von Dr. Michael G. Festl, Universität St. Gallen

Theorien zur Gerechtigkeit heute. Ein Überblick

Ungerecht behandelt zu werden ist verletzend – so verletzend, dass sich die Symptome dieser Verletzungen sogar physisch bemerkbar machen können.

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Ungerecht behandelt zu werden ist verletzend – so verletzend, dass sich die Symptome dieser Verletzungen sogar physisch bemerkbar machen können. Weil wir Menschen uns dessen bewusst sind, wollen wir (zumindest die überwältigende Mehrheit von uns) weder von anderen ungerecht behandelt werden, noch andere ungerecht behandeln. Wir wollen, wie es der Volksmund auf den Begriff bringt und dabei auch die physische Komponente der Gerechtigkeit miteinbezieht, den Schlaf des Gerechten schlafen, einen tiefen und ruhigen Schlaf, ohne Gewissensbisse. Doch dazu müssen wir auch wissen, was eigentlich als gerecht gelten kann und was als ungerecht gelten muss. So ist es nicht verwunderlich, dass die Bestimmung des Begriffs ‚Gerechtigkeit‘ seit jeher als eine der zentralen Aufgaben der Philosophie angesehen wird. ‚Gerechtigkeitstheorie‘ heisst heute die Disziplin innerhalb der politischen Philosophie, in der der Gerechtigkeit auf den Grund gegangen wird.

In diesem Beitrag möchte ich einen Überblick über den jetzigen Stand der Gerechtigkeitstheorie geben. Dabei folge ich grob dem ersten Kapitel meines Buches Gerechtigkeit als historischer Experimentalismus (Konstanz, 2015). Um mich nicht in Einzeldarstellungen der unzähligen verschiedenen Positionen innerhalb der Gerechtigkeitstheorie zu verlieren, bin ich gezwungen, für diesen Überblick einen hohen Abstraktionsgrad zu wählen. Mithilfe eines solchen kann ich mich auf drei zueinander in Konkurrenz stehende philosophische Paradigmen zur Beantwortung der Frage nach Gerechtigkeit konzentrieren und diese jeweils kurz beurteilen: das aristotelische, das kantianische und das pragmatistische.

Die erste Theorie folgt, wie der Name verrät, dem antiken griechischen Philosophen Aristoteles (384-322 v. Chr.). Als wichtigste Vertreterin in unserer Zeit kann die in Chicago lehrende Philosophin Martha Nussbaum (*1947) gelten. Bezeichnend für die aristotelische Position ist die Annahme, dass die Suche nach Gerechtigkeit in der Welt beginnen muss. Das Gerechte nämlich hat bereits, so nimmt schon Aristoteles an, Spuren in der Welt hinterlassen. Diese Spuren müssen zunächst gefunden werden, um schliesslich die Pfade, auf denen sie zu finden sind, weiter auszubauen. Aristoteliker interessieren sich daher für soziologische Untersuchungen, z.B. über gesellschaftliche Praxen oder vorliegende moralische Überzeugungen, aber auch für grundlegende Bestimmungen des Mensch-Seins, wie die Anthropologie sie hervorbringt. Auf Basis solcher Informationen bestimmen Aristoteliker die für Menschen und Gesellschaften verbindlichen Tugenden und verdichten diese zu sogenannten Tugendkatalogen. Laut Aristotelikern lässt sich die Gerechtigkeit jeder Handlung am Verhältnis zu einem solchen Tugendkatalog bestimmen: Ist eine Handlung der Erfüllung des Tugendkatalogs zuträglich, darf sie als gerecht gelten, wenn nicht, ist sie als ungerechte zu disqualifizieren.

