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«Digitaler Wandel» jetzt auch in der Schule?

Was verstehen wir unter dem Begriff "Digitaler Wandel" und weshalb wird er oft als Heilsversprechen aufgefasst?

1. «Digitaler Wandel» jetzt!
Das Schlagwort des Digitalen Wandels hat eine nahezu magische Bedeutung erlangt, gibt es doch mittlerweile keine Institution mehr, die sich nicht nach einer solchen Selbstveränderung sehnt. Die Hochschulen, die deutsche Bundesregierung und selbst multinationale Organisationen wie die Europäische Union wollen den Wandel nicht verpassen. Ein Standardargument, warum man die Digitalisierung nicht verpassen dürfe, lautet implizit, dass man ohne den Digitalen Wandel unschön gewandelt, nämlich abgehängt wird und die Konkurrenz nur noch von hinten sieht.
Wenn der Digitale Wandel also dermassen zur Überlebensbedingung erklärt wird, überrascht es nicht, dass er auch die Schule ergreift und diese als Institution zur Vorbereitung auf das Leben dem Digitalen eine grosse Bedeutung einräumt. Der «Lehrplan 21» sieht hierfür nicht nur das Modul «Medien und Informatik» vor, sondern eine, den gesamten Bildungsweg der Schülerinnen und Schüler durchziehende «digitale Didaktik». Aber um was geht es eigentlich?

2. «Digitaler Wandel», was ist das?
Eine einschlägige Definition des Digitalen Wandels sucht man bis heute vergeblich, was angesichts der Prominenz des Begriffs und der ökonomischen, gesellschaftlichen und kulturellen Kosten seiner Umsetzung überrascht, ebenso ist auffällig: Der Digitale Wandel wird zwar nicht konkret definiert, dafür aber fast durchweg positiv assoziiert. Fragt man einen kompetenten Akteur dieses Wandels, den Technologiekonzern Siemens, so erfährt man zwar auch nichts Genaues, dafür aber viel Gutes: Es geht um «ein gutes Lebensgefühl», welches durch die Digitalisierung, die Teil der «Value Map» ist, vorangetrieben werden soll.(1) Als Teil des Wertekanons kommt der Digitalisierung nach Siemens eine Schlüsselstellung zu und zwar in jeder Hinsicht, in den Bereichen Gesundheit, Mobilität und Nachhaltigkeit.(2) Man sieht: Digitalisierung bedeutet irgendwie so etwas wie die Rettung der Menschheit und deren Erlösung von vielen Übeln.
Da wir selbst bei einem Technologiekonzern keine Antwort erhalten, was denn Digitalisierung konkret ist, fragen wir jemanden, der es wirklich wissen müsste. Aber auch die für Bildungs- und Gesellschaftsfragen kompetente Bertelsmann-Stiftung wird nicht konkret, wartet dagegen auch mit einem hehren Versprechen auf: «Digitale(r) Wandel kann einen wertvollen Beitrag dazu leisten, dass sich unsere Gesellschaft nicht weiter spaltet.»(3) Somit wissen wir zwar immer noch nicht, was Digitaler Wandel bedeutet, haben aber mittlerweile erfahren, dass vom Digitalen Wandel ziemlich viel zu erwarten ist und das die gewichtigsten gesellschaftlichen Probleme einer Lösung bevorstehen. Damit lernen wir also, dass die Technologie, die immerhin auf materielle Hardware (Rechner, Kupfer- oder Glasfaserleitungen) angewiesen ist, im Grunde so etwas wie eine Gesellschaftstechnologie ist.

