Blogbeitrag von em. Prof. Dr. Annemarie Pieper

Grau, teurer Freund, ist alle Theorie

Ein erster Versuch, die graue Theorie ein bisschen zu beleben, ist der rote Faden, der sich durch ausgewählte Begriffe und Ideen hindurch zieht und sie zu einer Argumentationskette verbindet.

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Einer gängigen Definition zufolge ist der Mensch ein denkendes Lebewesen. Im Unterschied zu anderen, instinktgeleiteten Lebewesen bedient er sich seines Verstandes, um sich in der Welt zu orientieren. Dem Verstand sagt man nach, er sei kalt, weil er die Dinge emotionsfrei analysiert, sie sachlich, nüchtern und objektiv den Gesetzen der Logik unterwirft. Aber ohne die fünf Sinne als seine Datenlieferanten bliebe dem Verstand wenig zu tun. Er könnte nur seine eigenen, leeren Begriffe zu abstrakten Gedanken und rationalen Systemen formieren, ohne damit die Wirklichkeit einzufangen.

Vor allem würden ihm die Farben fehlen, und dies ist doch einigermassen erstaunlich. Denn Farben werden sinnlich wahrgenommen; sie sind Qualitäten, die mittels des Gesichtssinns an den Dingen erfasst werden. Der Verstand hingegen sieht nicht, sondern denkt. Aber er denkt gleichsam augengestützt und zieht daraus seine Schlüsse, die ihrerseits wiederum für den Vorgang des Sehens wichtig sind. Ohne den Verstand wüssten wir nicht, dass der Schnee immer weiss, die Wiese immer grün ist, denn die Augen sehen nur die Oberfläche, und zwar jedesmal neu, während der Verstand das Wesen erkennt. Wir wüssten auch nicht, was das Rot, Grün und Gelb der Ampel bedeutet, wenn uns die Verkehrsregeln unbekannt wären.

Der Verstand ist von den Farben so beeindruckt, dass er in Bildern und Gleichnissen denkt, um seinen unsinnlichen Gebilden dennoch, wenn auch im übertragenen Sinn, ein gewisses Colorit zu verleihen, das er sich von den sichtbaren Gegenständen borgt. Wenn Mephisto zum Schüler sagt: „Grau, teurer Freund ist alle Theorie, / Und grün des Lebens goldner Baum“, so deutet der Gegensatz von Grau und Grün/Gold auf die Lebensferne der Theorie hin. Das pralle Leben ist wie ein Baum, dessen edler, unverrottbarer Stamm stets neue Triebe wachsen lässt. Dagegen nimmt sich die Theorie als blutleeres Verstandeserzeugnis aus. Wie im Alter aus dem Haar die Farbe schwindet, so mangelt es den staubtrockenen Begriffskonstrukten an sinnlicher Kraft. Natürlich könnte das Graue der Theorie auch von den kleinen grauen Zellen stammen, auf die Hercule Poirot seine kriminalistischen Erfolge zurückführte, aber ohne seine Spürnase und seine scharfe Beobachtungsgabe wäre auch der Verstand eines Meisterdetektivs schwach-sinnig und verlöre sich im konturenlosen Grau einförmiger Gedanken.

Ein erster Versuch, die graue Theorie ein bisschen zu beleben, ist der rote Faden, der sich durch ausgewählte Begriffe und Ideen hindurch zieht und sie zu einer Argumentationskette verbindet. Wie bei der englischen Marine sämtliche Tauwerke der königlichen Flotte an einem roten Faden kenntlich waren, der unlösbar in das Geflecht der Stricke eingewoben war, so markiert auch der Verstand seine Gedankenabfolgen, indem er in sie den roten Faden seiner logischen Systematik hinein strickt und damit ihre königliche Herkunft von einem Träger der Krone der Schöpfung bezeugt.

In praktischen Belangen zieht der Verstand die Farbe des Goldes vor, um seine Wertschätzung zum Ausdruck zu bringen. Das kostbarste Metall stellt einen immerwährenden Wert dar. Entsprechend fordert die goldene Regel (andere so zu behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte) zu jeder Zeit unbedingte Verbindlichkeit, ist das goldene Zeitalter eine bleibende Aufgabe für die Menschheit. Wörter sollen auf die Goldwaage gelegt werden und, falls für zu leicht befunden, verschwiegen werden, damit der Abstieg in die Silberwährung unterbleibt. Nur das goldene Kalb hat den falschen Anstrich, der darüber hinweg täuschen soll, dass etwas ganz und gar Irdisches angebetet wird.

Die blaue Blume der Romantiker war ein Symbol für die Sehnsucht nach dem Unendlichen. Die Grenzenlosigkeit des unermesslichen Himmels verhiess Unsterblichkeit, vom endlichen Menschen in Gestalt einer unerreichbaren Blume begehrt, die nicht welkte. Wenn die Farbe blau für Unendlichkeit, Unsterblichkeit, ewige Dauer steht, dann bekommt auch die Rede vom blauen Blut adliger Personen eine neue Bedeutung. Rotes Blut gewöhnlicher Leute hat ein Haltbarkeitsdatum, das mit deren Tod verfällt. Blaues Blut hingegen konserviert seine edle Fracht und gibt sie ohne Qualitätseinbusse in alle Ewigkeit weiter. Da auch geistige Produkte Ewigkeitswert beanspruchen, ist es kein Wunder, dass emanzipierte Frauen den Männern blau erschienen. Nur hatten sie offenbar Mühe, den Intellekt der von ihnen als Blaustrümpfe Verschrieenen richtig zu verorten. Wer allerdings einen über den Durst trinkt und deshalb blau ist, befriedigt sein Verlangen nach Unendlichkeit auf die falsche Weise. Er hat nämlich Esprit mit Sprit verwechselt. Ob die Liebe rot, der Neid gelb, das junge Glück grün, ein böser Gedanke schwarz, die Unschuld weiss, Unrühmliches braun genannt wird: Der Verstand pinselt Farben auf seine abstrakten Vorstellungen und benutzt dabei die Augen als Kaleidoskop.

Textquelle: Annemarie Pieper: Nachgedacht. Philosophische Streifzüge durch unseren Alltag, Schwabe: Basel 2014, S. 97-99


 

Hinweis: Buchvernissage

Der Schwabe Verlag Basel lädt Sie herzlich ein zur Präsentation des Buches 

Annemarie Pieper: Nachgedacht. Philosophische Streifzüge durch unseren Alltag, Schwabe: Basel 2014

«Nachgedacht. Philosophische Streifzüge durch unseren Alltag»

Die Autorin Annemarie Pieper stellt ihr Buch im Gespräch mit Wolfgang Rother vor.

Mehr Informationen zum Buch

Wann: Dienstag, 3. Februar 2015, um 18 Uhr Wo: Buchhandlung Das Narrenschiff, Steinentorstrasse 11, Basel

 

Über die Autorin

Beitrag von em. Prof. Dr. Annemarie Pieper, Universität Basel, Philosophisches Seminar

Wikipediaartikel über Annemarie Pieper