Blogbeitrag Philosophie aktuell

Künstlerische Intelligenz– KI-Darstellung und Interpretation

Wie es uns gelingt, Blindstellen in den Begriffen „Künstliche Intelligenz“ und „Digitalisierung“ zu füllen. Oder anders: Weshalb ich mich vor dem Gesicht der KI fürchten kann, obwohl es formlos oder gar inexistent ist.

Die Künstliche Intelligenz, kurz KI, kann ausserordentlich Vieles. Was ihr aber mit einer unvergleichlichen Präzision gelingt, die den Laien sowie den Experten sowohl faszinieren wie erschrecken muss, ist, unsere Vorstellungskraft anzutreiben. Die KI vermag es, unser aller Leben zu einem Besseren und bis hin zur Unsterblichkeit zu führen und zugleich für die Auslöschung allen Lebens – und was den meisten noch wichtiger ist: des Menschen, der Menschheit oder des Menschlichen – verantwortlich zu sein. Aber auch Profaneres kann sie: sie wählt für uns einfach einen tollen Film auf Netflix, der ganz unserem unbestechlichen Geschmack entspricht. Die KI sollte sich also endlich ihrer Verantwortung gegenüber dem Menschen bewusstwerden und sich eine ethische Grundhaltung zulegen; wenn dies den meisten Autofahrern mehr oder weniger gelingt, sollte dies wohl auch einem selbstfahrenden Auto möglich sein. Auch sollte sie sich entscheiden, welchem Markt- und Gesellschaftssystem sie sich anschliessen möchte – oder welches sie uns Menschen aufzwingen möchte -, damit wir das interspeziell diskutieren können, sofern wir noch mitdiskutieren dürfen.

Dies alles deutet also daraufhin, dass der Mensch nun an einem Scheideweg steht. Möchte er sich diesem einen überlegenen Abstrakta anschliessen oder doch weiterhin in seiner schnöden Welt mit Computern, die noch immer Updateprobleme haben, leben. Dieser baldigen Realität zum Trotz – oder war es doch nur Polemik – treten noch immer Denker an, sich der Problematik um die KI differenziert anzunehmen. So ist es höchst erfreulich, dass in diesem „Philosophie aktuell“-Blog immer wieder präzise und kontroverse Analysen zur KI zu finden sind. Um sich dem Thema „KI“ anzunehmen, scheint es mir daher ratsam, zuerst einige Beitragende und ihre Über­legungen kursorisch zu erwähnen und in Beziehung zu setzen, um dann eine eigene Ergänzung zu diesem Thema aus Sicht der Darstellung von KIs in Kunstgütern anzubieten.

Um gleich eine Verbreiterung der Thematik zu ermöglichen, soll hierbei zu Beginn des Beitrags neben dem Begriff der „Künstlichen Intelligenz“ ebenso der Begriff der „Digitalisierung“ berücksichtigt werden. Obwohl oftmals nicht klar ist, was mit den jeweiligen Begriffen gemeint ist, so scheint es zumindest im politischen Diskurs ein Leichtes zu sein, diese beiden Begriffe in einer unheiligen Allianz zu verwenden. Es ist daher erfreulich, dass gerade in diesem Blog Versuche unternommen werden, eindeutig klarzustellen, was jeweils gemeint ist. Sehr ausführlich setzt sich dabei Andreas Brenner mit dem viel zitierten und oftmals blind herbeigewünschten „digitalen Wandel“ auseinander (1). Seinen Fokus setzt er dabei auf die „Digitalisierung“ in der Bildung und auf den Verlust gewisser Kulturpraktiken, die zu einem Verlust der menschlichen Auseinander­setzung mit der Widerständigkeit der Welt führen. Dies geschehe dadurch, dass die Mangelhaftigkeit des Menschen in der Bildung zum Besseren umgebaut werden soll, geistig sowie körperlich. Brenner schliesst, dass dieser Umbau letztlich nicht möglich sein könne, bleibe der Mensch doch ein analoger.

