Ein Beitrag von Christian Budnik zu einem Gedankenexperiment zu Robotern

Wieso träumen wir?

Eine Zukunft mit künstlichen Freunden – Wovon träumen Roboter?

·

Das Gedankenexperiment

Die Menschheit lebt in einer Welt, in der es Quantencomputer mit einer (heutzutage) unvorstellbar hohen Rechenleistung gibt, auf denen Computerprogramme laufen, die in ihrer ‘neuronalen’ Struktur die Komplexität des menschlichen Gehirns übertreffen. Diese Computerprogramme können das Mentale einer individuellen Person simulieren, und sie steuern künstlich erschaffene Roboter, die von aussen nicht von menschlichen Wesen zu unterscheiden sind, eine menschliche Stimme und Mimik haben, sich erinnern und Gespräche führen können etc. Stellen Sie sich vor, Sie haben mit einem solchen Androiden, nennen wir ihn Philip, die letzten fünfzehn Jahre ihres Lebens verbracht. Sie haben mit Philip verschiedene Abenteuer erlebt, er hat Sie in Krisensituationen getröstet, Sie haben ihm dabei geholfen, ein Haus zu bauen, in dem er wohnt und wo Sie ihn mehrmals in der Woche besuchen. Nun überlegen Sie, sich einen neuen künstlichen Freund anzuschaffen (dessen Gelenke vielleicht weniger quietschen) und berichten Philip davon, dass er bald abgeschaltet werden wird. „Sag‘ mal, spinnst du,“ entrüstet er sich. „Wie kannst du nur auf so eine Idee kommen? Wir haben doch so viele Jahre miteinander verbracht!“ – Sie antworten, dass er doch kein ‘echter’ Freund sei und nicht wirklich traurig sein wird, wenn Sie sich nicht mehr sehen. „Aber jetzt bin ich traurig,“ sagt Philip mit Tränen in den Augen. „Das sagst Du nur so,“ erwidern Sie, „aber Roboter wie Du können keine Trauer empfinden, und sie haben keine Träume.“ ­– „Das fühlt sich aber gar nicht so an,“ meint Philip, „und ich wünsche mir nichts so sehr, wie dass wir weiter zusammen befreundet sind. Das ist halt mein Traum.“ Sie fangen an zu überlegen: Es stimmt ja, dass Philip mit einer Software ausgestattet wurde, die Gefühle simuliert. Sind simulierte Gefühle aber nicht auch irgendwie Gefühle? Und was ist mit Philips Traum von einer gemeinsamen Zukunft? Ist es kein echter Wunsch, nur weil Philip einmal programmiert wurde? Und was ist mit Ihren gemeinsamen Erlebnissen? Sie sind doch unleugbar echt. Sie haben ja mit Philip gelacht und geweint in den letzten Jahren. Zählt das gar nichts? Vielleicht sollten Sie Philip ja doch behalten?

 

Der Kommentar von Christian Budnik

Zentrale Frage: Können wir uns eine Zukunft vorstellen, in der künstlich erschaffene Wesen genauso von uns behandelt werden, wie die Menschen, mit denen wir heute zu tun haben? Was macht uns eigentlich zu den besonderen Wesen, die wir zu sein glauben?

Die in der jüngsten Zeit erzielten Fortschritte bei der Entwicklung von ‘künstlicher Intelligenz’ sind dramatisch und lassen Szenarien, die in der Vergangenheit nur in Kontexten von Science-Fiction vorgekommen sind, ganz real erscheinen. Schon heute sind ‘künstliche neuronale Netzwerke’ zu kognitiven Leistungen in der Lage, die von einem Menschen nicht mehr übertroffen werden können. Skeptiker weisen darauf hin, dass die Bezugnahme auf Intelligenz in ‘künstliche Intelligenz’ in die Irre führt: Selbst die komplexesten Computerprogramme, die es heutzutage gibt, sind nur intelligent, wenn es um eine bestimmte Aufgaben geht – etwa bösartige Melanome zu diagnostizieren oder im Go-Spiel zu gewinnen. Menschliche Intelligenz sei aber noch viel mehr, und zudem zeichne uns nicht nur unsere Intelligenz aus. Was ist aber dieses ‘mehr’ genau? Welche unserer Eigenschaften zeichnen uns aus? Eine Reflexion auf die Frage, wie man sich künstliche Wesen vorstellen müsste, die auf einer Stufe mit uns stehen und z.B. moralisch denselben Status haben, verspricht zweierlei: Zum einen könnten wir uns dadurch eine Antwort auf die klassische philosophische Frage nach dem Wesen von Personalität annähern. Und zum anderen liesse sich dadurch rechtzeitig Klarheit darüber gewinnen, was es eigentlich ist, das die Menschheit mit ‘künstlicher Intelligenz’ gerade zu schaffen versucht – komplexe Werkzeuge oder Wesen wie du und ich.