Artikel von der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften

Philosophie im Netz

"Wo sind die Philosophen, wenn man sie braucht?" - Dr. Franca Siegfried (SAGW) über Philosophie.ch

Dieser Artikel erschien zuerst im Blog "Meinungen und Themen aus den Geistes- und Sozialwissenschaften", der von der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften betrieben wird. Den Original-Artikel von Dr. Franca Siegfried finden Sie hier: https://wissenschaftskultur.blogspot.ch/2018/05/philosophie-im-netz-wwwphilosophiech.html

 

Wo sind die Philosophen, wenn man sie braucht, beklagt sich Geert Keil (http://www.information-philosophie.de/?a=1&t=8529&n=2&y=4&c=127). Seine Kritik ist nicht aus der Luft gegriffen, er selber lehrt Philosophie an der Humboldt-Universität in Berlin. Mit dem Zitat von Hegel, Philosophen würden ihre Zeit in Gedanken erfassen, bedauert er die fehlende öffentliche Wahrnehmung seiner Disziplin. „Die globalen Herausforderungen, Fehlentwicklungen und Krisenherde lassen sich kaum noch aufzählen, die Zeit scheint aus den Fugen“, schreibt der Deutsche Professor in der Zeitschrift „Information Philosophie“ (01/2017). „Zu allem Überfluss haben in der politischen Arena die terribles simplificateurs einen fast unheimlichen Zulauf. In Gedanken zu erfassen gäbe es vieles, doch die akademische Philosophie zieht sich, so die Klage, in ein selbstgewähltes Ghetto zurück, nämlich auf die kleinteilige Bearbeitung von Problemen, die ausser anderen Fachphilosophen niemanden interessieren.“ Das Tätigkeitsprofil der Philosophie ist wie geschaffen, in gesellschaftliche Debatten einzugreifen und Krisenphänomene aufzuklären. Umso trauriger ist der Tatbestand, dass die Stimme der Philosophie in der Öffentlichkeit kaum vermisst wird. Ebenso existiert keine breit angelegte Debatte über das Verhältnis von Philosophie und Öffentlichkeit.

 

Das Berner Vorbild

Was Professor Keil in der Zeitschrift „Information Philosophie“ beklagt, hat vor 20 Jahren an der Universität Bern, den heute emeritierten Professor Gerhard Seel motiviert, eine Plattform im Internet zu lancieren. Gerhard Seel lehrte in Bern Semantik, praktische Philosophie, Rechts- und Wirtschaftsphilosophie. Seine Plattform Philosophie.ch entwickelte sich im Laufe der Zeit zu einer nationalen Anlaufstelle für Philosophie, die in ihrer Zielsetzung, ihrem Umfang und ihrem Erfolg in der Schweiz, aber auch in Europa einzigartig ist. Seit 2008 koordiniert Philosophie.ch auch die Werbung für zukünftige Studierende der philosophischen Institute im Land. Im gleichen Jahr wurde der Verein „Philosophie.ch – Swiss Portal for Philosophy“ gegründet. Der Verein engagiert sich besonders auch für einen philosophischen Diskurs in der breiten Öffentlichkeit.

 

Philosophie im Zeitgeschehen

Seit dem 1. Mai, ist das Themendossier "Philosophie aktuell" auf der Plattform Philosophie.ch aufgeschaltet: Muss Philosophie in der Öffentlichkeit stattfinden? Steckt in ihr die Chance, eine friedliche Auseinandersetzung in unserer pluralistischen Gesellschaft zu führen, fragt sich die Autorin Anja Leser. Sie ist Vorstandsmitglied und zugleich in der Geschäftsführung des Vereins. „Die Aufgabe der Philosophie besteht nicht darin, den moralischen Zeigefinger zu erheben und vorzugeben, was man tun soll und was nicht. Vielmehr zeigt die Philosophie unterschiedliche Argumente auf, weshalb die eine oder andere Haltung vertretbar oder aus gewissen Gründen gegebenenfalls vertretbarer ist als eine andere.“ Mit dem philosophischen Themendossier will Philosophie.ch aufzeigen, wie sich die akademische Philosophie gegen oberflächliche Auseinandersetzungen von gesellschaftlich und zukunftsrelevanten Themen wehrt. Es lohne sich auch, den Mut aufzubringen, sich intensiv mit persönlichen Werturteilen auseinanderzusetzen. „Philosophie kann „ansteckend“ sein und viel Freude hervorrufen: Gerade dann, wenn man neue Ideen mit dazu gewinnt, oder andere Argumente für bereits gefasste Entscheidungen kennenlernt. Die Philosophie entwickelt sich fortlaufend weiter und bleibt somit mehr denn je: stets aktuell“, schreibt Anja Leser. Zum Themendossier "Philosophie aktuell"