3. Warum die Digitalisierung als ein Muss betrachtet wird
Dass die Digitalisierung den Status einer Heilsgeschichte erlangt hat, ist vielfach zu beobachten, beispielsweise an der einer Heiligenverehrung in nichts nachstehenden Verklärung der Gründerfiguren der digitalen Bewegung – in seinen Nachrufen wurde Apple-Gründer Steve Jobs als «Weltverbesserer», «Papst» oder «Tech-God» gewürdigt.(4) Wenn eine Innovation so hoch eingeschätzt wird, dann ist es nicht verwunderlich, dass sie mit einem nahezu missionarischen Eifer unters Volk gebracht werden muss, da es gleichsam einer Sünde gleichkäme, dies nicht zu tun. Das bedeutet dann ebenso, dass diejenigen, die sich dieser Entwicklung entgegenstellen, als höchst ärgerliche Querulanten gelten und mit diesen, da es doch um die «Weltverbesserung» geht, auch nicht viel Federlesens gemacht wird.
Dass die positiven Erwartungen an den Digitalen Wandel überzogen sein könnten, lässt sich aber bereits an der einer religiösen Erweckungsbewegung gleichkommenden Rhetorik ablesen: Um weit mehr als um PR geht es der Digitalbewegung um einen totalen Umbau der anthropogenen Lebenswelt, welche letztlich die Abschaffung des Menschen nicht als Horror-, sondern als Erlösungsszenario vorsieht. Dies erklärt auch den religiösen Unterton ihrer Vordenker, denen das Transhumanum als Endziel vorschwebt.(5) Wenn die Digitalisierung in dieser Weise gepusht wird, so liegt dem neben eindeutigen wirtschaftlichen Interessen der Computer-Industrie auch und vor allem ein anthropologisches Selbstverständnis zu Grunde. Der Mensch und seine Entwicklung wird nicht alleine als verbesserungsbedürftig angesehen, sondern als grundlegend defizitär.
Anders als das natürliche Fortschrittsdenken, das den Menschen nie als vollkommen und damit immer noch als verbesserungswürdig ansieht, sind wir für die Jünger der Digitalisierung ein hoffnungsloses Projekt: Die Digitalisierungsphilosophie entwickelt ihren Antrieb zum radikalen Umbau der menschlichen Lebenswelt aus der Überzeugung, dass der Mensch ein letztlich unreformierbar defizientes Wesen ist.
Die Defizienz des Menschen macht die Digitalisierungsphilosophie auch und vor allem im Bildungsdiskurs zum Thema und vor allem zum Mittel des Umbaus des Menschen, so wie wir ihn kannten. Dabei geht es nicht alleine darum, den vermeintlich verbesserungswürdigen Geist des Menschen anzugehen, sondern auch seinen Körper. Die «ungelenke» Hand des Menschen, die eine ebensolche Handschrift gebiert, hat im finnischen Bildungssystem bereits ausgedient. Dort lernen die Kinder keine Handschrift mehr, sondern nur noch die Tablet-Schrift. Wäre dies alleine bereits Grund der Beunruhigung, da die Bedeutung der Handschrift als Ausdrucksform der Persönlichkeit und Stimulans der Hirnentwicklung kaum zu leugnen sein dürfte, geht es im finnischen Modell jedoch nicht alleine darum, eine Schrift durch eine andere zu ersetzen, sondern vor allem darum deren Produktionsbedingung zu ersetzen. Ist dies bislang die menschliche Hand, so tritt an deren Stelle nun das Tablet.(6) Damit wird auch der Begriff der Digitalisierung endlich verständlich, leitet sich doch der Begriff von etwas höchst Konkretem und Analogem ab, dem «Digitus» (dt. Finger), der ursprünglich auf die – zum Zählen wichtige – Ziffer verwies, aber auch auf die Schrumpfung des Menschen auf sein scheinbar wichtigste Körperteil hinweist. Noch bedienen wir mit dem Finger die Tastatur unserer Endgeräte, doch auch dieses Körperteil wird bald überflüssig werden, wenn das Interface zwischen Mensch und Maschine, diese lästige Körperbrücke als welcher der Digitus noch fungiert, zu Gunsten der Maschine und des Transhumanen überschritten hat.
Bis dahin wird die Bildung der menschlichen Unvollkommenheit angepasst, damit die Ersetzung des Menschen in naher Zukunft umso besser gelingt. Der dem Fortschrittsgeist immer schon zu Grunde liegende Perfektibilitätswahn überhöht sich in den Zeiten der Digitalisierung hin zu einer Überwindung dessen, was es vordem nur zu perfektionieren galt.
Ein Ziel scheint dabei die Erleichterung zu sein. Alles so leichter werden und ganz spielerisch geschehen. Was vor kurzem noch negativ gemeint war, ist unter der Massgabe der Erleichterung geadelt worden: die Gamification.(7)
Aber was den Schülern billig ist, das ist den Lehrenden natürlich nur Recht: Auch sie müssen sich nicht mehr so anstrengen, das Smartboard beispielsweise lässt in der Geometrie jeden noch so wenig begabten Zeichner perfekte gleichschenklige Dreiecke und wirklich runde Kreise auf dem Board zur Erscheinung bringen. Und kein frecher Schüler wird sich mehr lächelnd über eine einem Ei statt einem Kreis gleichende Form mokieren. Aber es wird auch niemand mehr staunen können, wie gut die Lehrerin zu zeichnen vermag und da alle Widerstände weggesmartet sind – keine Kreide rutscht mehr aus, quietscht oder zerbricht – keine schmierig geputzte Tafel ärgert einen; eben weil das nun alles so schön weiss und so clean ist, geht ein Stück widerständiger Lebenswelt, an der wir uns auch kognitiv stossen und reiben konnten, verloren. Für den Lernprozess ist das nicht gerade förderlich.

