Buchhaltung zwischen wirtschaftlichen Abwägungen, psychologischen Vernetzungen und philosophischen Divergenzen.

« Ideomotorische Assimilation » – oder: Über das Leben im Zeitalter der ökonomischen Entscheidungsfindung.

Dieser Beitrag analysiert den Ursprung buchhalterischen Agierens als einen vom Menschen ausgehenden mental-neuronalen Prozess im Kontext individueller Entscheidungsfindung(en).

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(1) Ökonomische Entscheidungsfindung(en) zwischen mentaler Buchhaltung, Subjektivität, Objektivität und ideomotorischer Assimilation

Kehren wir am Tag der internationalen Rechnungslegung 2022 auf die wesentlichsten Charakteristika der (doppelten) Buchhaltung, auf die Eigenheit des Verbuchens und auf den menschlichen Umgang mit dem Hineingeboren-Werden in eine spezifische Wirtschaftsordnung zurück. Bezogen auf meine wissenschaftliche Beschäftigung damit, etabliere ich in diesem Kurzessay neue Kategorien hinsichtlich der menschlich-ökonomischen Entscheidungsfindung und den Begriff der "ideomotorischen Assimilation".

Der Begriff der sog. mentalen Buchhaltung[1] [2] lässt sich auf den US-amerikanischen Ökonomen Richard Thaler (geb. 1945) zurückführen und kann den Bereichen der Wirtschaftswissenschaften und der Verhaltensökonomik zugeordnet werden. Er wurde durch Thaler in den 1980er Jahren definiert. Dieser Terminus besagt, dass der Mensch sein Leben in Konten einteilen und seine praktischen Entscheidungen danach ausrichten würde. Dies betreffe vor allem auch den Umgang mit den eigenen finanziellen Mitteln.

Steht man der These von Thaler bejahend gegenüber – wie im Übrigen auch ich – so kann man in weiterer Folge auch vom Menschen als ein ökonomisch denkendes Lebewesen sprechen, mit dem das mentale Accounting auf enge Art und Weise verknüpft ist. Aber woher rührt die Tatsache, dass der Mensch grundsätzlich versucht, sofern ihn nicht andere menschliche Einschränkungen (z. B. gesundheitliche Beeinträchtigungen) daran hindern, ökonomisch zu denken und spezifische, häufig mit finanziellen Belangen verbundene Vorgänge, mit denen wir im Leben konfrontiert sind, im Kontext einer mentalen Verbuchung zu lösen? Ich behaupte zu sagen, dass wir, die wir alle Menschen sind, uns in einem Zeitalter der (ständigen) ökonomischen Entscheidungsfindung(en) befinden. Aber was kann darunter verstanden werden?

Heute, so scheint es, werden alle Sachverhalte, die einen wirtschaftlichen Berührungspunkt aufweisen, einer Abwägung unterzogen – und dies kann bewusst oder unbewusst geschehen. Im Mittelpunkt der Entscheidungsausrichtung(en) steht vermehrt die Frage nach der Rentabilität und nach den wirtschaftlichen Folgen bzw. Konsequenzen einer Handlung. Man kann durchaus sagen, dass der Mensch, sofern man ihn und seine Fortentwicklung historisch betrachtet, immer schon von einer gewissen ökonomischen Entscheidungsfindung im Kontext seiner Lebensplanung umgeben war. Dies ist demgemäß kein neues Phänomen. Spezielle Charakteristika sind hier beispielsweise bilanzielle Abwägungen, das Vermögen- und Schuldendenken des menschlichen Daseins, das Gegenüberstellen von Soll und Haben bzw. von Aktiva und Passiva. Mathematisch kann dies u. a. mit einer Kapitalgleichung ausgedrückt werden, die versucht, das Reinvermögen abzubilden: A stellt das Vermögen dar, P die Schulden.

 

[1] Siehe hierzu: Thaler, R. (1980): Towards a positive theory of consumer choice. In: Journal of Economic Behavior and Organization (1), p. 39-60

[2] Siehe hierzu: Thaler, R. (1985): Mental accounting and consumer choice. In: Marketing Science (4), p. 199-214

 

Daraus kann das Eigenkapital K errechnet werden. Das Vermögen A ergibt sich aus beliebig vielen Vermögensbestandteilen, ebenso die Schulden mittels der Posten P.