So verfügt der Aristoteliker, und das ist ein wichtiges Element einer jeden Gerechtigkeitstheorie, über ein eindeutiges Kriterium, welche Handlungen aus Sicht der Gerechtigkeit empfehlenswert sind und welche nicht. Dass der Aristoteliker zu diesem Kriterium auf Basis faktisch vorliegender Gegebenheiten kommt, kann als weiterer Vorteil seiner Theorie gelten, sichert dieser Bezug doch die Nachvollziehbarkeit der Theoriebildung wie auch eine zumindest teilweise empirische Überprüfbarkeit der Theorie. Nachteil der aristotelischen Theorie ist, dass eine eindeutige Bestimmung der Tugenden, die für ein gerechtes Leben wesentlich sind und damit Teil des Tugendkatalogs werden müssen, aufgrund der Mannigfaltigkeit empirischer Daten schwer fällt. Dies drückt sich unter anderem darin aus, dass verschiedene Aristoteliker zu stark differierenden Tugendkatalogen kommen.

Die kantianische Theorie als zweite im Bunde geht auf den deutschen Aufklärungsphilosophen Immanuel Kant (1724-1804) zurück. Heute steht sie ganz im Zeichen des Werkes des US-Amerikaners John Rawls (1921-2002). Der aristotelischen diametral entgegengesetzt beginnt die Suche der kantianischen Theorie nach Gerechtigkeit unabhängig vom faktisch Gegebenen. Kantianer sind überzeugt, dass der Blick auf Gerechtigkeit nur dann frei ist, wenn man sich zunächst von soziologischen Beobachtungen und empirischen Sachverhalten löst. Stattdessen startet die kantianische Theorie in der Regel mit einem Gedankenexperiment, aus dem die zentralen Prinzipien der Gerechtigkeit inklusive ihrer Beziehung untereinander abgeleitet werden. Hierbei sticht das Gedankenexperiment der Vertragstheorie hervor. Dieses fragt, nach welchen Prinzipien der Gerechtigkeit ein Staat eingerichtet werden würde, wenn rationale Individuen einen solchen von null beginnend aufbauen würden. Auf Basis solcher und ähnlicher Gedankenexperimente bestimmen Kantianer eine Hierarchie an Gerechtigkeitsprinzipien. Die so bestimmten Prinzipien werden dann auf aktuelle Probleme mit gerechtigkeitstheoretischer Relevanz angewendet. Eine Handlung kann als gerecht angesehen werden, wenn sie der Erfüllung dieser Prinzipien zuträglich ist.

Der wichtigste Vorzug der kantianischen Theorie liegt darin, dass sie dank des hohen Abstraktionsgrades, den sie mittels eines von der Gegenwart unabhängigen Gedankenexperiments erreicht, kaum Gefahr läuft, ein Urteil über Gerechtigkeit abzugeben, das durch gegebene gesellschaftliche Zustände verzerrt ist. So ist sie gut dazu geeignet, emanzipatorisches Potential selbst in solchen Gesellschaften zu entfalten, die als stark ungerecht gelten können. Auch die Bemühung um eine möglichst vollständige Bestimmung des Gerechten (nicht nur die Identifikation der zentralen Prinzipien, sondern auch ihr Verhältnis untereinander) kann als Vorteil dieser Theorie betrachtet werden. Der hohe Abstraktionsgrad der Theorie wirkt sich aber auch nachteilig aus. Mithin ist zu beobachten, dass kantianische Theorien häufig Probleme haben, konkrete Urteile zu tatsächlich vorliegenden Fragen mit gerechtigkeitstheoretischer Relevanz abzugeben. Die von ihr identifizierten Prinzipien bleiben hierfür oft zu abstrakt.

