Blogbeitrag Philosophie aktuell

Bedingte und unbedingte Gastfreundschaft bei Jacques Derrida

Zwei Formen der Gastfreundschaft

Migration und Zuwanderung sind derzeit intensiv diskutierte Themen. Jacques Derrida stellt in Von der Gastfreundschaft philosophische Überlegungen dazu an, was es bedeutet, Menschen zu empfangen. Dabei unterscheidet er zwischen einer unbedingten und einer bedingten Gastfreundschaft. Für eine Form der bedingten Gastfreundschaft ist nach Derrida Kants Besuchsrecht, für die unbedingte Gastfreundschaft ist der Empfang dreier Gäste durch Abraham im alten Testament ein Beispiel.

 

Kant nennt in seiner Schrift Zum ewigen Frieden das Recht eines Menschen, anderswo nicht feindlich aufgenommen zu werden, allgemeine Hospitalität.

 

Hospitalität (Wirtbarkeit) [bedeutet] das Recht eines Fremdlings, seiner Ankunft auf dem Boden eines andern wegen, von diesem nicht feindselig behandelt zu werden. Dieser kann ihn abweisen, wenn es ohne seinen Untergang geschehen kann; so lange er aber auf seinem Platz sich friedlich verhält, ihm nicht feindlich begegnen. Es ist kein Gastrecht, worauf dieser Anspruch machen kann [...], sondern ein Besuchsrecht, welches allen Menschen zusteht, sich zur Gesellschaft anzubieten, vermöge des Rechts des gemeinschaftlichen Besitzes der Oberfläche der Erde, auf der, als Kugelfläche, sie sich nicht ins Unendliche zerstreuen können, sondern endlich sich doch neben einander dulden zu müssen, ursprünglich aber niemand an einem Orte der Erde zu sein mehr Recht hat, als der andere“ (Kant 1974 [1795], 213).

 

Hospitalität entspricht einem Besuchsrecht, das besagt, dass ein jeder Mensch das Recht habe, anderswo nicht feindlich behandelt zu werden. Der aufnehmenden Person wird das Recht zugestanden, den Besuch abzuweisen, wenn dies ohne dessen Untergang geschehen kann. Ein generelles Recht, überall als Gast aufgenommen werden zu können, wird also nicht zugestanden. Schließlich und endlich sei aber die Oberfläche der Erde gemeinschaftlicher Besitz aller, und „ursprünglich“ habe niemand mehr Recht als ein anderer, an einem bestimmten Ort der Erde zu sein. Das Recht, sich zur Gesellschaft anzubieten, haben also alle.

 

Kants Besuchsrecht identifiziert Derrida als eine Form bedingter Gastfreundschaft. Es handelt sich in gewisser Form um einen Pakt oder Vertrag, bei dem beiden Parteien der Status eines Rechtssubjektes zugesprochen wird und mit dessen Rechtsstatus aber auch bestimmte Pflichten – zum Beispiel sich friedlich zu verhalten – einhergehen (Vgl. Derrida 2018 [2001], 23f).

 

Ein Beispiel für die unbedingte Gastfreundschaft findet Derrida im alten Testament: Abraham empfängt drei fremde Reisende. Er weiß zu dem Zeitpunkt nicht, dass es Gott selbst ist, der ihn in Gestalt dreier Männer besucht.

 

Und der HERR erschien ihm im Hain Mamre, während er an der Tür seines Zeltes saß, als der Tag am heißesten war. Und als er seine Augen aufhob und sah, siehe, da standen drei Männer vor ihm. Und als er sie sah, lief er ihnen entgegen von der Tür seines Zeltes und neigte sich zur Erde und sprach: Herr, hab ich Gnade gefunden vor deinen Augen, so geh nicht an deinem Knecht vorüber. Man soll euch ein wenig Wasser bringen, eure Füße zu waschen, und lasst euch nieder unter dem Baum. Und ich will euch einen Bissen Brot bringen, dass ihr euer Herz labt; danach mögt ihr weiterziehen. Denn darum seid ihr bei eurem Knecht vorübergekommen. Sie sprachen: Tu, wie du gesagt hast.

Abraham eilte in das Zelt zu Sara und sprach: Eile und menge drei Maß feines Mehl, knete und backe Brote. Er aber lief zu den Rindern und holte ein zartes, gutes Kalb und gab's dem Knechte; der eilte und bereitete es zu. Und er trug Butter und Milch auf und von dem Kalbe, das er zubereitet hatte, und setzte es ihnen vor und blieb stehen vor ihnen unter dem Baum, und sie aßen“ (Genesis 18, 1-8).

