Die Zukunft der Arbeit. Teil 2

Die Zukunft der (digitalen) Arbeit erwächst ganz elementar aus den Widersprüchen und Problemen der Vergangenheit und Gegenwart.

Die Zukunft der (digitalen) Arbeit erwächst ganz elementar aus den Widersprüchen und Problemen der Vergangenheit und Gegenwart, so hatte ich im ersten Teil meines Blogbeitrages geschrieben. Diesen Aspekt möchte ich in Teil zwei weiter vertiefen und daraus ableiten, warum für mich die Zukunft der Arbeit darin besteht, dass wir, dank der digitalen Plattformen, zeitsouverän arbeiten und zugleich während der Arbeitszeit "Leben" können. Wie ich ebenfalls schon ausführte, gilt für die digitale Revolution, dass sich alleine aufgrund der Einführung einer Technologie nichts verändert. Technologiekritische Einwände treffen insofern in einem ziemlichen Unverständnis auf explizit technologiedeterminierende Versprechungen. Ein nachgerade idealtypisches Muster einer dialektischen Entwicklung. Es sind die darauf aufbauenden und daraus folgenden Überlegungen, die mir oft fehlen, wenn das Thema Zukunft der Arbeit verhandelt wird. Um damit zu beginnen: Während der Arbeit leben hört sich möglicherweise komisch an, gehört aber unmittelbar zu dem, was Karl Marx als Gattungsleben beschrieben hat und was Thema von Teil 1 dieses Blogbeitrags war. Dies wird nun näher auszuführen sein, weil es das dialektische Element deutlich zu machen geeignet ist.

 

Das Gattungsleben - digital gesehen

"Wir tauchen nicht mehr aus der 'realen' Welt in die 'virtuelle' Welt ein, sondern wir nutzen einen gigantischen Informationsraum als neue Dimension sozialen Handelns!" (Boes et al. 2015).

Noch vor aller digitalen Revolution ergeben neuere wissenschaftliche und empirische Erkenntnisse bezüglich der Arbeit der Gattung Homo Sapiens in meinen Augen ein völlig anderes und neues Bild des "Gattungslebens", als es Karl Marx oder Frederic Taylor gezeichnet haben. Sie zeigen nämlich, dass die Zusammenarbeit von Menschen eine immer schon gegebene Kollaboration im Rahmen von Gruppen bedeutet hat und darstellt. Gattungsleben bedeutet gemäß dieser Interpretation, dass es der Mensch "in einem beispiellosen Ausmaß" geschafft hat, "in Gruppen kooperativ zu handeln und zu denken". Und "die beeindruckendsten kognitiven Leistungen von Menschen" sind in der Regel keine "Produkte allein handelnder, sondern gemeinsam agierender Individuen" (Tomasello 2010, S. 13). Arbeit bedeutet, und hat immer auch bedeutet, dass es im Rahmen dieser Kooperationen um Anerkennung geht, Kritik gibt, Konflikte zu lösen sind und letztlich vielfach auch intime Beziehungen entstehen (können). Insofern ist es ganz und gar nicht zufällig, dass das Gattungsleben im Rahmen der digitalen Transformation neu ausbuchstabiert wird. Die digitalen Plattformen kommen deshalb explizit ins Spiel, weil erst sie, als Ausgangs- und Zielpunkt der digitalen Transformation, verbunden mit den Möglichkeiten von sozialer Software (Web 2.0), den (digitalen) Informationsraum als neuen sozialen Handlungsraum in einem realen Sinn entstehen lassen. Eine echte digitale Kollaboration kann dabei nur stattfinden, wenn die vernetzten Beschäftigten sich auf Augenhöhe begegnen. Sie werden zu Peers, also Gleichgestellten im Arbeitsprozess. Und ermöglichen damit, die soziale Seite des Gattungslebens (wieder) aktiv und vor allem während der Arbeitszeit zu vollziehen.

Bild: Ausschnitt aus Lars Ploughmans "Taylorism"

Sinnbild für die Entfremdung in der Arbeitswelt mag diese Darstellung von Lars Ploughman bezüglich einer tayloristischen Arbeitsorganisation sein. Neben der gnadenlosen Vereinzelung und rein ausführenden Tätigkeit gibt es natürlich auch das Problem von "Command and Control" sowie eines maschinenhaften Aufbaus. Vor allem aber findet tatsächlich eine Entfremdung von dem Vermögen von Menschen, kollaborativ zusammenzuarbeiten, statt.[1] Dies geht sogar so weit, dass aus ursprünglich geborenen "Teamplayern" Menschen werden können, die individuell nur noch das arbeiten, was ihnen direkt "angeschafft" wird.

