Blogbeitrag von Prof. Dr. Jürgen H. Franz

Nachhaltigkeit und Philosophie – Ein obligatorisches Paar der Zukunft

Nachhaltiges Denken und Handeln in allen Bereichen ist der Schlüssel für eine Zukunft, die ein menschenwürdiges Leben in einer gesunden Natur und intakten Sozialstruktur ermöglicht. Unsere Zukunft hängt am Faden nachhaltiger Entwicklung.

Nachhaltiges Denken und Handeln in allen Bereichen ist der Schlüssel für eine Zukunft, die ein menschenwürdiges Leben in einer gesunden Natur und intakten Sozialstruktur ermöglicht. Unsere Zukunft hängt am Faden nachhaltiger Entwicklung. Nachhaltigkeit erfordert neben Fachbildung eine fundierte Allgemeinbildung und dazu gehört zwingend eine philosophische Grundbildung - in den Schulen, Hochschulen und Universitäten. Für den Bereich der Ingenieurwissenschaften hat der bundesweite Arbeitskreis philosophierender Ingenieure und Naturwissenschaftler (APHIN e.V.) in Form von zehn Thesen die Notwendigkeit einer philosophischen Grundbildung für den Ingenieurbereich begründet, vor allem dann, wenn nachhaltige Entwicklungen im Zentrum stehen - und das sollten sie (www.aphin.de, siehe auch Franz 2014, 89ff). APHIN wurde 2013 als gemeinnütziger und interdisziplinärer Verein gegründet und widmet sich seitdem der Wissenschaft und Bildung im Spannungsfeld von Philosophie, Natur- und Ingenieurwissenschaften. Vier seiner The­sen, die ohne Einschränkung auch für alle anderen Bereiche Gültigkeit beanspruchen können, werden im Folgenden vorgestellt. Doch eines vorweg: Es ist keineswegs notwendig, dass Ingenieurwissenschaftler nach ihrem Studium ein Zweitstudium der Philosophie absolvieren. Denn der Beruf des Ingenieurs wird nicht primär durch die Philosophie bereichert, sondern durch das Philosophieren. Die Philosophie kann nach dem berühmten Philosophen Immanuel Kant ohnehin nicht gelehrt werden, sondern nur das Philosophieren. Es sind somit nicht die unterschiedlichen philosophischen Standpunkte, Positionen und Theorien, die für die nachhaltige Entwicklung in den Ingenieurwissenschaften primär fruchtbar gemacht werden können, sondern die besondere Art und Weise des philosophischen Denkens, Fragens, Argumentierens und Reflektierens.

Und zu diesem Philosophieren gehört erstens das Kritisieren. Die Kritik gehört zum Selbstverständnis der Philosophie. Ach, werden Sie vielleicht sagen, wird nicht schon genug gemeckert und genörgelt. Sie haben recht. Wir brauchen kein Meckern und Nörgeln, aber eine systematische, methodische und sachgerechte Kritik (gr. krinein: unterscheiden, differenzieren). Eine derart konstruktive Kritik fördert die Forschung und die Entwicklung in allen Bereichen. Sie ist eine Quelle aller nachhaltigen Entwicklungen. Daher hat beispielsweise der IEEE - eine Art Weltverband der Elektroingenieure - die Notwendigkeit von Kritik als eine von zehn Regeln in seinen Kodex aufgenommen. Dort steht sinngemäß: Mitglieder des IEEE sollen nicht nur aufrichtig Kritik annehmen und Kritik geben, sondern auch nach Kritik suchen (IEEE 1990, Art. 7). Die Philosophie ist daher als geübte Kritikerin eine ideale und unerlässliche Partnerin jeglicher Forschung und Entwicklung. Doch nicht nur die systematische, methodische und sachgerechte Kritik im Sinne einer umfassenden und zugleich detaillierten Untersuchung ist dazu förderlich. Auch die Kritik an etwas oder gegenüber etwas trägt maßgeblich dazu bei. Beide Spielarten der Kritik gehören zusammen und ergänzen einander. Beide bauen auf plausiblen und nachvollziehbaren Gründen und ­Argumenten. Denn Kritik ohne Gründe ist keine philosophische Kritik, sondern Stammtischkritik. In der Philosophie lernen und üben Sie, mehr als in jedem anderen Fach, sachbezogen zu kritisieren und Ihre Kritik plausibel, objektiv und nachvollziehbar zu begründen. Kritik in diesem Sinne ist eine persönlichkeitsfördernde Qualifikation, wobei die edelste Form der Kritik die Selbstkritik ist. Das globale Projekt nachhaltiger Entwicklung braucht keine Meckerer und Nörgler, sondern kritik- und selbstkritikfähige Persönlichkeiten. Die Philosophie - als geübte Kritikerin - erweist sich hier als eine unerlässliche Partnerin der Nachhaltigkeit.

