Blogbeitrag Philosophie aktuell

Wer sucht, der findet... etwas anderes, als das Gesuchte.

Serendipität ist das zufällige Stolpern über etwas wirklich Wundervolles, besonders, wenn man etwas etwas völlig anderes gesucht hat.

Wir alle sind Suchende. Was lebt, sucht nach etwas. Wie durch einen bösen Zauber verhext, finden wir aber in der Realität nur in seltenen Fällen genau das, was wir  gesucht haben.

Wir suchen in einem Lebenspartner gewisse Eigenschaften und die Erfüllung von Traumgebilden. Was wir finden kann dem gar nicht einfach so entsprechen, denn es ist ja unsere eigene Vorstellung von Glück, die wir bei anderen doch nicht einfach so voraussetzen können. Das wäre naiv.

Wer Lyrik schreibt, kann sich gewissen Zwängen unterwerfen (Reim, Metrum, Musikalität) und merkt dann beim Schreiben, dass etwas ganz anderes herauskommt,   als man sich das gedacht hätte. Es ist auch eine Fähigkeit der Musen, den verzweifelt Dichtenden neue Wege aufzuzeigen, so dass der Text am Schluss stimmt, durch sanften Druck oder harten Zwang aus den unendlich vielen Möglichkeiten die passenden herauszusuchen. 

Wir suchen uns eine Beschäftigung, sind aber nur wenig über die Gegebenheiten und Rahmenbedingungen dieser Arbeit im Bilde. Unsere vage Vorstellung ist sehr subjektiv geprägt, die Realität ist dann oft eine ernüchternd andere. 

Durch die immediate Präsentation von enorm vielen Resultaten bei einer Suchmaschinenanfrage sind wir extrem überfordert. Die Maschine entscheidet über die Relevanz der Ergebnisse, nicht wir selbst. Ergo muss die ausgesuchte Information serendipitär sein.

Und wenn wir schon beim Internet sind, dann finden wir dort zunächst mal Werbung, also etwas, das wir überhaupt nicht gesucht haben: eine sehr häufige Erfahrung von Serendipität. 

Sind wir zum Beispiel auf der Suche nach einer Lampe, finden wir 3000 Objekte. Wir suchten ein Objekt, bekommen aber eine grosse Anzahl. Nicht das Gesuchte. Mühsam suchen wir dann selbst das uns zusagende Element heraus.

Dabei sind wir auf einer virtuellen Suche, gesucht war aber ein reales Objekt, also finden wir wieder nicht das Gesuchte und begeben uns doch noch in mehrere Ladenlokale, wo wir die Suche fortsetzen und dann nur mit grossem Glück finden, was wir gesucht hatten: die passende Lampe für unseren Wohnraum!  

Serendipität: Ein philosophisches Thema?

Die Beschäftigung mit dem Phänomen der Serendipität ist in einem Grenzbereich der Philosophie sicher möglich und am richtigen Ort. Phänomenologie und Spieltheorie geben hier einige Voraussetzungen.

Bei Nietzsche (Umwertung aller Werte), Husserl (Phänomenologie) und Flusser (Medienphilosophie und -phänomenologie) finden wir interessante Überlegungen, welche uns in diesem Bereich weiterbringen.  Natürlich gibt es auch die Bereiche der Psychologie, der Kommunikationswissenschaft und der Linguistik, die hier von Belang sind.

Dabei können wir den philosophischen Grundfragen (wer bin ich? woher komme ich? wohin gehe ich? was tue ich hier? was kann ich wissen? was ist der Mensch? was soll ich tun? Was darf ich hoffen? u.a.) zwei neue hinzufügen, nämlich wie/was suche ich? und was finde/bekomme ich?

Die verkrampfte Suche nach etwas ganz Konkretem kann uns völlig irritieren und frustrieren, wenn wir das Erhoffte/Erwünschte/Ersehnte nicht finden.  Wenn wir aber spielerisch damit umgehen können, offener sind für die Vielfalt des Vorhandenen und vielleicht Verfügbaren, dann winkt uns ein Zustand der Zufriedenheit, der sich auch mit kleinen Freuden und Wundern des Alltags, die serendipitär überall vorkommen, in die Nähe eines glücklichen Zustands navigieren kann…

Wir Menschen können als homo quaerendo bezeichnet werden, als suchender Mensch. Mensch sein, heisst auf der Suche sein. Von Geburt bis zum Tod suchen wir Wesentliches, Ueberlebensnotwendiges, aber auch Ueberflüssiges.

