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Ist Manipulation immer moralisch verwerflich?

Immer frei zu entscheiden, immer mit klarem Verstand durch die Welt zu gehen – das scheint eine gewünschte Lebensweise zu sein.

Immer frei zu entscheiden, immer mit klarem Verstand durch die Welt zu gehen – das scheint eine gewünschte Lebensweise zu sein. Werden wir manipuliert, also primär über die Ebene der Affektei zu einer Handlung gebracht, lehnen wir das in der Regel ab. Wir alle kennen Werbung und wie sie uns unter die Haut kriecht. Sie erwischt uns abseits unseres rationalen Denkens, sie stattet uns in gelungenen Fällen mit einem Gefühl aus, das uns im entscheidenden Moment im Laden zu einem Produkt greifen lässt. Wir wurden manipuliert. Am besten wirkte die Werbung dann, wenn wir nicht einmal mehr wissen, woher dieses Gefühl, das uns einem bestimmten Produkt zuneigen lässt, eigentlich kommt. Die Manipulation konfrontiert uns so mit einer Art Kontrollverlust. Doch ist Manipulation deswegen immer verwerflich?ii Ich denke, es gibt hier kein klares Ja und kein klares Nein; vielmehr müsste man sagen: Es kommt drauf an. Doch bevor wir uns die Frage nach der Verwerflichkeit stellen und den Blick darauf richten können, worauf es ankommt, müssen wir zunächst klären, was Manipulation eigentlich ist.

 

So verstehe ich sieiii: Manipulation ist eine Form der Einflussnahmeiv, bei der aktiv eine Veränderung der affektiven Anziehungskraft einer Handlungsoption vorgenommen wird. So erscheint eine Handlungsoption für ein Individuum in einem affektiven Sinne spürbar angenehmer oder unangenehmer.v In der Folge wird die nahegelegte Option so attraktiver oder unattraktiver – und damit wahrscheinlicher oder unwahrscheinlicher.vi Typischerweise lässt hier ein/e Manipulator/in jemanden eine Wahl treffen, die dem/der Manipulierten trotz der zugrundeliegenden manipulativen Beeinflussung dennoch als freie Wahl erscheint. Dabei ist es also die Ebene des Fühlens, die für das Manipulieren relevant ist. Werden wir manipuliert, spüren wir etwas, da kriecht etwas unter die Haut – unser Denken, die Suche nach rationalen, guten Gründen, wird ins Fühlen hinübergestupst und so mindestens mit Irrationalem ‘kontaminiert’.vii

 

Im oft negativ schwingenden Begriff «irrational» klingt dann schon an: Manipulation hat einen schlechten Ruf, der sich zu Beginn des Textes andeutete und generell in unserer alltagssprachlichen Verwendung des Begriffs widergespiegelt wird. Die Empörung gilt hier der Annahme, dass unser rationaler Denkapparat im Wirken der Manipulation außer Gefecht gesetzt oder zumindest massiv gestört würde und wir so keine Chance mehr hätten, uns noch frei und nach rationalen, guten Gründen zu entscheiden.viii Damit käme uns die Autonomieix abhanden, die wesentlich von unserer rationalen Denkfähigkeit abhänge. Dieses Argument ist in unseren Breiten schon lange kultiviert: Das Fühlen sei etwas Dunkles, das uns unfrei mache; die Ratio hingegen führe uns ins Licht, wo Freiheit und Würde warten. Gezielt mit der Empfindungsebene des anderen zu operieren, wurde zu etwas Schlechtem – da sind sich die meisten Moralphilosophen einig.x

 

