Religionsethik

Religionen tragen mit der Vermittlung von Glaubensinhalten, Wertvorstellungen und Praktiken wesentlich zur sozialen Identitätsbildung einer Gemeinschaft bei und schreiben ihren Anhängern bestimmte Handlungen, Lebens- und Gemeinschaftsformen vor.

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    Wenngleich diese stabilisierenden Funktionen den Gruppenangehörigen selbst Halt und Entlastung bieten, begünstigen organisierte Religionen durch die Abgrenzung gegenüber Nichtangehörigen zugleich auch Konflikte und können eine große soziale Spaltungskraft entwickeln. Zu Zeiten der Globalisierung nehmen die Spannungen zwischen verschiedenen Kulturen und Religionen infolge verstärkter Migrationsbewegungen zu und westliche Gesellschaften werden konfrontiert mit einer offensiveren Religiosität und Fundamentalisierungstendenzen in verschiedenen Religionen. Täglich berichten die Medien von Kämpfen zwischen verschiedenen religiösen Gruppen und von islamistischen Terrorakten auf der ganzen Welt, wobei insbesondere diejenigen auf das New Yorker World-Trade-Center oder die Redaktion des Pariser Satiremagazins „Charlie Hebdo“ die Weltbevölkerung tief erschüttert haben. Während die meisten religiösen Menschen solche Gewaltausbrüche als Missbrauch oder Instrumentalisierung der Religion interpretieren, wagen immer mehr Atheisten auszusprechen, dass aus ihrer Sicht eine Welt ohne Religion eine bessere Welt wäre.


    Angesichts der völlig unklaren Rolle der Religion in heutigen säkularen demokratischen Gesellschaften braucht es eine „Ethik der Religion“ oder „Religionsethik“ als neue Bereichsethik innerhalb der noch jungen Disziplin der Angewandten Ethik. Eine Religionsethik befasst sich unabhängig von konkreten Glaubensinhalten und Wahrheitsansprüchen verschiedener Religionen mit den ethischen Fragen im Zusammenhang mit der Religionsausübung. Sie untersucht, welchen positiven Beitrag Religionen zum persönlichen Glück (Individualethik) oder zum gerechten Zusammenleben (Sozialethik) beitragen und inwiefern sie in negativer Hinsicht zu Problemen und Konflikten führen können. Entsprechend der Aufgabe Angewandte Ethik allgemein kann die „Religionsethik“ in ihrer Problematisierungsfunktion gesellschaftliche religionsspezifische Diskurse strukturieren, Argumente kritisch analysieren und wissenschaftliche Spezialdiskurse und öffentliches Engagement zusammenführen.


    In individualethischer Hinsicht erscheinen religiöse und säkulare Glücksmodelle teilweise als inkommensurabel, weshalb ein direkter Vergleich des „Glücks“ von religiösen und säkularen Menschen schwierig ist. Nach religionspsychologischen Untersuchungen können unterschiedliche Religionsgemeinschaften und individuelle Religionsstile sehr verschiedene Auswirkungen auf die Lebenszufriedenheit der Menschen haben. In sozialethischer oder moralischer Hinsicht hat zwar Dostojewski behauptet, ohne Gott gebe es keine Moral. Sowohl die These der Notwendigkeit einer höheren transzendenten Instanz für die Begründung moralischer Normen als auch ihrer Notwendigkeit für die Motivation der Menschen zu moralischem Handeln erweisen sich aber bei einer näheren Prüfung als zweifelhaft. Obgleich Moral weder hinsichtlich der Begründung noch der Motivation notwendig auf Religion angewisen ist, können jedoch bestimmte Formen von Religion einen bedeutenden Beitrag zur Stärkung der moralischen Motivation leisten: Der Bezug zu einer transzendenten Wirklichkeit kann die Überwindung der egozentrischen Perspektive erleichtern, wobei insbesondere durch meditative und mystische Praktiken eine tiefe Verbundenheit mit allem Seienden erfahrbar wird. Demgegenüber kann eine individualistische Spiritualität eine aktive engagierte Weltzuwendung verhindern und autoritäre fundamentalistische Glaubensstile können zu Intoleranz und Gewalt motivieren.


    Offensichtlich ist es angesichts der Vielfalt an Religionen und ihren verschiedenen Interpretationen durch ihre Anhänger weder sinnvoll, Religion als solche als „schlecht“ oder „irrational“ zu verurteilen, noch auch Religion stillschweigend als etwas „Unerklärliches“ und rational Unzugängliches hinzunehmen oder gar das religiöse „Multikulti“ pauschal als bereichernd zu verklären. Erforderlich ist gleichsam als Mittelweg eine differenzierte und sachliche öffentliche Diskussion, in der die minimalen Bedingungen für eine „gute Religion“ entwickelt werden: Eine gute Religion muss sich beispielsweise mit den Prozessen der Aufklärung und Säkularisierung auseinander setzen, sich mit der historisch-kritischen Methode vertraut machen und die tradierten Handlungsvorschriften unter veränderten historischen und gesellschaftlichen Bedingungen einer kritischen Reflexion zu unterziehen. Sie vermag eine religiöse und eine nichtreligiöse Sphäre, „Heilsethos“ und „Weltethos“, „Religion“ und „Moral“ klar voneinander zu trennen. Sich ihr eigenes Gefahrenpotential bewusst machend, distanziert sie sich von allen fundamentalistischen Tendenzen und bemüht sich um die friedliche Koexistenz aller Menschen. Statt religiöse Toleranz ist kritische Intoleranz gegenüber denjenigen religiösen Strömungen geboten, die sich wie fundamentalistische Bewegungen oder totalitäre Neureligionen von der Mehrheitsgesellschaft als dem „Übel“ oder „Feind“ abgrenzen und sich dem demokratischen und offenen Dialog verschließen. Eine kritische Öffentlichkeit kann die den Religionen selbst zukommende Aufgabe der Kultivierung und Selbstzivilisierung letztlich aber nur unterstützen.

    Von der Autorin erschien das Buch „Religionsethik Ein ethischer Grundriss“, Kohlhammer Verlag, Stuttgart 2016, vgl. www.Ethik-Fenner.de

     

    Frage an die Leserschaft

    Wäre es Ihrer Meinung nach sinnvoll, Religionsethik als Schulfach anzubieten?