Mit seinen kritischen Überlegungen zum „digitalen Wandel“ scheint Brenner zugleich einen wichtigen Punkt zu treffen, der in der Debatte um die „Künstliche Intelligenz“ und ihre Definition allgegenwärtig ist. Es ist die Frage darum, in welcher Beziehung die „Künstliche Intelligenz“ zum Menschen steht. Dies dürfte das Gros der entsprechenden Beiträge in diesem Blog betreffen. Es scheinen sich dabei einige grundlegende Oppositionen zu bilden, auf denen die Positionen in den Beiträgen beruhen. Grob formuliert lassen sie sich auf folgende drei Fragen zurückführen: 1. „Kann bzw. soll die ‚Künstliche Intelligenz‘ der ‚menschlichen Intelligenz‘ gleich sein und was kann uns eine etwaige ‚KI‘ über das ‚Menschsein‘ lehren?“, 2. „Lässt sich der technologisch nächste Schritt, der durch die ‚Künstliche Intelligenz‘ herbeigeführt wird, überhaupt als ein noch abwendbarer Schritt diskutieren?“ und 3. „Ist die ‚Künstliche Intelligenz‘ nur ein Hilfsmittel oder doch ein Ersatz für den Menschen?“.

Es dürfte offensichtlich sein, dass eine unterschiedliche Beantwortung und eine unterschiedliche Gewichtung dieser drei Fragen nicht nur zu unterschiedlichen philosophischen Positionen, sondern auch in unterschiedliche philosophische Gebiete führen müssen. Vertritt man die Position, dass die KI kommen wird, d.h. beantwortet man die Frage 2 mit „nein“, so stellen sich, wie dies Christian Schulmeyer in seinem Beitrag erörtert, Fragen der Ethik (2). Konzentriert man sich auf die Frage 1, so stellen sich anthropologische und metaphysische Fragen, auf die u.a. Willy Bierter (3) in seiner Replik auf Schulmeyer aufmerksam macht. Findet man in der KI gemäss Frage 3 nur ein Hilfsmittel, wie Marin Aeschbach (4) im engeren Sinne oder auch Fabienne Forster (5) im weiteren Sinne vorschlagen, so finden wir uns im Bereich der Technikphilosophie oder auch in philosophischen Fragen zu Interaktions­problemata. Je nach Gewichtung der oben formulierten Fragen finden wir also verschiedene mögliche Antworten auf die Frage um die KI.

Dies ist nur eine erste, mehr als kursorische Darstellung einiger weniger Beiträge des Blogs, die die verschiedenen philosophischen Bereiche im Zusammenhang mit der KI darstellen soll. Weshalb nun aber diese Darstellung? Versprochen wurde ja – reisserisch – eine Überlegung dazu, weshalb „ich mich vor dem Gesicht der KI fürchten kann, obwohl es formlos oder gar inexistent ist“. Die Darstellung sollte hierbei zweierlei bezwecken. Einerseits dient sie dazu, auf bereits thematisierte Gebiete in diesem Blog hinzuweisen, andererseits möchte ich nun einen interpretierenden Vorschlag anbieten, weshalb dieser Diskurs um „Digitalisierung“ und vor allem um „Künstliche Intelligenz“ ebengerade so viele Facetten zu bieten vermag. Denn dass dieses Gebiet äusserst kontrovers und zugleich mit versierten Argumenten aus verschiedenen Perspektiven und für unterschiedliche Positionen diskutiert werden kann, zeigen die bereits erwähnten und die noch folgenden Blog-Beitragenden. Zugleich zeigt sich in den Beiträgen, wie viel Spielraum diese beiden Begriffe dennoch zulassen. Denn weshalb kann ein Phänomen, das in der Entwicklung wohl noch annähernd nicht so weit ist, wie wir es selbst vermuten, bereits eine solch grosse Bandbreite an schon vollendeten Tatsachen erzeugen?

Meine – zugegebenermassen – banale Vermutung ist, dass der Diskussion um diese Begriffe immer bereits die Annahme zugrunde liegt, dass die „KI“ und mit ihr der Schatten der „Digitalisierung“ in eine Konkurrenz zur „menschlichen Intelligenz“ oder grundsätzlicher zum Menschen tritt. Dies ist somit ein grundlegendes philosophisches Problem; der Mensch kann sich selbst kaum erfassen und plötzlich soll ein Wesen, das den Menschen – im schlimmsten Fall gar im „Menschsein“ – zu übertreffen vermag, in Konkurrenz zu ihm treten. Wäre es eine übermenschliche, den Menschen schöpfende und somit dem Menschen „logisch“ vorgängige Figur, wäre dies zwar einschränkend, aber noch akzeptabel. Nunmehr schränkt der Mensch sich im „Menschsein“ aber durch das von ihm selbst künstlich produzierten Wesen so ein, dass er Gefahr läuft, auf der Erde nur noch den Kürzeren zu ziehen. Dass dieses Phänomen nicht zum ersten Mal auftritt, zeigt Christoph Quarch in seinem Beitrag (6). So verweist er auf die barocken Androiden, die seines Erachtens auch den Blick des Menschen auf sich selbst aufzeigen. Diese Automatenmenschen schienen zu ihrer Zeit bereits zu faszinieren. Obgleich ein berühmter Vertreter von ihnen, der „Schachtürke“, nichts weiter als ein ferngesteuertes, bei weitem nicht künstlich „denkendes“ Gerät und somit kein Automat im wörtlichen Sinne war, vermochte er in Staunen zu versetzen. Andere Automaten zu dieser Zeit waren wohl bestenfalls sich bewegende Jukeboxes und ähnliches. Was sie dennoch alle veranschaulichen, ist, dass sie den Menschen damals bereits in seinem Menschsein herausforderten.