Gewiss finden wir viele Beispiele von Manipulationen, die des Ablehnens würdig sind. Ein hierunter berühmtes entstammt Shakespeares Othello: Der Protagonist Othello wird von Jago massiv an der Nase herumgeführt. Er wird mit falschen Informationen und fingierten Situationen getäuscht, es werden falsche Gründe vorgeschoben, aber es passiert noch mehr – und das ist für uns hier interessant –, nämlich auf der Affektebene: Jago geriert sich erstens als loyaler, vertrauenswürdiger Begleiter und er zündelt zweitens mit Othellos Neigung zur Eifersucht. So lässt er Othello (a) in dem Gefühl, dass er ihm vertrauen könne. Wenn Othello dann aber Desdemonas Taschentuch, das er ihr doch schenkte, in Cassios Händen sieht, bringt Jago (b) das emotionale Fass zum Überlaufen. Es ist die Eifersucht, die Othello vollkommen übermannt. Jago, der es genauso aussehen lassen wollte, als ob Desdemona Othello untreu ist (obwohl sie es tatsächlich nicht ist), hat also sein Ziel erreicht: Othello ist blind vor Eifersucht.xi Desdemona versucht ihn zu beschwichtigen, gibt ihm allerlei rationale Gründe dafür, weswegen er falsch liege – doch Othello ist eben primär emotional aufgebracht, was seine Fähigkeit rational Begründungen zumindest sekundär zu verarbeiten und sauber zu konstruieren unterminiert. Wenn er überhaupt so etwas wie Gründe zu basteln schafft, sind sie ungenügend, folgen einer ganz individuellen Logik, und emotional durchwirkt – und damit nicht kompatibel zu einer intersubjektiven Sicht auf die Realität.

 

Natürlich ist diese Manipulation mit der Jago solange zündelt, bis Othello aus Eifersucht Desdemona umbringt, verwerflich. Othello ist machtlos, unfrei, selbstverloren, ein bloßes Spielsteinchen Jagos, der zudem egoistische Zwecke verfolgt, die grausige Konsequenzen nach sich ziehen. Wenn wir allerdings allzu schüchterne Verliebte in helfender Manier aufeinander stupsen, wenn wir umeinander im Spiel der Liebe werben, dann hat das Rationale wenig Wirkung – es funktioniert schlicht nicht, jemanden von unserer Liebenswürdigkeit zu überzeugen. Wir spielen hier das Spiel der Affekte, manipulieren hin und her. Sind wir hier ebenso machtlos, unfrei und selbstverloren wie Othello? Sind unsere Zwecke dann rein egoistisch und die Konsequenzen problematisch? Eher nicht. Hier wird uns zwar etwas nahegelegt, wir bleiben aber (a) frei in der Wahl; die Zwecke der Manipulation sind zudem (b) nicht zwingend schädliche, sondern sogar positive (im besten Fall: eine aufrichtige Liebesbeziehung) und wir behalten (c) eine intakte psychische Ökologie (können also weiter uns und unser Handeln konsistent in der Welt verorten) – obgleich die rationale Kontrolle ein gutes Stück weit fehlen mag. Darauf also kommt es an, wenn wir uns fragen, ob eine Manipulation verwerflich ist. Sie schlicht absolut als illegitim abzutun, ist zu einfach. Bei der Beachtung der Kriterien (a)-(c) trägt Manipulation sogar zu einem guten Leben bei, wenn sie unser Gefühlsleben positiv bespielt, Dinge leichter macht, unbewusste Wege aufzeigt und Entscheidungsfindungen erleichtert.xii

 

Sicher macht uns unsere begrenzt-rationale menschliche Konstitution verwundbar. Dass Manipulation in verwerflicher Manier genutzt werden kann, ist ein Allgemeinplatz und wird am Beispiel Othellos mehr als deutlich. Doch ob hier eine Notwendigkeit besteht, darf angezweifelt werden. Es gilt, sich an den Prinzipien (a), (b) und (c) entlanghangelnd die jeweils eigen konstruierten Fälle von Manipulationen anzuschauen und zu bewerten. Außerdem: Wer möchte schon in einer vollkommen durchrationalisierten Welt leben, in der unsere affektive Klaviatur keine Töne mehr hervorbringt, schlicht weil wir Sorge haben, dass hier Schindluder getrieben werden könnte?