Die gerade erst im Entstehen begriffene pragmatistische Theorie als dritter ernsthafter Konkurrent innerhalb der Gerechtigkeitstheorie beruft sich auf den amerikanischen Pragmatismus, für den insbesondere die Philosophen Charles S. Peirce (1839-1914), William James (1842-1910) und John Dewey (1859-1952) stehen. Als wichtiger Vorreiter der Weiterführung dieser philosophischen Schule in eine moderne Gerechtigkeitstheorie kann der indische Philosoph und Ökonomie-Nobelpreisträger Amartya Sen (*1933) gelten (ich selbst, so sei aus Gründen der Transparenz angemerkt, bin darum ebenfalls bemüht). Spezifikum der pragmatistischen Theorie ist, dass faktisch vorliegende Probleme mit gerechtigkeitstheoretischer Dimension den Ausgangspunkt der normativen Theoriebildung darstellen. Ausgehend von der Identifikation eines solchen Problems unternimmt der Pragmatist eine situative Untersuchung desselben. Dabei interessiert er sich unter anderem für die Genealogie des Problems, dafür, welche Normen in ihm zur Disposition stehen, wie Gesellschaften in der Vergangenheit mit ähnlich gelagerten Problemen umgegangen sind, auf welche Normen sie sich dabei mit welchen Gründen stützten, und auf eine Abschätzung der Folgen aller möglichen Umgangsweisen mit dem Problem. Die zentrale Beobachtung hinter dieser nah am aktuellen Geschehen verorteten Umgangsweise mit Gerechtigkeit ist, dass sich moralische Fortschritte meist als Folge der Überwindung konkreter Handlungsprobleme einstellen, wohingegen die Versuche, eine Gesellschaft auf Basis von abstrakt formulierten Tugenden oder Prinzipien zu verbessern, nur selten von Erfolg gekrönt sind. Der Pragmatist ist ein Freund der Reform.

Wichtigster Vorteil dieser Theorie ist, dass es ihr dank des Ansatzes bei wirklich vorliegenden Problemen häufig gelingen sollte, gesellschaftlich relevante Ergebnisse zu generieren. Aufgrund des Verzichts auf eine einmalige Festlegung des Gerechten kann diese Theorie zudem flexibel auf sich neu stellende Probleme reagieren. Dies ist insbesondere in einer krisenanfälligen Zeit wie der unseren zentral, entstehen in dieser doch stets neue Probleme mit gerechtigkeitstheoretischer Relevanz. Allerdings führt des Pragmatisten Verzicht auf eine einmalige Festlegung des Gerechten dazu, dass seine Theorie weder, wie die aristotelische, einen Tugendkatalog noch, wie die kantianische, eine Hierarchie an Gerechtigkeitsprinzipien abwirft. Dies kann insofern als Nachteil gewertet werden, als damit der häufig zu hörenden Forderung nach eindeutiger und universal gültiger normativer Orientierung mittels Theorie nicht nachgekommen wird.

Keine der drei gerechtigkeitstheoretischen Theorien ist vollkommen. Es kann daher nicht darauf ankommen, sich kategorisch für eine der drei zu entscheiden. Wichtiger ist die Frage, wie diese Theorien zu verbessern sind, um möglichst hilfreich für die Lösung tatsächlicher Probleme zu sein. Nur so kann die Philosophie der Erhöhung von Gerechtigkeit in der Welt zuträglich bleiben. Und darüber, dass dies das primäre Ziel der Philosophie im Allgemeinen und der Gerechtigkeitstheorie im Besonderen darstellen muss, sind sich alle drei beschriebenen Theorien einig. Am wichtigsten erscheint es mir daher, das Projekt der Gerechtigkeitstheorie ganz allgemein zu affirmieren und sich nicht dem Fatalismus des Mit-Theorie-Lässt-Sich-gegen-eine-Böse-Welt-ohnehin-nichts-Ausrichten hinzugeben. Auch wenn, oder gerade weil, es uns nicht immer gelingen wird, gerecht zu handeln, weder als Individuum noch als Gesellschaft, sollten wir stets um die Erhöhung von Gerechtigkeit in der Welt – und damit um das Projekt Gerechtigkeitstheorie – bemüht sein. Nur dann haben wir es auch verdient, den Schlaf der Gerechten zu schlafen.