Blogbeitrag Philosophie aktuell, Teil 1

Warum wir auf den Begriff „fake news“ verzichten sollten.

Wir sind gut beraten, auf den Begriff "fake news" zu verzichten. Dies möchte ich im Folgenden begründen.

0. Der Begriff „fake news“ ist nicht nur auf diesem Blog zum Gegenstand philosophischer Analysen und Definitionen geworden. Verschiedene Philosophinnen und Philosophen haben Beiträge dazu in Fachzeitschriften oder als Manuskript im Internet veröffentlicht (Jaster / Lanius 2018a und 2018b, Gelfert 2018 und Mukerji 2018). Ich möchte diesem Trend in meinem Beitrag einige Bedenken gegenüberstellen. Meine These lautet, dass die wissenschaftliche und philosophische Auseinandersetzung mit problematischen Entwicklungen gegenwärtiger Gesellschaften auf den Begriff „fake news“ verzichten sollte. Dafür werde ich drei Gründe geben.

 

Doch zunächst möchte ich erklären, was ich nicht sagen will. Ich möchte nicht argumentieren, dass wir aufhören sollten, über bestimmte Phänomene, die mit dem Begriff „fake news“ benannt werden, zu sprechen, sie wissenschaftlich zu untersuchen und in der Öffentlichkeit zu diskutieren. Ich denke hier unter anderem an Möglichkeiten der digitalen Medien, die ausgiebig für die Verbreitung politisch motivierter Desinformation genutzt werden. Es ist offensichtlich, dass über solche Phänomene nachgedacht und geforscht werden muss – auch wenn damit nicht gesagt ist, dass wir es hier mit kategorial neuen oder besonders großen, effektstarken Phänomenen zu tun haben. Die im Folgenden zu begründende These lautet dagegen: Der Begriff „fake news“ ist für solche Auseinandersetzungen ungeeignet ist und sollte durch andere Begriffe ersetzt werden.

 

Was machen Philosophinnen und Philosophen, wenn sie den Begriff „fake news“ definieren?

1. Ich möchte mit der Frage beginnen, was mit den jüngsten philosophischen Versuchen, die Wendung „fake news“ zu verstehen, eigentlich genau gemacht wird und welche Ziele hier verfolgt werden. Was genau beanspruchen Romy Jaster und David Lanius, Axel Gelfert sowie Nikil Mukerji, wenn sie eine „Definition“ von „fake news“ anbieten? Jaster und Lanius „definieren“ zum Beispiel „fake news“ wie folgt:

„Berichterstattungen, die entweder falsch oder irreführend sind und von Menschen verbreitet werden, die entweder eine Täuschungsabsicht verfolgen oder der Wahrheit gegenüber gleichgültig sind.“ (Jaster / Lanius 2018b)

Gelfert und Mukerji geben ähnliche „Defintionen“ oder „Analysen“. Was aber genau heißt es, dass sie den Begriff definieren oder einer Analyse unterziehen?

Die genannten Autoren scheinen die Annahme zu teilen, dass die Wendung „fake news“ eine allgemeine Bedeutung, also einen festen und kontextunabhängigen semantischen Gehalt hat, die die Philosophin mit den Mitteln der Begriffsanalyse nur herausarbeiten müsste. Diese Annahme ist aber, wie ich denke, fragwürdig. Denn „fake news“ wird von verschiedenen Sprechern in unterschiedlchen Kontexten auf ganz unterschiedliche Gegenstände angewendet. Manche Leute gebrauchen ihn, um sich auf die „politische Korrektheit“, also die (angebliche) ideologisch bedingte Einseitigkeit von Mainstream-Medien zu beziehen („fake news“ ist hier ganz nah an „Lügenpresse“), andere beziehen sich mit dem Begriff auf alles, was schlechter Journalismus ist, manche wollen damit bestimmte Probleme des digitalen Kapitalismus benennen und wiederum andere wollen damit das Phänomen bezeichnen, dass politisch motiviert Falschinfomationen verbreitet werden.[1] Wenn die Annahme, dass „fake news“ eine allgemeine und feste Bedeutung hat, wahr wäre, dann müssten manche dieser Verwendungsweisen auf begrifflicher Inkompetenz beruhen. Das halte ich jedoch für unplausibel. „Fake news“ scheint keine allgemeine und feste Bedeutung zu haben, sondern von verschiedenen (Gruppen von) Sprechern unterschiedlich verstanden zu werden.

