Kralle, die philosophische Katze,

fragt sich heute

Gibt es gute Erziehung ohne Liebe?

Kralle fragt sich, ob es in der Grundschule auch liebevoll zu und her geht und wie das "pädagogische Geschäft" genau funktioniert.

(Text von Prof. Dr. Josef Fellsches)


Paarungsverhalten, Fortpflanzung, Brutpflege, Aufzucht –, diese Begriffe benutzen wir hauptsächlich für die Tierwelt. Sie können aber auch in einer beschreibenden Verhaltensforschung für Menschen Verwendung finden. Aber beim Menschen sprechen wir lieber von Liebe. Worin besteht der Unterschied? Säugetierverhalten plus Liebe reicht nicht aus, denn da stellt sich erneut die Frage, was das Plus ist und wie es zu ihm kommt. Es muss geklärt werden, wie aus dem tierischen (schöner, aber veraltet: tierlichen) Sozialverhalten ein menschliches wird, eine andere, neue Beziehungsqualität.

Sie entsteht, indem das Gattungswesen Homo aus dem Naturzwang heraus kulturell wird, auch in Paarungsverhalten und Brutpflege. Tiere sind im Naturzwang festgelegt, Menschen erlangen ein Selbstverhältnis, das heißt die Fähigkeit, ihr eigenes Tun zur Kenntnis zu nehmen, so dass sie beginnen können, ihr Tun absichtsvoll selbst zu bestimmen. Von da an können sie etwas so oder so machen, damit wird die wertende Unterscheidung möglich, welches Tun besser sei. Und damit entsteht die Möglichkeit der Absicht, etwas zum Besseren hin gelingen zu lassen. Mit anderen Worten: Menschen können bewusst sein, sind selbstbewusste Lebewesen. Darin ist Lebensbejahung enthalten, Hoffen, dass etwas gelingt, und ebenso das, was wir mit Lieben/Liebe verbinden, nämlich den Bezug zum anderen, auf dessen Wohlergehen und Interesse zu achten, auch Mitgefühl/Empathie, Fürsorge, Altruismus. Hiermit sind auch die Elemente für Liebe in der Erziehung benannt.

Für diese Entwicklung des Menschen gibt es natürlich physiologische Grundlagen, allgemein die Größe des Gehirns. Für die Ermöglichung des menschlichen Sozialverhaltens wird häufig auf das limbische System verwiesen, das mit bewusstem Erleben von Affekten, mit angenehm und unangenehm zu tun habe. Dazu wird gern auf die Funde in Laetoli (Tansania) hingewiesen. Es handelt sich um Fußspuren von Australopithecinen (Menschenaffen). Der Hirnforscher John Eccles interpretierte 1989 vorsichtig, die Fußspuren seien ein bemerkenswerter Beleg dafür, dass es schon vor 3,6 Millionen Jahren eine Kernfamilie gegeben habe, mit Paarbindung zwischen den Erwachsenen, von denen einer das Kind an der Hand hielt und seine Füße sorgsam in die Fußstapfen des anderen setzte.

Bedeutsam für das Werden der Liebe in der Erziehung ist das von Adolf Portmann so genannte „extrauterine Frühjahr“. Viele Säugetiere sind bald nach der Geburt bereits in der Lage, sich selbständig zu bewegen und zu ernähren. Mit evolutionär zunehmender Größe des Gehirns geht aber eine Vorverlegung der Geburt einher. Beim Menschen würde der Kopf des Fötus viel zu groß, dass anatomisch eine Geburt noch möglich wäre. Also muss das Menschenkind, so Portmann, gemessen an tierischen Säugern noch früher geboren werden und folglich im Zustand gänzlicher Abhängigkeit von seinen Nächsten. Es bedarf auf Gedeih und Verderb dringend des sozialen Zusammenhalts (sozialer Uterus) und einer neuen Beziehungsqualität: fürsorglicher Liebe. Portmann findet oder stiftet dem Phänomen aber noch einen eigenen Sinn. Im ersten Lebensjahr lernt das Neugeborene wesentliche, weltöffnende Fähigkeiten: die aufrechte Haltung, das Gehen, Sprechen und soziales Handeln. Ohne den sozialen Uterus und ohne fürsorgliche Zuwendung könnte es diese Fähigkeiten nicht erlangen. Und währenddessen macht das Kind die erste Erfahrung des Geliebtwerdens und Liebens. (Auf pränatale Bedingungen dieser Zusammenhänge sei hier nur hingewiesen.)

Im Laufe der Geschichte wird der Erziehungszusammenhang immer komplexer und schließt ein, was mit Bildung und Ausbildung angesprochen ist. Und wenn wir jetzt einen Sprung in die Gegenwart machen, wird sofort deutlich, in welcher Unzahl von Bedingungen und Einflüssen die Liebe in der Erziehung sich gestalten muss. Für alle Einflüsse neben der absichtsvollen Erziehung steht der Begriff Sozialisation als Zusammenfassung der Wirkungen des Vergesellschaftungsprozesses auf die Kinder: der Herrschafts-Macht-Gewalt-Komplex, der alle Verhältnisse mitbestimmt. Eltern sind selber mitgeformte Betroffene des Systems und müssen in ihm ihre Liebe in der Erziehung zur Geltung bringen.

