Blogbeitrag Philosophie aktuell

Der Doppelsinn der Macht

Kaum ein Wort ist im alltäglichen Sprachgebrauch der Politik so wichtig wie jenes der Macht – und kaum eines ist so mehrdeutig.

Wir sprechen einerseits von der Macht der Liebe, der Worte und Ideen im Sinne einer positiven Gestaltungs- und Schöpfungsmacht und kritisieren, wenn Menschen keine Handlungskompetenzen besitzen und ohnmächtig sind. Andererseits sprechen wir ebenfalls alltagssprachlich in einem eher negativen Sinn von den ‚Mächtigen’ in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft und verweisen auf die damit verbundenen Effekte der Ungleichheit und Abhängigkeit zwischen Menschen.

Diese normative Ambivalenz, um nicht zu sagen, Widersprüchlichkeit im modernen Verständnis von Macht ist irritierend. Wie kann es sein, dass wir gleichzeitig etwas als politisch und sozial unverzichtbar einfordern – nämlich: dass Menschen Macht haben und an Macht partizipieren, - und dass wir gleichzeitig kritisieren, wenn Menschen Macht ausüben, weil damit Ungleichheit einhergeht?1

Die Verwirrung erklärt sich teilweise dadurch, dass im modernen Machtbegriff zwei unterschiedliche Theorietraditionen ineinander verwoben sind. Die erste ist die bis auf die griechische und römische Antike zurückreichende politische Philosophie und Staatstheorie, die Macht unter den Begriffen von archè, auctoritas und potestas als Ausdruck staatlicher Befehls- und Gesetzesherrschaft thematisiert. Macht bedeutet in diesem Sinn organisierte und legitime Befehls- und Sanktionsmacht und sie wird oft analog oder austauschbar mit dem Begriff der Gewalt verwendet.

Die zweite Traditionslinie des Machtbegriffs deutet Macht weiter und bringt sie in Verbindung mit ontologischen Bestimmungen von Sein und Werden. Macht im ontologischen Sinn verweist auf die Begriffe von dynamis und potentia, d.h. auf die Fähigkeit und Möglichkeit, Werden und Sein zu realisieren.

Seine spezifisch moderne Bedeutung bekommt der Machtbegriff in dem Moment, in dem die ontologische Wirkmacht mit der Handlungsfähigkeit von Menschen in Verbindung gebracht wird. Der Begriff der Macht verweist nun – vielleicht zum ersten Mal pointiert und kritisch bei Jean-Jacques Rousseau formuliert, - auf den Umstand, dass viele soziale Phänomene nicht naturwüchsig oder gottgegeben sind, sondern durch menschliche Gestaltungsmacht zustande kommen. Aus der Perspektive der Macht betrachtet erweist sich die Gesellschaft als veränderbar und wird zum Aktionsfeld für politische und soziale Revolutionen, Transformationen und Neuschöpfungen.

Auf den ersten Blick ist die Annahme verführerisch, im Rückgriff auf diese zweifache Begriffsgeschichte lasse sich das eingangs geschilderte Problem der Doppeldeutigkeit der Macht vermeiden. Können wir nicht einfach zwei Typen von Macht unterscheiden – eine positive Macht, die sich am Paradigma der Gestaltungs- und Schöpfungsmacht orientiert, und eine negative Macht, die Übermacht und Ungleichheit bedeutet? Diese Hoffnung zerschlägt sich jedoch, sobald wir erkennen, dass und wie schöpferische Macht und Übermacht zusammenhängen.

Dass es keine Ausübung von Gestaltungsmacht ohne Effekte der Ungleichheit gibt, darauf hat insbesondere Hannah Arendt hingewiesen – auch und obwohl Macht für sie ein positives Phänomen darstellt.2 Für Arendt ist Macht positiv, weil es bedeutet, dass Menschen fähig sind, gemeinsam mit anderen etwas zu erschaffen – und sei es nur der flüchtige Moment eines öffentlichen Austausches, in dem sich im miteinander Reden und Debattieren eine gemeinsam geteilte Welt eröffnet. Die Erzeugung von Gemeinsamkeit und Bezogenheit ist für Arendt Ausdruck von Macht, da sie von einer kommunikativen Praxis abhängt und durch diese ins Leben gerufen wird.

Allerdings gehört zu dieser schöpferischen Macht der Kommunikation nicht nur der Wille zum Konsens, sondern auch die Akzeptanz von Pluralität und Dissens – und genau diese sind ironischerweise dafür verantwortlich, dass sich im Vollzug einer schöpferischen Macht Ungleichheit ereignet. Die meisten Menschen kennen dieses Gefühl der Unterlegenheit, wenn sie in einer Gruppe plötzlich zu einer Minderheit gehören, die sich der Entscheidung einer Mehrheit fügen muss – einfach darum, weil keine Zeit oder keine Aussicht besteht, bezogen auf eine geplante Aktion einen Konsens zu erreichen. Auch und gerade in Zusammenhängen, in denen Menschen friedlich, egalitär und konstruktiv miteinander umgehen wollen, ist es unmöglich, solche Ungleichheiten ganz zu vermeiden. Nur ein absoluter Konsens zwischen allen Menschen zu allen Zeiten könnte ein solches Machtungleichgewicht vermeiden. Für Arendt ist ein solcher absoluter Konsens aber nicht nur unmöglich, sondern auch unerwünscht, weil er bedeutet, dass die Pluralität von Menschen verloren geht.

Wann immer also sich eine Gestaltungs- oder Schöpfungsmacht realisiert, werden dabei alternative Perspektiven, Wertvorstellungen und Meinungen anderer Individuen oder Gruppen relativiert oder negiert. Der Doppelsinn der Macht als positive und negative Kraft ist mithin ein Hinweis darauf, dass eine absolute Gleichheit an Macht zwischen Menschen nicht möglich ist. Doch dies ist kein Freibrief dafür, mit der eigenen Handlungsmacht rücksichtslos umzugehen und bestimmten Menschen Handlungsmacht zu verweigern – im Gegenteil. Macht beruht eben auf dem Doppelsinn, nicht nur Ungleichheit, sondern auch Weltgestaltung zu bergen, und letztere kann sich nur entfalten, wenn sie zwischen Menschen eine gemeinsame Welt aufbaut, nicht zerstört. Ohne das Streben, mit Menschen – und nicht gegen sie - zu wirken, verliert menschliche Handlungsmacht ihr Potential und wird zur reinen Gewalt. Die eingangs geschilderte normative Widersprüchlichkeit der Macht ist demnach eine Aufforderung an Politik und Wissenschaft, die in Machtverhältnissen geschaffenen Ungleichheiten nie aus den Augen zu verlieren und immer wieder neu nach Wegen zu suchen, Gestaltungsmacht gemeinsam zu teilen – auch wenn dieses Streben immer wieder an Grenzen stösst.

 

Quellen:

  1. Vgl. dazu auch meine Ausführungen in Meyer, Katrin: Macht und Gewalt im Widerstreit, Basel 2016, Einleitung.
  2. Vgl. dazu Arendt, Hannah: Macht und Gewalt [1970], München 1987.

 

Frage an die Leserschaft

Der Blogbeitrag endet mit einer Aufforderung an Politik und Wissenschaft, mit Macht und Ungleichheit umzugehen. Welcher "Mächtige" sollte wie handeln? Kommt mit "Macht" automatisch auch "Verantwortung" und falls ja, welcher Art?

Mehr zum Thema Macht finden Sie im philosophischen Themendossier "Macht".