Blogbeitrag von Michael Groneberg

Die Zeit

Wir glauben sie zu kennen, aber wenn man uns fragt, was sie ist, kommen wir in Verlegenheit. Was vergangen ist, ist nicht mehr, und was sein wird, ist noch nicht. Alles was wirklich ist, ist jetzt. Was aber oder wo ist dann das Vergangene, und das Zukünftige?

Wir glauben sie zu kennen, aber wenn man uns fragt, was sie ist, kommen wir in Verlegenheit. Was vergangen ist, ist nicht mehr, und was sein wird, ist noch nicht. Alles was wirklich ist, ist jetzt. Was aber oder wo ist dann das Vergangene, und das Zukünftige? Es ist nicht objektiv da, sondern in uns, in unserm Geist: das Vergangene ist nur in unserer Erinnerung, das Kommende nur in unserer Erwartung. Zeit ist etwas Subjektives, das wissen wir seit Augustinus.

Die Musik veranschaulicht hervorragend, dass Dinge ihre Bedeutung gewinnen aus ihrem Eingespanntsein in das Verflossene und das Kommende : Hören wir ein Stück Musik, das ja zeitliche Ausdehnung hat, hat unser Bewusstsein nicht nur den gegenwärtigen Ton präsent. Auch das vorher Gehörte ist gegenwärtig, und auf die kommenden Töne hin besteht eine Spannung, eine Erwartung, die erfüllt oder enttäuscht werden kann, oder auch überrascht.

Wie für die Musik ist die Zeit wesentlich für das Ich. Einerseits bin ich immer jetzt, doch bin ich in jedem Moment geworden, aus Vergangenem, das irgendwie bewusst ist – oder auch nicht –, und existierend auf die Zukunft hin in einer Spannung, die enttäuscht oder erfüllt werden kann, oder auch überrascht. Zwar nur existierend in der Gegenwart, ist jeder Mensch wie ein Stück Musik eingespannt zwischen Vergangenheit und Zukunft, sich erinnernd oder vergessend, sich fürchtend, hoffend oder schaffend.

Haben wir dies erkannt, stellt sich die Frage unseres je individuellen Bezugs zum Vergangenen und zum Kommenden. Hier scheinen Gefahren zu lauern, die teils dem aktuellen Zeitgeist verschuldet sind, teils aber zeitlose Versuchungen darstellen: das Verfallen an die Nostalgie, das Schwelgen in den guten alten Zeiten, das den Bezug zum Gegenwärtigen raubt – oder im Gegenteil das Festhängen am Vergangenen durch Schuld, Trauma oder Vergeltungslust, die Offenheit für das Aktuelle blockierend. Auch die Zukunft kann licht oder dunkel gefärbt sein, sei es individuell in der Angst vor Alter und Tod, sei es kollektiv in der Erwartung des Weltuntergangs, oder im Gegenteil in der Hoffnung auf Erlösung oder auf das Glück, das sich einstellen sollte, wenn man den richtigen Partner gefunden hat, den richtigen Posten oder die richtige Lebenseinstellung, und das doch immer entflieht.

Der Bezug zum Vergangenen ist nicht neutrale Erinnerung – kaum eine ist frei von Gefühlen. Wir vergessen, verdrängen oder arbeiten auf, lassen wieder zu und pflegen sich manchmal, wollen gar wiederholen oder aber Abstand nehmen, und wir wollen vergelten oder vergeben. Kurz, Erinnerung ist vielfältiger Natur, individuell wie kollektiv. In jeder Einstellung zum Vergangenen stellen wir uns selbst ein, in unserem Hier und Jetzt, und richten uns damit aus auf die Zukunft. Unser Bezug auf das Kommende ist getrübt von Ungewissheit, Angst, Verzagtheit und Resignation oder durchdrungen von Erwartung, Hoffnung, Vorfreude und Veränderungswillen. Ein Grossteil von Seelsorge und Psychotherapie kreist um diese Einstellungen, die nicht einfach zu ändern sind, und jegliche Selbstarbeit tut dies ebenso. Sich ihrer bewusst zu werden, ist immer der erste Schritt. Und der zweite? Sich von Vergangenheits- und Zukunftsbezügen nicht rauben zu lassen die Präsenz, das Leben im Hier und Jetzt.  