Der Mensch hat bzw. konnte sich nie vollständig von wirtschaftlichen Abwägungen loslösen. Ökonomische Herausforderungen begegnen einem Menschen im Laufe seines Lebens also ständig, er muss in gewisser Hinsicht darauf antworten. Letzteres wäre das ökonomische Handeln, unabhängig ob dieses Agieren nun effizient ist oder nicht. Die Eigenheit des an sich ökonomisch denkenden Menschen beschreibt schon der irische Ökonom John Kells Ingram (1823-1907) mit dem Begriff des economic man[1]. In seinem Werk A History of Political Economy aus dem Jahr 1888 hebt er insbesondere das menschliche Streben nach Effizienz im alltäglichen Leben hervor. Eine generelle Einordnung effizienten Handelns ist prinzipiell schwer, da Effizienz immer auch mit individuellen Überzeugungen und Werten in Verbindung steht. Eine allgemein gültige Definition kann es daher diesbezüglich nicht geben.

Was aber auffällig ist, und das kann insbesondere in den letzten Jahren beobachtet werden, ist die Tatsache, dass der Mensch ökonomische Entscheidungen vermehrt in seine (intimste) Lebensplanung miteinbezieht. Es gibt, und das halte ich ausdrücklich fest, wohl nur wenige Tage im Jahr, in denen wir weder kalkulieren noch bestimmte Sachverhalte aus wirtschaftlicher Sichtweise heraus betrachten und evaluieren. Gerade in Zeiten wie heute, in denen die Teuerung aufgrund kriegerischer Auseinandersetzungen mitten in Europa sukzessive fortschreitet, wägen immer mehr Menschen ihre (mögliche) Lebensweise ab und die Frage nach der Betankung des eigenen Fahrzeuges wird vielleicht zu einer sich täglich stellenden Frage und zu einer ständigen Beschäftigung damit. Es kann aufgezeigt werden, dass wir verstärkt umgeben sind von wirtschaftlichen Sachverhalten (meist von pekuniären Herausforderungen), die einer persönlichen Beantwortung bedürfen.

Auf radikale Art und Weise lässt sich das heutige Zeitalter durchaus, so argumentiere ich, als epochale Zeitenwende beschreiben. Letzteres liegt an der Beständigkeit ökonomischen Denkens, das von den Menschen einerseits selbst gefordert wird, andererseits aber auch der Natur des Menschen entspringt.

 

[1] Siehe hierzu: Kells Ingram, J. (1888): A History of Political Economy. Edinburgh: Adam & Charles Black

 

Die Vorgänge, rentabel und liquide zu denken, sind zwar – wie bereits dargelegt – keine neuen Erscheinungen, aber ihre kontinuierliche Auseinandersetzung damit wird zu einem menschlichen Kuriosum. Es besteht die Gefahr, dass diese Faktoren schleichend zur Richtschnur für unser Leben werden. Zur Skizzierung dieser Problematik etabliere ich nun die sog. zwei Ebenen der ökonomischen Entscheidungsfindung (= Subjektivität und Objektivität) und konstituiere gleichzeitig den Terminus der ideomotorischen Assimilation[1]

[1] Ich bin mir bewusst, dass der Terminus ideomotorisch innerhalb der wissenschaftlichen Auseinandersetzungen vermehrt im Kontext der psychologischen Disziplin oder der Neurowissenschaften Anwendung findet, um spezielle Bewegungen oder Aktivitäten zu akzentuieren, die unbewusst durch den Menschen ausgeführt werden. Dennoch greife ich diesen Begriff auf und verwende ihn interdisziplinär, d. h. auch in Bezug auf ökonomisches Agieren, da – wie der vorliegende Essay aufzeigen soll – der Mensch in diese Welt unfreiwillig hineingeboren und von unterschiedlichsten Gedanken und Erfahrungen beeinflusst wird, die sich auf seine spezifischen Handlungen auswirken können. Mit ideomotorisch umschreibe ich demnach auch das ungewollte Hineingeboren-Werden in diese Welt, das einer persönlichen Fügung bedarf. Die Fügung nenne ich Assimilation.

  • Die erste Ebene ist das rationale Denken des Menschen, das ich einer objektiven Ebene (= objective level) zuordne. Diese Ebene des Sollens ist dafür verantwortlich, dass der Mensch vernunftbezogene Entscheidungen trifft, ohne auf individuelle Motive Rücksicht zu nehmen bzw. nehmen zu können. Häufig ist die objektive Ebene u. a. von einem kollektiven Denken umgeben.

