Blogbeitrag vom 2.9.2016

Technikzukunft

Es liegt der Sinn des Philosophierens nicht darin, zu akzeptieren was der Fall ist, nur weil es der Fall ist.

In die Zukunft weiter zu denken, das ist im Konzert der Wissenschaften eine Aufgabe der Philosophie. Die Philosophie braucht Realitätssinn und Möglichkeitssinn. Es liegt der Sinn des Philosophierens nicht darin, zu akzeptieren was der Fall ist, nur weil es der Fall ist. Philosophieren als Kritik beruft sich auch auf das Mögliche, auf das, was nicht der Fall ist, aber der Fall sein könnte – und auch darauf, was der Fall sein sollte. Letzteres benennen WissenschaftlerInnen im positivistischen Modus manchmal abwertend auch als „normativ“, weil es unwissenschaftlich wäre, sich die Welt als andere vorzustellen und dafür nicht mehr Argumente zu haben als leitende Ideen – wie die der Gerechtigkeit oder der Gleichheit. Die Begriffe „normativ“ und „utopisch“ gehen dabei Hand in Hand, um wissenschaftlich ein Denken fragwürdig erscheinen zu lassen, das auf dem Möglichkeitssinn beharrt und nicht wollen will, was der Fall ist. Die Philosophie wäre dagegen insofern Wissenschaft der Zukunft, als sie das Faktische nicht akzeptiert.

Das betrifft ganz besonders das Philosophieren über Technik bzw. die Technikphilosophie. Die Zukunft ist besonderer Gegenstand der Technikphilosophie. Die Technikphilosophie braucht Gedankenexperimente, sie sind eine Methode, vom Faktischen ausgehend in die Zukunft zu gelangen, von dort zurückzublicken und Gegenwärtiges in einer Weise zu befragen, als wäre man schon dort, in der Zukunft, gewesen, und von dorther dann Fragen stellen könne, ob man dorthin gehen will. Science-Fiction ist die kühne Schwester der Technikphilosophie, sie inspiriert die Technikphilosophie durch gesellschaftskritische Fiktionen, Utopien wie Dystopien, sie bebildert den Sinn für das Mögliche und lässt in ihrem zukünftigen Blick die Gegenwart verschärft zurück. Science-Fiction ist ein Genre der Literatur und des Films, es sind Gedankenexperimente, die reale wissenschaftlich-technische Möglichkeiten weiterdenken, es sind Bilderwerfer in die Zukunft.

Dass es so aber auch anders sein könnte, dafür steht technikphilosophisch die Einsicht, dass die technische Entwicklung kein Selbstläufer ist, dass sie (wie alle menschlichen Aktivitäten) nicht aufgrund immanenter Gesetzlichkeiten voranschreitet. Nicht mehr kann von einer technischen Fortschrittslogik ausgegangen werden, nicht mehr von dem Glauben, dass technischer Fortschritt auch gleich sozialer Fortschritt wäre. Nichts an den technischen Entwicklungen im Kapitalismus ist unschuldig, jede technische Neuerung muss auf ihren Gebrauchswert hin befragt, ihr die Frage gestellt werden: cui bono. Keine neue Technologie kann mehr behaupten, per se fortschrittlich zu sein – oder gar das Wohlergehen der ganzen Menschheit zum Programm zu haben. Philosophische Berufungen auf „den Menschen“ sind technikphilosophisch zu kurz begriffen. Als anthropologische Konstante kann nur behauptet werden, dass der Mensch (auch) ein technisches Wesen ist, nicht mehr.

Das sind die Prämissen einer kritischen Technikphilosophie, wie sie aktuell besonders für die Auseinandersetzung mit neuen Biotechnologien als Cyborgtechnologien gewichtig sind. Als Stoppschilder gegen diese Technologien erscheinen ethische Großkonzepte wie das „Gattungsverständnis“ (J. Habermas) oder Vorstellungen von der eigentlichen „Natur des Menschen“ (F. Fukuyama) argumentativ wenig aussichtsreich – in pluralistischen Gesellschaften verblassen solch normative Geltungsansprüche. Auch die anthropologische Klage über eine „invasive Technisierung“ (G. Böhme), die unser Leiblich-Sein dramatisch verändere und damit unser Mensch-Sein, gibt uns wenig an die Hand, wie diese Technologien im Konkreten zu beurteilen sind. Ebenso fragwürdig sind transhumanistische Philosophien, die in die andere Richtung ausschlagen und in den neuen Technologien die Zukunft der Menschheit – als „posthumans“ – ideal und gleichsam evolutionslogisch vorgeschrieben sehen (N. Bostrom). Beide Lager drohen, sie drohen uns in paternalistischer Manier mit einer technologischen Zukunft, die wir entweder unbedingt verfolgen oder gegen die wir uns gewichtig stellen sollten. Aber wer ist dieses Wir, wenn Technologien politisch verstanden werden? [1]

Im Hinblick auf Cyborgtechnologien: Wozu brauchen wir Klontechniken? Gibt es gute Gründe Menschen zu klonen? Welche Rechte hätte dann ein Klon? (Vgl. Never Let Me Go, Autor: Kazuo Ishiguro, 2005) Wollen wir zukünftig zwischen gewordenen und gemachten Menschen unterscheiden, und was soll Zweitere fundamental von Ersteren unterscheiden? (Vgl. Blade Runner, Regie: Ridley Scott, 1982) Wer will die Verantwortung übernehmen für künstliche Intelligenz in Form von Maschinen, wie sie heute im Einsatz als Pflegeroboter stehen, und morgen vielleicht, auf Emotionen programmiert, die Grenze zwischen Mensch und Maschine überschreiten und Menschenrechte einfordern? (Vgl. Real Humans/Äkta människor, Idee: Lars Lundström, 2012) Was ist an Geschlechtergerechtigkeit zu erwarten, wenn männlich prometheische Phantasien sich ungebremst in die Zukunft entwerfen? (Vgl. Ex Machina, Regie: Alex Garland, 2015)[2]

Wenn Technik politisch verstanden wird, dann ist die Zukunft offen. Dafür bebildert Science-Fiction die Dimension Zukunft, dafür tritt Technikphilosophie als politische Philosophie in demokratischer Absicht an.  


[1] vgl. Singer, Mona (Hg.): „Technik & Politik. Technikphilosophie von Benjamin und Deleuze bis Latour und Haraway“, Wien: Löcker Verlag 2014

[2] vgl. Singer, Mona: „Und was sagt Eva? Warum die Feministin keine Transhumanistin sein will, Posthumanistin dagegen schon“, Wespennest 169, 2015.