Zum Philosophieren gehört zweitens das Denken in Zusammenhängen und damit der Blick auf das Ganze - auf die Einheit in der Vielheit. Dieser ganzheitliche Blick, den man erlernen kann, gehört gleichfalls zum Selbstverständnis der Philosophie. Und er ist für die Nachhaltigkeit essentiell. Damit ist er auch für Ingenieure des 21. Jahrhunderts von besonderer Relevanz. Denn sie sollten ihre Produkte nicht mehr nur hinsichtlich ihrer technischen Funktion optimieren, sondern auch im Hinblick auf einen geringen Ressourcenverbrauch und niedrigen Energiebedarf - und ebenso in puncto sozialer und moralischer Aspekte. Denn Technik ist keine Insel, sondern ein Knoten in einem Netz, in dem der Mensch, die Gesellschaft, die Natur und Kultur andere Knoten sind. Die Technik übt auf alle diese Knoten einen Einfluss aus. Technik verändert die Welt. Ingenieure müssen daher bereits heute in der Lage sein, ihre Produkte in einem größeren Kontext zu sehen. Hierzu gehört auch die Fähigkeit zur Technikfolgenbewertung. Denn Technikentwicklung ohne Technikfolgenbewertung ist kontranachhaltig. Welche Folgen sind beispielsweise bei einer ganzheitlichen Betrachtung vom Fracking zu erwarten und wie sind diese zu bewerten? Bereits 1998 stellte der Verband Deutscher Ingenieure die Relevanz dieser Technikfolgenbewertung heraus: »Technik in ihrer gesellschaftlichen Bedeutung zu erkennen und aus der Vielzahl ihrer gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, ökologischen Folgen heraus zu bewerten, gehört sicher zu den Zukunftsaufgaben von Ingenieuren« (VDI 1998, Vorwort). Studierenden der Ingenieurwissenschaften ist folglich die Qualifikation zu vermitteln, technische Produkte aus dem erweiterten Blickwinkel eines umfassenden Ganzen heraus zu beurteilen. Prüfen Sie selbst! Der geschulte erweiterte Blickwinkel auf das Ganze ist für alle Berufe eine Bereicherung. Mediziner sollten bei ihrer Diagnose und Therapie nicht nur das einzelne Organ, sondern den Menschen als Ganzes im Blick haben und Politiker nicht nur ihre Partei, sondern das Wohl der Gesellschaft als Ganzes. Die Philosophie erweist sich hier erneut als eine ideale Partnerin einer jeglichen nachhaltigen Entwicklung, denn der Blick auf das Ganze ist in ihr zentral.

Zum Philosophieren gehört drittens das Andersdenken und Querdenken, sowie das Weiterfragen und Hinterfragen. Philosophisches Denken bleibt als fragendes Denken nicht bei seinen Ergebnissen stehen, sondern hinterfragt sie und denkt weiter. Es verlässt dabei mitunter eingefahrene Denkwege und denkt anders. Für nachhaltige Entwicklungen ist diese Art des Denkens unerlässlich. Es ist ein Denken, das Mut erfordert - den Mut, vertraute Wege und eingewöhnte Trotte zu verlassen, den Mut neue Wege zu gehen, den Mut unkonventionelle Ideen vorzutragen und den Mut Fragen zu stellen. Einem Ingenieur, der im philosophischen Denken und Fragen geschult ist, wird es nicht schwerfallen weiter zu fragen, quer zu fragen oder zu hinterfragen: Ist mein Ergebnis plausibel? Welche Folgen für Mensch, Gesellschaft und Natur sind von meinem Ergebnis bzw. Produkt zu erwarten? Wo und wie kann ich den Energiebedarf und den Ressourcenverbrauch senken? Fragen zu stellen ist eine hohe Kunst. Es ist eine Kunst die allen nachhaltigen Entwicklungen zugute kommt und die vor allem dem Philosophieunterricht eigen ist. Denn Fragen ist Philosophieren und Philosophieren ist Fragen. Wir brauchen Menschen, die fragen und querdenken können.