Die Suche nach Transzendenz ist vielleicht die umfassendste Suche, die zur Sucht werden kann. Suchen und Finden können, müssen aber nicht in einem Kausalzusammenhang stehen.  

Erfinder betreiben die Suche professionell, die Findung ist aber serendipitär, nicht  berechenbar, nicht planbar, eher zufällig. „Wer sucht, der findet“ ist eher ein Tröstungsversuch, ein Automatismus besteht nicht.

Wer etwas findet, muss auf Serendipität gefasst sein:  Die gesuchten Dinge können gar nicht deckungsgleich sein mit den gefundenen: Schon das Baby sucht die Mutterbrust, und was bekommt es oft? Die Flasche!

Was suchen Kinder? Und was finden sie vor? Spielmöglichkeiten, um die Welt zu erkunden. Sie brauchen Aufmerksamkeit und Achtsamkeit.

In der Schule suchen wir Freundinnen und Freunde, Wissen ist zweitrangig, und die Schulstoffe oft nicht die gesuchten Wissensquellen.

Die Suche nach einem Partner und das Sehnen nach ewiger Liebe ist etwas vom Wichtigsten, was Menschen umtreibt. Im Beruf suchen wir eine Aufgabe und finden eine Überforderung, eine Überwältigung, im schlimmsten Fall eine Knechtschaft.

Wir buchen Ferien und suchen Ruhe und Erholung, oder Abenteuer. Auch hier findet sich nicht immer das Gewünschte. Sondern eventuell nervige Touristen, eine lärmige Disco im Hotel oder schlechtes Essen…

Zum Lebensende wünschen sich die meisten Menschen Ähnliches: gute Gesundheit bis ins hohe Alter und bloss keinen Aufenthalt im Altersheim: zu Hause ist es am besten.

Aber auch da kommt es manchmal anders, als der Mensch denkt. Serendipität kann auf verschiedene Weise erlebt, muss ev. sogar geübt werden, wenn wir einen neuen Zugang zu Entscheidungen des Schicksals erreichen wollen, geduldiger darauf warten können, gelassener reagieren, wenn es so weit ist, fatalistischer akzeptieren, was uns Serendipity im Leben serviert.  

Definitionen und Beispiele 

Hier eine praktische Definition zu Beginn: „Serendipität ist das glückliche Finden von etwas (jemandem?), das/den man nicht gesucht hat.“ Oder: „Serendipität ist das zufällige Stolpern über etwas wirklich Wundervolles, besonders, wenn man etwas völlig anderes gesucht hart.“


Das Wort Serendipität fasziniert viele, ist aber noch nicht im Duden aufgenommen worden. Die Herkunftsgeschichte des Wortes liest sich wie ein Märchen.

Schon das erste Mal, als das Wort verwendet wurde, können wir von Serendipität sprechen.
 Die Wikipedia Deutsch enthält eine lange Liste von Fundstücken und Erfindungen: die Entdeckung Amerikas (eigentlich war Indien gesucht), die Entdeckung der Röntgenstrahlen, die Erfindung von Penizilin und Viagra. Auch der Klettverschluss, Teflon, Post-it, Linoleum, Silikon, der Tea-Bag, Nylon Strümpfe oder LSD: alles serendipitäre Trouvaillen. Ebenso das Geräusch des Universums.

Auf der Suche nach einem erfüllten Leben suchen und begehren Mann und Frau Dinge, Partner, freuen sich auf Ereignisse, möchten gerne davon Besitz ergreifen oder es für später aufbewahren. 

Serendipität ist ein allgemeines Lebensprinzip 

Wir können sogar so weit gehen und sagen, das jegliches menschliches Suchen,  Forschung oder Entdeckungen diesem Prinzip unterworfen sein können.

