Die Geschichte der Philosophie in der Schweiz

Im Zeitalter der Extreme

Die Philosophie in der Schweiz vom Zweiten Weltkrieg bis ins Jahr 2000

Im letzten Essay „Zwischen Institutionen und Weltgeist: Philosophie in der Schweiz im 19. und frühen 20. Jahrhundert“ wurde die Philosophie der Schweiz nach dem Zeitalter der Aufklärung dargestellt. Das Ziel von diesem Essay ist es nun, die schweizerische Philosophie nach dem zweiten Weltkrieg bis zum Jahr 2000 zu erläutern.

 

Die Philosophie in der Schweiz während und nach dem zweiten Weltkrieg

Im Zuge des aufkommenden Zweiten Weltkriegs wurde die Schweiz zunehmend isoliert und diese Isolation machte die Abhängigkeit der Philosophie in der Schweiz von den Philosophinnen und Philosophen der angrenzenden Ländern deutlich. In dieser Zeit erwachte ein Selbstbewusstsein für eine schweizerische Philosophie und führte zur Gründung verschiedener Institutionen und Organisationen. Das beste Beispiel dafür ist die Gründung der Schweizerischen Philosophischen Gesellschaft im Jahre 1940 in Olten, die bis heute als Dachverband für alle lokalen philosophischen Gesellschaften agiert und jährlich die Zeitschrift „Studia philosophica“ herausgibt. Die Zeitschrift zeichnet sich, wie ihre Gesellschaft, durch ihre Mehrsprachigkeit (deutsch, französisch, italienisch und englisch) und durch ihren Pluralismus an Themen, Methoden und Inhalten aus.

Die Gründung der Schweizerischen Philosophischen Gesellschaft geht einher mit einer politischen und kulturellen Bewegung in der Schweiz, der sogenannten „geistigen Landesverteidigung“, die das Ziel hatte, die schweizerischen Werte zu verteidigen, die kulturelle Vielfalt aller schweizerischen Teile zu betonen und die Schweiz vor Faschismus, Nationalsozialismus und Kommunismus zu beschützen. So hatte Hans Barth, ein Schweizer Journalist, Philosoph und Präsident der Deutschschweizer Vereinigung, vorgeschlagen, wichtige Texte der schweizerischen Geistesgeschichte als Beitrag zur geistigen Landesverteidigung zu veröffentlichen, ein Projekt das jedoch nicht realisiert wurde. Im Lichte der geistigen Landesverteidigung lohnt es sich, zwei bedeutsame Persönlichkeiten hervorzuheben, nämlich Joseph Maria Bocheński, einen Kritiker des Kommunismus und Jeanne Hersch, die der Schweiz wegen ihrer Neutralität eine besondere Rolle in Europa als „unparteiischer Schiedsrichter“[1] zugestand.

 

Joseph Maria Bocheński – Logik und Kommunismus

Der Pole Joseph Maria Bocheński (*1902 - ✝1995) studierte nach dem Eintritt in den Dominikanerorden Philosophie an der Universität Fribourg und später Theologie am Angelicum in Rom. Im 2. Weltkrieg diente er bei den polnischen Truppen als Feldgeistlicher. Anschliessend wurde er an der Universität Fribourg Professor für Philosophie, wo er später auch das Osteuropa-Institut gründete.

Bocheński war ein Experte für Logik. Er verfasste Artikel und Bücher über die Logik und die Geschichte der Logik, darunter sein bekanntes Handbuch „Formale Logik“, welches die verschiedenen Schulen und Perioden der Logik darstellt sowie das Lehrbuch „Grundriss der Logistik“, das vielen Studenten den Einstieg in die moderne Logik bot.

Aufteilung der Logik nach Bochenski.

Was Bocheński auszeichnete, ist seine Anwendung der Logik auf verschiedene Bereiche des Lebens, wie zum Beispiel Religion, Gesellschaft, Autorität und Unternehmensführung. Zur Autorität sagte Bocheński in einem Interview:

Ich habe gefunden, dass es zwei ganz verschiedene Arten von Autorität gibt, die durcheinandergeworfen werden: die epistemische Autorität, die Autorität des Wissenden (so sagen wir etwa, Einstein sei eine grosse Autorität in der Physik), und die deontische Autorität, die Autorität des Vorgesetzten, des Kommandeurs, des Führers usw. Das wird häufig miteinander verwechselt, und manchmal kommt es dabei zu Monstrositäten; bei den Jesuiten zum Beispiel ebenso bei den Kommunisten wird einem Träger der deontischen Autorität das Recht einer epistemischen Autorität zugeschrieben. Die Partei ist ja eine deontische Autorität, und doch schreibt sie den Menschen vor, was sie glauben sollen. […] Zu diesen Schlüssen gelangte ich durch eine rein logische Analyse der Autorität. Autorität ist eine dreistellige Relation zwischen dem Träger, dem Subjekt und einem Gebiet.[2]

