mir scheint, dass auch die Liebe zu diesen Gefühlen gehört. Die Liebe ist erlaubt in ganz genau definierten Bereichen mit sehr engen Grenzen. Unsere Liebe darf sich nur auf den einen Partner, die eine Partnerin beziehen und auf unsere Familie. Aber einem Freund oder einer Freundin zu sagen: Was ich für Dich empfinde, ist eigentlich Liebe. Wir, zwei Freundinnen, zwei Kollegen – wie lieben einander, oder begehren gar einander. Nein, so sprechen wir in unserer Kultur nicht, mehr noch, so sollen wir nicht empfinden. Kann es sein, dass wir uns dadurch laufend selbst abschneiden von einer Wurzel, die uns in unserem Leben tragen, die unseren Alltag nähren könnte?

 

3. Wofür unsere Kultur keine Formen kennt, das diffamiert sie (Georg Simmel)

Doch wohin mit der Liebe, die nicht sein soll und dennoch da ist? Vor hundert Jahren hat Georg Simmel beklagt, dass unsere Kultur zwar eine Form für die Ehe, nicht aber eine Form für die Liebe neben einer festen Partnerschaft entwickelt hat. Eine solche Liebe kann nur eine Affäre sein. Die Affäre aber ist schuldbeladen, ist etwas Verbotenes. Weshalb? Offensichtlich, weil wir etwas, für das es keine kulturelle Form gibt, nur als Natur denken können – eben als Triebhaftigkeit. Ohne kulturelle Form können sich Praktiken nicht kultivieren.

 

4. Schwule und Lesben erkämpfen neue Formen der Liebe für Heterosexuelle (Michel Foucault)

Können wir uns vorstellen, dass Männer Männer lieben und Frauen Frauen? Wenn nicht, dann fragen wir als Eltern einen Therapeuten: „Unser Sohn ist schwul. Kann man das heilen?“ Können wir uns vorstellen, dass eine Liebe neben der Ehe möglich ist? Oder eine Liebe zu dritt? Oder verschiedene Lieben neben- oder nacheinander? Wenn nicht, dann drängen wir diese Liebe und dieses Begehren ab, etwa in eine Paartherapie. Wir sagen: „Wenn Du in einer festen Partnerschaft bist und dich verliebst, dann ist das ein Zeichen dafür, dass in Eurer Partnerschaft etwas nicht stimmt.“ Die Begrenztheit und Enge kultureller Formen, sie zeigt sich auch darin, was eine Kultur für therapiebedürftig und therapierbar hält. Wie soll sich unsere Kultur weiterentwickeln? Michel Foucault sieht folgenden Zusammenhang: „Bisher haben wir gesagt: ‚Versuchen wir, die Homosexualität in die allgemeine Normalität der sozialen Beziehungen zurückzuführen!‘ Stattdessen sollten wir sagen: ‚Aber nein. Halten wir sie weitestmöglich fern von den Beziehungen, die unsere Gesellschaft uns vorschlägt, und versuchen wir, in dem Leerraum, in dem wir uns befinden, neue Beziehungsmöglichkeiten zu schaffen!‘ Wenn wir ein Recht auf neue Beziehungen proklamieren, werden auch Nichthomosexuelle ihr Leben durch Veränderung ihrer Beziehungsschemata bereichern können“.1

 

5. Wir brauchen Normalität im Umgang mit Liebe

Liebe in unseren professionellen Beziehungen, Liebe im Büro, Liebe in der Schule, Liebe im Krankenhaus – diese Liebe ist problematisch, weil sie der harmlose Anfang sein kann von etwas, das schließlich verstörend, schmerzhaft oder traumatisierend wird. Soll es also überhaupt Formen geben für diese gefährliche Liebe? Vielleicht sollte es erst einmal Formen geben, um diese Liebe nicht gefährlich werden zu lassen. Weshalb gibt es Mediation in professionellen Beziehungen nur für den Fall, dass Konflikte vorliegen und zwei Personen nicht mehr miteinander reden können? Weshalb gibt es keine Kultur der Mediation für den Fall der Liebe? Solange wir etwas tabuisieren, entwickeln wir keine Form, um mit ihm zu arbeiten. Selbst wenn wir aus guten Gründen nicht alle Modi der Liebe wollen, selbst dann sollten wie diese als etwas Normales ansehen. Wir brauchen kluge Praktiken des Umgangs damit. Was wir nicht brauchen, ist ein Moralisieren und Tabuisieren, das Gefühle in Schuld erstickt.

 

6. Die Stimme der Leidenden ist politisch

Aber ist nicht gerade die private Praxis machtlos, wenn es um gesellschaftliche Veränderungen geht? Dies ist der Einwand Adornos gegen Erich Fromm. Die Kunst und die Kraft zu lieben ist nur so mächtig und revolutionär, wie die gesellschaftlichen Verhältnisse es zulassen. Dem ist sicher zuzustimmen. Doch was folgt daraus? Soll sich unsere Praxis statt auf Liebe auf politische Aktionen richten? Ich möchte umgekehrt argumentieren. Als Leidende, die ihren Schmerz artikulieren, sind wir wie Schiffbrüchige, die erst eine Planke ergreifen, dann eine weitere heranziehen – bis wir, auf einem Floß sitzend, überleben können. Überleben, weil und solange wir reflektieren und unsere Stimme erheben. Und etwa die kulturelle Seite unseres Schmerzes benennen. Dies ist eine eigene Form der Vernunft. Und diese Überlebens-Vernunft ist politisch in dem Maße, in welchem sie das Bestehende kritisiert als das Restriktive, und zwar im Lichte dessen, was möglich sein muss.

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1 Michel Foucault: Der gesellschaftliche Triumph der sexuellen Lust: ein Gespräch mit Michel Foucault, in: ders.: Ästhetik der Existenz. Schriften zur Lebenskunst, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2007, S. 116-122, hier S. 119.