Blogbeitrag von Sarah-Jane Conrad

Übers Philosophieren zum kompetenten Kind

Dass Kinder kleine Philosophinnen und Philosophen sind, ist ein Allgemeinplatz, dem Bücher wie ‚Sophies Welt’ und andere Nachdruck verleihen.

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Wer hat nicht schon gestaunt über tiefgründige Kinderfragen wie ‚Wie bemerkt man, dass man erwachsen ist?’, ‚Sind Tiere gut und böse?’, ‚Ist es besser, wenn drei glücklich sind als nur einer?’, die berechtigterweise entzücken. Gleichzeitig ignoriert man im Alltag lieber hartnäckig, was eigentlich aus dieser Feststellung folgen könnte und sollte, dass Kinder philosophieren können und es auch tatsächlich weltweit tun, wenn auch grösstenteils abseits von der akademischen Philosophie.

Denn gleichgültig wie hübsch die oben erwähnten Sätze anmuten, noch immer hält sich die Meinung in vielen Köpfen, dass Kinder nicht wirklich denken können oder genügend rational sind, um sachverständig zu argumentieren. Und natürlich begründet man gerne mit der fehlenden Klar- und Weitsicht, weshalb Kinder bei gesellschaftlichen Fragen nicht angehört werden und zwar nicht einmal zu jenen Belangen, welche die Kinder unmittelbar etwas angehen. Daran hat sich 18 Jahre nach der Ratifizierung der Kinderrechtskonvention in der Schweiz nicht viel geändert, die dem Kind das Recht auf Anhörung und Teilnahme gewähren. Denn das Bild vom defizitären Kind und unfertigen Menschen dominiert und umso lieber entscheidet man für das Kind in der Überzeugung, dass Erwachsene es ja besser wissen. Oder vielleicht, weil es schlicht bequemer ist.

Kinder philosophieren, und zwar überall auf der Welt, spätestens seit Matthew Lipman und Ann Sharp in den 1970er Jahren ein Programm für das Philosophieren mit Kindern entwickelt haben. Aus diesem Lipman/Sharp-Programm haben sich immer weitere Methoden und Ansätze entwickelt. Sie unterscheiden sich auf der einen Seite hauptsächlich dadurch, wie sie den Dialog mit den Kindern strukturieren: Werden die Kinder aufgerufen oder äussert sich jedes Kind der Reihe nach? Hebt man die Hand, wenn man etwas sagen will, oder signalisiert man mit Hilfe eines Steins oder mit Karten, dass und womöglich auch was man sagen will? Auf der anderen Seite übernimmt die Gesprächsleitung je nach Methode eine etwas andere Rolle. Bei manchen Ansätzen steuert sie das Gespräch durch ihre Fragen und beeinflusst auch den inhaltlichen Verlauf aktiv mit. Anderen Ansätzen zufolge beschränkt sich ihre Aufgabe darauf, die Fragen und Gesprächsbeiträge der Kinder so zu organisieren, dass die philosophisch interessanten Spannungen offen zutage treten und die Kinder darauf reagieren können. Und dazwischen gibt es zahlreiche Nuancen und Varianten.

Alle diese Methoden verstehen Philosophieren mit Kindern als eine dialogorientierte Praxis mit einer Gruppe von Kindern, bei der diese ermutigt werden, zu einem philosophischen Problem Stellung zu beziehen. Dabei wird das philosophische Problem oft in eine Geschichte verpackt, wie z.B. der Froschkönig, die zu Beginn erzählt und mit deren Hilfe der Dialog initiiert wird anhand von Fragen zur Geschichte wie ‚Muss man ein Versprechen immer halten?’. Am Anfang der Diskussion kann aber auch einfach eine konkrete Frage stehen, die von einem Kind oder der Gesprächsleitung gestellt wird, z.B. ‚In welcher Gesellschaft möchtest du leben?’

Da werden dann unterschiedliche Themen angesprochen, und nicht selten kommen die Kinder bei dieser Frage von selber auf allgemeine Gerechtigkeits- und Gleichheitsfragen zu sprechen: Während ein Kind fordert ‚Alle sollen gleich sein’, widerspricht ein zweites, ‚Es ist aber ungerecht, wenn verschiedene Personen Unterschiedliches leisten und dann doch alle gleich viel kriegen’, und ein drittes fügt hinzu, ‚Es ist aber schon wichtig, dass alle kriegen, was sie brauchen’. Dabei sprechen die Kinder verschiedene Prinzipien an, nach denen man ein Verteilproblem gerecht lösen kann, und zwar gerade dieselben, die in der Fachphilosophie diskutiert werden. Und das ganz ohne Einführungskurs in die praktische Philosophie.

Diese erstaunliche Leistung ist mitunter der Gesprächsdynamik geschuldet: Im Verlauf des Dialogs hört ein Kind laufend weitere Ansichten und Begründungen, die möglicherweise im Gegensatz zu den eigenen stehen. Sie können dazu führen, dass ein Kind seine eigene Position überdenkt oder versucht, die eigene Position besser zu begründen. Eben diese Dynamik treibt das Gespräch – natürlich auch dank einer geschickten Moderation – von einer philosophischen Knacknuss zur nächsten. Dank seiner methodischen Anlage wird das philosophische Gespräch mit Kindern zu einem kooperativen, wenn auch nicht unbedingt konsensorientierten Unterfangen, bei dem das gemeinsame kritische und argumentative Potential einer Gruppe von Kindern ausgeschöpft werden kann. Wenn das gelingt, stellt man fest, dass sich Kinder einer dritten Primarklasse kompetent zu Gerechtigkeitsfragen äussern können. Die angesprochenen Probleme und Prinzipien unterscheiden sich nicht eigentlich von jenen, welche (wenig) erprobte Erwachsene einbringen. Diese haben Kindern in Sachen Philosophieren also nichts Wesentliches voraus.

Das erstaunt viele, nicht aber Vertreterinnen und Vertreter des Philosophierens mit Kindern, die immer von einem kompetenten Kind ausgehen. Einem Kind also, das durchaus in der Lage ist, komplexe Probleme zu erfassen, zu reflektieren und Sachverhalte kritisch zu durchleuchten. Und die Praxis bestätigt, dass Kinder tatsächlich über diese Kompetenzen verfügen. Ebenso hat es sich gezeigt, dass das Philosophieren mit Kindern diese Fähigkeiten noch zusätzlich fördert und dadurch das Selbstvertrauen der Kinder stärkt.

Warum diese Kompetenz im Alltag so häufig übergangen wird, wirft Fragen auf. Allen voran die unbequeme Frage, warum sich auch die Philosophie nicht stärker für die Belange der Kinder einsetzt, Kinder als ernst zu nehmende Diskussionspartner anerkennt und einen Beitrag zu deren Emanzipation leistet.

 

Über die Autorin

Beitrag von Sarah-Jane Conrad, Pädagogische Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz