Blogbeitrag Philosophie aktuell, Teil 2

Warum wir auf den Begriff „fake news“ verzichten sollten. Teil 2

Mit „fake news“ kann man beleidigen, diskreditieren und abfällig urteilen und zudem den Eindruck epistemischer Arroganz hervorrufen oder verstärken.

Dies ist der zweite Teil von "Warum wir auf den Begriff "fake news" verzichten sollen". Den ersten Teil finden Sie hier.

„Fake news“ ist ein politischer Kampfbegriff

4. Der erste Grund, warum es problematisch ist, den Begriff „fake news“ für die Zwecke einer wissenschaftlichen und versachlichten öffentlichen Auseinandersetzung zu verwenden, besteht in dem politischen Charakter des Begriffs. Damit meine ich, dass mit dem Begriff (auch) Polititk gemacht wird. Hier sind zwei Momente hervorzuheben: Erstens wird „fake news“ in der politischen Auseinandersetzung gerne genutzt, um andere Meinungen und Personen zu diskreditieren und zu attackieren und komplexe Zusammenhänge (unangemessen) verkürzt darzustellen. Die Argumente und Positionen der jeweils anderen Seite werden mit Verweis auf fake news schnell zum Ausdruck der Irrationalität, Verführbarkeit oder ideologischen Verbohrtheit des Gegners. Man nutzt „Fake news“ zunehmend als politischen Kampfbegriff und damit mehr als rhetorisches Mittel und weniger als Werkzeug zur Aufklärung und Verständigung.

Zweitens zeigt sich die politische Instrumentalisierung des Begriffs auch am Sachverhalt, dass sich Politiker und Machthaber auf der ganzen Welt die Rede von „fake news“ angeeignet haben, um journalistische Beiträge zu beschreiben, die ihnen ungelegen kommen. Donald Trump nutzt den Begriff oft und gerne, um jene Teile der Presse zu bezeichnen, die er nicht mag. Und Gesetze zur Zensur von Presseorganen werden in einigen autoritären Staaten ganz explizit unter Verwendung des Begriffs „fake news“ verabschiedet, so dass man feststellen muss, dass der Begriff  zu einem Mittel geworden ist, mit dem sich die Mächtigen unliebsamer Berichterstattung entledigen.

 

5. Der Begriff ist also (auch) ein politisches Instrument. Im US-amerikanischen Kontext wird daher von einer politischen Waffe (political weapon) gesprochen.[1] Ich denke, es ist fraglich, ob es gelingen kann, den Begriff für den wissenschaftlichen Kontext von diesem Ballast, den er durch seine Verwendung in politischen Auseinandersetzungen mit sich trägt, zu befreien. Die Befürchtung ist weniger, dass die einzelne Wissenschaftlerin (oder Philosophin) durch den Begriff dazu verführt wird, ihn als politisches Instrument zu verwenden, die Befürchtung ist vielmehr, dass auf der Seite der Rezipienten von Beiträgen aus der Wissenschaft und Philosophie die Leistung nicht erbracht werden kann, den Begriff vom genannten Ballast zu befreien. Die Verwendung des Begriffs provoziert möglicherweise die Frage: Wird hier nur Politik mit anderen Mitteln gemacht? Ich denke jedenfalls, dass es besser wäre, in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit problematischen Phänomenen gegenwärtiger Demokratien auf politisch aufgeladene Begriffe zu verzichten und auf neutrale, weniger vorbelastete zurückzugreifen. Einschlägig wäre hier zum Beispiel der Begriff der politisch oder finanziell motivierten Desinformation.

 

„Fake news“ ist ein epistemisches Schimpfwort

6. Ein weiterer Grund, auf den Begriff „fake news“ zu verzichten, lautet: Der Begriff hat nicht nur deskriptiven Gehalt, d.h. er beschreibt nicht einfach nur einen Sachverhalt. Er hat auch einen evaluativen und einen expressiven Gehalt.[2] Der evaluative Gehalt besteht darin, dass mit dem Begriff immer auch eine Wertung abgegeben wird. Das sieht man daran, dass die Aussage „Das da ist fake news, aber da ist überhaupt nichts problematisch dran“ (in den meisten Kontexten) sehr seltsam erscheint.[3]  Neben dem evaluativen Gehalt hat der Begriff zudem auch einen expressiven Gehalt. Damit ist gemeint, dass mit dem Begriff immer auch nicht-kognitive Einstellungen (also gefühlsartige Zustände) ausgedrückt werden. Im Falle von „fake news“ drückt der Sprecher, der den Begriff verwendet, zumeist auch seine Einstellungen entweder gegenüber den Produzenten oder den Konsumenten von fake news aus – und diese Einstellungen sind, gelinde gesagt, nicht freundlich. Im englischen würde man vielleicht von einem epistemic slur term sprechen können, einem Begriff also, mit dem man durch den Ausdruck negativer Einstellungen die epistemischen Leistungen oder Fähigkeiten einer Person herabwürdigt oder verächtlich macht.[4] Jemandem zu sagen, seine Überzeugungen würden sich auf fake news stützen, kommuniziert mehr als die bloße Information, dass er oder sie Falschinformationen auf den Leim gegangen ist. „Was du da sagt, beruht auf fake news!“ ist in gewissem Maße immer auch eine Herabwürdigung der Fähigkeiten des Angesprochenen, sich ein wahres Bild von der Wirklichkeit zu machen. Der oder die andere wird damit auch als ziemlich blöde, als völlig daneben, als ideologisch fehlgeleitet oder einfach als nicht wahrhaftig –  also auf eine sehr abfällige Art – dargestellt. Kurz: „Fake news“ ist ein epistemisches Schimpfwort (geworden) und kein neutraler, rein deskriptiver Begriff. Mit dem Gebrauch des Begriffes wird meist eine sehr negative Einstellung gegenüber dem anderen ausgedrückt und oftmals vollzieht man mit dem Gebrauch eine bestimmte Handlung, nämlich die Handlung der Herabsetzung des anderen. Und das macht den Versuch, eine wissenschaftliche und öffentliche Auseinandersetzung mit aktuellen Problemen des medialen Zugangs zu Informationen mit Hilfe des Begriffs „fake news“ zu führen, problematisch.

 

7. Für den wissenschaftlichen Kontext ist es, wie ich denke, sehr einleuchtend, Begriffe zu verwenden, die möglichst wenig evaluativen und expressiven Ballast mit sich herumschleppen bzw. die nicht so einfach mit expressiven Ballast beschwert werden können. Aber auch für den öffentlichen Gebrauch ist es ratsam, auf den Begriff zu verzichten. Denn mit Wörtern, die oft und vermehrt als Schimpfwörter gebraucht werden, lässt sich eine Debatte oder eine Auseinandersetzung wohl sehr schwer versachlichen. Ich nehme an, dass den genannten Autoren und Autorinnen mit ihren Beiträgen vor allem auch daran gelegen ist, durch mehr begriffliche Klarheit zur Versachlichung und zur Verständigung beizutragen. Nikil Mukerji schließt zum Beispiel einen Vortrag zu fake news[5] mit dem Hinweis darauf, wie wichtig es ist, nicht voreingenommen und mit einer Abwehrhaltung auf Menschen zuzugehen, die auf falsche Informationen vertrauen. Nun, meine These ist, dass dies nicht gelingen wird, wenn man in der Begegnung mit diesen Menschen den Begriff „fake news“ im Munde führt. Denn die Kehrseite der genannten Herabwürdigung, die durch die Zuschreibung, jemand falle auf fake news herein, einhergeht, ist der Ausdruck einer gewissen epistemischen Arroganz[6] auf Seiten des Sprechers: „Ich bin nicht so dumm und falle auf so etwas herein!“ Gerade Vertreter aus dem akademischen oder links-liberalen Milieu, die sich gerne als Speerspitze der Aufklärung stilisieren, verstärken durch den Gebrauch der Wendung „fake news“, so denke ich, den Verdacht der epistemischen Arroganz bei jenen, die sie damit als nicht-aufgeklärt und als nicht kritisch denkend labeln. Der Verständigung ist ein solcher Verdacht sicher nicht zuträglich.

 

Spezifische Phänomene brauchen spezifische Beschreibungen

8. Mein letzter Punkt betrifft die Nicht-Passung zwischen Anspruch und Ergebnis der philosophischen Unterschungen zu „fake news“. Ich hatte oben schon auf den Anspruch von Jaster und Lanius hingewiesen:

„We strive for a definition of fake news because we want to measure its effect on society, craft legislation to eliminate it from social media or sue propagators of fake news for the damage they impose on societies.“

Wenn es also darum geht, dass die philosophische Auseinandersetzung begriffliche Voraussetzungen dafür schaffen soll, bestimmte Phänomene und ihre Effekte auf die Gesellschaft zu untersuchen und zu messen, dann scheint mir – zumindest mit den vorgeschlagenen Begriffsklärungen – das Ziel verfehlt zu sein. Denn mit den vorgeschlagenen „Definitionen“ werden ganz unterschiedliche Phänomene in einen Topf geworfen. Die Definitionen kommen – auch wenn es feine Unterschiede gibt – darin überein, dass „fake news“ ungefähr bedeutet: „Berichterstattungen, die entweder falsch oder irreführend sind und von Menschen verbreitet werden, die entweder eine Täuschungsabsicht verfolgen oder der Wahrheit gegenüber gleichgültig sind“ (Jaster / Lanius 2018). Mit dieser Definition werden zwei ganz unterschiedliche Phänomene eingefangen. Das eine Phänomen besteht in der Verbreitung von falschen oder irreführenden Berichten mit der Absicht, die eigene politische Agenda zu verfolgen. Hier wird ganz bewusst mit einem bestimmten politischen Ziel Meinungsbildung durch Desinformation betrieben. Das andere Phänomen stellt dagegen die Herstellung und Verbreitung von falschen oder irreführenden Meldungen mit dem Ziel der finanziellen Bereicherung dar. Hier geht es nicht um Meinungsbeeinflussung mit politischen Absichten, hier wird einfach nur eine von den digitalen Medien bereitgestellte Chance zum Geldscheffeln ergriffen. Eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesen beiden Phänomenen und ihren Effekten sollte zuallererst die Phänomene auseinanderhalten und eine differenzierte und spezifische Beschreibung vorlegen. Ich sehe nicht, was damit gewonnen ist, wenn man die Unterschung der genannten Phänomene unter dem Überbegriff „fake news“ durchführt. Es geht nichts verloren – und vor dem Hintergrund meiner ersten beiden Einwände wird eher etwas gewonnen –, wenn man in wissenschaftlichen Kontexten auf den Begriff „fake news“ verzichtet und sich stattdessen um phänomenspezifische Beschreibungen und Definitionen bemüht. Statt „Die Effekte von fake news auf die Gesellschaft“ sollte eine sozialwissenschaftliche Arbeit besser den Titel tragen „Die Effekte von politisch motivierter Verbreitung von falschen oder irreführenden Berichten“ oder „Was clickbaiting für den Konsum von Nachrichten bedeutet“.[7]

 

9. Ich denke also, es gibt gute Gründe, in der öffentlichen und wissenschaftlichen Auseinandersetzung auf den Begriff „fake news“ zu verzichten. Er ist durch seine Instrumentalisierung im politischen Kontext erheblich vorbelastet und alles andere als neutral. Letzteres zeigt sich auch daran, dass der Begriff gerne und vermehrt als ein epistemisches Schimpfwort verwendet wird. Mit „fake news“ kann man beleidigen, diskreditieren und abfällig urteilen und zudem den Eindruck epistemischer Arroganz hervorrufen oder verstärken. Außerdem werden mit dem Begriff unterschiedliche Phänomene benannt, für die es im wissenschaftlichen Kontext sowieso nötig ist, differenzierte Beschreibungen bzw. Bezeichnungen zu finden. Ich möchte daher meinen Beitrag mit den Worten von Margaret Sullivan schließen: „Fake news“ has had its 15 minutes of fame. Let’s put this tainted term out of its misery.[8]