i Unter dem Begriff der „Affekte“ sammeln sich all unsere wesentlichen Empfindungsformen wie Emotionen, Gefühle und Stimmungen. Lang anhaltende Stimmungslagen (wie eine depressive Stimmung), Emotionen mit ihren Denk- aber auch Gefühlsanteilen (wie Schuld und Scham) und Gefühle (wie Lust), die grob als weniger komplexe Empfindungen von Emotionen abgegrenzt werden können, lassen sich dann wiederum unterschiedlich manipulativ ansprechen und nutzen. Überhaupt: In unterschiedlichen Szenarien ist die Manipulation unterschiedlich zu gestalten; es ist dabei hilfreich, die Innerlichkeit der zu manipulierenden Person zu kennen mit all ihren Schwächen, Stärken und Empfindungen und zu wissen, worauf abgezielt werden muss. Wir kennen das aus der Werbung, die seit langer Zeit die manipulative Beeinflussung von Individuen praktiziert.

ii Vgl. Alexander Fischer, „Sind Engelszungen wirklich Teufelszeug?“, in: GEO Magazin (Rubrik „Forum“), Ausgabe Juni 2018, S. 126-127 [Online: https://www.geo.de/magazine/geo-magazin/19042-rtkl-besser-leben-warum-manipulation-viel-besser-ist-als-ihr-ruf].

iii Vgl. Alexander Fischer, Manipulation. Zur Theorie und Ethik einer Form der Beinflussung. Berlin: Suhrkamp 2017, S. 31.

Das Buch führt sowohl die Frage danach, was Manipulation ist, als auch die ethische Betrachtung des Phänomens weiter aus.

iv Es gibt noch mehr Formen der Einflussnahme als die Manipulation. Hier ließe sich z.B. an das rationale Überzeugen, an Zwang, Täuschungen und körperliche Gewalt denken. Manipulation ist eine bestimmte Form von Einflussnahme, die primär mit der affektiven Klaviatur des Menschen verfährt.

v Zwischen der Vorstellung von etwas und der tatsächlichen Wahrnehmung besteht nur ein kleiner Unterschied (Walter Lippmann sagt: „For it is clear enough that under certain conditions men respond as powerful to fictions as they to do realities“; Public Opinion, Miami 2008, S. 13f.). Das angenehme oder unangenehme Gefühl lässt sich also auch im Antizipieren davon, wie es wohl sein wird, wenn man so oder so gehandelt hat, spüren. Vielleicht etwas schwächer – das kommt auf die jeweilige Entscheidungssituation an. Es ist aber davon auszugehen, dass generell etwas spürbar ist.

vi Der Kern der Manipulation ist also eine gezielte Einflussnahme mittels unserer Affekte, der mit der aktiven Modifikation der Anziehungskraft eines Zwecks oder eines Handlungskontextes operiert (vgl. Fischer, Manipulation, Suhrkamp 2017, S. 242). Auf Grundlage der aristotelischen Handlungstheorie beschrieben, klinkt sich die Manipulation hier also in eine der drei Grundformen von Handlungsintentionen ein. Demgemäß handeln wir, weil bestimmte Zwecke für uns um ihrer selbst willen anzustreben sind (wie die Wahrheit um der Wahrheit willen), weil sie nützlich sind (hiermit verbinden wir eher instrumentell-rationale Überlegungen im Sinne von Kosten-Nutzen-Erwägungen wie beispielsweise bei der Wahl unseres Essens) oder weil sie angenehm für uns sind – affektiv angenehm im Sinne eines Wohlgefühls (vgl. Fischer, Manipulation, Suhrkamp 2017, S. 70). Indem mittels Manipulation ein Zweck angenehm bzw. unangenehm und damit attraktiver bzw. unattraktiver erscheint, werden seine Wahl und eine daran anhängende Handlung wahrscheinlicher bzw. unwahrscheinlicher. Manipulation funktioniert also nicht primär mittels rationaler Überzeugung und guter, rationaler Gründe: Wenn ich rational von etwas überzeugt bin, dann habe ich bestimmte Gründe, etwas zu tun (es zeigt sich eine von unserer Urteilskraft abhängige, zielgerichtete, rationale Handlungsleitung)“ (Fischer, Manipulation, Suhrkamp 2017, S. 73). Sie operiert primär vielmehr genau primär ohne solche rational ausweisbaren Gründe – wenn auch nicht vollkommen ohne Gründe, denn Akteure können im Nachhinein meist in Form von Gründen rechtfertigen, warum sie etwas taten. Der Fokus der Manipulation liegt aber eben darauf, affektiv zu beeinflussen – das schließt die Konstruktion von Gründen in einem sekundären Akt mit ein.