 

Abraham fragt seine Besucher nicht, woher sie kommen, wohin sie gehen oder wer sie sind. Er verbeugt sich vor ihnen, er bietet ihnen seine Gastfreundschaft an und bereitet ihnen die beste Mahlzeit zu, die sein Haushalt zu bieten hat.

 

Die beiden Formen der Gastfreundschaft setzt Derrida nun ins Verhältnis.

 

Die absolute und unbedingte Gastfreundschaft, die ich ihm [dem unbekannten Fremden] gewähren möchte, setzt einen Bruch mit der Gastfreundschaft im gängigen Sinne, der bedingten Gastfreundschaft, dem Recht auf Gastfreundschaft oder dem Gastfreundschaftspakt voraus […]. Das Gesetz der Gastfreundschaft […] scheint nämlich zu bestimmen, dass die absolute Gastfreundschaft mit dem Gesetz der Gastfreundschaft als Recht oder Pflicht, mit dem Gastfreundschafts-'Pakt', brechen muss. Mit anderen Worten: Die absolute Gastfreundschaft erfordert, dass ich mein Zuhause (chez-moi) öffne und nicht nur dem Fremden (der über einen Familiennamen, den sozialen Status eines Fremden usw. verfügt), sondern auch dem unbekannten, anonymen absolut Anderen (eine) Statt gebe (donne lieu), dass ich ihn kommen lasse, in ankommen und an dem Ort (lieu), den ich ihm anbiete, Statt haben (avoir lieu) lasse, ohne von ihm eine Gegenseitigkeit zu verlangen (den Eintritt in einen Pakt) oder ihn nach seinem Namen zu fragen“ (Derrida 2018 [2001], 25f).

 

Die unbedingte oder absolute Gastfreundschaft zeichnet sich dadurch aus, dass die Gastgeber_innen ihr Haus gegenüber den „unbekannten, anonymen absolut Anderen“ öffnen, ohne von diesen Informationen, eine Gegenleistung oder ein bestimmtes Benehmen zu verlangen. In einer Situation bedingter Gastfreundschaft würde der Fremde zuerst nach seinem Namen gefragt. Damit übernehme er eine gewisse Verantwortung für sich und trete in den Status eines Rechtssubjekts (vgl. ebd. 26f).

 

Ist es [also dann] gerechter und liebevoller, zu fragen oder nicht zu fragen? […] Gewährt man die Gastfreundschaft einem Subjekt […] oder wird die Gastfreundschaft dem Anderen gewährt, ihm geschenkt, bevor er sich identifiziert“ (ebd. 28)? Die unbedingte Gastfreundschaft wird geschenkt, sie ist eine reine Gabe. Was ist nun gerechter und liebevoller?

 

Derrida kommt zu dem Schluss, dass die unbedingte und die bedingte Gastfreundschaft in bestimmter Weise ineinander verwoben und wechselseitig voneinander abhängig sind:

 

Obgleich es über den Gesetzen der Gastfreundschaft steht, braucht das unbedingte Gesetz der Gastfreundschaft die Gesetze, es erfordert sie. Diese Forderung ist konstitutiv. Das Gesetz wäre nicht wirklich unbedingt, wenn es nicht wirklich, konkret, bestimmt werden müsste […]. Es würde Gefahr laufen, abstrakt, utopisch, illusorisch zu sein und sich somit in sein Gegenteil zu verkehren. Um zu sein, was es ist, braucht das Gesetz die Gesetze, die es dennoch negieren, die es jedenfalls bedrohen, bisweilen korrumpieren oder pervertieren […]. Umgekehrt würden die bedingten Gesetze aufhören, Gesetze der Gastfreundschaft zu sein, wenn sie nicht vom Gesetz der unbedingten Gastfreundschaft geleitet, inspiriert, verlangt, ja eingefordert würden“(ebd. 62).

 

Bedingte und unbedingte Gastfreundschaft sind wechselseitig voneinander abhängig und können nie ineinander aufgehen. Als konkrete und abstrakte Gastfreundschaft können sie sich aber gegenseitig weiterentwickeln. Die unbedingte Gastfreundschaft kann nicht ohne Formen der bedingten Gastfreundschaft konkret oder wirklich werden. Aber wenn die Idee der unbedingten Gastfreundschaft aufgegeben würde, ginge ein grundlegendes Urvertrauen in die eigene menschliche Gattung verloren, welches durch kein noch so ausgefeiltes konkretes (Vertrags-)Recht ersetzt werden könnte.

 

Literatur

Lutherbibel (2017), Erstes Buch Mose (Genesis).

Derrida, Jacques (2018 [2001]), Von der Gastfreundschaft, Wien 2018.

Kant, Immanuel (1974 [1795]), Zum ewigen Frieden. Ein philosophischer Entwurf, Werkausgabe Bd.XI, Frankfurt, 191-251.