Zum Philosophieren gehört viertens das Nachdenken über Werte und Moral, also das ethische Denken. Die Ethik ist die Wissenschaft der Moral und des moralischen Handelns. Nach­haltigkeit gründet auf Handlungen. Damit unterstehen nachhaltige Handlungen - ebenso wie Alltagshandlungen - Konventionen, Normen und moralischen Regeln. Sie sind ergo ein Gegenstand der Ethik im Allgemeinen und der Bereichsethiken im Besonderen, z.B. der Technik-, Wirt­schafts-, Sozial- und Umweltethik. Sie vermögen nach­haltige Entwicklungen ethisch zu begleiten. Und dies ist unabdingbar. Denn nachhaltiges und moralisches Handeln kann man nicht trennen. Und nachhaltiges Handeln steht im Dienst von Mensch, Gesellschaft und Natur. Nur wenn Nach­haltigkeit ethisch begleitet wird, wird die Gefahr minimiert, dass sie zu anderen Zwecken missbraucht wird oder moralische Dilemma auftreten. Zudem ist Nachhaltigkeit selbst eine moralische Pflicht. Nachhaltigkeit ohne Ethik ist daher nicht möglich.

Im Zentrum des Philosophierens steht das Selberdenken. Alle philosophischen Qualifikationen - auch die vier oben genannten - haben darin ihre Wurzeln. Selberdenken wird zwar auch in allen anderen Disziplinen gefordert, aber in keinem Fach so intensiv geübt wie in der Philosophie. Denn Philosophieren ist Selberdenken. Philosophieren schärft das eigene Denken und hilft präziser, klarer und deutlicher zu denken. Es stärkt damit die eigene Urteilsfindung und Urteilsbegründung und fördert das sachgerechte Argumentieren. Wer philosophiert, der lernt Wesentliches vom Unwesentlichen zu trennen, sieht die Dinge mit anderen Augen und erkennt vorher nicht erahnte Zusammenhänge - eine Grundbedingung jeglicher nachhaltiger Entwicklung. In Deutschland ist in den letzten Jahren der Ruf nach Fachexperten lauter und deutlicher geworden. Ja, wir brauchen mehr Fachexperten. Aber wir brauchen, bitte erlauben Sie mir diesen Ausdruck, keine Fachidioten, keine laufenden Formelsammlungen oder Lexika auf zwei Beinen. Fachleute sind Persönlichkeiten mit einer fundierten Fach- und Allgemeinbildung. Sie haben das Vermögen selbst zu denken. Sie sind kreativ, haben Ideen und Einfälle und auch eine gute Portion an schöpferischer Phantasie. Sie sind offen gegenüber Neuem, blicken neugierig über den eigenen fachlichen Tellerrand hinaus, haben Freude am Perspektivenwechsel und sind damit fähig zur fachübergreifenden Zusammenarbeit. Es sind selberdenkende Persönlichkeiten, keine Roboter. Eine philosophische Bildung trägt im besonderen Maße zur Entfaltung dieses Selberdenkens bei. Indem die Philosophie das Selberdenken so sehr in den Vordergrund stellt, fördert sie die Persönlichkeitsbildung mehr als jedes andere Fach. Unsere Zukunft braucht nachhaltige, am Wohl des Menschen, der Gesellschaft und der Natur orientierte Entwicklungen und diese erfordern selberdenkende Persönlichkeiten.