Utilitarismus/Opportunismus: Neuigkeiten aus dem „deutschen kulturellen Raum“

Im März 1915 versucht der deutsche Philosoph und Psychologe Wilhelm Wundt seiner Leserschaft zu erläutern, was im laufenden Krieg wirklich auf dem Spiel stehe.

·

Im März 1915 versucht der deutsche Philosoph und Psychologe Wilhelm Wundt seiner Leserschaft zu erläutern, was im laufenden Krieg wirklich auf dem Spiel stehe. In den philosophischen Hauptströmungen eines Landes, so glaubt Wundt in Die Nationen und ihre Philosophie erkannt zu haben, offenbare sich die Tiefe einer Volksseele: Zur spezifisch englischen Philosophie erklärt Wundt den Utilitarismus. Dem Deutschen „passe diese Uniform nicht auf den Leib“. 

Wundts Schrift ist heute so gut wie vergessen; niemand mit einem Mindestmass an intellektuellem Geschmack würde noch das Wort „Volksseele“ in den Mund nehmen. Und doch musste man sich jüngst an Aspekte der Wundt’schen Denkweise erinnert fühlen, als die Veranstalter eines beim Publikum sehr beliebten Festivals namens phil.COLOGNE zu rechtfertigen versuchten, warum sie den weltbekannten Utilitaristen Peter Singer kurzerhand wieder ausgeladen hatten. Um den Zusammenhang zu sehen, sind einige Worte zur Vorgeschichte nötig:

Singer sollte auf der phil.COLOGNE einen Vortrag mit dem Titel „Retten Veganer die Welt?“ halten. Wenige Tage vor dem geplanten Termin war ihm im Berliner Urania Theater der „Peter-Singer-Preis zur Tierleidsminderung“ verliehen worden. Nachdem sich im Vorfeld Proteste abzeichneten, weil Singer angeblich das Lebensrecht von Behinderten in Frage stelle, war die Verleihung von den Organisatoren jedoch zu einer „geschlossenen Veranstaltung“ erklärt worden. „Zwei lockere Reihen Polizei“, so hiess es in Berichten, sperrten die Urania zum Schutz des Preisträgers ab. Eine ähnliche Beeinträchtigung der Festival-Atmosphäre durch die Präsenz von Störern und Staatsgewalt drohte auch in Köln. Nun ist niemand verpflichtet, sich den mit Peter Singer oftmals verbundenen Ärger ins Haus zu holen. Jedoch würde man denken, dass die Programmleitung einer Philosophie-Veranstaltung bei ihrer Einladung diese Möglichkeit mitbedacht hätte. Eine mit Sicherheitserwägungen begründete Absage wäre daher schon für sich genommen für alle Beteiligten peinlich gewesen; aber zumindest hätte die Programmleitung Loyalität gegenüber dem geladenen Gast an den Tag gelegt. Die Veranstalter entschieden sich jedoch, nicht etwa die zu erwartenden Störer, sondern ihren Gast für die Absage der Veranstaltung verantwortlich zu machen. In ihrer Begründung hiess es zum einen, man habe nicht erwartet, dass Singer seinen „grossen moralischen Irrtum“ zu Fragen der Bioethik nach Jahrzehnten wieder „ausgraben“ würde. Dies war die Art der Veranstalter, die Tatsache zu verdrehen, dass Singer kurz zuvor in einem Interview für die Neue Zürcher Zeitung Dinge wiederholt hatte, die er seit Jahrzehnten sagt und schreibt. 


Der deutsche Psychologe Wilhelm Wundt (1832-1920) im Jahr 1902.
Zum anderen – und dies bringt uns zu Wilhelm Wundt zurück – sah sich der Mitveranstalter Wolfram Eilenberger im Kölner Stadtanzeiger zu einer gewundenen Selbstrechtfertigung veranlasst, in der er einerseits betonte, dass philosophisches Denken bisweilen Tabus brechen müsse, aber andererseits fand, „der deutsche kulturelle Raum ist ein anderer als der, in dem Singer sich bewegt" und es habe sich „wohl als Fehler erwiesen“ ihn überhaupt einzuladen. „Insbesondere Peter Singers Aussagen über das Lebensrecht behinderter Menschen sind ein Beispiel dafür, in welche ethischen Sackgassen ein konsequenter Utilitarismus führt. (...) Manche Argumente, die Singer vorträgt, sollten wir nicht widerlegen, sondern einfach zurückweisen“.

Die Begründung gibt zu denken: Will Eilenberger sagen, utilitaristische Tabubrüche hätten im „deutschen kulturellen Raum“ nichts verloren? Und wie ist seine Empfehlung zu verstehen, Argumente nicht zu widerlegen, sondern „einfach zurückzuweisen“? Zurückzuweisen als was? Als undeutsch? Als inhuman? Als Ausdruck einer Inhumanität, die nur die Angehörigen des deutschen Kulturraums als solche zu erkennen vermögen, weil dieser Kulturraum das Humane in seiner allerbesten Ausprägung verkörpert und eben ein anderer ist als der, „in dem Singer sich bewegt“? 

Dies alles erinnert in trauriger Weise an die Hintergrundannahmen bei Wundt: Nationen haben ihre Philosophien. Nach den universellen Vernunftgründen von philosophischen Auffassungen zu fragen, erübrigt sich, da es letztlich um Intuitionen geht, die ihrerseits in partikularen Kulturen wurzeln. Das Eigene wird zum Besseren erklärt. Was nicht zur landesüblichen Geistesart passt, wird „einfach zurückgewiesen“. 

Statt das weitgehende Fehlen der utilitaristischen Tradition als eine konstitutionelle Unausgewogenheit des „deutschen kulturellen Raums“ zu benennen, die im öffentlichen Nachdenken immer wieder zu Einseitigkeiten und dogmatischen Verhärtungen führt; statt mit Kant sich zur universellen Vernunft zu bekennen, deren Kritik sich alles zu unterwerfen habe – belebt die Selbstrechtfertigung der Festivalleitung vergessen geglaubte Topoi der wilhelminischen Zeit wieder. Seinen Kritikern hat Jürgen Wiebicke, der sich durch das Philosophische Radio und eben die phil.COLOGNE um die öffentliche Wahrnehmung der Philosophie sehr verdient gemacht hat, trotzig entgegengehalten, sie sollten es doch besser machen. Er hat recht: Man sollte in Deutschland eine Gesellschaft für Utilitarismusstudien gründen.