Blogbeitrag Philosophie aktuell

Verantwortung und Verantwortungslosigkeiten im Zweiten Maschinenzeitalter

Maschinen werden in der Lage sein, Steuererklärungen besser auszufüllen als ihr Steuerberater, Röntgenaufnahmen genauer auszuwerten als ihre Ärztin, Prüfungen fairer zu bewerten als ihr Professor.

Das Zweite Maschinenzeitalter (ZW), an dessen Beginn wir stehen, wird sich einerseits dadurch auszeichnen, dass Maschinen fähig sein werden, geistige Tätigkeiten zu übernehmen, die bisher exklusiv von Menschen erfüllt wurden. Ja, nicht nur das, Maschinen werden in der Lage sein, Steuererklärungen besser auszufüllen als ihr Steuerberater, Röntgenaufnahmen genauer auszuwerten als ihre Ärztin, Prüfungen fairer zu bewerten als ihr Professor. Dies wird zu grossen Veränderungen am Arbeitsmarkt führen, da nun auch Arbeitsplätze verloren gehen, die bisher als unersetzlich galten. Zudem wird das ZW Technologien hervorbringen, welche diejenigen, die über sie verfügen, erheblich gegenüber denjenigen bevorteilen, die keinen Zugang haben. Denkt man zum Beispiel an Chips, die Menschen implantiert werden und dabei die Erinnerungskraft oder auch das logische Denken, vielleicht irgendwann sogar die Imagination ihrer Inhaber erheblich verbessern, ist deutlich, dass das ZW bestehende Ungerechtigkeiten nicht nur verfestigen, sondern auch radikalisieren wird.
Natürlich ist momentan nicht abzusehen, zu welchen Verwerfungen das ZW auf dem Arbeitsmarkt führen, erst recht nicht, welch radikal neue Technologien es bringen wird. Als sicher aber kann gelten, dass der Begriff Verantwortung aus Sicht einer philosophischen Bewertung dieses Zeitalters eine wichtige Rolle spielen wird. Schliesslich sind es wir, welche die Antworten – und das steckt im Begriff Verantwortung ja drin – auf all die moralischen Fragen, die das ZW stellt, geben müssen. Dies dürfen wir Menschen uns von keiner Maschine der Welt abnehmen lassen, solange wir autonome und freie Wesen sein wollen.


Zum Begriff Verantwortung im ZW möchte der vorliegende Beitrag daher ein paar provisorische Überlegungen anbieten. Dabei verwende ich eine indirekte, aber wohlerprobte Methode: Um etwas über Verantwortung zu erfahren, frage ich nach dessen Gegenteil, nach Verantwortungslosigkeiten. Vor welchen Verantwortungslosigkeiten müssen wir uns im ZW besonders hüten?


Zum einen müssen wir uns bei der Frage nach der Genealogie dieses Zeitalters vor Verantwortungslosigkeit hüten. Die Verantwortungslosigkeit kommt hier auf zwei Weisen: in Form der, wie ich es nenne, technologischen Verteufelung und in Form der technologischen Verherrlichung. Diejenigen, welche ersterer erliegen, fassen das ZW als notwendigen Prozess. Gemäß dieser Haltung ist es unvermeidlich, dass die Technik früher oder später in der Lage sein wird, die menschliche Geschichte zu determinieren und unaufhaltsam in eine bestimmte – meist zerstörerische – Richtung zu führen. Ab einem zu definierenden «point of no return» entreisst sie den Menschen die Handlungsmacht und wird zum Instrument geschichtlicher Ziele, die über dem Menschen stehen. Nicht zuletzt ein Denker wie Heidegger, der heute noch viele TheoretikerInnen über Technik beeinflusst, neigte zu einer solchen Haltung. Die technologische Verherrlichung betont dagegen, dass der technische Fortschritt keine tiefgehenden Konsequenzen für unser Leben selbst zeitigt, etwa für Ziele und Bedeutungen, die wir unseren Tätigkeiten verleihen. Technik wird hier rein als Mittel gefasst, das dazu da ist, bereits feststehende Ziele, effizienter und kostengünstiger zu erfüllen. Da die Technik dies gut kann, wird sie als Heilsbringer gefeiert, ein Denken, das weniger bei philosophischen, dafür aber bei technischen und ökonomischen Diskursen oft anzutreffen ist. Ausgeblendet bleibt dabei, dass Technik auch die Ziele, die Menschen haben, zum Beispiel, was geteilte soziale Aktivitäten betrifft, ändern kann, Änderungen, die aus normativer Sicht durchaus problematisch sein können.


Beide Auffassungen sind Ausdruck von Verantwortungslosigkeit. Die technologische Verteufelung, weil sie andere, meist geschichtliche Kräfte am Werk sieht, Kräfte, denen wir Menschen angeblich ausgeliefert sind. Die technologische Verherrlichung, weil sie die Technologie gar nicht als etwas ansieht, zu dem man sich normativ bekennen müsste. In beiden Fällen wird der technologische Fortschritt zu etwas, das Menschen einfach akzeptieren müssen, anstatt zu etwas, das man steuern, für Ziele fruchtbar und anhand dem man gegebene Ziele überdenken muss, kurz gesagt: zu etwas, gegenüber dem man sich verantworten muss.


Zum anderen müssen wir uns bei der Frage nach der Verteilung des Nutzens des ZW vor Verantwortungslosigkeit hüten. Einerseits müssen wir kritisch gegenüber der Auffassung sein, dass wir den Status quo unter allen Umständen vor den Auswirkungen schützen müssen, die das ZW bringt. Dies gilt vor allem für Arbeitsplätze; wir dürfen nicht mit Bezug auf einstmals erworbene Privilegien den technischen Fortschritt behindern. Dies wäre verantwortungslos gegenüber späteren Generationen, die von diesen Fortschritten profitieren würden. Man stelle sich nur vor, in der beginnenden Industrialisierung als dem Ersten Maschinenzeitalter wäre es etwa in der Textilindustrie nicht erlaubt worden, dass Maschinen Arbeitende ersetzen. So wären ökonomische Fortschritte unterbunden worden, von denen wir heute ganz selbstverständlich profitieren. Das gleiche Recht können spätere Generationen nun aber gegenüber uns geltend machen. Andererseits müssen wir uns aber auch vor der Position hüten, dass dem technologischen Wandel radikal freier Lauf zu lassen ist, ganz unabhängig von den Schäden, die er bei den heute Lebenden veranlasst. Das wäre verantwortungslos gegenüber den heute Lebenden und impliziert, dass jetzige Generationen nur Mittel zum Zweck späterer Generationen sind, eine Teleologie (Endzweckdenken), der wir uns nicht verschreiben sollten. Hier hilft nur ein Mittelweg, um sich dieser doppelten Verantwortung zu stellen, der Verantwortung gegenüber den nachfolgenden Generationen und der Verantwortung gegenüber den heute Lebenden. Wie man das ZW dreht und wendet, überall finden sich Verantwortungslosigkeiten, vor denen die philosophische Analyse auf der Hut sein muss, wenn sie den Begriff Verantwortung ernstnehmen möchte.

 

Frage an die Leserschaft

Die doppelte Verantwortung scheint eine Zwickmühle zu sein, einerseits besteht die Verantwortung für "uns", die heute Leben und andererseits machen wir auch eine Verantwortung gegenüber späteren Generationen geltend. Wie sollten wir vernünftig damit umgehen?