Zurück kommt damit letztlich die Möglichkeit, die im Rahmen der Industrialisierung mühsam ausgeschleuste Lebenswelt während der Arbeit zu leben: weil nun nämlich durch neue Arbeitszeitarrangements, beispielsweise der Vertrauensarbeitszeit, wieder wichtige Elemente des privaten Zusammenlebens während der Arbeitszeit und an unterschiedlichen Orten (via digitale Plattformen) erledigt werden können.[2] In einer Kurzformel ausgedrückt: Arbeitszeit = Lebenszeit. Etwas ausführlicher: Es geht im Rahmen der digitalen Revolution nicht (mehr) darum eine "Freiheit von der Arbeit" zu erreichen nach deren Erledigung "gelebt" werden kann.[3] Es geht vielmehr darum, "Freiheit in der Arbeit" (Mückenberger 2007, S. 195) zu ermöglichen. Und damit Zeitautonomie zu erreichen, um Arbeit (wieder) als Teil des Gattungslebens von Menschen zu verwirklichen.

 

"Hell aus dem dunklen Vergangnen …"[4]

"Spekulativ denken heißt, ein Wirkliches auflösen und dieses in sich so entgegensetzen, daß die Unterschiede nach Denkbestimmungen entgegengesetzt sind und der Gegenstand als Einheit beider aufgefasst wird" (Hegel 1986, S. 30).

Derzeit gibt es tatsächlich zwei digitale Entgegensetzungen: dem Versprechen echter und selbstbestimmter, weil vernetzten Kollaboration, steht die Vorstellung eines "digitalen Fließbandes" gegenüber (Boes 2015). Und natürlich werden viele digitale Plattformen zunächst als erweitertes und raffinierteres tayloristisches Konzept eingeführt.[5] Doch die starke Pfadabhängigkeit von Technologien kann in bestimmten Phasen disruptiv unterbrochen werden.[6] Im Kontext der digitalen Revolution spielt dabei nicht nur die Unterbrechung der Pfadabhängigkeit im technologischen Sinn eine Rolle. Es geht vor allem um die sozialen Disruptionen. Zwar prägen die Strukturen der Vergangenheit und die vorherrschende Kultur die Menschen tiefgreifend. Doch weil sie Menschen sind, bleiben sie als Gattungswesen widerständig, auch in der maschinenhaft konstruierten tayloristischen Arbeitswelt. Daraus ergeben sich die vielfältigen Konflikte und Widersprüche, die zu einer echten "Aufhebung"[7] der Gegensätze und Widersprüche führen können. Und in der Tat: Was sich im Moment abzeichnet, ist ein ganz anderes Verständnis von Arbeit und neue Ansprüche an die Arbeit. Sowie, eng damit verbunden, ein anderes und neues Menschenbild derjenigen, die zusammenarbeiten (wollen).[8] Und dieser Widerspruch erwächst aus den Wünschen der Menschen selbst, die ihr Gattungsleben in der Arbeit wieder erleben wollen und dies über veränderte Wertvorstellungen im Sinne von Ansprüchen an die Arbeit kommunizieren.[9] Die dialektischen Widersprüche, die im Moment bezüglich der Arbeit und vor allem Arbeitszeitgestaltung zu sehen sind, kann man im Prinzip sogar im gleichen Unternehmen sehr gut beobachten. Sie haben natürlich noch viele andere Anteile, nicht nur den der sozialen Gestaltung der Lebenswelt im Rahmen von Arbeitszeit als bezahlte Arbeitszeit. Und natürlich spielt die konkrete Technologie wiederum eine wichtige Rolle im Rahmen von Arbeitsprozessen und ihrer konkreten Ausgestaltung. Dennoch: Hier kommt der ureigenste Wunsch von Menschen nach Gerechtigkeit und Gleichbehandlung, und damit der Gestaltungswille ihres Gattungslebens, zum Ausdruck. Quasi das sehnsüchtige Verlangen danach.[10] Und hier treffen wir wieder auf den unverfälschten Hegel, für den immer klar war, dass Menschen sich erst im Spiegel der wertschätzenden Reflexion anderer Menschen zum Menschsein entwickeln können. Was selbstverständlich oder vielleicht sogar zu allererst im Rahmen von Arbeit und der Zusammenarbeit gilt.[11]