vii Dabei mag nun nicht gleich einfach jedes Denken, jede Konstruktion von Gründen eliminiert werden; es ist allerdings so, dass ein gegenseitiges Bespielen unseres Denkens und unseres Fühlens angeregt wird. So wird der Denkprozess mitunter sekundär und das Fühlen rückt in den Vordergrund, wenn wir eine Entscheidung fällen. Fortan regiert nicht mehr das Reich der rational erkannten Gründe, sondern die unterstellte Dunkelheit des Fühlens. Man denke nur an den PR-Stunt der Agentur Hill & Knowlton, der im Vorfeld des Ersten Golfkrieges die USA dazu brachte, doch militärisch zu intervenieren – obwohl der Großteil der Öffentlichkeit zunächst dagegen war. Hier sprach in einem von der Organisation Citizens for a Free Kuwait veröffentlichten Video eine gewisse Krankenschwester Nayirah in einer informellen Kongressanhörung und erzählte in tränenreicher, herzzerreißender Manier von den Gräueln des Krieges, die irakische Soldaten veranstalteten. Nayirah allerdings, so wurde zwei Jahre später publik, war die Tochter des kuwaitischen Botschafters in den USA und niemals Krankenschwester in Kuwait. Hier wird offensiv gelogen (ein klarer Fall von Fake News), doch was uns hier interessiert, ist, wie das Video unsere Affektebene ansprach (vgl. Alexander Fischer/Christian Illies, «Modulated Feelings: The Pleasurable-Ends-Model of Manipulation», in: Philosophical Inquiries 6, 2 (2018), S. 25-44, hier S. 26f.).

viii Vgl. Alexander Fischer, „Ein Parasit im Kokon des Schmetterlings? Manipulation, Kommunikation und Ethik“, in: Sachs-Hombach, Klaus/Bernd Zywietz (Hg.): Fake News, Hashtags & Social Bots. Neue Methoden populistischer Propaganda. Wiesbaden: Springer VS 2018, S. 14-49, hier S. 26.

ix Hier verstanden als die Fähigkeit gemäß selbst bestimmter, vernünftiger, moralischer Prinzipien zu handeln.

x Vgl. hierzu Fischer, Manipulation, Suhrkamp 2017, Kapitel 2 (S. 91-102) für einen ausführlicheren Überblick über diese ideengeschichtliche Entwicklung und Kapitel 1 (S. 52-66) für auch aktuelle Autoren, die dieser Argumentrichtung zuarbeiten.

xi Tatsächlich gibt es übrigens eine Studie, die eine gefühlsinduzierte Blindheit im Rahmen von Eifersucht (zumindest bei Frauen) nachweisen konnte: Steven Most/Jean-Philippe Laurenceau et al., „Blind Jealousy? Romantic insecurity increases emotion-induced failures of visual perception“, in: Emotion 10, 2 (2010), S. 250-256.

xii Vgl. für diesen Absatz Fischer, „Sind Engelszungen wirklich Teufelszeug?“, S. 127.

 

Frage an die Leserschaft

Können Sie ein Beispiel nennen, bei dem die Art der Manipulation anhand der drei genannten Kriterien moralisch nicht verwerflich ist?