Philosophische Aufarbeitung der Frage

Ist es schön ein Kind zu sein ?

Vor der Diskussion am 20. Oktober in dem Schlachthaus Theater Bern im Rahmen der Gesprächsreihe "Philosophieren …" gehen wir der Frage "Ist es schön ein Kind zu sein?" auf den Grund.

Gedankenexperiment

Wenn es eine Pille geben würde, die sofort erwachsen macht, wäre es gut, diese einzunehmen?

(Quelle : Samantha Brennans)

 

 

Die Anti-Krummelluse Pille

„Feine kleine Krummelus lass mich niemals werden gruss!“ murmeln, die Krummelluse-Pille im Dunkeln einnehmen und schon ist garantiert, dass man niemals erwachsen wird! - das behauptet zumindest Pippi Langstrumpf (vgl. das zugehörige youtube-Video). Als Gründe für die Einnahme der Krummelus-Pille nennen Thomi, Annika und Pippi „Da kann man nicht mehr so schön spielen!“ und „Die Erwachsenen sind viel zu ernst!“. Quasi das Gegengift zur Krummelluse-Pille steht im Zentrum von Samantha Brennans (2014) Gedankenexperiment: Wenn es eine Pille geben würde, die sofort erwachsen macht, wäre es gut, diese einzunehmen?

Mit ihrem Gedankenexperiment zielt Brennan darauf ab, den Wert der Kindheit zu klären und der Frage nachzugehen, ob man sich mit der Einnahme der Pille schädigen würde. Dazu lassen sich zwei Sichtweisen einander gegenüberzustellen: Zum einen die Auffassung, dass die Kindheit ein eigenwertiger Teil des Lebens ist. Sie zu überspringen wäre ein Akt der Selbstschädigung. Zum anderen die Ansicht, dass die Kindheit lediglich über einen instrumentellen Wert verfügt, der davon abhängt, wie erfolgreich ein Mensch in der Kindheit auf sein Leben als Erwachsener vorbereitet wird. Beide Denkweisen lassen sich in der Philosophiegeschichte zurückverfolgen: Während Jean-Jacques Rousseaus Roman Emile aus dem Jahre 1762 für die erste Auffassung steht, wird Aristoteles mit der zweiten Position in Verbindung. Florian Esser weist allerdings in seinem jüngst erschienenen Aufsatz Kindheit und kulturelle Differenzen darauf hin, dass bereits in Platons Nomoi die Kindheit „als eine Lebensphase der spielerischen Selbstbeschäftigung und Selbsttätigkeit entworfen wurde“ (Esser 2019: 39).

Aus systematischer Sicht spielt es eine untergeordnete Rolle, wer wann welche Auffassung vertreten hat. Wenn die Kindheit aber über einen Eigenwert oder intrinsischen Wert verfügt, dann stehen offenbar die Interessen des Kindes als Kind im Vordergrund und die Bedeutung der Kindheit ergibt sich nicht daraus, was das Kind als späterer Erwachsene braucht. Aufgabe der Philosophie ist es dann, jene Güter zu bestimmen, welche die Kindheit für das Kind wertvoll machen. Dass dieses Unterfangen nicht ganz trivial, diskutiert Anca Gheaus (2015): Es ist alles anderes als klar, ob es sich dabei um Güter handeln muss, die ausschliesslich für Kinder gut sind oder diese auch für erwachsene Personen bedeutungsvoll sein könnten. Wenn diese Güter aber erst einmal identifiziert sind, wäre es an der Gesellschaft und der Politik, diese den Kindern bereit zu stellen. Sie einem Kind vorzuenthalten würde eine Schädigung darstellen; ebenso schädigen würde man jemanden, wenn man diese Güter einem Wesen vornehalten würde, beispielsweise mit der Einnahme der Pille, die einem sofort erwachsen macht.

