Blogbeitrag von Prof. Dr. Verena Kast

Ärger im Dienste einer guten Gemeinschaft

Man ärgert sich gerade dann besonders oft, wenn man sich liebt und sich sehr nahe ist. Warum?

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Wir ärgern uns, wenn jemand über unsere Grenzen geht, unsere Grenzen nicht respektiert, uns etwa „anrempelt“ – körperlich oder psychisch -, uns beleidigt, kränkt, abwertet, kurz: wenn wir uns in unserer Selbsterhaltung beeinträchtigt, oder wenn wir uns überfordert fühlen. Wir werden aber auch ärgerlich, wenn wir neue Interessen entwickeln, ihnen nachgehen wollen, und das unsere Liebsten nicht gut finden, oder es sogar zu unterbinden versuchen. Wenn wir uns ärgern, dann heisst das, dass unsere Integrität und unsere Identität in Entwicklung in Gefahr ist – dass wir uns für uns selbst wehren müssen. Mit dem Ärger ist aber auch das Thema von Nähe und Distanz angesprochen: Nähe in dem Sinne, dass wir ein „Wir“ uns erhalten möchten, dass wir das Miteinander, die Gemeinschaft nicht aufs Spiel setzen möchten, Distanz im Sinne, dass wir gerade um dieses Wir immer wieder herstellen zu können, uns auf uns selbst beziehen müssen. Im Erleben von Ärger spüren wir uns als vital abgegrenzt vom anderen, in einer kämpferischen Position tarieren wir unsere Identität und unsere Integrität innerhalb einer nahen Beziehung immer wieder neu aus. Mit dem anderen Menschen verbunden, aber als eigenständige Persönlichkeiten: und dieses Ausloten geschieht, indem wir die gefühlten Unstimmigkeiten, das, was uns ärgert, ausdrücken, uns oft auch streiten. Etwas ist nicht in Ordnung, und muss auch wieder in Ordnung gebracht werden, und das ganz besonders deshalb, weil wir uns lieben.

Man weiss, dass wir uns in sehr nahen Beziehungen, also vor allem auch in Liebesbeziehungen, mehr ärgern als in weniger nahen Beziehungen. In diesen sehr nahen Beziehungen dürfen wir einander auch über die Grenze gehen, der Partner, die Partnerin, die Kinder – sie dürfen wesentlich mehr unsere Grenzen herausfordern als fremdere Menschen. Man teilt ja auch vieles. Gerade deshalb  ist es wichtig, dort, wo wir spüren, dass unsere Mitmenschen nicht grenzsensibel sind, dies einzufordern. Der Ärger sagt uns, dass jetzt die Grenze doch erreicht ist. Dass man sich auch liebt, zeigt sich dann eher im Umgang mit dem Ärger, als in der Tatsache, dass man sich nicht ärgert, dass man, auch wenn man streitet, sich so verhält – beziehungsdienlicher – dass man sich leichter wieder versöhnen kann.

Wie kommt man zum guten Streiten?

Was uns ärgert, vielleicht bloss „sauer aufstösst“, muss formuliert werden. Gelingt uns das in einem frühen Stadium, können wir ohne grossen Druck – und vor allem ohne Vorwürfe – sagen, was uns stört: „Ich mache die Drecksarbeiten – Du die feine Arbeit, und Du tust so, als wäre das selbstverständlich. Mich stört das.“ Da kann die Angesprochene oder der Angesprochene reagieren: vielleicht zunächst auf eine rivalisierende Art: „Du nimmst auch nicht wahr, was ich beitrage…“ Gut zu streiten meint, sich mit den Ärger auslösenden Vorwürfen so lange auseinanderzusetzen, bis man merkt, was gemeinsam in die Verantwortung genommen werden muss, an welchem Problem in der Paarbeziehung gearbeitet werden muss, also nicht, bis einer oder eine gewonnen, der oder die andere nachgegeben hat. Bei diesem Beispiel wäre es das Thema der wechselseitigen Anerkennung dessen, was jedes zum gemeinsamen Leben beiträgt; beide fühlen sich in ihren Bemühungen darin nicht gesehen. Die Frage wäre: wie können wir einander besser das Gefühl geben, gesehen zu werden in dem, was wir tun. Wenn beide verstehen, dass es nicht einfach um einen vielleicht sogar kleinlichen Vorwurf geht, sondern um ein ernsthaftes Problem in ihrer Beziehung, das auch zu einem grundsätzlichen Problem führen könnte, werden sie beide damit einverstanden sein, dass das ein Problempunkt in ihrer Beziehung ist, auf den beide achten müssen,  um sich wohler und einander näher fühlen zu können.