 

  • Die zweite Ebene umfasst das Wollen des Menschen, d. h. eigene Überzeugungen und Motive. Diese zweite Stufe nenne ich subjektive Ebene (= subjective level). Hierbei wünscht sich das Individuum bestimmte Verhältnisse bzw. Dinge, die herbeigeführt werden sollen. Diese können unabhängig von der objektiven Ebene existieren. Eine solche unabhängige Existenz der subjektiven Ebene zeigt sich heute aber häufig nicht mehr – und genau darin liegt die Problematik. Wollen (= subjektiv) wird demgemäß mit Sollen (= objektiv) abgewogen und dadurch zur eigentlichen Herausforderung. Der homo oeconomicus wünscht sich Dinge (= subjektive Ebene), die mangels bestimmter Tatsachen (= objektive Ebene) aber nicht umsetzbar sind[1].

 

Wie Sie sehen können, ordne ich solche Vorgänge in zwei Ebenen (oder auch Stufen) ein, nämlich in eine (1) objektive Stufe und eine (2) subjektive Stufe. Beide Bereiche stehen in einem Wechselverhältnis zueinander. So hängt Wollen im heutigen Zeitalter immer auch von bestimmten Möglichkeiten und rationalen Überlegungen (= Sollen) ab. Diese Situationen lassen sich an vielen Exempeln demonstrieren, eines davon stellt für mich die runde und in sich geschlossene Form eines Karussells dar. Eine solche Drehscheibe hat kein Ende, und um eine philosophische Parallele herzustellen: Es ist nicht leicht oder – so wage ich zu behaupten – überhaupt gar nicht erst möglich, diesem regressus in infinitum zu entkommen. Demnach liegt eine Endlosrekursion[2] vor.

Die von mir etablierten Ebenen, d. h. subjektiv und objektiv, führen zwangsläufig zu unausweichlichen Situationen, da diese einer Entscheidung bedürfen. Während Richard Thaler von mentaler Buchhaltung spricht und weiters davon, dass sich der Mensch zeit seines Lebens sog. mentalen Konten bedient, die er selbst konstruiert und die von Individuum zu Individuum verschiedenartig aussehen können, argumentiere ich noch weiter, selbst wenn ich Thalers Theorien positiv gegenüberstehe, und hebe ergänzend einen Wandel hervor, der sich wie folgt ausdrücken lässt: Wir leben in einem radikalen Zeitalter ökonomischer Entscheidungsfindungen! Von diesem Zeitalter können wir uns, zumindest rational, nicht trennen, weil wir bereits durch unsere Geburt in diese Zeitspanne – man könnte auch von einem System sprechen – hineingeboren wurden. Die Herausforderung beginnt somit bereits durch dieses Hineingeboren-Werden[3]. Der Mensch findet sich automatisch in einer speziellen Geld- und Wirtschaftsordnung wieder und er ist angehalten, sich dieser Systematik zu fügen. Was fehlt, ist eine ausdrückliche Bejahung bzw. Zustimmung des Individuums. Es kann hervorgehoben werden, dass es im ureigensten Sinne der Zufall ist, der eine solche Problematik erst entstehen lässt. Ein solches Hineingeboren-Werden in einen bereits etablierten Kreislauf umschreibe ich fortan als eine sog. ideomotorische Assimilation (engl. ideo-motor assimilation).

Eine weitere Ähnlichkeit zwischen dem Menschen und seinem Wesen einerseits und dem Sektor der Rechnungslegung andererseits, zeigt sich im Mechanismus der Abwägung. Häufig werden menschliche Entscheidungen nicht bloß unüberlegt getroffen, sondern unterliegen einem Prozess reiflicher Abwägung unterschiedlicher Komponenten. Und genau danach richtet der Mensch für gewöhnlich sein Leben aus. Zur Veranschaulichung eines solchen Verlaufes nenne ich folgendes Beispiel, das zugegebenermaßen nicht komplex ist: Mein:e Partner:in und ich möchten unbedingt fünf Hauskatzen anschaffen, die bei uns unterkommen sollen. Die Mietwohnung, die nur 40 m² umfasst, ist für zwei Bewohner:innen und fünf Hauskatzen definitiv zu klein. Wir müssen nun Überlegungen anstellen, ob wir nicht eine größere Wohnung beziehen, um die Katzen auch tatsächlich bei uns aufnehmen zu können. Eine größere Wohnung bedeutet aber auch höhere Kosten. Es kommt zu einem Abwägungsmechanismus und Fragestellungen eröffnen sich: Können wir uns die neue Wohnung tatsächlich leisten? Wenn nicht, warum nicht und welche Aspekte müssen für eine Kostenabdeckung erfüllt werden? Oder lohnt es sich aufgrund verschiedenartiger Aspekte prinzipiell nicht, eine neue Wohnung zu beziehen? Letzteres würde mit dem Verzicht auf die Katzenanschaffung einhergehen.