Die Einheit des Gegenstandes: Entscheidend kommt es im Rahmen der digitalen Revolution darauf an, wie die Arbeitsprozesse gestaltet werden und welche Rolle die Menschen dabei innehaben. Das spannende daran ist für mich, dass eine dialektische Auflösung deshalb erfolgt, weil diese neue Form (digitaler) Zusammenarbeit nicht nur auf neu formulierte Ansprüche gegenüber der Arbeit zurückzuführen sind, sondern auch ökonomisch produktiver ist.[12] Mit anderen Worten: es geht nicht nur um eine Veränderung der Arbeitsprozesse und Arbeitszeitgestaltung aus reiner Menschenliebe. Berücksichtigt man Arbeit als elementares Element des menschlichen Gattungslebens, dann ergeben sich für Unternehmen auch bessere Produkte oder innovative Dienstleistungen, wenn sie zu einer echten sozialen Kollaboration übergehen. Nur dann, wenn sich die Neugestaltung tatsächlich an der Wesensbestimmung von Menschen ausrichtet, sind digitale Plattformen mehr als ein weiteres Werkzeug tayloristischer Arbeitsgestaltung. Dass eine solche Neugestaltung stattfindet, dafür sorgen wiederum die Menschen selbst. Zumindest dann, wenn sie dazu befähigt werden, die Arbeitsprozesse, die darauf aufbauenden Organisationen und schließlich die Gesellschaft selbst partizipativ mitzubestimmen. Um gemäß dem Gattungswesen zeitsouverän arbeiten und zugleich kollaborativ zusammenleben zu können.

Teil 1 finden Sie hier!


Literatur

Augenhöhe, Projektteam (2015 & 2016): Filme unter http://augenhoehe-film.de/de/film/augenhoehefilm/ sowie http://augenhoehe-wege.de/ Boes, A.; Kämpf, T.; Langes, B. & Marrs, K. (Hrsg.) (2015): Dienstleistung in der digitalen Gesellschaft 2. Ergebnisse aus Forschung und Praxis. München. Verfügbar unter: http://digit-dl-projekt.de/wp-content/uploads/2015/07/digitDL-Broschure02_web2.pdf Deutschmann, C. (1990): Der Normalarbeitstag. Historische Funktion und Grenzen des industriellen Zeitarran-gements. In König, H.; Greiff, B. v. & Schauer, H. (Hrsg.): Sozialphilosophie der industriellen Arbeit. Opladen: Westdeutscher Verlag, S. 77 – 95 Engels, F. (1845): Die Lage der arbeitenden Klasse in England (MEW 2); Verfügbar unter: http://www.mlwerke.de/me/me02/me02_225.htm Glennie, P. & Thrift, N. (1996): Reworking E. P. Thompson´s 'Time, Work-discipline and Industrial Capitalism' in: Time & Society Vol. 5(3), S. 275 - 299 Hegel, G.W.F. (1986): Vorlesungen über die Philosophie der Religion I, Bd. 16/20, Frankfurt: Suhrkamp Hegel, G.W.F. (1807): Phänomenologie des Geistes, Kapitel 4. Verfügbar unter: https://www.marxists.org/deutsch/philosophie/hegel/phaenom/kap4.htm#sa Kieser, A. & Walgenbach, P. (42003). Organisation. Stuttgart: Schaeffer-Poeschl Klier, A. (2007): Betriebliche Synchronie. Marburg: Tectum Klier, A. (2010): Die Rückkehr der Lebenswelt in die Arbeit. Erschienen in: Groß, H.; Seifert, H. (Hrsg.): Zeitkonflikte: Renaissance der Arbeitszeitpolitik. Berlin: Edition Sigma, S. 313 - 339 Marx, K. (1844): Ökonomisch-philosophische Manuskripte; Marx-Engels-Werke (MEW) Band 23. Verfügbar unter: http://www.mlwerke.de/me/me23/me23_000.htm Marx, K. (1867): Das Kapital, Bd. 1; Marx-Engels-Werke (MEW) Band 40. Verfügbar unter: http://www.mlwerke.de/me/me40/me40_510.htm Marx, K. (1969): Thesen über Feuerbach; Marx-Engels-Werke (MEW) Band 3. Verfügbar unter: http://www.mlwerke.de/me/me03/me03_005.htm Maurer, A. (1992): Alles eine Frage der Zeit? Die Zweckrationalisierung von Arbeitszeit und Lebenszeit. Berlin: Edition Sigma Mückenberger, U. (2007): Ziehungsrechte - Ein zeitpolitischer Weg zur "Freiheit in der Arbeit"? In: WSI Mitteilungen Nr. 4/2007, S. 195 - 201 Thompson, E. P. (1967): Time, Work-Discipline and Industrial Capitalism. In: Past and Present Nr. 38, Oxford: University Press, S. 56-97; Verfügbar unter: http://tems.umn.edu/pdf/EPThompson-PastPresent.pdf Tomasello, M. (2010): Warum wir kooperieren. Berlin: Suhrkamp


