Blogbeitrag von Thomas Schaarschmidt

Vom Nutzen und Nachteil der Heimat für das Leben

Wozu brauchen wir noch Heimat in einer globalisierten Welt, in der Migration immer mehr zum Normalfall wird und der Wohnort immer seltener mit dem Geburtsort übereinstimmt?

„Ubi bene, ibi patria“? Wozu brauchen wir noch Heimat in einer globalisierten Welt, in der Migration immer mehr zum Normalfall wird und der Wohnort immer seltener mit dem Geburtsort übereinstimmt? Das Bild der Verwurzelung, schrieb Salman Rushdie in seinem Roman „Scham und Schande“, sei ein Mythos, der die Menschen an ihre Herkunftsorte fesseln solle, während Migranten gelernt hätten, die Schwerkraft zu überwinden. Nicht nur der Blick in den neuen Blog „Nachdenken über Heimat“, sondern auch viele andere öffentliche Debatten der letzten Jahre zeigen, dass das Interesse an Heimat nicht nachlässt, sondern trotz – oder vielleicht gerade aufgrund – aktueller Herausforderungen Konjunktur hat.

Schaut man sich an, wann die Heimatbewegung im deutschsprachigen Raum ihren Aufschwung nahm, drängt sich ein Zusammenhang mit Industrialisierung, Urbanisierung und der wachsenden Dominanz von Kapitalinteressen geradezu auf. War Heimat in dieser Konstellation aber nur ein Kompensationsraum, der eine Zuflucht vor den Zumutungen der Moderne verhieß? Entsprang die Idealisierung von Heimat einem Abwehrreflex gegen alle Erscheinungen der Moderne, der seit dem Ersten Weltkrieg zur fremdenfeindlichen, völkisch-rassistischen und antisemitischen Aufladung von Heimat-Vorstellungen beitrug? Oder war das Engagement für den „Heimatschutz“ nicht gerade ein Mittel, um die Anforderungen der Beschleunigung und Raumschrumpfung, der Massengesellschaft und der Verwertungsinteressen des Marktes auszubalancieren, zu steuern und mit gesellschaftlichen Interessen in Einklang zu bringen?

Dass der Heimat-Begriff in ganz unterschiedlichen Kontexten verwendet wurde und wird, hängt mit seiner Bedeutungsoffenheit zusammen. Er kann für Herkunft, Kindheitserinnerungen und Tradition ebenso stehen wie für die Gewinnung und Gestaltung einer neuen Heimat. Er kann den verlorenen Ort, der nur noch in Träumen aufscheint, ebenso bezeichnen, wie in Rafik Schamis „Die Sehnsucht der Schwalbe“ einen erträumten Ort, der zu realen Heimat wird. Er kann für den kleinen Raum des unmittelbaren Lebensumfelds ebenso stehen wie für eine Nation oder auch für Gemeinschaften ohne konkrete räumliche Bindung. Er kann ausgrenzend sein, wenn das Überkommene und die eigene Identität gegen Einflüsse und Eindringlinge von außen abgeschottet werden sollen, er kann aber auch integrativ wirken, indem er Menschen unterschiedlicher Herkunft einen Raum der Beheimatung bietet.

So unterschiedlich die Assoziationen sind, die sich mit dem Begriff „Heimat“ verbinden, so ist er doch für die meisten Menschen, die ihn verwenden, positiv besetzt. Gerade das macht ihn aber anfällig für Instrumentalisierungen jedweder Art. „Heimat sells“ – in der Produktwerbung ebenso wie in Populärkultur und Politik. Dass Heimat den Nationalsozialisten dazu gedient hatte, den Deutschen ihre Vorstellung einer homogenisierten Volksgemeinschaft attraktiv zu machen und sie für ihre rassistische und imperialistische Politik zu mobilisieren, hinderte die deutschen Kommunisten nach 1945 nicht daran, Heimat für sich zu reklamieren und einen volkseigenen Heimat-Begriff zu propagieren, der die DDR-Bürger zum sozialistischen Aufbau und zur Identifikation mit ihrem neuen Staat ermuntern sollte. Auch für demokratische Parteien ist es nach wie vor verlockend, sich verschiedener Heimat-Assoziationen zu bedienen, um die Wählergunst zu gewinnen. Geht es hier schon allein aus praktischen Gründen primär um Integration, ist der von den neuen rechtspopulistischen, „identitären“ Bewegungen propagierte Heimat-Begriff auf Ausgrenzung und die Verteidigung einer vermeintlich von morgenländischen Migranten bedrohten abendländischen kulturellen Identität ausgerichtet.

Während Heimat hier unter Rückgriff auf altbekannte Argumente erneut zu einem politischen Kampfbegriff umgeschmiedet wird, stehen wir bei der Beantwortung der Frage, welche Perspektiven ein integrativer Heimat-Begriff in einer von Migration geprägten Gesellschaft bieten kann, erst am Anfang. Die meisten in den letzten beiden Jahren nach Deutschland eingewanderten Flüchtlinge wollten Bedrohung und Verfolgung in ihren Herkunftsländern entkommen, nicht eine neue Heimat finden, einmal davon abgesehen, dass es in den meisten Sprachen kein Synonym für den unscharfen deutschen Heimat-Begriff gibt. Dass sich aus der Flucht in vielen Fällen eine Bleibeperspektive ergibt, entspricht der Erfahrung aller Migrationsgesellschaften. Zu diesen Erfahrungen gehört aber auch, dass Migrantinnen und Migrantin selbst dann, wenn sie sich integrieren, neue soziale Netzwerke entwickeln und sich damit eine Heimat am neuen Wohnort schaffen, immer auch ihrer alten Heimat verbunden bleiben. Mit den modernen elektronischen Kommunikationsmitteln ist es heute problemlos möglich, mit den Füßen in Berlin zu stehen und mit den Ohren in Damaskus zu sein.

In Anbetracht einer zunehmend von Mobilität geprägten Welt wäre es daher angebracht, den „Heimat“-Begriff zu pluralisieren. Das würde es nicht nur erleichtern, jedem Menschen zu konzedieren, mehrere Heimaten zu haben, sondern auch den Blick dafür zu schärfen, dass der „Heimat“-Begriff ein Container ist, der mit völlig unterschiedlichen Inhalten gefüllt werden kann, dass aber diejenigen, die ihre Heimat-Vorstellungen als die einzig wahren verkaufen wollen, besonders kritisch unter die Lupe genommen werden müssen. Um auf die Eingangsfrage zurückzukommen: Heimat ist heute genauso aktuell wie in den Anfängen der Heimatbewegung im ausgehenden 19. Jahrhundert. Nach den Erfahrungen im „Zeitalter der Extreme“ sind wir aber mehr denn je aufgerufen, einer ideologischen Vereinnahmung des Begriffs entgegenzutreten.