Was ich damit zum Ausdruck bringen möchte, ist eigentlich ganz simpel: Menschliches Leben steht immer in Verbindung mit kaufmännischen Überlegungen und Logiken – und somit in weiterer Folge auch in Verbindung mit rechnungslegungstechnischen Konnexionen. Das gewählte Exempel sollte das Um-die-Ecke-sein der Buchführung, die mentale Verkettung der Buchführung im Rahmen menschlichen Lebens und das grundlegende bilanzielle Denken im Alltag verdeutlichen.

 

[1] Zur Veranschaulichung: Wenn ich beispielsweise nur über ein geringes Einkommen verfüge, so kann ich mir vielleicht ein Fahrzeug leisten, aber wohl nur ein durchschnittliches KFZ. Würde ich jedoch über ein höheres Gehalt verfügen, so könnte ich mir auch ein bekanntes Marken-Fahrzeug leisten. Mit diesem einfachen Beispiel kann skizziert werden, wie die Ebenen der Subjektivität und Objektivität zum gegenseitigen Problem werden können. Durch einen Mangel an Geldmittel kann womöglich das gesamte Wollen des Individuums oder zumindest können Teile davon nicht gestillt werden. Wiederum zeigt kommt eine Sollen-Wollens-Problematik zum Ausdruck.

[2] Dieses Sich-selbst-problematisch-Werden des Menschen skizziert bereits der Philosoph Max Scheler (1874-1928) im Kontext seiner Problemerläuterung zur Wesensontologie des Menschen. So schreibt Scheler in seinem Werk Die Stellung des Menschen im Kosmos (1928): Wir sind […] das erste Zeitalter, in dem sich der Mensch völlig und restlos problematisch geworden ist; in dem er nicht mehr weiß, was er ist, zugleich aber auch weiß, dass er es nicht weiß. Siehe hierzu: Scheler, M. (1928): Mensch und Geschichte. In: Id., Gesammelte Werke (Späte Schriften), Bd. 9, Bonn: Bouvier, S. 120

[3] Der Philosoph Martin Heidegger (1889-1976) würde dieses Faktum des Hineingeboren-Werdens wohl als Geworfenheit (engl. thrownness) umschreiben. Heidegger beschreibt mit diesem Terminus die Unausweichlichkeit des menschlichen Daseins, das für ihn völlig ungefragt geschieht. Er meint das In-die-Welt-geworfen-werden. Siehe hierzu: vgl. Heidegger, M. (1927): Being and Time. Online: https://plato.stanford.edu/entries/heidegger/#Car [abgerufen am: 12/09/2022]

Zum Verhältnis von Objekt und Subjekt schrieb bereits Arthur Schopenhauer in seinem Werk Die Welt als Wille und Vorstellung (1818) in § 2 treffend: Diese Hälften sind daher unzertrennlich, selbst für den Gedanken: denn jede von beiden hat nur durch und für die andere Bedeutung und Daseyn, ist mit ihr da und verschwindet mit ihr. Sie begränzen sich unmittelbar: wo das Objekt anfängt, hört das Subjekt auf. Siehe hierzu: Schopenhauer, A. (1818), Online: http://www.zeno.org/Philosophie/M/Schopenhauer,+Arthur/Die+Welt+als+Wille+und+Vorstellung/Erster+Band/Erstes+Buch [abgerufen am: 22.09.2022]

 

(2) Conclusio

Ökonomische Entscheidungen, die von Menschen selbstständig getroffen werden und bereits mental verankert sind, können als ein Konstrukt angesehen werden, das sich zwischen neuronalen Vernetzungen, psychologischen Elementen und philosophischen Divergenzen befindet. Diese Betrachtungsweise sollte mit dem vorliegenden Essay in besonderer Weise hervorgehoben werden. Vorgänge des Gehirns führen zu Aktionen, die sich wiederum auf wirtschaftliche Bereiche und auf die Verwaltung des eigenen Vermögens auswirken können. Mentale Überlegungen innerhalb der Buchhaltung, wie sie auch von Richard Thaler erörtert und untersucht wurden, können Finanz- und Wirtschaftsentscheidungen maßgeblich beeinflussen. Der Mensch von heute ist angehalten, seine Entscheidungen ständig auf ökonomische Art und Weise – und damit auch im Sinne der Buchhaltung – zu hinterfragen. Er verdeutlicht dadurch seine Stellung als homo oeconomicus in der Welt. Durch ein solches Denken kann sich zum Beispiel die Vermögens- oder Schuldensituation des jeweiligen Individuums (oder der Korporation) verändern, sowohl in positiver Hinsicht (bspw. durch eine gute Übersicht der eigenen Geldmittel und Liquidität) als auch im Rahmen einer negativen Betrachtungsweise (bspw. durch eine nicht völlig durchdachte Verzinsung).

