Blogbeitrag von Christian Schüle

Unsere ewige Sehnsucht nach Geborgenheit

Heute über Heimat zu sprechen heißt vor allem über ihren Verlust zu reden. Man kann Heimat auf vielfältige Weise verlieren: materiell-leiblich durch Flucht und Vertreibung, virtuell-psychisch durch Veränderung und Entfremdung.

Die große Kraft der Heimat besteht in der Ambivalenz-Bewältigung. Die spätmoderne Lebenswelt ist bekanntlich gekennzeichnet durch einen hohen Grad an Paradoxien. Der einzelne Mensch soll ja permanent wählen, dauernd entscheiden und jederzeit alle an ihn gestellten Anforderungen zugleich erfüllen: kontrolliert und charismatisch zu sein, emphatisch und empathisch, diszipliniert und witzig. Diese Paradoxien immerzu  auszutarieren kann belastend, überlastend, manchmal überfordernd sein. Heimat als zeitlebens emotional abrufbare Gegenwart aber ist ein fundamentales Versprechen auf Kohärenz: auf den sinnstiftenden Einklang von Selbst und Umwelt also, der das Mehrdeutige eindeutig macht.

Heute über Heimat zu sprechen heißt vor allem über ihren Verlust zu reden. Man kann Heimat auf vielfältige Weise verlieren: materiell-leiblich durch Flucht und Vertreibung, virtuell-psychisch durch Veränderung und Entfremdung. Heimat geht verloren, wenn die Ströme des global lifestyle einer standardisierten Waren- und Güterproduktion die immergleichen Produkte immergleicher Anbieter immergleicher Mutterkonzerne in die letzten Nischen des Landes einschwemmen. In den Kulissen der Standardisierung verlieren Orte und Dörfer ihre Unverwechselbarkeit: das, was sich stets von selbst verstand, was ohne Erklärung sofort verstehbar war, wofür es keiner mühsamen Dechiffrierung bedurfte. Wenn es aber allerorten das Gleiche zu haben gibt, schwindet das orts-spezifische Originelle, und das Verschwinden des Spezifischen wird als Bedrohung, Zumutung oder Angriff empfunden. So geht schließlich das Gefühl von Vertrautheit und bedingungsloser Anerkennung in der subjektiven Idylle verloren.

Die Reaktionen auf den empfundenen Verlust der Heimat als geistigen Geborgenheitsraum tragen seit einiger Zeit Züge einer Revolte. Der belastete Begriff der Heimat tritt in neuem Gewand auf: nicht als forcierte Vereinsmeierei, nicht im Dirndl als Fashion-Statement, nicht durch eine Flut von mehr oder weniger originellen Heimatkrimis, nein – Heimat ist aus dem vorpolitischen Raum herausgelöst aufs neue zu einer politischen Kategorie geworden. Wiederentdeckt und wiedergefunden wird die Über-Schaubarkeit des Reviers, die Behaglichkeit der Scholle – in Stellung gebracht gegen die Zumutungen der Welt-Vergrößerung durch den plötzlichen Verlust aller Grenzen im World-Wide-Web und dem globalisierten Freihandel mit seinen unsichtbaren, aber monströsen Mächten. Heimat ist ja das Einzige, das – in einer Welt, in der so gut wie alles disponibel geworden ist – nicht zur Disposition steht. Die Erinnerungen an meinen Geburtsboden gehört mir allein. Ich muss sie mit niemandem teilen. Ich muss sie nicht besteuern. Ich muss mich für sie nicht rechtfertigen.

Wer seine Heimat, sein Land, seine Herkunft für die beste der Welt hält, verschafft sich zwar das Wohlgefühl einer fiktiven Selbstbeheimatung, liefert andererseits aber auch einen Schlachtruf für die Überlegenheit des Eigenen gegenüber dem Fremden, die durch nichts weiter als die subjektive Sehnsucht nach Großartigkeit gerechtfertigt ist. Das Biotop wird zum Soziotop erklärt, und alles, was dieses als „heimisch“ deklarierte homogene Soziotop bedroht, wird aus Sicht der Schollenschützer berechtigterweise abgelehnt. Heimatbeschwörung heißt dann schnell Heimatschutz, und Heimatschutz bedeutet ebenso schnell Revierschutz vor Fremdheit: die versprochene Rettung des eigenen Raums vor einer als Bedrohung empfundenen Invasion des Fremden an sich.

Dabei ist die ethnisch begründete Nation im eigenen Raum nichts weiter als eine „vorgestellte Gemeinschaft“ (Benedict Anderson), in der keiner alle anderen kennt. Die nationale Volks-Gemeinschaft ist eine Fiktion, denn essentiell gemein hat man außer den Regeln des Rechts und der Grenzziehung zum Ausland gar nichts. Die Deutschen zum Beispiel sind ja kein gottgegebenes Volk, sondern historisch betrachtet ein politischer Verband, der über die Jahrhunderte aus vielen fremden Elementen und  Einwanderungsprozessen erwachsen ist; von einer einheitlichen Abstammung oder Kultur kann keine Rede sein.

Die Weltgeschichte, scheint es, vollzieht gerade ihren nächsten Sprung: in eine Epoche permanenter Migration durch unsteuerbare Grenzverluste jeder Art. Die meisten Menschen sind entwurzelt, viele vertrieben, immer mehr ohne Perspektive. Wäre es angesichts dieser Realität nicht ein Gebot der Klugheit, den Begriff ‚Heimat’ zu erweitern und im Plural zu denken? Was nur vorgestellt ist, lässt sich freilich auch ändern und anders vor-stellen. Statt Nationen könnte es künftig innerhalb eines rechtlich gerahmten Gebiets etwa selbstbestimmte Regionalitäten geben: konföderierte Netzwerke sozialer Kooperativen oder Kommunal-Quartiere, wo man sich an den realen Bedürfnissen und Problemlagen der jeweiligen Menschen in einer sozialen Grupope orientiert. Deren Basis wäre eine von möglichst allen Beteiligten gemeinsam verfasste „Hausordnung“ mit einem für alle verbindlichen juristischen Regelwerk in deutscher Sprache. Aus Sozialpsychologie wissen wir, dass Teilhabe an einem gemeinsamen Projekt immer auch selbstverpflichtende Verantwortung im Einzelnen hervorruft. Verantwortung stärkt die soziale Gesinnung und motiviert zur Loyalität für das Gemeinwohl. Das Hier wird zu einem Wir durch gesellschaftliche Selbsterfahrung, durch eine alltägliche Praxis, durch Teilhabe an Bildung und Arbeitsmarkt; die Zugehörigkeit zu einem Verbund hängt von Willen, aufgeklärtem Wissen und klarem Bekenntnis, nicht aber von Herkunft und Abstammung ab. So verstanden könnte man unter Heimat das geistige Obdach jener Wert- und Normvorstellungen begreifen, die gemeinsame Gewohnheiten formulieren, gemeinsame Ziele verabreden und den gelebten Alltag als gelebte Leitkultur zu erfahren.

Heimaten wären also künftig dort gegeben, wo man sich versteht, wo man sich durch Verstehen wohl fühlt, wo Freunde und Vertraute sind, die sich – auf der Grundlage von Verfassung und Gesetz – auf Gemeinsamkeiten verständigen. Und Heimat wäre das Gefühl der Beteiligung, das Gefühl, zu brauchen und gebraucht zu werden. Heimat ist letztlich, was sich auf Dauer durch sich selbst bewährt.