4. Ein Leben auf der Wolke
Unserer eigenen Sakralisierung beizuwohnen, ist natürlich erhebend, weswegen wir glauben, mit der Vergangenheit, welche uns an eine fast peinlich wirkende Zeit der Erdenschwere und des irdischen Masses erinnert, nicht brechen, sondern sie wegbeamen zu können. Die Neu-Zeit in der wir uns Dank des Digitalen Wandels befinden, macht denn auch Fähigkeiten zum Standard, die bislang undenkbar waren: Multi-, besser noch Omnitasking und, der Höhepunkt jeder Sakralisierung, das Leben auf oder in der Cloud: Alles was wir mal wussten und was uns wertvoll und teuer war, haben wir jetzt dorthin – das heisst ins elektronische Nirwana – verfrachtet, weil es uns dort sicherer erscheint als auf der Erde.
Diese neue Dimension lässt natürlich auch die Vorstellung von Bildung nicht unberührt. Diese hatte die längste Zeit eine mental-physische Dimension: Sowohl Geist wie Körper sollten gestaltet und in Form gebracht werden, wobei nicht die Vorstellung von «Bild» im Sinne eines Abbildes leitend war, sondern die Ausbildung einer Gestalt, so wie bei der Bildung einer Skulptur.
Wer gebildet ist, der unterscheidet sich grundlegend von seiner un-gebildeten Gestalt vor Beginn des Bildungsprozesses und zu diesem Zustand gibt es auch kein Zurück mehr, wie die erste systematische Bildungstheorie des Abendlandes, die Platon in Form des Höhlengleichnisses vorgelegt hat, belegt.(8) Aber selbst wenn alle denselben Bildungskanon durchlaufen, sind sie jeweils Verschiedene, weil sie sich den Bildungsstoff individuell und biographisch einmal angeeignet haben. Ein zentraler Faktor dafür ist die Zeit, welche sich Bildung nimmt. In den Zeiten der Digitalen Bildung hingegen wird dieser Faktor mehr oder weniger neutralisiert, wie sich an den Bestrebungen Omnipräsenz und Virtualität herzustellen oder zumindest zu simulieren, zeigt. Dass es in einer solchen Kultur nicht mehr um Bildung gehen kann, sondern nur noch um Wissen, liegt dann ebenso in der Natur dieser Entwicklung wie die Fragmentierung unseres Verstehens.
Dies führt sowohl zur Entwertung der etablierten Bildungsinstitutionen wie auch zur Herausbildung neuer gesellschaftlicher Eliten, die auf der Datenautobahn an denen, die dicke Bretter bohren, vorbeisausen und diese alt aussehen lassen.
Der im aktuellen ökonomischen Denken beheimatete und zu einem Fetisch gewordene Mengenjargon hat unser Verständnis von Bildung okkupiert: Big Data ist besser als tiefes Verstehen, Steve Jobs besser als Alexander von Humboldt.