 

Philosophie in der Digitalisierung

Auf der Plattform sind nicht nur Essays und Blogs nachzulesen, auch welche Themenbereiche an einzelnen Hochschulen vertieft werden, oder welche Veranstaltungen wann und wo stattfinden in der Schweiz. Philosophie.ch bietet eine Art Rundumpaket auch für angehende Studierende und Forschende. Empfehlungen für Studierende, beispielsweise wie sie philosophische Texte schreiben können. Zumal Schreiben wichtig ist für ein erfolgreiches Philosophiestudium – wie argumentative Texte entstehen, wie mithilfe des Schreibens philosophische Probleme verstanden, durchdrungen und geklärt werden können. Mit dieser Argumentation kann im Zeitalter der Digitalisierung die Disziplin Philosophie nur noch gewinnen und an Aufmerksamkeit zulegen. Langer Rede kurzer Sinn, die Netzöffentlichkeit ist eine riesige Chance für flüssig schreibende Philosophen, etwa mit Bloggs ein junges und breites Publikum zu erreichen und zu begeistern.

 

Medientauglichkeit und Ratgeberliteratur

Fachphilosophen, die ihre Gedanken in einem öffentlichen Diskurs in den Medien preisgeben, sind jedoch eher selten. Einfacher ist es für die Intellektuellen, Fachliteratur zu schreiben. Sie haben damit auch den Vorteil, dass sie nicht die Kompliziertheitszensur der Medien bestehen müssen. Es gibt allerdings auch Fachphilosophen, die sich an populärwissenschaftliche Bücher wagen. Ihre Werke stehen in den Buchhandlungen in der Abteilung für Ratgeberliteratur. Ein gutes Beispiel ist das neue Buch von Christoph Quarch mit dem Titel „Nicht Denken ist auch keine Lösung – Wie Sie gute Entscheidungen treffen“. Der Autor schreibt eine Philosophie des Entscheidens: „Warum sollen wir tun, was wir können, obgleich wir es müssen?“ Entscheidungen verbinden Getrenntes, schliessen Klüfte und erzeugen Stimmigkeit oder Einklang – oder beides. Gute Entscheidungen sind Früchte der freien Kreativität des Menschen bzw. auch seiner Seele. Stimmige Entscheidungen lassen sich auch nicht mit der technischen Strategie des Ichs vergleichen. Und! Gute Entscheidungen sind unberechenbar, auch nicht planbar – sie folgen allein dem Imperativ „Erkenne dich selbst“... Ein anspruchsvolles Thema, das auf 200 Seiten mit einer guten Leserführung ausführlich behandelt wird. Auf das gelungene Beispiel dieser Popularphilosophie wird auch auf der Plattform Philosophie.ch hingewiesen. Man kann sich nur wünschen, dass das Beispiel des Vereins „Philosophie.ch – Swiss Portal for Philosophy“ Schule macht und die noch schweigenden Philosophen aus ihrem Elfenbeinturm lockt.

https://www.gu.de/buecher/bewusst-gesund-leben/lebenshilfe/1415145-nicht-denken-ist-auch-keine-loesung/

 

Über Philosophie.ch

Die Schweizer Onlineplattform für Philosophie existiert seit 1997. Seit der Vereinsgründung im Jahr 2008 haben über 600 externe AutorInnen über 800 philosophische Blogbeiträge auf der Plattform veröffentlicht.

Finden Sie hier den Einstieg in die Themenvielfalt des Portals

Aktuell (Mai 2018) besuchen über 10'000 Nutzer monatlich Philosophie.ch, um sich über die philosophischen Neuigkeiten in der Schweiz zu informieren.

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