Theoretische Philosophie

Philosophie der Geistes- und Sozialwissenschaften

In welchem Verhältnis steht der Einzelne zur Gesellschaft? Welche Strukturen prägen unser Zusammenleben? Und wie könnten diese Strukturen verbessert werden? Solche Fragen stellt die Philosophie der Sozialwissenschaften. Alle Beiträge zu diesem Bereich finden Sie hier.

Unter Naturwissenschaften versteht man Wissenschaften wie Physik, Chemie, Biologie und Geologie. Unter Sozialwissenschaften versteht man Wissenschaften wie Soziologie, Politikwissenschaft, Ethnologie und Kommunikationswissenschaft und unter Geisteswissenschaften versteht man Wissenschaften wie Sprachwissenschaft, Anthropologie, Literaturwissenschaft, Archäologie, Geschichte, Religionswissenschaft, Erziehungswissenschaft, Kulturwissenschaft, Kunstwissenschaft, und Musikwissenschaft.

 

Warum unterscheiden wir zwischen diesen Formen von Wissenschaften? Wie die Namen suggerieren, könnte der Grund der Unterscheidung im Thema oder im Forschungsgebiet der jeweiligen Wissenschaft liegen. Während die Naturwissenschaften die „Natur“ untersucht, untersuchen Sozialwissenschaften das „Soziale“ und Geisteswissenschaften den „Geist“. Allerdings scheint es Wissenschaften zu geben, die nicht so klar in die eine oder andere Schublade passen. Die Psychologie zum Beispiel scheint eine Wissenschaft zu sein, die sich vor allem mit Menschen und deren Geist beschäftigt, die aber oft als Naturwissenschaft eingestuft wird. Auch gibt es Forschungsprogramme innerhalb der Biologie, eine typische Naturwissenschaft, die sich mit tierischem und auch menschlichem Verhalten beschäftigen. Doch sind alle Wissenschaften, abgesehen vom Thema oder Forschungsgebiet, gleich?

 

Ein weiterer Grund für die Unterscheidung verschiedener Formen von Wissenschaften könnte die Methode sein, die in den Wissenschaften angewandt werden. So stellt sich die Frage, ob die Naturwissenschaften grundsätzlich eine andere Methode verwenden, als die Sozial- oder Geisteswissenschaftlern verwenden. Ein Unterschied, der häufig zwischen Natur- und Sozialwissenschaften gemacht wird, ist, dass Natur- und Sozialwissenschaften empirisch vorgehen. Empirische Wissenschaften sammeln Daten und versuchen anhand der gesammelten Daten Gesetze, Regelmässigkeiten, Zusammenhänge oder Abhängigkeiten zu entdecken. Zentral sind daher für empirische Wissenschaften Experimente, die jeweils aufgestellte Vorhersagen oder Hypothesen überprüfen oder widerlegen. Da in den Geisteswissenschaften weniger experimentiert wird, stellt sich die Frage, welche Methode denn die Geisteswissenschaften verwenden. Ein genannter Kandidat für eine geisteswissenschaftliche Methode ist die sogenannte Hermeneutik, die Kunst der Interpretation oder der Auslegung. Nach der hermeneutischen Methode versucht man weniger, Phänomene anhand von Gesetzen oder Abhängigkeiten zu erklären, sondern Sprechakte, Symbole oder Texte zu verstehen, indem man deren Sinn zu fassen versucht. Besteht nun der Unterschied zwischen Geisteswissenschaften und anderen Formen von Wissenschaften in der Methode? Und ist die Methode der Geisteswissenschaft gleichwertig mit der Methode der empirischen Wissenschaften? Ist die Hermeneutik die „Haupt“-Methode der Geisteswissenschaft, oder gibt es noch andere Methoden? Und falls ja, welche? Sind die Resultate der Geisteswissenschaft objektiv, so wie sie in den Naturwissenschaften sind? Eine Philosophie der Geisteswissenschaft versucht das Wesen der Geisteswissenschaft zu charakterisieren und zu erläutern.

 

Sozialwissenschaften, besonders die Soziologie, sind zweifellos empirische Wissenschaften. Doch in Anbetracht der Erfolge der Naturwissenschaften wird manchmal den Sozialwissenschaften vorgeworfen, die nicht die gleichen Erfolge wie die Naturwissenschaften vorweisen können, dass sie sich nicht genügend Mühe beim Sammeln von Daten oder beim Experimentieren machen. Doch der „Misserfolg“ der Sozialwissenschaften wirft die Frage auf, ob sich die Sozialwissenschaften wirklich keine Mühe machen, oder ob es zwischen Sozial- und Naturwissenschaften doch einen grösseren Unterschied gibt, den es zu beachten gilt. Ein möglicher Unterschied könnte sein, dass Menschen, im Gegensatz zu Steinen, Chemikalien oder Elektronen, rationale Wesen sind, die über eine Willen verfügen. Dieser Unterschied ist möglicherweise so fundamental, so dass die Sozialwissenschaften neue Begriffe, Konzepte oder Theorien benötigen, um das „Soziale“ erfolgreich erforschen zu können. Wie die Philosophie der Geisteswissenschaften, beschäftigt sich die Philosophie der Sozialwissenschaften mit dem Charakter der Sozialwissenschaften. Kann man zum Beispiel in den Sozialwissenschaften auf die gleiche Art und Weise Gesetze finden, wie man sie in der Physik oder in der Chemie finden kann? Gibt es bei Menschen überhaupt so was wie „sozialwissenschaftliche“ Gesetze, im Unterschied zu „Natur“-Gesetzen? Welche Konzepte oder Begriffe braucht eine gute Sozialwissenschaft? Wie soll eine Sozialwissenschaft vorangehen, damit sie Erfolge erzielen kann? Und so weiter.

 

Die Philosophie der Geistes- und Sozialwissenschaften kann man auch als einen Überbegriff für die Philosophie der einzelnen Wissenschaften verstehen. Genauso wie es jeweils eine Philosophie der Physik oder eine Philosophie der Chemie gibt, so gibt es auch eine Philosophie der Geschichte oder eine Philosophie der Anthropologie. Eine „Philosophie der Wissenschaft X“ ist üblicherweise der reflexive Versuch, die jeweilige Wissenschaft zu charakterisieren und zu erläutern. Oft geht es dabei um Fragen wie: Was unterscheidet die Wissenschaft X von anderen Wissenschaften? Was macht die Wissenschaft X zu einer Wissenschaft? Welche Methoden werden in der Wissenschaft X verwendet? Sind die Resultate der Wissenschaft X objektiv oder allgemeingültig? Etc.

Eine englische Einführung zu den verschiedenen Philosophien der Geistes- und Sozialwissenschaften finden Sie hier: The Routledge Companion to Philosophy of Social Science