 

Nikil Mukerji meint, dass sich die Idee von fake news in unserem Verständnis mittlerweile in solch einem Maße verfestigt habe, dass es Sinn mache, den Begriff zu analysieren. Dabei scheint  Mukerji jedoch ein ganz spezifisches Verständnis vorauszusetzen: das Wir, von dem er bei der Analyse von „unserem“ Begriff „fake news“ ausgeht, ist das Wir, das von der (links-)liberalen Öffentlichkeit konstituiert wird. Hier – und nur hier – ist mit dem Begriff ein ganz bestimmtes eingrenzbares Phänomen benannt, nämlich das Phänomen der Verbreitung von Berichterstattungen aus rein politischen oder finanziellen Motiven, d.h. aus Motiven, die indifferent gegenüber der Wahrheit sind. In anderen Kreisen (und auch bei Teilen der liberalen Öffentlichkeit in bestimmten Kontexten) wird mit „fake news“ jedoch noch anderes bezeichnet. Zum Beispiel ist „fake news“ in manchen Kreisen oftmals einfach ein Synonym für das, was Mukerji als biased journalism bezeichnet und das er von dem abgrenzt, was er unter „fake news“ versteht. In rechtspopulistischen und -extremistischen Kreisen ist es m.E. recht offensichtlich, dass ein solches Verständnis von „fake news“ als biased journalism vorherrscht. ARD und ZDF sind hier fake news-Medien, nicht nur dann, wenn sie Unwahrheiten verbreiten oder nicht an der Wahrheit interessiert sind, sondern weil sie (angeblich) eine politische und ideologische Agenda verfolgen. Berichte über die besonderen Integrationsleistungen von Flüchtlingen zum Beispiel sind in diesem Verständnis auch dann fake news, wenn sie wahr sind – zu fake news werden sie in diesen Kreisen dadurch, dass sie (angeblich) mit dem Ziel verbreitet werden, ein positives Bild von Flüchtlingen und damit ein „links-grün versifftes“ Weltbild zu verbreiten. „Fake news“ ist hier ganz dicht dran an „Lügenpresse“ und die Lügenpresse ist nicht nur deswegen die Lügenpresse, weil sie (angeblich) besonders viel lügt und der Wahrheit indifferent gegenübersteht, sondern weil sie (angeblich) eine politische Agenda verfolgt. Mit „Lügenpresse“ und mit „fake news“ soll hier also auf den Punkt gebracht werden, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk und andere „Systemmedien“ biased journalism machen. Die Annahme von Mukerji, dass alle, die von „fake news“ reden, ein geteiltes und gefestigtes Verständnis davon haben, wovon sie reden, ist demnach nicht haltbar. Der Begriff, den Mukerji analysiert, ist ein ganz spezifischer, in bestimmten Kreisen vorherrschender Begriff und nicht der Begriff „fake news“.  Dies trifft auch auf die Begriffsanalysen von Jaster/ Lanius und von Gelfert zu. Ihr Anspruch, eine Begriffsanalyse von „fake news“ zu geben, müsste demnach qualifiziert werden: Sie geben genaugenommen eine Analyse des Begriffs, so wie er von bestimmten Teilen der Gesellschaft verstanden wird.

 

2. Nun spricht erstmal prinzipiell nichts dagegen, sich darum zu bemühen, ein spezifisches Verständnis von einem Begriff herauszuarbeiten und zu klären. Und prinzipiell spricht auch nichts dagegen, ein solch spezifisches Verständnis heranzuziehen, um einen Begriff für einen bestimmten Kontext (z.B. für eine wissenschaftliche Untersuchung) in dem Sinne zu definieren, dass man seine Bedeutung für diesen Kontext so und so festlegt. „Im Rahmen dieser Untersuchung werden wir mit 'y' auf x Bezug nehmen.“ Man macht hier für konkrete Zwecke eine terminologische Festlegung – und dafür kann man auf ein spezifisches Verständnis eines Begriffs zurückgreifen. Ebenso kann es manchmal sinnvoll sein, angesichts uneinheitlicher Verwendungsweisen eines Begriffes darauf zu drängen, sich auf ein einheitliches Verständnis zu einigen. Man schlägt dann eine den allgemeinen Sprachgebrauch regelnde Bedeutungsfestlegung vor: Lasst uns in Zukunft mit dem Begriff „y“ über x reden.