Alle wichtigen menschlichen Aktivitäten sind Teil einer Strategie zur Suche nach dem Glück, Vergnügen, Arbeit, Partner, Geschäfte, Wissen und/oder Reichtum. Sie ergeben oft nicht das Gewünschte oder Gesuchte. Also viele menschliche Tätigkeiten erreichen nicht das, was die Suchenden sich vorstellten, sondern etwas anderes, etwas manchmal Provisorisches und nicht das sich Vorgestellte.

Sogar wenn wir an Religionen denken, der imaginierte Gott ist nicht der, für den wir ihn hielten, sondern ein serendipitäres Fundstück unter den Tausenden von Göttern, welche sich Menschen zu allen Zeiten vorgestellt haben. 

Es scheint denn nun also richtig, im Konzept der Serendipität einen allgemeineren Zustand des Seins und des Suchens nach Seinsmöglichkeiten zu sehen. Vielleicht müssen wir nicht so weit gehen und sagen, dass alles Suchen vergeblich sei oder dass nur wenige Ziele überhaupt erstrebbar seien.

Aber ein fatalistisches Akzeptieren der Dinge und Lebensinhalte, die wir im Leben finden, mag hilfreicher sein, als das Lamentieren darüber, dass man nicht findet, was man sucht. 

Jedes Suchen hatte schon immer als mögliches Resultat ein serendipitäres Finden von etwas Unerwartetem. Wie war das mit der Suche nach dem Heiligen Gral, was erhoffte sich und fand Don Quijote, oder Proust mit seiner „Recherche du Temps Perdu“, die natürlich viel mehr ist als nur das. Dies drei Beispiele aus den Weiten der Weltliteratur. Aber was suchen Menschen wirklich? 

Die Suche nach Liebe 

Es gibt die verbreitete Ansicht, dass eine Person, die sich nach Liebe sehnt, dieses Gefühl nicht erzwingen kann, sondern darauf zu warten hat, dass die Liebe ihn/sie findet. Dies ist scheinbar ein Bereich, in dem Serendipität zuschlägt oder auch nicht.

Diese Ungewissheit verwirrt und schmerzt natürlich die Suchenden. Die armen sehnsuchtsvollen Seelen verwenden Projektionen und wissen oft ganz genau, was sie suchen. Wenn dann ein mögliches „Opfer“ für ihre Sehnsüchte auftaucht, finden sie nicht, wen/was sie gesucht haben, sondern erhalten etwas/jemand anderes.

Wenn sie ihre Erwartungen tief halten oder gar keine hatten, kann das Gefundene nicht mit dem Gesuchten verglichen werden und taucht darum als „unerwartet“ auf, als ein „Geschenk“, ein „Schatz“, welcher dem/der Gewinnenden zufällt.

Wer aber im Vorfeld Projektionen für das gesuchte Objekt macht, dem winkt da die Frustration, wenn gut sich als schlecht erweist, Schönheit als hässlich, Intelligenz als Dummheit, Hass statt Liebe auftaucht, Langeweile und nicht erfülltes Leben zu zweit, Freund wird zu Feind:

So kann es gehen, wenn Serendipität die Karten neu mischt. Übrigens hat Alain de Botton verschiedentlich zu diesem Thema ganz Amüsantes abgeleitet.

Das Verlangen nach Berühmtheit 

… You cant always get what you want
But if you try sometimes, well you just might find
You just might find you get what you need (Rolling Stones) 

Viele bemühen sich um Anerkennung oder sogar Berühmtheit. Manche erreichen das nicht, aber vielleicht Reichtum.

Wem beides nicht gelingt, der/die ist oft frustriert, und beneidet andere, die wirklich „oben angekommen“ sind.
 Betrachten wir nur mal das Los von Leuten, die wir alle kennen.

Die Rolling Stones singen in „You Can’t Always Get What You Want“ eine hedonistische Hymne für den augenblicklichen Instant-Genuss. Sie hatten sich sehr bemüht um Ruhm und Reichtum und beides hat sich in unvorstellbarem Ausmass eingestellt.

Also ein Leben ohne den Einfluss der Serendipität? Dazu verdammt, mit ihrer Musik monatelang täglich aufzuspielen, muss es doch auch bei ihnen Tage geben, wenn sie lieber etwas anderes tun würden.

