Matthias Roggo

Linien einer objektivistischen Ästhetik I

Die beste Alternative zu schiefen Annahmen bezüglich Mensch und Umwelt ist menschliche Arbeit zu verstehen. Kreative und destruktive Interaktionen gründen auf Bedürfnissen und entsprechend auf Arbeit.

Alles ist Arbeit

In der Philosophie wäre der Wunschzustand, plausible Relationen und "Relationen von Relationen" herzustellen, um damit einen umfassend historisch-systematischen Zugang zu einer Thematik zu ermöglichen. Weshalb sollten Zusammenhänge debattiert und ausgelotet werden? Weil anzunehmen ist, dass Wissen dem allgemeinen Verständnis einer Sachlage zuträglich ist, und so einen indirekten Beitrag zu Handlungsansätzen liefern kann. Besagte Relationen werden nicht willkürlich festgesetzt, sondern erscheinen möglich und, um es nochmals zu sagen, plausibel. Im kollektiven Bemühen um Erkenntnisgewinn (und Fortschritt in der Welt, nach Francis Bacons korrekter Ansicht) setzen sich gewisse Auffassungen durch, wobei immer mit falschen oder zumindest sehr einseitigen Interpretationen zu rechnen ist, zumal dann, wenn es gar nicht um Wissen an sich geht (was heute eher die Ausnahme sein dürfte), sondern um kaschierte Machtverhältnisse in Instituten und an anderen Arbeitsorten (ein zentrales Thema der Wissenssoziologie). Wir sprachen eben von Meinungen, die mehr oder minder aktiv verbreitet werden. Das bringt uns zu einer Feststellung, die man eigentlich als bekannt ansehen möchte, dies aber nicht ist: Quantität verbürgt keine Qualität.

Das Gegenteil des Soll-Zustandes wäre die Fragmentierung und Beschränkung auf theoretisch isolierte Aspekte bis hin zur Absurdität. Ja nicht nur das, dazu auch noch die billige Behauptung, eine Aussage A und deren Gegenteil nicht-A würden in gleicher Hinsicht zutreffen, da alles nur eine Frage der Interpretation sei, der inneren Einstellung des Bürgers (Gesinnung), und dergleichen Fadheiten mehr. Versuchen wir denn, zu etwas Stärke zurückzufinden, auch wenn es nicht viel ist.

Wenn es um Kunst geht, geht es um Arbeit. Wenn es um Arbeit geht, können im Prinzip vier Interessen im Zentrum stehen:

  • Arbeit als Prozess (was mich hier interessiert)
  • Arbeit als Produkt (Werk und bestehende Produktionsbedingungen)
  • Bedeutung und Wirkung des Produkts (Funktion)
  • Bedeutung und Wirkung des Prozesses (Funktion)

Man kann dabei der Sache einen subjektiven Dreh geben, besonders bei den beiden funktionalistischen Interessen, wo es um "Effekte gewisser Art" geht, welche theoretisch als "Funktionen" interpretiert werden können, was anderen (zu individualistischen) Deutungen vorzuziehen ist. Subjektivität ist eine Sache, Subjektivismus eine andere. Die seit Leibniz und Descartes (bei allem Respekt) beklagenswerte Neigung zu subjektivistischen Ausflüchten hat uns bisher von der Objektivität nicht befreit, was Grund zur Freude ist. Denn die subjektive Glaswand zwischen Mensch und dem, was er oder sie zu verstehen und zu benutzen sucht, lässt sich so dünn halten, dass wir tatsächlich Aussagen machen können, die nicht oder kaum "menschlich gefärbt" sind. Die Frage ist nur, ob besagte Aussagen zutreffen. Wenn man persönlich das Wort "wahr" nicht mag, darf man auch gerne das Adjektiv "akkurat" verwenden, wenn es denn deutlich stärker gemeint ist als allgemein bei Pragmatisten, die gerne ein bisschen von allem haben möchten und dann nichts mehr richtig zusammenkriegen. Ein bisschen Tag, ein bisschen Nacht, aber von "Dämmerung" möchte man dann doch lieber nicht sprechen. Das klingt zu stark nach deutscher Philosophie! 