Diese Annahme zeigt sich in einem der wohl bekanntesten Automaten der deutschsprachigen Literaturgeschichte. Er bzw. sie ist die Figur Olimpia, in die sich der Protagonist Nathanael in E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann“ verliebt. Nathanael, eigentlich bereits verliebt und vergeben, trifft auf diese Olimpia und lässt sich von ihr vollkommen vereinnahmen. Zugleich zweifelt sein ganzes Umfeld an der „Natürlichkeit“ Olimpias, was den Protagonisten jedoch nicht verstören kann. Vielmehr isoliert er sich in seiner Liebe zu Olimpia. Dass er – vermeintlich vorübergehend – in den Wahnsinn stürzt, als er erkennen muss, dass Olimpia nur ein Automat ist, scheint daraufhin nur logische Folge. Was der Leserschaft aber spätestens dann auffällt, ist, dass Olimpia selbst kaum je menschliche Handlungen zeigte und dass Nathanaels Liebe zu Olimpia letztlich nur eine auf ein gefühlloses Objekt, das Gefühle mit minderem Erfolg zu imitieren versuchte, projizierte Selbstverliebtheit war. Der Automat diente also nur einem verwirrten Jüngling sich seiner selbst zu versichern. Der Mensch versichert sich seiner selbst also an einem „Menschen“. Scheitert dieser „Mensch“ nun am Menschsein, so scheitert auch der Mensch am Menschsein. Aus der Selbstprojektion wird Selbstzerstörung.

Diese Beobachtung aus einem literarischen Werk der Romantik müsste uns in diesem Sinne nicht beschäftigen, sofern wir klarstellen, inwiefern sich dieses dargestellte Verständnis der androiden Automaten­ aus dem 18. Jahrhundert von unserem Verständnis der KI unterscheiden. Auf die Frage um unsere KI-Wahrnehmung machen, wie bereits erwähnt, u.a. Fabienne Forster (5) und auch Marin Aeschbach (4) in ihren Beiträgen aufmerksam. Sie zeigen beide auf, dass die KI, sobald man sie mit einem Verständnis um ihre Grenzen betrachtet, niemals das „Menschsein“ an sich beschränken kann, falls sich dieses „Menschsein“ überhaupt genau definieren lässt. Indes bedeutet dies noch nicht, dass wir keine Einstellung gegenüber der KI einzunehmen haben, wie bspw. Christian Schulmeyer (2) und David Mildenberger (7) ausführen. Denn können diese KI Entscheidungen treffen, die menschlichen Entscheidungen ähnlich sind, so sind wir wohl angehalten, ebenso eine Haltung oder gar ethische Einstellung gegenüber ihnen zu haben, wenn wir Entscheidungsfähigkeit als eine Eigenschaft von ethisch beurteilbaren Wesen erachten. Der Mensch endet also wieder an der Stelle, an der er sich selbst in einem Automaten spiegeln muss und sich über sich selbst sowie seine Haltung fragen muss. Auf diese Selbstspiegelung in der KI macht auch Willy Bierter (3) in seinem Beitrag aufmerksam.

Folgt man diesem Gedankengang bleibt uns Nathanaels Fluch also nicht erspart. Mag es nun menschliche Selbstverliebtheit sein, die sich in Maschinen oder in der KI spiegelt, oder Unverständnis über das Technische: die Maschine und die KI scheinen sich nur schwer vom Menschlichen lösen zu können. Nun ist es eines, die KI als ein Spiegelbild seiner selbst zu erfassen, ein anderes aber, dieser KI die Weltherrschaft im Guten wie im Schlechten zuzuschreiben. Obgleich einzugestehen ist, dass sich hier Fortschritte finden lassen, die die Philosophie vor Fragen stellen werden, so ist noch kaum vorhersehbar, wohin sich unser alltäglicher Gebrauch von KI entwickeln wird. Denn obwohl eine äusserst fortschrittliche Technik vorhanden ist, besteht noch immer die Möglichkeit, dass sie nicht verwendet wird. Dennoch scheint dies für viele bei der KI ausgemacht: Sie wird kommen und sie wird unser Leben nicht nur verändern, sondern unser Menschsein verbessern oder verschlechtern. Doch woher stammt diese Gewissheit und – für die weiteren Überlegungen noch wichtiger – woher stammen diese Szenarien?