5. Way of no Return?
Zu den sie mystizierenden und überhöhenden Auffassungen über die Digitalisierung zählt auch, dass es zu ihr keine Alternative gebe. Damit wird eine Technologie in den Rang einer naturgesetzlichen Determinante erhoben, was natürlich falsch ist. Der Digitale Wandel ist durch zwei Entwicklungen entstanden, zum einen durch die ihn ermöglichenden Fortschritte in der Computerwissenschaft und durch die Entscheidung diesen Fortschritten gesellschaftliches Gewicht beizumessen. Diese entscheidende Entwicklung ist indes niemals kritisch hinterfragt worden, so dass wir bis heute nicht wissen, ob es darüber einen Konsens gibt, oder ob sie nicht vielmehr Ergebnis geschickten Lobbyings der Computer- und Software-Industrie ist. Wie dem auch sei, ist jedoch klar, dass diese Entwicklung nicht zwangsläufig und – noch – revidierbar ist.
Solange dies der Fall ist, sollten wir die Chance einer kritischen Betrachtung des Digitalen Wandels ernst nehmen. Denn auch hier spielt die Zeit eine bedeutende Rolle: Obwohl Sozialtechniken keine naturgesetzliche Autorität haben, können sie tendenziell irreversibel sein, nämlich dann, wenn Kulturtechniken unwiederbringlich verloren gegangen sind, auch in diesem Sinne ist die Abschaffung der Handschrift in Finnland zu kritisieren.
Solange wir aber noch selber (kritisch) denken können, können wir in dem Projekt des Digitalen Wandels eine Chance erkennen: Der Versuch, den Menschen über sich – und das heisst über seine mentale und körperliche Beschaffenheit hinaus – zu entwickeln und ihn gleichsam von sich selbst zu emanzipieren, ist, wie man am Projekt seiner Digitalisierung sehen kann, gescheitert. Ein schlichter aber tragischer Weise übersehener Grund ist ganz einfach der, dass der Mensch nicht digital, sondern analog ist. Diese Feststellung von Harald Welzer (9) hat 130 Jahre zuvor Friedrich Nietzsche, ein anderer Kritiker der Gegenwartskultur, mit der Forderung auf den Punkt gebracht: «bleibt der Erde treu».(10) Bezogen auf die Bildung folgt daraus, dass der Mensch und nicht seine Geräte den Ton angeben sollten.

 

Quellen

  1. Siemens 2016, S. 71, S. 11.
  2. Siemens 2016, S. 67-75.
  3. https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/themen/dossier-digitaler-wandel/ (20.11.2017).
  4. Der Spiegel, 6.10.2011; BILD, 206.2015.
  5. Schon früh Ray Kurzweil 2000, kritisch Jack Tuck 2016 und Yuval Noah Harari 2017.
  6. Fokus: Finnland schafft die Schreibschrift ab. Ipad statt Schönschrift. 14.1.2015; Frankfurter Allgemeine Zeitung: Schreibst du noch, oder tippst du schon. 14.1.2015.
  7. Siehe Adrian Albisser 2017, S. 24f.
  8. Platon, 514a-521a
  9. Harald Welzer 2016, S. 128f.
  10. Friedrich Nietzsche 1886, S. 99.

 

Literatur

  • Albisser, Adrian (2017): Und wenn der Satz von Pythagoras ein Game wäre? In Bildung Schweiz, 11/2017, S. 24-25.
  • Harari, Yuval Noah (2017): Homo Deus. Eine Geschichte von morgen. München.
  • Kurzweil, Ray (2000): Homo Sapiens. Leben im 21. Jahrhundert. Was bleibt vom Menschen? Köln.
  • Nietzsche, Friedrich (1886): Also sprach Zarathustra. Ein Buch für Alle und Keinen. In Sämtliche Werke, Kritische Studienausgabe, Bd. 4, München 1980.
  • Platon: Der Staat. Stuttgart 1980.
  • Siemens (2016): Ingenuity of Life. Business to Society. Berlin, München.
  • Tuck, Jack (2016): Evolution ohne uns. Wird künstliche Intelligenz uns töten? Kulmbach.
  • Welzer, Harald (2016): Das Leben ist analog. In Der Spiegel 17/2016, S. 128f.

 

Frage an die Leserschaft

Ist gerade das Zeitalter des "Digitalen Wandels" das Zeitalter des kritischen Denkens?