Objektivismus, Sachlichkeit, Wissen

Ob etwas "menschlich gefärbt" ist oder nicht, ist drittrangig, nicht vorrangig. Was? Wozu? Wie? Mit welchen Konsequenzen? sind die entscheidenden Fragen, nicht vermeintlich "männliche" und "weibliche" Wahrnehmungen von Tieren, Pflanzen und gesellschaftlich relevanten Themen wie Klima, Migration und Demographie (wieder ein dichtes Geflecht von Relationen). Die Themen gibt es ohne Zweifel, aber "die Frau" gibt es nicht, ebensowenig "den Mann", der alles kann, oder alles falsch macht. A fortiori gibt es auch nicht "den Menschen" oder "die Menschen", die da ein theoretisches Muster erfüllen möchten, ohne davon zu wissen. Wenn etwas in einem pragmatischen Sinne "funktioniert", dann nicht, weil Lebendiges auf wundersame Weise irgendwie eine Theorie bewahrheitet, sondern weil sich eine Unmenge von Faktoren in einem Topf zusammenfinden, die offenbar einen Vorgang ermöglichen (man vergleiche dies mit der Entstehung des Lebens), was uns nicht selten als "Zufall" anmuten mag, aber möglicherweise keiner ist. In Anspielung an den Titel dieses kleinen Versuchs (entfernt von Ayn Rand und ihrem prinzipiell richtigen Antikantianismus inspiriert) darf gesagt werden, dass einstweilen der Kult des Subjekts durch den Kult des Objekts ersetzt werden sollte, nur nicht als Bestimmter-Artikel-Pseudo-Entitäten wie "der (schlechte) Mann", "die (gute) Frau", "die (ungerechte) Gesellschaft", "der (fähige) Politiker", "der (unfähige) Bürger", "die (unverständliche) Kunst", "die (veraltete) Religion", "die distributive Gerechtigkeit" (die allen alles gibt), "das wahre Glück" - in diesem kitschigen Kontext natürlich auch "das wahre Wesen des Geschlechtsverkehrs" - dann weiter "der freie Markt", "die globale Gesellschaft", "unser Wohlstand", "unsere chinesischen Freunde" oder was auch immer für rationale Pseudogegenstände für emotionale Pseudodiskussionen kreiert werden (metaphysisch gesprochen "Substanzen", die keine sind). Zuerst löse man alles tunlichst in Relationen auf und versuche dann, im engen Netz der multiplen Kodetermination einige fragile Eckchen Freiheit zu beleuchten und für unser kollektives Bewusstsein zu sichern. "Margins of freedom" nannte ich das einmal in einem kurzen Vortrag zu Whiteheads Metaphysik. Keine leichte Aufgabe, Leute. Vielleicht doch lieber Pseudodiskussionen, die die Gemüter schnell und garantiert ohne Folgen bewegen? Vielleicht würden wir gut daran tun, einen nüchternen Blick auf Hegel zu werfen, denn Hegel weiss mehr ... Aber bevor wir das tun, sollten wir uns in Kunst, Philosophie und Wissenschaft zu einem vernünftigen "objektivistischen" Konsens durchringen: Auch wenn wir das menschliche Gehirn ob dessen gewaltiger Komplexität nicht ausreichend verstehen, so scheint es doch zweckmässig gemeinsam anzuerkennen, dass die "Realität da draussen" durch unsere Sinnespforten irgendwie in unser "Bewusstsein" hineindringt (frei nach Prof. Jordan Peterson, Toronto), wobei der Bewusstseinsbegriff von uns ganz und gar nicht hypostasiert wird. Auch werden wir keine Begriffe zu festen Kategorien hypostasieren. Etwas "da draussen" macht uns - nach einem schmerzvollen historischen Lernprozess - handlungsfähig. Handlungsbedarf und Handlungsfähigkeit. Das wird uns in den nächsten 500 Jahren als theoretische Ausgangslage vollauf genügen. Der Traum von Traumwelten ist ausgeträumt.

Nun aber zurück zur Kunst und zum Kunstprozess! Wir setzen beim ersten Punkt oben an: Arbeit (hier Kunst) als Prozess und versuchen uns einmal vorsichtig in der Deutung von Empfindungen.

"Der Betrachter U in der Situation V empfindet bei der Betrachtung des Bauwerks W ein Gefühl der Begeisterung."

Es ist schon beinahe banal anzumerken, dass diese Aussage mehr über U als über W aussagt, auch wenn es formal um eine zweistellige Relation geht. In Bezug auf das psychische Ereignis ist dieser Satz aussagekräftig, nicht aber, wenn es um Geschichte, Kultur, Sachverstand und die architektonischen Eigenschaften von W geht.  Anders gesagt, eine sachlich adäquate philosophische Ästhetik ist nicht ein Unterkapitel der Psychologie, sondern umgekehrt. Der Effekt von Kunstwerken auf Einzelne als Teil von Gemeinschaften (in Funktion der Zeit) wäre eine Folgefrage der theoretischen Ästhetik. Mentale Zustände geben wenig bis keine Hinweise auf den Kunstvorgang, also auf den umfassenden künstlerischen / schriftstellerischen Prozess: "the multi-faceted art process" würde ich auf Dewey'sche Manier improvisieren. Die Unart, Probleme zu subjektivieren und damit des öfteren zu psychologisieren, führt zu absurden Fragen, die interessanterweise auf theoretische Versäumnisse hindeuten. Ein Beispiel aus dem akademischen Absurdistan des vorangegangen Jahrhunderts mag das illustrieren. Klarerweise handelt es sich im Folgenden um eine zweistellige Relation, aber natürlich nicht auf eine höchst naive, antimetaphysische Art, wie das früher Mode war. Zum Zwecke der guten Laune und der Ironie erinnere ich mich gerne an den folgenden surrealen Satz:

"Dieses Bild vermittelt mir ein trauriges Gefühl. Aber wie ist denn das möglich, wenn das Bild selber nicht traurig ist?" (falsche Fragestellung, so gesehen bei Nelson Goodman) 