Einen nicht geringen Einfluss dürften hierbei die (pop-)kulturellen Kunstgüter auf uns ausüben. Sie helfen uns nicht nur, gewisse Phänomene zu erklären, wie dies der Jüngling Nathanael für das Menschsein konnte, sie zwingen uns auch die Vorstellung eines möglichen Morgens auf, das so noch nicht geschrieben steht. Gerade die KI durfte in den letzten Jahrzehnten u.a. in Filmen wiederholte Male und auf unterschiedliche Weise die Menschheit vollständig auslöschen. In der Literatur treiben „Menschlein“ gar schon länger ihr Unwesen mit uns Menschen. Doch scheinen die filmischen Untergangsszenarien äusserst prägend. Kaum eine Bombe, die wegen der KI noch nicht gefallen ist, kaum eine moderne Gesellschaft, die von ihr noch nicht unterjocht wurde. Interessant ist dabei, dass diese Szenarien auch in unseren (zumindest im Feuilleton geführten) Sachdiskurs über die KI vordringen können. Nicht nur durch Literatur inspirierte Filme wie „2001: A Space Odyssey“, „Blade Runner“ oder „I, Robot“ sind hier zu berücksichtigen, auch Schwarzenegger’sche Action-Filme wie bspw. „The Terminator“ dürften unser Bild von KI stärker geprägt haben, als wir annehmen. Dabei scheint die Plausibilität der KI-Erzählungen nur sekundär, sobald uns diese Erzählungen zur – spektakulären – Erklärung der technischen Zukunft genügen. Gerade „The Matrix“ hat wohl nicht nur zu einem Durchbrennen der Kinokassen, sondern auch zu einem Durchbrennen der Gehirne einiger Feuilletonisten, Politiker und gar Wissenschaftler geführt. Bemerkenswert scheint hierbei, dass besonders die Weltuntergangsszenarien, die mit der KI und der Digitalisierung verbunden werden, oftmals so dargestellt werden, wie sie aus Filmen bekannt sind.

Die hier geäusserte Vermutung ist also, dass wir in unserem sachlichen Umgang mit der KI von (pop-)kulturellen Kunstgütern beeinflusst werden. Auf philosophischer Ebene könnte das damit begründet werden, dass uns Kunstgüter eine Erkenntnisform ermöglichen, die der rein auf Aussagen basierenden Erkenntnis, wie sie ein Grossteil der Wissenschaft noch immer als einzige Erkenntnisform für sich propagiert, fremd sind. Sie lassen uns eine uns unbekannte Situation vergegenwärtigen. Dadurch erkennen wir, wie es sich in einer uns nicht zugänglichen Lebenssituation verhält, und es ist uns dadurch möglich, über diese Situation zu reflektieren (8). Nun ist gerade das Leben des Menschen mit der KI für uns noch immer wenig begreiflich, obgleich die Nachrichten voller mehr oder meist minder plausiblen Erklärungen dazu sind, wie KI-gesteuert unser Leben sein soll. Folglich bedürfen wir Erklärungs- und Vergegenwärtigungshilfen. Diese bieten die erwähnten Kunstgüter gerade an. Da wiederum in diesen Kunstgütern oftmals die KI als Zerstörer der Menschheit dargestellt wird, formen sie unser Bild der KI. Woher diese oftmals einseitige Darstellung stammt, lässt sich ohne weitere Untersuchung nur vermuten. Es könnte sich hier um eine klassische Gegenüberstellung des Menschen und des dem Menschen fremden Abstrakten, das unerklärlicherweise übermächtig und folglich unheimlich ist, handeln. Es ist bspw. durchaus bestimmend, dass Hoffmanns „Der Sandmann“ genretheoretisch auch als schauerliche Erzählung gilt.