Ihre zahlreichen Affären, Heiraten und Kinder waren in ihren Augen sicher begehrenswert. Aber die Rolle des seriösen Familienvaters oder des Geschäftsmanns, der sich um seine Reichtümer kümmern muss, dies waren vielleicht nicht die erwünschten Nebenwirkungen des erstrebten Erfolgs.

Brauchten sie dies auch? Die Serendipität nickt. Hier könnten wir auch einen Gedanken über den Erfolgshunger von berühmten Fussballstars oder Tennisspielern verlieren. V

Vielleicht war es nicht ihre ursprüngliche Absicht, als Modeikonen zu enden und dümmlich in die Kamera zu grinsen. 

Suchmaschinen bringen noch mehr Serendipität 

Google erschien erst vor zwanzig Jahren im Internet. Seither hat es einen weltweit führenden Status erreicht, dominiert die Suchfunktion und entwickelte eine Reihe anderer Applikationen.

Natürlich sind wir überfordert und verwirrt durch die enorm grosse Anzahl von Suchresultaten, welche augenblicklich auftauchen, auch wenn wir nur die ersten paar Resultate anschauen.

Aber das sind nur die am häufigsten angetippten oder logischsten Ergebnisse und müssen nicht unbedingt dem entsprechen, was wir suchen. Die Maschine entscheidet mit Algorhythmen, welches das zutreffendste Resultat ist, nicht wir. Das ist doch reine Serendipität!

Und wenn wir das heutige Internet anschauen, sehen wir sehr viel Werbung, was nicht immer so war.  Werbung ist nicht, was wir am meisten begehren, aber es ist die Einnahmequelle der Internet-Giganten: wieder ein feines Beispiel von Serendipität.


Bei der Suche nach einer alternativen Suchmaschine bin ich über Ecosia gestolpert. Was finden wir da? Eine grüne Suchmaschine, die in Berlin stationiert ist. Und die hatten die gloriose Idee, an verschiedenen Orten auf der Welt Bäume zu pflanzen als Kompensation für ihren Energieverbrauch und damit die Umwelt zu schützen. Also Serendipität in Reinkultur! Es ist wohl selten, dass hier Werbung bewusst eingesetzt wird. Dem Thema entsprechend erlaube ich mir dies trotzdem. Gehen Sie zu www.ecosia.org, installieren Sie die alternative Suchmaschine und zeigen Sie so, dass Ihnen die Umwelt nicht gleichgültig ist. Dass dieser Dienst sich irgendwie doch auch bei Google anhängt, ist dann schon ziemlich serendipitär und wenn er gross genug ist, wird dieser David ja sicher vom Goliath aufgekauft und dann ist vielleicht wieder weniger Serendipität möglich.

Serendip, Tyche oder Fortuna?

Die alten Griechen hatten Tyche, eine Tochter des Zeus, die Göttin des Schicksals, der Laune und des glücklichen oder bösen Zufalls. Plutos, Gott des Reichtums, wird oft im Zusammenhang mit Tyche als Knabe dargestellt.

Die Römer kannten die Fortuna. Wenn wir denn so wollten, könnten wir den Begriff der Serendipität durch    „Fortunität“ ersetzen. Auf jeden Fall ist es seit grauer Vorzeit ein Bedürfnis der Menschen, die oft unerklärlichen Ergebnisse von Bemühungen, die glücklichen oder fatalen Begebenheiten irgendwie erklären zu können.                                                                                    

Die Herangehensweise ans Leben ist eine andere, wenn wir uns der vielfältigen Möglichkeiten der Serendipität bewusst sind. Und vielleicht lebt es sich ein ganzes Stück besser, wenn wir bei den Erfahrungen unseres Lebens voraussetzen, dass nicht alles genau planbar ist, dass Serendipität eintreffen wird, dass alles ganz anders herauskommen kann, als wir uns das vorher vorgestellt, vorausgesehen oder ausgedacht hatten.

Begrüssen wir freudig die launische Göttin und machen daraus das Beste, statt uns über ihre manchmal schwer verständlichen Anordnungen, Entscheide, Schicksalsschläge zu ärgern oder uns über gute Laune, Zufallsgewinne oder Glücksgeschenke zu wundern!

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