Das Streben nach Präsenz teilen wir mit der Situation des Schauspielers, der die Fülle des Augenblicks sucht, als unwiederholbar erlebt und doch wiederholbar, befreit von der Tyrannei von Vergangenheit und Zukunft, und doch souverän in der Spannung zwischen dem Vorher und dem Nachher ruhend, Hand in Hand mit ihnen. Schiller sagte, der Mensch sei nur Mensch wenn er spielt, und er spiele nur, wenn er eigentlich Mensch ist. Auch der Vergleich mit der Bühne ist alt. Die Stoiker meinten, wir sollen unser Leben wie ein Schauspiel betrachten, in dem wir unsere Rolle zu spielen haben, und uns nicht einbilden, wir hätten das Stück geschrieben. Dieser Fatalismus entspricht dem Wunsch, sich abzusichern wie in einer Zitadelle, um sich unangreifbar zu machen. Seit Jahrtausenden entscheiden sich viele für diesen Weg, oder aber dafür, sich dem Leben auszusetzen, zu wagen es selbst zu schreiben, die Gefahr des Scheiterns in Kauf nehmend. Das sichere Glück in der einsamen Zitadelle oder das Risiko des Leidens wie in der Liebe, die Himmel und Hölle bedeuten kann? Eine uralte Wahl, die jeder Mensch treffen kann, der sich die Freiheit dazu nimmt. 

In allen Dingen ist Kairos das höchste Gut, sagt Hesiod und Sophokles meint, er sei der beste Ratgeber in allen Dingen. Der Kairos ist der rechte Augenblick. Es reicht nicht, das Rechte zu tun, es muss geschehen im rechten Moment – nicht zu früh, aber auch nicht, wenn die Gelegenheit unwiderruflich verstrichen ist.  

Doch vieles im Leben ist nicht einzigartig, der Frage unterworfen nach dem rechten Moment,  sondern Wiederholung, der Frage unterworfen nach dem rechten Rhythmus. Jeder hat seinen eigenen, und vieles im Zusammenleben ist Frage der Rhythmik.

Die Zeit wird zur Last, wenn wir uns von uns selbst entfernen, wenn wir hin und her gerissen zwischen den Sirenen der Nostalgie und der ewigen Erwartung des künftigen Glücks mehr in unseren Vorstellungen und Ideen als in unseren gegenwartsbezogenen Empfindungen leben, offen für das, was uns umgibt. Die Spuren des Vergangenen in uns spüren, ebenso wie unser Begehren und die Impulse unseres Körpers, unseren Rhythmus wahrnehmen und den der anderen um uns, und dann daraus etwas machen : ist das nicht unsere Freiheit ?

Der Mensch ist ein zeitliches Wesen. Wir sind nicht nur im Augenblick, sondern das Musikstück unseres ganzen Lebens, von uns und von anderen gespielt, doch von uns komponiert, und die Präsenz ist in jedem Moment seine Möglichkeit – keine Selbstverständlichkeit und auch keine Pflicht, aber eine Herausforderung, möglicherweise sogar eine Befreiung.

 

Quellen :

Arrian : Epiktets Handbüchlein der Moral, Spruch XVII

Augustinus, Aurelius: Bekenntnisse, Buch XI

Bergson, Henri: Zeit und Freiheit

Heidegger, Martin: Sein und Zeit

Hesiod: Werke und Tage, 693

Huxley, Aldous: Zeit muss enden

Kierkegaard, Sören: Die Wiederholung

Roquette, Stanislas: Le temps, objet de théâtre ; auf: https://lepenserdelascene.wordpress.com/articles/quest-ce-que-le-temps/

Sophokles: Elektra, Vers 75