Aber was ist nun die KI und wie sollen wir mit ihr umgehen? Es scheint plausibel, davon auszugehen, dass die KI, wie wir sie in unseren schauerlichsten Zukunftsvorstellungen bereithalten, so noch nicht existiert. Was wir haben, sind sehr clever programmierte Algorithmen und bestenfalls nicht-lineare Netzwerke, die zwar eine gewisse Form des Selbstlernens demonstrieren – eine Eigenschaft, die wir bisher nur Menschen und bestenfalls höherentwickelten Tieren zugestanden haben –, die aber mitnichten so weit sind, ein eigenes Bewusstsein zu entwickeln, das ihnen die Auslöschung des Menschen vorschreiben könnte. Es bleibt hier sowieso fraglich, ob dieses „(Selbst-)Bewusstsein“ ein Ziel der KI und darauffolgend unserer Untersuchungen der KI sein muss, wie Marin Aeschbach zu Recht erwähnt (4). Indes scheinen wir gerade dieses „(Selbst-)Bewusstsein“ mit der Zukunft der KI zu verbinden, wie wir es im weitesten Sinne aus den erwähnten Kunstgütern kennen. Daher mag es wohl auch erschrecken, wenn wir Digitalnutzer Film-, Musik- oder Einkaufs­vorschläge von Unterhaltungselektronik bekommen, die genau zu uns zu passen scheinen. Dass es sich hierbei nur um gezielte Auswertungen von vielen Informationen handelt, gepaart mit einer grösseren Berechenbarkeit unserer Bedürfnisse, als wir dies zugestehen möchten, scheint daraufhin unmöglich, weshalb uns eine Erklärung durch eine schon beinahe „bewusste“ KI genehmer ist.

Ein nüchterner und zugleich konstruktiv kritischer Umgang mit der KI fällt uns daher wohl noch immer schwer. Das zeigt sich umso mehr, als das Phänomen der zerstörenden KI sein Gegenstück in sachlichen Darstellungen ebenso kennt: die alles rettende, den Mensch perfektionierende KI. Sie dient dem Menschen, erleichtert und verlängert gar sein Leben. Statt die KI zu meiden, sollten wir gemäss diesem Vorschlag die KI vollumfänglich akzeptieren und sie als die Menschheit verbesserndes Hilfsmittel dankbar empfangen. Vom meidenden Umgang mit der KI schwingt das Pendel somit zum vollständig begrüssenden und nicht mehr zu hinterfragenden Umgang. Ob hier lebensrettende Cyborgisierungen aus (pop-)kulturellen Kunstgütern Pate standen, wäre zu diskutieren. Dass es indes Menschen gibt, die sich Implantate in diesem filmischen Stil einsetzen, könnte zumindest einen Hinweis hierzu liefern.

So endet es also wieder, wie es begann. Wir müssen die KI fürchten oder sie ausnahmslos begrüssen, sofern sie je existieren wird. Doch eine kleine Abhilfe findet sich nunmehr vielleicht doch. Wenn, folgt man meiner Annahme, Kunstgüter unsere Einstellung gegenüber KI bisher bestimmt haben, so könnten sie auch eine Möglichkeit bieten, einen kritischen Umgang mit der KI zu erzeugen, der weder ins eine, noch ins andere dargestellte Extrem fallen muss. So können wir Hoffmanns Nathanael, wie bisher dargestellt, als einen Jüngling verstehen, an dem uns gezeigt wird, wie es um unser Menschsein steht. Aber einfacher können wir ihn auch als ein Beispiel verstehen, wie unwissend und kindlich sich Menschen im Umgang mit – vermeintlicher – KI benehmen. Bleibt diese Darstellung nur eine mögliche Perspektive auf das Problem des Umgangs zwischen Mensch und KI-Maschine, so könnten wir einen kritischen, aber konstruktiven Umgang entwickeln, wenn wir weitere Perspektiven einzunehmen vermögen. Ziehen wir also unterschiedliche (künstlerische) Darstellungen zum Umgang mit Maschinen und spezifischer mit der KI zu Rate, ermöglichen sie uns verschiedene Perspektiven auf die Thematik, die einen differenzierteren Blick auf die KI zur Folge haben könnten.