Dazu als Beispiel: die Einschulung. Da kommen die strahlenden Sechsjährigen früh am Morgen, den Ranzen auf dem Rücken und die Schultüte unterm Arm mit ihren Eltern (oder die Eltern mit ihnen) zur „Schule für alle“ – zum ersten Grundschultag, dem mehrere tausend Tage in verschiedenen Systemen folgen werden. Dass Schule eine Zwangsveranstaltung im gesellschaftlichen Reproduktionsprozess ist, bestimmt die Gemüter jetzt (noch) nicht. Auch dass die Kinder aus unterschiedlichen Herkünften kommen, was Sprache, Lernstand, Sozialstatus betrifft, überwiegt dieses gemeinsame Eine noch nicht: alle Eltern sind von der Liebe zu ihren Kindern bewegt, sie wollen ihr Bestes. Auch die Kinder freuen sich, ein Kind trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift „Endlich ein Schulkind“. Komplementär ist es aufseiten der Lehrerinnen und Lehrer, die alles gut vorbereitet haben, ihre Kinder freundlich empfangen, denn sie lieben ihre Kinder, – sollen sie auch, mindestens auf der Stufe des Mögens. Denn allein vom „pädagogischen Geschäft“ der „Schule als Dienstleistung“ zu sprechen und ein partnerschaftliches, symmetrisch-kommunikatives Lehrer-Schüler-Verhältnis gering zu achten, hieße zu übersehen, dass Liebe eine Grundbedingung pädagogischen Handelns ist. Hierzu sind „der pädagogische Bezug“, „das erzieherische Verhältnis“ die „einheimischen“ Begriffe der geisteswissenschaftlichen Pädagogik gewesen. Sie bleiben in erziehungsphilosophischer Sicht auch für eine empirisch und sozialwissenschaftlich orientierte Erziehungswissenschaft von elementarer Bedeutung: es geht um Förderung der Kinder und Heranwachsenden, um ihre Mündigkeit und Fähigkeit zu reflektierter Selbstbestimmung. Hierbei haben die Erwachsenen als Erzieher und Lehrer ihren uneigennützig liebenden Beitrag zu leisten. Herman Nohl (1879 – 1960) nannte den pädagogischen Bezug „das leidenschaftliche Verhältnis eines reifen Menschen zu einem werdenden Menschen“. „Leidenschaftlich“ schließt Emotion ein, Liebe, pädagogischen Eros. Denn Liebe ist nie emotionslos, unsinnlich, auch die Liebe in der Erziehung nicht. Im Säuglings- und Kleinkindalter sind Hautkontakt, Körpernähe, Liebkosung sogar lebensnotwendig.

Warmherzige Liebe zu den Kindern im Grundschulalter hat auch einen Quell im Charme der Kinder selbst, der in ihrer Unbefangenheit und Arglosigkeit liegt, sowie auch darin, dass das sexuelle Begehren noch nicht erwacht ist. Komplementär hält sich letzteres seitens der Erwachsenen zurück, ist aber nicht ausgeschaltet. Nähe und Abstand sind deshalb auch in der Grundschule ein Thema, zunehmend in der weiterführenden Schule. Kinder sind liebenswert und können entzückend sein, Heranwachsende ebenso, so dass liebende LehrerInnen auch in ihrer erotischen Sexualität angesprochen werden können.

Die Auffassung aber, dass ein pädagogisches Verhältnis eine gelingende erotisch-sexuelle Liebesform werden könnte, hat sich als Einfallstor für sexuellen Missbrauch herausgestellt. Aus dem Gedankengut der Reformbewegungen der 20er Jahre des vorigen Jahrhunderts zu „freier Liebe“ und „Körperkultur“ sowie aus Bemühungen der 60er/70er Jahre um eine „nichtrepressive Sexualerziehung“ entstand die Vorstellung, ein einvernehmlicher und gewaltfreier sexueller Umgang sei auch zwischen Erwachsenen und Kindern möglich. In den 80er Jahren führte diese Vorstellung zu einer öffentlichen Debatte, den § 176 Strafgesetzbuch zum sexuellen Missbrauch von Kindern (Strafbarkeit jeglicher sexueller Handlungen an einer Person unter vierzehn Jahren) dahingehend einzuschränken, dass nur Anwendung oder Androhung von Gewalt oder Missbrauch eines Abhängigkeitsverhältnisses bei sexuellen Handlungen unter Strafe zu stellen seien.

Nach der Aufdeckung des Missbrauchs an der Odenwaldschule und anderswo sollte klar sein, dass sexuelle Zärtlichkeiten und Handlungen strikt aus einem pädagogischen Verhältnis herauszuhalten sind.


© Autor J. F.

Der Artikel ist am 24. November 2017 im Rahmen des Projektes "Liebe und Gemeinschaft" auf Philosophie.ch erschienen. Mehr zum Projekt!