Wenn aber die Kindheit lediglich als eine Phase im Leben eines Menschen aufgefasst wird, bei der sich das Kind zu einem Erwachsenen entwickelt und dabei aus einem unerfahrenen, und weniger rationalen Wesen eine erwachsene Person wird, welche die Defizite des Kindseins hinter sich lässt – dann bemisst sich der Wert der Kindheit einfach daran, wie gut Erwachsene das Leben von Kindern bewerten. Erwachsene entscheiden dann letztlich auch darüber, was ‚für das Kind’ gut ist. Die Kindheit verfügt lediglich über einen instrumentellen Wert und dabei scheint es ein geringer Verlust darzustellen, wenn man diese von Mängeln geprägte Phase überspringt, falls einem ein erfolgreiches Leben als Erwachsener gleichwohl sicher ist.

Wie reagieren Kinder auf das von Brennan vorgeschlagene Gedankenexperiment? Das sollte eine international angelegte Studie in Erfahrung bringen, die auch in der Schweiz durchgeführt wurde (Cassidy et al. 2017; Conrad 2018). In der Schweiz sind rund 120 Schüler*innen im Alter von vier bis dreizehn aus sechs Schulkassen in einem philosophischen Gespräch der Frage nach dem Wert der Kindheit nachgegangen. In den Gesprächen fanden sich Äusserungen dazu, welche die Kindheit als zukunftsbezogene und planmässige Phase beschreiben, die eine wichtige Vorbereitungszeit auf das Leben als Erwachsener darstellt: Man lernt beispielsweise rechnen und schreiben. Gleichzeitig beurteilen die Kinder die Möglichkeit, sich sorglos dem Spiel und Freundschaften widmen zu können als wertvolle Aspekte des Kindseins und immer wieder meinen sie, dass diese einem Erwachsenen nicht mehr in gleicher Weise offen stehen. Der Wert der Kindheit scheint dabei ambivalent zu sein und die Kinder schreiben dieser sowohl ein intrinsischer wie auch instrumenteller Wert zu. In den Antworten verdeutlicht sich weiter eine prinzipielle Schwierigkeit des Gedankenexperiments und immer wieder ringen die Kinder mit der Frage, wie man als Erwachsener ohne durchlaufene Kindheit überhaupt bestehen kann.

Dieser Schwierigkeit zum Trotz ist es interessant zu sehen, mit welchen Argumenten die Kinder die Frage verhandeln, ob es sich lohnen würde, ihre gegenwärtige Kindheit gegen das Leben als Erwachsene auszutauschen. Aus den Antworten geht hervor, dass der Entscheid massgeblich davon abhängt, wie die Kinder ihre eigenen Freiheiten und Pflichten und diejenigen der Erwachsenen einschätzen: Wenn die Kinder die eigenen Freiheiten als gross einstufen und sie ihre Kindheit mit dem verbinden, was diese gegenwärtig an Freundschaften und Spielen bietet, während die Welt der Erwachsenen primär von Pflichten bestimmt wird, dann  sprechen sie sich gegen die Pilleneinnahme aus. Je höher die Kinder hingegen – insbesondere ökonomischen – die Freiheiten der Erwachsenen gewichten und je geringer sie die eigenen Freiheiten einschätzen, desto eher sprechen sie sich für die Pilleneinnahme aus. Die zugeschriebenen Freiheiten und Pflichten sind also ausschlaggebend beim Entscheid für oder gegen die Pille. Interessant ist dabei, dass Kinder das Leben der Erwachsenen und der Kinder entlang eines Begriffspaares rekonstruieren, das in der Literatur rund um den Wert der Kindheit in der Form nicht diskutiert wird. Womöglich könnte die Forschung, die sich noch in den ‚Kinderschuhen’ befindet, wie Monika Betzler (2019), möglicherweise davon profitieren könnte, die Kinderperspektive miteinzubeziehen.

 

 

Literaturverweise

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Weiterführende Literatur

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