So möchte ich hier – statt mit einem bedrohlichen Zeigefinger auf unsere Zukunft – mit einigen wenigen Vorschlägen zu gegenwärtigen Kunstgütern enden. Obgleich auch (noch) in dystopischen Umgebungen angesiedelt und die theoretischen, philosophischen Grundlagen leicht streckend, können uns bspw. aktuellere Kunstgüter wie Videospiele eine Perspektive dazu vermitteln, was KI sein könnte und was der Umgang mit ihr bedeutet. Erwähnt seien hierzu „The Talos Principle“ (2014) oder „The Turing Test“ (2016). Wer sich nicht mit Videospielen beschäftigen möchte, dem sei „Ghost in the Shell“ (1995) empfohlen. Auf diesen Animationsfilm beziehen sich auch die Wachowskis mit ihrem zuvor erwähnten Film „The Matrix“. In diesem Animationsfilm werden verschiedenen Formen der künstlichen Intelligenz und der Androidisierung dargestellt, ohne dass die Menschheit wie in „The Matrix“ gleich zu Riesenbatterien verarbeitet werden muss. Zugleich liesse sich wohl auch mittels dieses Films der bereits in technikphilosophischen Untersuchungen dargestellte Unterschied des Umgangs der Menschen mit Maschinen und mit vermeintlicher KI, der sich zwischen Europa und Japan bereits abzeichnen soll, erörtern. Und letztlich empfiehlt sich die Lektüre des bereits erwähnten „Der Sandmann“ Hoffmanns. Ein genauerer Blick auf die „Beziehung“ von Nathanael und Olimpia hilft vielleicht dabei, bereits unsere Beziehung zu unserem noch nicht KI-fähigen Smartphone, die zuweilen gleich kindlich und selbstverliebt wie Nathanaels Umgang mit Olimpia zu sein scheint, neu zu interpretieren.


 

Quellen und Verweise

(1)  Brenner, Andreas: „ ‚Digitaler Wandel‘ jetzt auch in der Schule?“, https://www.philosophie.ch/philosophie/highlights/philosophie-aktuell/digitaler-wandel-jetzt-auch-in-der-schule

(2)  Schulmeyer, Christian: „Wenn sich die KI Gedanken macht…“, https://www.philosophie.ch/philosophie/highlights/philosophie-aktuell/wenn-sich-die-ki-gedanken-macht

(3)  Bierter, Willy: „Wir sollten uns über die KI Gedanken machen ... – eine Replik auf Christian Schulmeyers Blogbeitrag“, https://www.philosophie.ch/artikel/2018/wir-sollten-uns-ueber-die-ki-gedanken-machen-eine-replik-auf-christian-schulmeyers-blogbeitrag

(4)  Aeschbach, Marin: „Abschied vom künstlichen Menschen: Deep learning im anthropologischen Kontext“, https://www.philosophie.ch/philosophie/highlights/philosophie-aktuell/abschied-vom-kuenstlichen-menschen-deep-learning-im-anthropologischen-kontext

(5)  Forster, Fabienne: „Emphatisch simulierte Roboter-Ärztin = emphatische Ärztin?“, https://www.philosophie.ch/philosophie/highlights/philosophie-aktuell/erfolgreiche-roboter-aerztin-aerztin

(6)  Quarch, Christoph: „Homo analogus", https://www.philosophie.ch/philosophie/highlights/philosophie-aktuell/homo-analogus

(7)  Mildenberger, David: „Der Roboter als Anderer“, https://www.philosophie.ch/philosophie/highlights/philosophie-aktuell/der-roboter-als-anderer

(8)  Vgl. hierzu Gabriel, Gottfried (2014): „Fiktion, Wahrheit und Erkenntnis in der Literatur“, in: Christoph Demmerling und Ingrid Vendrell Ferran (Hrsg.): „Wahrheit, Wissen und Erkenntnis in der Literatur. Philosophische Beiträge“. Berlin: De Gruyter, S. 163-180, hier u.a. S. 175f. Obgleich Gabriel sich spezifisch mit der Literatur auseinandersetzt, lassen sich m. E. die hier verwendeten Annahmen auch auf andere Kunstgüter anwenden. Zu diskutieren wäre indes, ob bei den verschiedenen Kunstgütern nur verschiedene Grade von Immersion und Imagination hervorgerufen werden oder ob es sich um vollständig andere Formen der Immersion und Imagination handelt.


 

Fragen an die Leserschaft

Lässt sich KI wirklich nicht unabhängig von menschlichen Überzeugungen ergründen oder handelt es sich hierbei bspw. um einen impliziten Anthropozentrismus, der die Diskussion um die KI in eine falsche Richtung führt?

Beruhen unsere KI-Vorstellungen überhaupt auf (pop-)kulturellen Kunstgütern? Sind diese nicht vielmehr – wenn überhaupt – eine künstlerische Verarbeitung von wissenschaftlichen Erkenntnissen?