 

Wie schon im Interview angedeutet, beschäftigte Bocheński sich auch mit dem Kommunismus und gründete zur Erforschung der Philosophie des Kommunismus das Osteuropa-Institut an der Universität Fribourg. Er publizierte zahlreiche Artikel und Bücher, darunter das Werk „Der sowjetrussische dialektische Materialismus“ und das „Handbuch des Weltkommunismus“. Für Bocheński besteht die kommunistische Lehre aus drei Teilen: Einer Eschatologie, die den Zukunftsstaat beschreibt, auf den sich die Menschheit hinbewegt, einer Philosophie, die die Gesetze beschreibt, die die Entwicklung der Welt und der Gesellschaft bestimmen, und einer Methodologie des Wirkens, die lehrt, wie die Macht zu ergreifen und zu gebrauchen ist. Bocheński kritisiert, dass die kommunistische Philosophie voller Widersprüche ist, wie zum Beispiel, dass sich die Menschheit angeblich automatisch auf einen bestimmten Zukunftsstaat hinbewegt, es aber dennoch einen Aktivismus braucht, um diesen Zukunftsstaat zu erreichen.

Portrait von Bochenski.

Weil Bocheński einer der wenigen Intellektuellen im Westen war, der sich ernsthaft mit der kommunistischen Philosophie auseinandergesetzt hat, wurde er zu einem wichtigen Berater des Bundeskanzlers Konrad Adenauer und sein Gutachten über die kommunistische Ideologie führte zum Verbot der Kommunistischen Partei Deutschlands im Jahre 1956.

 

Jeanne Hersch – Erziehung und Arbeit

Jeanne Hersch (rechts) im Gespräch mit Bundesrat Pierre Aubert (links).

Die Genferin Jeanne Hersch (*1910 - ✝2000) studierte nach ihrer Matura Literaturwissenschaften in Genf und besuchte in einem Sommersemester in Heidelberg Vorlesungen von Karl Jaspers. Nach ihrem Literaturwissenschaftsstudium studierte sie nochmals bei Jaspers in Heidelberg Philosophie und später bei Martin Heidegger in Freiburg im Breisgau. Zunächst wurde sie Gymnasiallehrerin in Genf, bis sie Reisen in Latein- und Nordamerika unternahm. In die Schweiz zurückgekehrt promovierte sie im Jahre 1946 an der Universität Genf in Philosophie und unterrichtete dort zuerst als Privatdozentin und dann als Professorin.

 

Hersch erreichte einen hohen Bekanntheitsgrad, indem sie sich öffentlichkeitswirksam zu brisanten Fragen der Zeit äusserte. Als ehemalige Lehrerin wandte sie sich gegen die „68er“-Bewegung, einer weltweiten sozialen Bewegung, die unter anderem das damalige Erziehungssystem kritisierte und neue Formen der Erziehung oder Bildung forderte, wie zum Beispiel die sogenannte „anti-autoritäre“ Erziehung. In ihrer Rede „Der Lehrer in der heutigen Krise“ argumentiert Hersch, dass die Lehrperson keine Freundin oder Kameradin der Schüler und Schülerinnen ist und sagt: „Die Beziehung zwischen dem Lehrer und dem Schüler ist meiner Ansicht nach keineswegs, wie viele heutzutage sagen, eine Beziehung der Gleichheit“[3]. Die Lehrperson zeichnet sich stattdessen durch ihre Vorbild-Funktion und durch ihre grössere Erfahrung aus, die wichtig sind, um die in Kindern angelegtes Bedürfnis nach Bewunderung zu befriedigen. Auf die mögliche Kritik, dass die traditionelle Lehrperson in einem problematischen Machtverhältnis zu den Schülern und Schülerinnen steht, entgegnet sie:


Es ist […] vollkommen unsinnig, sich die Beziehung des Lehrers zu den Schülern in den Schemata der Macht vorzustellen. Machtwille oder Versklavung oder Demütigung, all das ist lächerlich; denn es steht im Widerspruch zur letzten Hoffnung des Lehrers. Welches ist diese letzte Hoffnung des Lehrers? Er will, dass der Schüler ihn übertrifft! Sonst ist er gar kein Lehrer. Er will vom Schüler übertroffen werden, dann kann er ruhig sterben.[4]

 