[1] Speziell in der Arbeitssoziologie wird dies unter der Problematik der Überführung des menschlichen "Arbeitsvermögens" in konkrete Arbeit diskutiert und verhandelt. Diese Überführung funktioniert in kollaborativen zusammenhängen wesentlich einfacher und reibungsloser. [2] Hierzu habe ich mich theoretisch umfassender im Beitrag "Die Rückkehr der Lebenswelt in die Arbeit" (2010) beschäftigt. [3] Erst aus dieser Entgegensetzung ergeben sich letztlich auch all die großen Probleme einer Entgrenzung von Arbeitszeit. Eine Lösung muss demzufolge zwei Richtungen zugleich verfolgen: eine Entgrenzung der Arbeitswelt, die nun auch private Anteile als Arbeitszeit berücksichtigen muss und darüber vielfältige Unterstützung geben kann, sowie eine Leistungspolitik, die die unterschiedlichen Zeiten entsprechend berücksichtigt. [4] "… leuchtet die Zukunft hervor". Das ist das Ende der ersten Strophe des tradierten Arbeiterliedes "Brüder, zur Sonne, zur Freiheit". Es ist nicht zufällig, dass gerade die Arbeiterbewegung in Deutschland sich mit diesen Aspekten von Arbeit auseinandergesetzt hat. Und dennoch die lebensweltlichen Aspekte während der Arbeit vergessen hat. [5] In genau diesen Fällen scheitern der Erfahrung bei Beck et al. Services nach diese Projekte. Die Quote dürfte, ähnlich wie bei Change Projekten grundsätzlich, bei annähernd 90 % liegen. [6] So zumindest sieht es Josef Schumpeter, wenn er von der schöpferischen Zerstörung durch technologische Erfindungen spricht. [7] Auch hier kann ich letztlich Karl Marx folgen, der an dieser Stelle ein treuer Hegelschüler ist: denn die Aufhebung des Kapitalismus bedeutet auch für ihn nicht, in (einfach) abzuschaffen. Vielmehr muss es darum gehen, die positiven Aspekte stark zu machen und auf eine neue Ebene gesellschaftlichen Zusammenlebens zu heben, welche die dabei bestehenden Probleme löst. Das ist letztlich die im Zitat postulierte neue Einheit der Gegensätze. [8] Arbeit verstanden als Erwerbsarbeit selbst ist also zu einem Problem geworden. Und das noch vor jeder digitalen Revolution oder Transformation. Insofern gibt es auch viele ermutigende Beispiele ganz analoger Arbeitsprozessgestaltungen im hier gemeinten Sinn. Beispielhaft gezeigt im Rahmen der Augenhöhe Filme (2016). [9] Ich denke, dass man das vor allem an den vielen Umfragen festmachen kann, die sich mit Werten und Normvorstellungen in der Arbeit auseinandersetzen. Hier hat sich eine fundamentale Veränderung ergeben, die nicht nur jüngere Generationen betrifft. [10] "… bis eurer Sehnsucht Verlangen Himmel und Nacht überschwillt!" Das ist das Ende der zweiten Strophe des Liedes Brüder, zur Sonne, zur Freiheit. Der Zug der Millionen, der aus Nächtigem, nämlich tayloristischen und hierarchischen Großorganisationen, quillt, kommt nun plötzlich digital, über digitale Plattformen vernetzt, daher. Zumindest nach meiner Lesart. [11] Ich beziehe mich hier auf das zentrale Kapitel "Herrschaft und Knechtschaft", das Hegel (1807) in seinem Werk der Phänomenologie des Geistes schreibt. Im geht es dabei vor allem um dieses Verhältnis der Arbeit. Bereits im ersten Satz dieses Kapitels nimmt er jedoch vorweg, was für ihn das Gattung Leben des Menschen ausmacht (Hervorhebungen im Original): "Das Selbstbewußtsein ist an und für sich, indem, und dadurch, daß es für ein Anderes an und für sich ist; d.h. es ist nur als ein Anerkanntes." [12] Man könnte mit Hegel auch von der "List der Vernunft" reden.