Was bleibt vom Geschriebenen nun übrig?

Summa summarum kann attestiert werden, dass wirtschafts- und finanzwissenschaftliche Handlungen bzw. Vorgänge nie für sich selbst stehen, sondern immer im Konnex mit anderen Disziplinen verstanden werden müssen. Hierbei nehmen sowohl die Neurowissenschaften, die (Sozial-)Psychologie als auch die Philosophie einen wesentlichen Raum ein. Dass Buchhaltung bereits im Gehirn geschieht, sollte nicht nur die Relevanz für die Praxis aufzeigen, sondern sollte weiters auch die Tatsache hervorheben, dass es allen Menschen gemein ist, kaufmännische Überlegungen anzustellen. Wie sehr bestimmte Typen von Menschen die Buchführung auch verabscheuen mögen, völlig loslösen können auch sie sich nicht von ihr. Und das ergibt sich einerseits (1) aus der vernunftgeleiteten Stellung, in der sich jeder Mensch als animal rationale (altgriech. ζῷον λόγον ἔχον) befindet und mit dieser erst eine Differenzierung des Menschen von anderen Lebewesen (z. B. Mensch als homo oeconomicus gegenüber einem Tier) möglich wird und andererseits (2) dadurch, dass der Mensch gewissermaßen ungewollt in ein System hineingeboren wird, in dem er mit solchen Aspekten der Wirtschaftlichkeit (heute) geradezu konfrontiert wird. Kann sich der Mensch dagegen wehren? Nein. Aber er wird sich selbst zunehmend zum Problem, da sich dieses Denken auf nahezu alle Gesellschaftsbereiche des Menschen ausdehnt bzw. ausdehnen kann.

Dieses Hineingeboren-Werden, dieses Bewegt-Werden des Menschen in die Welt – und damit in einen vorgegebenen Wirtschafts- und Finanzkreislauf – nenne ich ideomotorische Assimilation bzw. ideo-motor assimilation. Es geht um ein ungewolltes Sich-(Wieder)-Finden, das einer individuellen Fügung bedarf.

 

Bemerkung: Sofern in diesem Essay für die Leser:innen etwas nicht verständlich sein sollte – was ich natürlich nicht hoffe – sei mir folgender Hinweis erlaubt: Um meine Zeilen zur Gänze verstehen zu können, bedarf es einer Antwort auf die grundlegende Frage: Was ist der Mensch? Selbst wenn sich viele Forscher:innen in unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen mit dieser Frage auseinandersetzten und immer noch tun, gehört diese Fragestellung zu den größten ungelösten Rätseln der Menschheit und Wissenschaft. Wenn ich von einem Sich-Fügen spreche, so setze ich den Menschen als Wesen bereits voraus. Ich möchte dieses noch nicht gelöste Geheimnis mit einem Vergleich verdeutlichen: Dieses Rätsel, also was der Mensch ist, kann mit einem noch ungeklärten Problem innerhalb der höheren Mathematik, nämlich mit der sog. Riemannschen Vermutung, zum Ausdruck gebracht werden. Bis heute ist trotz intensiver Forschung fraglich, sofern auf die Riemannsche Hypothese Bezug genommen wird, in welchem Verhältnis die Primzahlen zueinanderstehen. So ähnlich verhält es sich m. E. auch mit dem Phänomen Mensch: Es gibt viele Ansätze unterschiedlichster Denker:innen, aber keine davon kann belegt bzw. als allgemein gültig angesehen werden. Der Mensch bleibt (sich selbst) also ein Rätsel. Sein Wesen und seine Existenz müssen aber vorausgesetzt werden, um diesen Essay – in ökonomischer, psychologischer und philosophischer Manier – verstehen zu können.

Um es mit Ludwig Wittgenstein (1889-1951) zu artikulieren, der in seinem Werk Tractatus logico-philosophicus (1922) schrieb: Whereof one cannot speak, thereof one must be silent.[1] (TLP, 7)

 

[1] Wittgenstein, L. (1922), Online: https://www.wittgensteinproject.org/w/index.php?title=Tractatus_Logico-Philosophicus_(English) [abgerufen am: 21.09.2022]