Vielleicht wären die genannten Autoren damit einverstanden, ihren Anspruch, eine Begriffsanalyse von „fake news“ zu geben, dahingehend zu qualifizieren, dass es nur noch um eine Analyse des Begriffs, so wie er von einer bestimmten Personengruppe verstanden wird, geht. Und vielleicht würden sie ihre Definition von „fake news“ dann auch zusätzlich als Vorschlag präsentieren wollen für eine terminologische Festlegung entweder für ganz spezifische wissenschaftliche, journalistische oder juristische Kontexte oder für den allgemeinen Sprachgebrauch. Jaster und Lanius verstehen ihre Definition auch explizit als einen Beitrag für die wissenschaftliche und öffentliche Auseinandersetzung. Sie schreiben: „We strive for a definition of fake news because we want to measure its effect on society, craft legislation to eliminate it from social media or sue propagators of fake news for the damage they impose on societies.“ (Jaster / Lanius 2018a). Man könnte ihre Definition dann so verstehen: Sie gehen von einem spezifischen Verständnis von „fake news“ aus (nämlich von jenem, das ich eben etwas vereinfachend einem liberalen und akademischen Diskurs zugeordent habe) und schlagen dann vor, den Begriff für die genannten Zusammenhänge (Wissenschaft, Gesetzgebung, allgemeine Öffentlichkeit) so zu verstehen, dass er Bezug nimmt auf Berichterstattungen, die entweder falsch oder irreführend sind und von Menschen verbreitet werden, die entweder eine Täuschungsabsicht verfolgen oder der Wahrheit gegenüber gleichgültig sind.

 

3. Ich möchte nochmal betonen, dass ich kein Problem damit habe, das Phänomen solcher Berichterstattungen zum Gegenstand einer wissenschaftlichen oder juristischen Auseinandersetzung zu machen und zu versuchen, das Phänomen erstmal klar zu beschreiben und zu erfassen (wobei ich denke, dass dies keine genuin philosophische Aufgabe ist, sondern etwas, was eine Sozial- oder Politikwissenschaftlerin machen kann und sollte). Ein Problem sehe ich aber darin, die Auseinandersetzung mit diesem Phänomen unter Verwendung des Begriffs „fake news“ zu führen. Wie auch immer die Autoren ihre Definition von „fake news“ verstanden wissen wollen – ob also als Begriffsanalyse eines ganz spezifischen Verständnisses oder als terminologischen Vorschlag für die Auseinandersetzung mit Formen der genannten Berichterstattungen –, wir sind gut beraten, auf diesen Begriff zu verzichten. Dies möchte ich im Folgenden begründen.

 

Anm. der Redaktion: Lesen Sie im zweiten Teil des Beitrages weiter, was es bedeutet, wenn der Begriff "fake news" ein politischer Kampfbegriff und ein epistemisches Schimpfwort wird.



[1]Manche Autoren wollen mit „fake news“ sogar nur solche Falschnachrichten bezeichnen, die im Internet verbreitet werden, siehe zum Beispiel hier: https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/fake-news-in-der-postfaktischen-welt/


 

Literatur

Gelfert, A. (2018). Fake News. A Defintion, Informal Logic, Vol. 38, No. 1, 84-117.

Habgood-Coote, J. (2018). Stop talking about fake news!, Inquiry. https://doi.org/10.1080/0020174X.2018.1508363

Jaster, R. und Lanius, D. (2018a). What is Fake News?, unveröffentlichtes Manuskript.
https://philpapers.org/archive/JASWIF.pdf

Jaster, R. und Lanius, D. (2018b). Was sind Fake News? Blogbeitrag auf philosophie.ch.
https://www.philosophie.ch/philosophie/highlights/philosophie-aktuell/was-sind-fake-news

Lynch, M. (forthcoming). Epistemic Arrogance and the Value of Political Dissent, in: Casey Rebecca    Johnson(Hg.), Voicing Dissent, Routledge.

Mukerji, N (2018). A conceptual analysis of fake news, unveröffentlichtes Manuskript. https://philarchive.org/archive/MUKACA

 Patterson, A.F. (2018). A Novel Slur, A Novel Adaequacy Constraint, unveröfentlichtes Manuskript.
https://www.academia.edu/36914991/_Draft_A_Novel_Slur_A_Novel_Adequacy_Constraint

Sullivan, M. (2017). It’s time to retire the tainted term ‘fake news’, Washington Post, 6. Januar 2017.
https://www.washingtonpost.com/lifestyle/style/its-time-to-retire-the-tainted-term-fake-news/2017/01/06/a5a7516c-d375-11e6-945a-76f69a399dd5_story.html?noredirect=on&utm_term=.c06901089f18


 

Frage an die Leserschaft

Anscheinend besteht ein Unterschied zwischen dem Phänomen und dem Begriff "fake news". Was meinen Sie, sollten wir also auf den Begriff verzichten?