Blogbeitrag vom 21.8.2016

Homo futura und Hypermoderne Technologie

Anders als viele meinen, steht auch unsere eigene Evolution nicht still. Körper und Gehirn haben sich noch in den letzten Jahrtausenden verändert und sie werden dies auch weiter tun.

„Neue genetische Daten von verschiedenen Bevölkerungsgruppen der Erde lassen vermuten, dass Ackerbau und Urbanisierung unsere Evolution sogar beschleunigt haben. Wie werden die Menschen der Zukunft aussehen – sofern sie künftige Umweltkatastrophen und gesellschaftliche Verwerfungen überleben? Hierüber gehen die Spekulationen weit auseinander“ (Ward 2009, 52). Mit der technologischen Entwicklung setzt die Technik viele der brutalen Gesetze der Evolution bzw. Selektion außer Kraft. Viele meinen, dass Evolution seit dieser Zeit nur noch eine kulturell bestimmte Kraft darstelle. Dabei erscheint dies nicht richtig, denn die Menschheitsentwicklung ist wohl aus dem Ineinander natürlicher Evolution und kulturell-geschichtlicher Entwicklung zu verstehen (vgl. Irrgang 2008). „Schädelfossilien aus einigen 1000 Generationen lassen erkennen, dass die Zeiten des raschen Gehirnzuwachses längst vorbei sind. […] Für eine Stagnation sprechen diese Ergebnisse keineswegs – ganz im Gegenteil: Nicht nur hat sich das Erbgut von Homo Sapiens seit den Anfängen dieser Spezies erheblich umstrukturiert; sondern ihre Evolutionsgeschwindigkeit selbst scheint mittlerweile sogar schneller geworden zu sein“ (Ward 2009, 52).

Digitales Design, atomar präzise Produktion, Superintelligenz und Konvergenz der technologischen Entwicklungstrends versprechen uns eine technologische Zukunft nach der Welle des Internets, des Internets der Dinge, von autonom und sich selbstregulierenden technologischen Prozessen und umfassenden Dienstleistungen durch Roboter auch Wege in eine bionisch-kybernetische Welt-Zivilisation, wie ich sie bevorzuge. Allerdings reicht die Konvergenz der Technologien für Technologie- und Ökonomiewenden wohl nicht aus, die eine gemeinsame Zukunft von Natur und kultureller Menschheitsgeschichte erlauben. Wir brauchen Leitbilder jenseits von Cradle to Cradle, die sich selbst als intelligente Verschwendung missverstehen. Wir haben menschheitsgeschichtlich durch Feuerverwendung eine materiale Kultur aufgebaut, die grandios ist und in Industriegesellschaften mündete. Sie ermöglichte auch eine differenzierte geistige und kulturelle Sphäre der Kreativität. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts aber ist klar geworden, dass es ausgerechnet die Verbrennung ist, welche die alte materiale Kultur und die Natur zerstört. Wir brauchen also nicht nur eine Energiewende, sondern eine neue materiale Kultur, eine neue Form des technologischen Designs wie der technologischen Produktion, orientiert am Leitbild eines bionisch-kybernetischen Zeitalters, in das ökologisch-soziale Zielsetzungen integriert sind. Die materiale Kultur des Verbrennens war eine Kultur des Mesokosmos und der Leiblichkeit des Menschen. Die neue Technologie beruht auf einem wissenschaftsbasierten Bild des Menschen in seiner Leiblichkeit. Es geht um das Zusammenspiel von Technoresearch nach der Technoscience mit einem neuen technologischen Design. Diese Technologie beruht auf einem Design von Mikrostrukturen und setzt damit eine Epistemologie und Phänomenologie des Unsichtbaren voraus. Insofern muss sich die Menschheit selbst radikal neu erfinden. Der Treibhauseffekt könnte sich als Flaschenhals bzw. Superexperiment für die Weiterentwicklung der Menschheit erweisen, aber auch die Konvergenz der Technologien, welche möglicherweise in der Zukunft den Übergang vom gegenwärtig noch herrschenden späten Industrialismus in eine neue digitale Vernetzung von automatisch und selbstregulierend aufgebauten bionisch orientierten Technologien vollziehen wird.

Im Hinblick auf Innovationskulturen sollte ein Oszillieren zwischen Innovation und Tradition angestrebt werden. Es geht um die Stabilisierung oder Änderung von Entwicklungspfaden. In diesem Zusammenhang wird oft mit einer Super-Intelligenz der Zukunft spekuliert. Sie sollte allerdings nicht eine einzige Maschine sein, die alle anderen Arten von Intelligenz zu versklaven versucht, sondern dezentralisiert mit anderen Formen leiblicher Geistigkeit interagieren. Allerdings bestehen durchaus Gefahren auf dem Weg zur Entwicklung einer intelligenten Vernetzungsstruktur für die digitale Steuerung sehr vieler Prozesse in der Konstruktion, der Fertigung aber auch in der Organisation des Gebrauchs und der Entsorgung von künstlichen Artefakten und Verfahren, die es in unserer technologischen Zukunft geben wird. Sie bestehen in dem, was ich Turbokapitalismus oder die Ökonomie von Silicon Valley nenne. Aus der Goldgräberstimmung geboren handelt es sich um eine Kriegsökonomie, der Suche nach der besten Technologie und dem größten Gewinn und zwar um seiner selbst willen. Technologie gilt als Extremsportart, es fasziniert die bloße Machbarkeit – und dies ist das Gegenteil von Philosophie oder gar reflektierten Skepsis diese Ökonomie trägt die Tendenz sich, den Technologiewandel technokratisch durchzuführen. Dieser Weg gemäß dem us-amerikanischen Vorbild könnte in hohem Maße mit der Gefährdung der menschlichen Autonomie, Privatsphäre und Subjektivität verbunden sein, die Unrecht wäre, selbst wenn diesem Prozess die meisten Menschen in demokratischer Form zustimmen würden. Wir haben nicht das Recht zur Selbstentmündigung und müssen für die Menschen mitdenken, die entmündigt wurden durch natürliche biologische Prozesse genauso wie durch Technologien, die solches erzeugen.

 


Literatur:

Braungart, M., W. Mc Donough 2015: Cradle to Cradle. Einfach intelligent produzieren; EA 2014; München 32015

Irrgang, B. 2008: Philosophie der Technik; Darmstadt Ward,

P. 2009: Wie geht die Menschen-Evolution weiter? In: Spektrum der Wissenschaft Spezial 1/09, 52-57