Ein Blogbeitrag von Dr. Ute Kruse-Ebeling

Liebe als Bejahung des Anderen

"Was aber alle tiefergehenden Erscheinungsweisen der Liebe zu einem anderen Selbst zu kennzeichnen scheint, ist die Selbsttranszendenz, d.h. das Überschreiten einer rein egoistischen Perspektive zugunsten des geliebten Anderen"

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Mit dem Begriff der Liebe werden traditionell die unterschiedlichsten Phänomene in Verbindung gebracht. Dazu zählen die glühende, sinnliche Leidenschaft, die Liebe der Eltern zu ihren Kindern ebenso wie die tief empfundene Freundschaft zwischen zwei Menschen, die lang anhaltende Partnerschaft, die Nächstenliebe, die Liebe zu Tieren, zur Natur, zu bestimmten Ideen oder zu Gott oder Göttern. Unterscheiden lassen sich außerdem Phänomene wie z.B. Sympathie, Wohlwollen, Mitgefühl, Mitleid, Sorge, Fürsorge oder Empathie, die mehr oder weniger eng mit dem Phänomen der Liebe verknüpft sind. Nicht nur das mögliche Objekt und die Reichweite der Liebe (z. B. alle Personen, Lebewesen, Natur usw.) werden von Philosophinnen und Philosophen sehr unterschiedlich bestimmt, sondern auch das Wesen der Liebe: Mal wird die Liebe als daimonisches Begehren oder dionysisches Streben des Mängelwesens Mensch (eros), mal als Haltung und vernunftgewirkte Bindung zu anderen Menschen um ihrer selbst willen (philia), mal als Gottes- und Nächstenliebe (agape, caritas, amor benevolentiae), mal als Gefühl oder Fühlen, als Wertzuschreibung oder als eine Kombination einzelner dieser Elemente aufgefasst.i

Was aber alle tiefergehenden Erscheinungsweisen der Liebe zu einem anderen Selbst zu kennzeichnen scheint, ist die Selbsttranszendenz, d.h. das Überschreiten einer rein egoistischen Perspektive zugunsten des geliebten Anderen – das haben bereits Platon und Aristoteles richtig gesehen. Das geliebte Andere wird um seiner selbst willen (statt z.B. um willen irgendeines Nutzens oder einer Lust für den Liebenden) bejaht und als unmittelbar sinn- und wertvoll erlebt.

 

Wenn das so ist, stellt sich allerdings notwendig die Frage, welchen Status dieser erlebte positive Sinn des begegnenden Seienden in der Liebe hat: Könnte es nicht sein, dass die in der Liebe erfahrene Sinn- und Werthaftigkeit des Anderen, wenn sie doch selbst nicht Folge logischer, rationaler Überlegungen ist, am Ende hoffnungslos irrational und subjektiv – und in letzter Konsequenz sinn- und wertlos – ist?

 

Auf theoretischer Ebene besteht hier ohne Frage ausreichend Raum für Zweifel. Aber auf praktischer Ebene lässt die Liebe keine rein subjektive Ausdeutung der wahrgenommenen Sinn- und Werthaftigkeit des begegnenden Seienden seitens der Vernunft zu: Die spontane Bejahung des Anderen, das Erleben seines Seins als positiv sinnvoll in der Liebe macht eine Einklammerung in dem Sinne geradezu unmöglich, dass diese Wahrnehmung bloß als eigene subjektive, erfundene Zuschreibung eines positiven Sinns und Werts zu einem an sich sinn- und wertlosen Selbstsein gedeutet werden könnte. Denn die Wert- und Sinnhaftigkeit des geliebten Anderen eröffnet sich dem Liebenden in der Begegnung und in großem Maße mit und von dem anderen Sein her. Auf diese Weise erlebt sich die liebende Person viel mehr als Empfänger statt als Schöpfer der Sinn- und Werthaftigkeit des Anderen, und sie wird von der Wirklichkeit des Anderen in ihrem ganzen leiblich-seelisch-geistigen Personsein erfasst und berührt.

 

Die Wahrnehmung des Anderen und seine Anerkennung als sinn- und wertvoll kann von der liebenden Person daher nicht noch einmal in einer Art Metareflexion ernsthaft als an sich sinnlos in Frage gestellt werden.ii In Anlehnung an den wittgensteinschen Gedanken des Sprachspiels, aus dem die Beteiligten nicht noch einmal aussteigen und dessen Sinn sie nicht noch einmal hintersteigen können, ließe sich auch sagen: Wer im Horizont der Liebe steht, wer die unbedingte, positive Sinnhaftigkeit von Selbstsein in der Liebe am eigenen Leib, mit allen Sinnen, unmittelbar erlebt hat, der kann, wenn und solange die Liebe die Richtung seines Denkens und Wollens bestimmt, nicht ernsthaft diesen positiven Sinn selbst noch einmal als Illusion oder pure, eigene Erfindung vorstellen. Für einen metaphysischen Zweifel am grundlegenden Sinn und der Werthaftigkeit des geliebten Seienden ist in der Vernunft qua liebende Vernunft kein Platz.iii

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i Die Unterscheidungen betreffen zum Teil nur Nuancen, zum Teil die gesamte Beschreibung des Phänomens. Vgl. z.B. Dieter Thomä, Hg., Analytische Philosophie der Liebe, mentis Verlag, Paderborn 2000, 10; Annette C. Baier, „Unsichere Liebe“, in: Dieter Thomä, a. a. O., 65-84, 79 ff.; Hermann Schmitz, Die Liebe, Bouvier, Bonn 1993, 80; John A. Brentlinger, „The Nature of Love“, in: Alan Soble, Eros, Agape, and Philia. Readings in the Philosophy of Love, Paragon House, St. Paul (Minnesota) 1989, 136-148, 146; Susan Power Bratton, “Loving Nature: Eros or Agape?“, Environmental Ethics, Vol. 14, Spring 1992, 3-25, 17; Roberta Bondi, Conversations With the Early Church: To Love as God Loves, Fortress Press, Philadelphia 1987, 30. Die Liste der Beispiele für unterschiedliche Deutungen des Liebesgeschehens ließe sich beliebig fortschreiben.

 

ii Was Robert Spaemann einmal über die Freundschaft gesagt hat, gilt ganz allgemein für die liebegewirkte Vernunft, die sich dem Anderen zuwendet: Sie erlaubt „keine ontologische Abstinenz, keine epoché. Sie impliziert eine ontologische Affirmation“, ders., Glück und Wohlwollen. Versuch über Ethik, Klett-Cotta, Stuttgart 1989, 133.

 

iii Zum Zusammenhang von Liebe und Sinnerfahrung vgl. u.a. Hans-Eduard Hengstenberg, Grundlegung der Ethik, 2., vollständig neu bearbeitete Auflage, Königshausen & Neumann, Würzburg 1989 sowie ders., Philosophische Anthropologie (1957), 3. Auflage, Kohlhammer, Stuttgart u. a. 1966.