Neben Themen wie Demokratie, Menschenrechte, Freiheit und Politik äusserte sich Hersch auch zu existenziellen Fragen, wie zum Tod, zur Arbeit, zu Festen und zur Lebenskunst im Allgemeinen. Im Vortrag „Wie verhält sich der Mensch heute zu seiner Arbeit?“ untersucht sie das heutige Verhältnis zwischen dem Menschen und seiner Arbeit und stellt fest, dass die Arbeitswelt immer mehr aufgeteilt wird und die Angestellten das Gesamtprodukt aus den Augen verlieren. Indem die Angestellten das Gesamtprodukt aus den Augen verlieren, entsteht ein Sinnverlust der Arbeit, der für die Angestellten schmerzlich ist. Und dieser Schmerz ist für Hersch nicht ein Problem, das im Nachhinein psychologisch zu behandeln ist, sondern nur dadurch geheilt werden kann, indem die Angestellten wieder das eigentliche Produkt ihrer Arbeit sehen können. Indem streng zwischen Arbeitszeit und Freizeit unterschieden wird und die Freizeit als das „eigentliche Leben“ gesehen wird, verschärft sich für Hersch das Problem der Sinnlosigkeit, da dadurch die Arbeitszeit zunehmend abgewertet und sinnloser wird.

Montaigne-Preis für Hersch.

Für ihr philosophisches Engagement und öffentliches Auftreten wurde Hersch mit zahlreichen Preisen und Medaillen geehrt. So erhielt sie den Montaigne-Preis mit dem Text:

Als Philosophin hat sie die weltgeschichtlichen Alternativen aufgehellt, vor die sich die heutige Menschheit angesichts vielfältiger Erscheinungsformen der Tyrannei gestellt sieht.

 

Das Logo des Journals "Dialectica".

Dialectica und Henri Lauener – Analytische Philosophie und Transzendentalphilosophie

Neben der Gründung der Schweizerischen Philosophischen Gesellschaft ist die Lancierung der Zeitschrift „Dialectica“ ein wichtiges Ereignis für die Philosophie in der Schweiz. Die Mathematiker und Wissenschaftsphilosophen Gaston Bachelard, Paul Bernays und Ferdinand Gonseth gründeten die Zeitschrift im Jahre 1947. Später wurde sie, dank der Führung von Henri Lauener  (*1933 - ✝2002), zu einem weltweit gelesenen Forum der analytischen Philosophie und ist bis heute eine der bedeutendsten Philosophie-Journale überhaupt. Lauener hat mit „Dialectica“ massgeblich die analytische Philosophie in der Schweiz gefördert und schaffte es durch internationale Kolloquien in Biel, führende Persönlichkeiten der analytischen Philosophie in die Schweiz zu locken.

Lauener selbst entwickelte eine „offene Transzendentalphilosophie“, nach der es keine absolut wahren Aussagen in der Wissenschaft gibt und auch keine absolut gültigen Normen in der Moral. Stattdessen ist für Lauener die Wahrheit der Aussagen in der Wissenschaft oder die Gültigkeit der Normen in der Moral immer abhängig vom Kontext. Doch obwohl die Wahrheit und Gültigkeit kontextabhängig sind, bedeutet dies nicht, dass wir willkürlich Aussagen als falsch oder Normen als ungültig setzen dürfen. Lauener unterscheidet hierbei zwischen internen Fragen oder Sachfragen, Fragen die innerhalb eines gegebenen Rahmenwerkes beantworten werden können und externen Fragen, Fragen über die Adäquatheit des Rahmenwerkes selbst.

Portrait von Henri Lauener.

Ein Rahmenwerk könnte zum Beispiel die Atomtheorie in der Physik sein und eine interne Frage beispielsweise „Gibt es Atome?“. Externe Fragen betreffen dann die Atomtheorie selber und für Lauener kann man nie die Richtigkeit eines Rahmenwerkes beweisen, sondern sich nur aus pragmatischen Gründen für ein Rahmenwerk gegenüber eines anderen entscheiden. Daraus folgert Lauener, dass es so etwas wie absolute Tatsachen nicht gibt. In „Philosophie als normative Tätigkeit“ schreibt er:

Da jede Wahl sprachlicher Mittel die Beschreibung beeinflusst, gibt es auch keine unkorrigierbaren Sätze, die so etwas wie „absolute Tatsachen“ ausdrücken würden. Was als Beobachtung zugelassen wird, was als wirklich zu gelten hat und worin Objektivität besteht – das alles sind Fragen, die aufgrund sorgfältig abgewogener Vereinbarungen im Kontext geregelt werden müssen. Die Struktureigenschaften, die wir den verschiedenen Ausschnitten der von uns konstruierten Wirklichkeit zuschreiben, werden nicht in der Welt als solcher entdeckt, sondern von uns selbst in die Theorien eingebaut. [5]

Bis heute wird an Laueners Leistung als Philosoph und Förderer der analytischen Philosophie erinnert, indem regelmässig der Lauener-Preis von der Lauener-Stiftung an bedeutsame und aufstrebende, analytische Philosophinnen und Philosophen vergeben wird.