[1]Siehe zum Beispiel hier: https://www.poynter.org/news/should-we-stop-saying-fake-news
[2]Auf diesen Sachverhalt macht auch Habgood-Coote (2018) aufmerksam.
[3]Das gilt nur in den meisten Kontexten. Man kann sich Kontexte vorstellen, in denen das nicht so ist: Wenn z.B. Trump sagt „Das da ist fake news, aber da ist nichts problematisch dran, weil es mir nutzt, Wähler zu gewinnen!“, dann wird der normalerweise mit dem Begriff verbundene negative evaluative Gehalt aufgelöst.
[4]Es gibt eine philosophische Diskussion um die Frage, was epistemic slur terms genau sind, wie sie funktionieren und welche Bedingungen ein Begriff erfüllen muss, um als ein solcher term zu gelten (siehe dazu den Überblick in Patterson). Ich möchte mich hier nicht auf die Ansicht festlegen, dass „fake news“ in einem anspruchsvollen Sinne ein epistemic slur term ist, mir geht es nur darum festzustellen, dass er oft als ein „epistemisches Schimpfwort“ verwendet wird.  
[5]Den Vortrag kann man sich auf youtube ansehen: https://www.youtube.com/watch?v=uwtcNCQLLRk
[6]Epistemische Arroganz besteht darin, seine eigenen epistemischen Fähigkeiten selbstherrlich einzuschätzen und die der anderen abzuwerten. Man meint dann, dem anderen nicht zuhören zu müssen, und wartet nur darauf, dass er aufhört zu sprechen, um ihn über die Wahrheit zu informieren. Zum Begriff der epistemischen Arroganz siehe: Lynch (forthcoming). Ich beobachte eine solche epistemische Arroganz auch im liberalen bzw. „aufgeklärten“ Milieu – also gerade in jenem Milieu, das (auch) die Zielgruppe der genannten philosophischen Auseinandersetzungen mit „fake news“ ist – und ich denke, der Gebrauch des Begriffs „fake news“ hat auch seinen Anteil daran. Er hilft jedenfalls nicht dabei, epistemische Arroganz zu mildern.
[7]Übrigens: Eine solche spezifische Beschreibung und Eingrenzung eines Untersuchungsgegenstandes ist eigentlich nicht die Aufgabe von Philosophinnen – das sollten die Sozialwissenschaftler auch alleine hinbekommen.
[8]Sullivan (2018).


 

Literatur

Gelfert, A. (2018). Fake News. A Defintion, Informal Logic, Vol. 38, No. 1, 84-117.

Habgood-Coote, J. (2018). Stop talking about fake news!, Inquiry. https://doi.org/10.1080/0020174X.2018.1508363

Jaster, R. und Lanius, D. (2018a). What is Fake News?, unveröffentlichtes Manuskript.
https://philpapers.org/archive/JASWIF.pdf

Jaster, R. und Lanius, D. (2018b). Was sind Fake News? Blogbeitrag auf philosophie.ch.
https://www.philosophie.ch/philosophie/highlights/philosophie-aktuell/was-sind-fake-news

Lynch, M. (forthcoming). Epistemic Arrogance and the Value of Political Dissent, in: Casey Rebecca    Johnson(Hg.), Voicing Dissent, Routledge.

Mukerji, N (2018). A conceptual analysis of fake news, unveröffentlichtes Manuskript. https://philarchive.org/archive/MUKACA

 Patterson, A.F. (2018). A Novel Slur, A Novel Adaequacy Constraint, unveröfentlichtes Manuskript.
https://www.academia.edu/36914991/_Draft_A_Novel_Slur_A_Novel_Adequacy_Constraint

Sullivan, M. (2017). It’s time to retire the tainted term ‘fake news’, Washington Post, 6. Januar 2017.
https://www.washingtonpost.com/lifestyle/style/its-time-to-retire-the-tainted-term-fake-news/2017/01/06/a5a7516c-d375-11e6-945a-76f69a399dd5_story.html?noredirect=on&utm_term=.c06901089f18


 

Frage an die Leserschaft

In wissenschaftlichen Kontexten sei es wichtig, dass Begriffe möglichst wenig evaluativen und expressiven Ballast mit sich tragen (also keine politischen Kampfbegriffe und epistemische Schimpfworte). Dies sei auch für den öffentlichen Gebrauch ratsam.

Sind unsere Begriffe, mit denen wir wissenschaftlich und öffentlich "hantieren", denn neutral? Sollten sie dies tatsächlich sein? Gibt es Beispiele?