Den Ärger früh ansprechen, solange man ihn noch „menschlich“ ausdrücken kann. Das ist nicht ganz leicht. Ein Problem kann darin bestehen, dass man den Ärger zunächst einmal hinunterschluckt. Dann sammelt sich der Ärger an – und wir reagieren nicht mehr halbwegs locker, sondern jetzt wird es ernst. Wir haben das Gefühl, dass die ganze Beziehung jetzt in Schieflage gerät, oder gar in Gefahr ist, unangenehm zu werden. Den ursprünglichen kleineren Ärger zurückgedrängt hat man, weil man die Beziehung nicht belasten wollte, und belastet sie damit erst recht. Eine andere Schwierigkeit zeigt sich darin,  dass man zwar keinen Ärger zeigt, aber dafür passive Aggressionen einsetzt: Man vergisst so leicht hat, was der oder die andere so gern möchte, oder man vertröstet den Partner oder die Partnerin. Diese und andere Formen, mit dem Ärger nicht umzugehen, wenden wir an, weil wir uns fürchten, die „gute Atmosphäre“ zu zerstören, weil wir uns fürchten, der Streit könnte einen entzweien, man könnte sich vielleicht sogar verlieren. Wo wir lieben, ist die Verlustangst meist auch nicht weit. Und manchmal ist es gerade die Verlustangst, die sich im Ärger maskiert, und dadurch nicht angesprochen werden kann. Die junge Frau ärgert sich über ihren sehr geliebten Partner, weil er so oft mit Kollegen in die Berge geht und sichtlich froh ist, dass sie nicht mitkommen will. Jetzt ist es aber zu viel! Er soll zu Hause bleiben – und zwar gutgelaunt. Sie streiten sich über die unterschiedlichen Wünsche immer ausufernder, jedes beharrt auf seinem Standpunkt. In einer Krisenintervention wird sehr rasch deutlich: die Frau befürchtet, dass sie sich in der Partnerwahl geirrt hat, dass zwischen ihnen viel weniger Gemeinsamkeit besteht, als sie gedacht hat, und dass sein In die Berge Gehen eine Art ist, sie zu verlassen. Er hört das mit  Erstaunen. Er hingegen befürchtete, eine Ressource, die ihm seit Jugendzeiten sehr wichtig war, opfern zu müssen, eine Frau geheiratet zu haben, die ihm ganz vitale wichtige Wünsche verbietet. Als das geklärt war, waren die beiden „wie erlöst, so nah wie nie zuvor.“ Auch bei der Verlustangst, die oft hinter dem Empfinden von Ärger steht, geht es darum, darüber zu sprechen, zu wissen, wann die Verlustangst anklingt im Miteinander.

Aber wenn Menschen sich lieben, dann ärgern sie sich nicht nur, sie haben auch gute Gefühle füreinander, sie können sich auch ineinander einfühlen. Sie können sich vorstellen, wie sich der andere, auch wenn er wirklich einmal etwas Beziehungsschädigendes gemacht hat, fühlt, wie man sich selber fühlen würde miteinander. Und das bewirkt, dass man leichter bereit ist, auch wieder freundlich und einfühlsam aufeinander zuzugehen. Ärger entzweit – macht sichtbar, was jedes für sich selber erlebt und braucht – aber auch, welches Thema zur Entwicklung der Gemeinschaft ansteht; der gute Umgang mit dem Ärger festigt letztlich die Gemeinschaft.

 

Über die Autorin

Beitrag von Verena Kast, Prof. Dr. phil., war Professorin im Bereich anthropologische Psychologie an der Universität Zürich. Lehranalytikerin und Supervisorin am C.G. Jung Institut, Zürich, Küsnacht, Präsidentin des Curatoriums. Autorin. Mitleiterin der Lindauer Psychotherapiewochen.

 

Neue Publikation: Wi(e)der Angst und Hass. Das Fremde als Herausforderung zur Entwicklung. Patmos, Ostfildern 2017

Die Veränderungen, die das Fremde und die Fremden mit sich bringen, können auch als eine Herausforderung zur Entwicklung verstanden werden, wenn wir bereit sind, uns wider den Hass zu entscheiden und lernen, mit der Angst umzugehen.