 

Die Mont Pèlerin Society - Das intellektuelle Zentrum der neoliberalen Debatten

Erwähnung verdient auch die im Hôtel du Parc am Berg Mont Pèlerin von Friedrich August von Hayek gegründete Mont Pèlerin Society, die das Ziel hatte, gegen kollektivistische Ideologien und für eine freiheitliche Marktwirtschaft zu kämpfen. Diese Society entwickelte sich zur einer der bedeutendsten Vereinigungen von neoliberalen Intellektuellen mit weltweiter Ausstrahlung. Bei der Gründung der Mont Pèlerin Society hatte von Hayek, welcher selbst Ökonom und Sozialphilosoph war, neben Wirtschaftswissenschaftlern, Historikern und Politikern auch Philosophen eingeladen. Unter den Anwesenden finden sich der Schweizer Philosoph Hans Barth, Karl Popper und der ungarisch-britischer Philosoph Michael Polanyi. In seinem Eröffnungsvortrag bekundet von Hayek, dass er die politische Philosophie wiederbeleben will und bediente sich dabei den Worte von John Maynard Keynes, als er sagte, dass die Ideen von Philosophen weit stärker wirken, als man allgemein annimmt.[6]

 

Schlusswort

Mit dem Erwachen eines Bewusstseins für eine schweizerische Philosophie wurden neue Institutionen und Organisationen gegründet, die bis heute Bestand haben und ihre Wirksamkeit entfalten. Mit der Gründung der Schweizerischen Philosophischen Gesellschaft wurde ein sprachenübergreifendes philosophisches Netzwerk geschaffen und durch die Zeitschrift "Dialectica" insbesondere die analytische Philosophie in der Schweiz verbreitet.

In diesem Essay konnte nur eine kleine Auswahl von Philosophinnen und Philosophen dargestellt werden und von diesen auch nur einen kleinen Teil ihrer Philosophie. Weitere erwähnenswerte Philosophinnen und Philosophen, die in der Schweiz aktiv waren, sind unter Anderen:

Karl Jaspers, ein deutscher Psychiater und Philosoph, der nach dem Krieg Professor an der Universität Basel wurde und durch seine kritische Stellungnahme zu den politischen Fragen seiner Zeit berühmt wurde.

Jean Piaget, ein Entwicklungspsychologe, Soziologe und Philosoph, der durch seine Theorie der kognitiven Entwicklunng und seiner Erkenntnistheorie der "genetischen Epistemologie" weltberühmt wurde.

Paul Häberlin, Berner und Basler Philosophieprofessor, wurde mit seiner Philosophie des "aprioristischen Seinsmonismus" auch ausserhalb der Schweiz bekannt.

Hans Barth, Redaktor der NZZ und Professor für Staatsphilosophie, untersuchte verschiedene Formen von Totalitarismus.

 

Fussnoten

[1] "Jeanne Hersch - Erlebte Zeit" - von Monika Weber und Annemarie Pieper (2010), S. 118.
 
[2] "Ein Philosoph mit Bodenhaftung: zu Leben und Werk von Joseph M. Bocheński" - von Otto Neumaier und Petter Simons (2011), S. 47.

[3] "Jeanne Hersch - Erlebte Zeit" - von Monika Weber und Annemarie Pieper (2010), S. 85.

[4] "Jeanne Hersch - Erlebte Zeit" - von Monika Weber und Annemarie Pieper (2010), S. 88.

[5] "Philosophie als normative Tätigkeit (offener Transzedentalismus versus Naturalismus)" - von Henri Lauener (1987), S. 27.

[6] https://www.zeit.de/2008/33/A-Neoliberalismus/seite-4

 

Quellen

Quellen der Bilder

Titelbild: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/009421/2006-09-05/

Portrait von Bochenski: "Ein Philosoph mit Bodenhaftung: zu Leben und Werk von Joseph M. Bocheński" - von Otto Neumaier und Petter Simons (2011).

Jeanne Hersch im Gespräch mit Bundesrat Pierre Aubert: "Jeanne Hersch - Erlebte Zeit" - von Monika Weber und Annemarie Pieper (2010).

Montaigne-Preis für Hersch: "Jeanne Hersch - Erlebte Zeit" - von Monika Weber und Annemarie Pieper (2010).

Portrait von Lauener: http://www.lauener-foundation.ch/lauener.php