Hier liegt gleich ein dreifacher Irrtum vor: Erstens sind wir in der Regel keine Animisten; es käme uns also nie in den Sinn, einem Gegenstand Gefühle zuzuschreiben. Zweitens spricht nichts dafür, dass alle Gefühle ausschliesslich auf Sympathie oder Empathie beruhen. Es ist mir durchaus möglich, eine "kalte" Information in ein "kaltes" Gefühl umzuwandeln, dann nämlich, wenn ich mir der Tragweite eines Ereignisses bewusst werde, was ein intellektueller Vorgang ist. Das Denken wirft einen Schatten auf die Gefühlswelt, ohne diese zu erschüttern. Drittens ist es wenig wahrscheinlich, dass zwischen Lebewesen so etwas wie "emotionale Telepathie" möglich ist, das heisst ein unmittelbares Anklingen von Emotionen, das nicht zuerst vom eigenen Gehirn erzeugt und dann erst zu Bewusstsein gebracht wird (contra Leibniz und Whitehead). Verkürzte Denkweisen und bizarre Voraussetzungen führen zu Scheinproblemen, die zuweilen ganz amüsant sind, aber uns im philosophischen Diskurs leider nicht weiterbringen, es sei denn, wir betrachten die Geisteswissenschaften als witziges Spiel ohne Bezug zu uns und zur gesellschaftlichen Praxis.

Semiotik als theoretischer Rahmen

Wir kehren zum philosophischen Soll-Zustand zurück und versuchen, wenigstens ansatzweise das vielschichtige Neben- und Übereinander in menschlichen Angelegenheiten (und darüber hinaus) theoretisch "durchzuspielen", wenn wir das Verb "spielen" auf eine interessantere Art verwenden wollen ("to re-enact"). Dafür braucht es (neben dem Mut zum Objekt) den Mut zur Synthese, etwa so, wie ein pathologisch gespaltenes Individuum den Mut finden muss, mittels Therapie wieder zu einem höheren Grad von Integration (innen und aussen) zu gelangen. 

Das wohl beste Instrument, eine Kultur - und näherhin den Kunstvorgang - zu erfassen, ist die Semiotik im Anschluss an C. S. Peirce. Nun gibt es freilich nicht nur ein Verständnis und eine einzige Art der Anwendung der Semantik, und auch die Begriffe 'Kunst' und 'Kultur' (und die scheinbaren Gegenteile davon) stehen immer wieder zur Diskussion.  Nur ist es ein markanter Unterschied, ob wir uns in billiger Psychologisierung ergehen, oder ob uns in einer ambitionierten Theorie Fehler unterlaufen. Die Letzteren tragen zum Erkenntnisfortschritt und zu etwas, was ich "höhere akademische Denkkultur" nennen möchte, bei.

In groben Umrissen würde eine anspruchsvolle Ästhetik im Sinne einer dynamischen Kunsttheorie, welche Wirkungen und Ursachen berücksichtigt (nicht nur subjektive Erlebnisse), die drei Grundkategorien nach Peirce so anzuwenden wissen, dass wir damit arbeitsecht und wirklichkeitsnah den Zyklus Künstler-Kunstwerk-Publikum-Künstler (inklusive künstlerische Tradition vorher, und Rezeption eines bestimmten Werkes nachher) allgemein verstehen können. Eine solche Betrachtung - welche nicht direkt auf Pierce zurückgeführt werden kann - wird sich mit Vorteil an Geschichte und Soziologie orientieren, denn Kultur ist ein historischer und gesellschaftlicher Vorgang, bei dem sich Gegenwart und Vergangenheit dialektisch zu etwas Neuem, aber dennoch Erkenn- und Geniessbarem verbinden. Die Semiotik hat eben diesen ganzheitlichen Kulturprozess im Auge (nach Umberto Eco).

Künstler-Kunstwerk-Publikum, also der Weg von der Ideation bis zur Rezeption des Kunstwerks bietet sich als Programm für eine umfassende Ästhetik an. Da wir sachgemäss von "höheren" Erzeugnissen menschlicher Tätigkeit ausgehen, könnte der Weg vom Künstler zum Publikum auch mit Ausdrücken wie "ideelle Phase" (Konzeption), "materielle Phase" (Ausführung) und soziale Phase" (Rezeption) beschrieben werden. Rezeption ist dabei viel mehr als nur ein gefühlter psychologischer Effekt (Genuss, Interesse, Läuterung, Inspiration, Abscheu), auch wenn dieser multiple Aspekt auch eine gewisse Rolle spielen mag. Diese Überlegungen werden in einem späteren Beitrag nochmals aufgegriffen und fortgesetzt. Es wird dann auch etwas über Kreativität zu sagen sein.


Weitere Hinweise zum Thema und zu Goodman (für Studenten): 

http://d-sites.net/english/goodman.html


(Das ist der erste Teil von "Linien einer objektivistischen Ästhetik". Den zweiten Teil finden Sie hier. Den dritten Teil finden Sie hier.)